Am 10. September 2022 ist der Gründungspräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (heute SO-PSY) 94-jährig gestorben. Wir verehren und respektieren diese prägende Gestalt unseres Faches und gedenken seiner Person in grosser Dankbarkeit. Prof. Dr. med. et phil. Ambros Uchtenhagen war einer breiteren Öffentlichkeit in der Schweiz vor allem als Gatte der ersten Frau bekannt, die für den Bundesrat kandidierte (und dann nicht gewählt wurde, 1983). Weltweit aber war er als Drogensucht-Experte bedeutend. Zusammen mit dem damaligen Direktor des BAG, Thomas Zeltner, und mit Unterstützung der damaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss sowie dem im Bundesparlament wirkenden Präventivmediziner, Felix Gutzwiller, ermöglichte er im Rahmen der Viersäulen-Politik als Schadenbegrenzung die kontrollierte Heroinabgabe an schwer Suchtkranke in der Schweiz und beforschte deren Auswirkungen seither.
Aus der Optik unserer Gesellschaft ist er allerdings als eigentlicher Pionier der Sozialpsychiatrie in der Schweiz zu bezeichnen. Er war es, der 1970 am damaligen Burghölzli, das gerade das 100-jährige Jubiläum als psychiatrische Universitätsklinik feierte, den Sozialpsychiatrischen Dienst (SPD) eröffnete und damit die psychiatrische Reform in Zürich mit grossem Erfolg anführte. Neben dem Nachsorge-Ambulatorium für bisher hospitalisierte Langzeitpatienten war die Eröffnung eines Drop-Ins ein Markstein, um die sich damals bereits in Zürich ausbreitende Drogensucht zu bewältigen. Vor allem aber galt es, durch den Aufbau intermediärer Strukturen, wie Tages- und Nachtkliniken sowie Wohnheime und Einrichtungen zur beruflichen Rehabilitation, die Drehtürpsychiatrie zu vermeiden und psychisch Beeinträchtigten einen Platz in der Gesellschaft zu ermöglichen.
Diesem Anliegen begegneten die Traditionalisten skeptisch. So kursierte hinter vorgehaltener Hand nach seiner Habilitierung im akademischen Zürich ein Bonmot, dass zum bisherigen Dreigestirn von Psychiatrieordinarien mit Namen Angst, Ernst und Kind nun noch ein Unbehagen dazu stosse … Er erreichte, dass die von ihm präsidierte bisherige Sozialpsychiatrische Kommission der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie in eine ab 1985 von ihm geführte Schweizerische Gesellschaft für Sozialpsychiatrie abgelöst wurde, die bewusst interprofessionell zusammengesetzt war, also auch Bereiche wie Psychologie, Soziologie und Pflege umfasste.
«Uc», wie Ambros Uchtenhagen aufgrund seines Kürzels von Mitarbeitenden und beruflichen Partnern kollegial genannt wurde, war ein äusserst anregender, motivierender und grosszügiger Leader in all seinen mannigfachen Wirkungsbereichen. Er verfügte über einen überragenden Bildungshorizont, da er zuerst Philosophie, Kunstgeschichte und Soziologie studiert und 1963 mit einer Arbeit «Untersuchungen zur Theorie der Macht von Platon bis Machiavelli» promoviert wurde. Erst danach wandte er sich der Medizin zu, von der er sich versprach, mehr für die Gesellschaft bewirken zu können. Seine hochgradige Intelligenz verschaffte ihm überall rasch den Durchblick, sodass er komplexe Inhalte auf den Punkt bringen und seine Gedanken sehr verständlich vorbringen konnte. Seine intellektuelle Überlegenheit wirkte nie überheblich, da er ein geduldiger und aufmerksamer Zuhörer war. Die ihm eigene Empathiefähigkeit trug zu seiner Beliebtheit als Arzt und Chef bei, wobei seine stupende Gabe, bei Fall-Vorstellungen sofort das Wesentliche zu erfassen und druckreif zu formulieren, grossen Respekt hervorrief. Ebenso beeindruckte seine enorme Schaffenskraft, die ihm ermöglichte, mehrere Projekte parallel gleichzeitig voranzutreiben. U.a. war er auch Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Gruppenpsychotherapie und als solcher Mitte der 70iger-Jahre Organisator des internationalen Kongresses für Gruppenpsychotherapie an der Universität Zürich, was auch zu seiner grossen Popularität beitrug.
Ambros Uchtenhagen war ein Visionär, Pionier und Gestalter, der durch seinen Charme und seine Menschlichkeit die Herzen und Bewunderung seiner Mitmenschen gewinnen konnte. Diese werden ihn in liebevoller Erinnerung behalten.
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