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7 December 2022

Den Standort des Beobachters Wechseln: Eine Frage der Perspektive

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Ist die psychiatrische Versorgung in der Schweiz zu stationär? Unterschätzen wir Schmerz bei unseren Patienten? Warum gibt es weniger NMDA-Enzephalitiden in Togo? Was schreibt jemand mit Trichotillomanie in sein Tagebuch? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe des SANP. So bewegt wie immer, geht es von Review- und Originalartikel über Buchrezension bis hin zu Interview und Filmanalyse. Der Leser bleibt in Bewegung, denn entsprechend der SANP-Philosophie, wechseln wir stets die Perspektive.
Doch was ist Perspektive und wozu brauchen wir sie? Wie G.A. Storey in seinem Standardwerk “The Theory and Practice of Perspective” beschreibt, ist die Perspektive eine Unterform der Geometrie [1]. Eine Figur kann in der Geometrie nur eine Form annehmen, in Perspektive gesetzt jedoch unendlich viele. Ein Wechsel der Perspektive erlaubt es also durch blosse Änderung des Betrachterstandorts, die Objekte in unterschiedlicher Form und Grösse wahrzunehmen. Die Bedeutung des Wortes «Perspektive» (lat. «perspicere» – hindurchsehen/hindurchblicken), verrät dessen Zweck bereits: Die Perspektive bringt den Durchblick. Daher bringen wir uns in Position und folgen mal dem Standpunkt der akademischen Fachkompetenz in peer-reviewed Artikeln, dann wieder jenem der persönlichen Erfahrung, in Interview und First-person-account.
Nun wird die Blende geöffnet und der Fokus gesetzt. PD Dr. med. Matthias Jäger spricht im Interview über die Herausforderungen des psychiatrischen Fachärzt:innenmangels in den Kliniken, über ambulante Versorgungsmodelle und die Rolle der interprofessionellen Zusammenarbeit.
Im Originalartikel von Dr.med. Hayoz und Kollegen erfahren wir, dass auch die Einschätzung von Schmerz von der Perspektive des Beobachters abhängt. Insbesondere im alterspsychiatrischen Setting helfen standardisierte Erhebungsmethoden, verbal und nonverbal geäusserten Schmerz zu erfassen. Dann wird die Blende weit geöffnet, gibt uns doch der umfassende Reviewartikel von PD Dr. med. Ibach einen detaillierten Einblick in das Vorkommen psychiatrischer Krankheiten im Alter und deren unterschätzte Relevanz. Wie das Wissen zu Früherkennung und Prävention der Alzheimerdemenz vertieft werden kann, findet man in einer der besprochenen Monographien.
Im Case-report von Dr. med. Apetse und Kollegen wechseln wir den Standort des Beobachters wortwörtlich. Es wird die Diagnostik und Behandlung einer NMDA-Enzephalitis in Togo vorgestellt – mit fatalem Outcome. Ein wiederum neuer Blickwinkel wird eingenommen in dem besprochenen Film «Drii Winter» über einen an Hirntumor erkrankten Mann und seine Frau – eine ehrlich erzählte Geschichte mit Oskar-Potential. In Tagebuchauszügen erfahren wir von Sybil Groux, wie das Haareausreissen die Perspektive auf das Leben beeinflusst.
«The young student should, in the first place, acquire a knowledge of perspective», so wird Leonardo da Vinci im umstrittenen Werk «A Treatise on Painting» zitiert [2]. Als jüngstes Mitglied der Redaktion ist der Einfluss des Blickwinkels auch für die Autorin dieses Editorials von alltäglicher Relevanz. Der Klinikalltag erfordert ständige Perspektivenwechsel im Umgang mit Patienten, Gesundheitswesen und Kollegenschaft. Sind die Sorgen der dienstälteren Generation eine reine Frage des Standpunkts, der Perspektive, oder haben sich die Bedürfnisse und Erwartungen junger Kollegen tatsächlich verändert? Teilzeitarbeit, Zufriedenheit am Arbeitsplatz und Freiheiten in der Berufs- und Weiterbildungsgestaltung werden von jungen Ärzt:innen gewünscht, Recht auf Einhaltung der Arbeitszeitgesetzgebung und Gleichheit eingefordert. Doch auch die Anforderungen und Bedingungen unserer Tätigkeit haben sich geändert. Nicht nur wuchsen die Fächer Psychiatrie und Neurologie inhaltlich, auch das Patientenaufkommen und die Bürokratie nahmen zu. Doch trotz allen alltäglichen Widrichkeiten, tragen auch wir als junge Fachpersonen eine Verantwortung bei der Gestaltung unserer Zukunft. Interdisziplinäres, interprofessionelles Denken, die ausgewogene Integration von Erfahrung und Forschung, sowie die Erweiterung des Horizonts und Dialogbereitschaft, erhöhen unsere fachliche Qualität und somit auch die Chancen auf kompetenten und engagierten Nachwuchs. Der zu Anfang zitierte G.A. Storey schliesst sein Lehrwerk mit den Worten «Cultivate, therefore, this mental perspective, without forgetting the solid foundation of the science I have endeavoured to impart to you.» In diesem Sinne wünscht die Autorin viel Ein- und Durchblick mit diesem Heft.
  1. Storey GA. The Theory and Practice of Perspective, Henry Frowde, Oxford 1910.
  2. Leonardo da Vinci. A Treatise on Painting, (Codex Urbinas Latinus), translated and annotated by P. Philip McMahon, Princeton University Press 1956.

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