Skip to Content
  • Article
  • Open Access

12 February 2022

Miroslav Tichý – «Der Steinzeitfotograf»

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Ärztlicher Leiter der Psychcentral Zürich Lessingstrasse 9 CH-8002 Zürich, Switzerland
In unserem Kunstraum im Ambulatorium der Psychcentral in Zürich wollen wir versuchen, in Ausstellungen, Fortbildungen und Events eine Plattform für Themen zwischen Therapie und Kunst zu schlagen (www.psychcentral.ch/events). Unsere erste Ausstellung «AFTER ANY GIVEN TIME: Harald Szeemann – Miroslav Tichý» zum 10. Todestag von Miroslav Tichý repliziert die erste internationale Ausstellung des Künstlers, kuratiert von Harald Szeemann im Jahre 2004 an der BIACS – der ersten Biennale in Seville. Die Ausstellung dauert bis 6. März 2022 (Psychcentral, Lessingstrasse 9, 8002 Zürich, www. psychcentral.ch, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr).
In der Kneipe fragt man mich: «Herr Tichý, was sind Sie? Ein Maler, ein Bildhauer oder ein Fotograf?» Und ich antworte ihnen: «Ich bin Tarzan in Pension!» [1].
Wenn wir an Art Brut denken, kommen uns die Zeichnungen von Adolph Wölfli oder Aloïise Corbaz in den Sinn [2]. Die Entdeckung der «Art Brut Fotografie» [3] ist recht neu. Ein Pionier dieser Richtung war der tschechische Fotograf Miroslav Tichý (1926–2011). Er schuf ein riesiges fotografisches Werk mit selbstgebastelten Kameras aus Holz, Plastikröhren, Gummizügen und Objektiven mit aus Plexiglas geschliffenen Linsen. Der bärtige Mann mit seinen monströsen Apparaten erinnerte eher an einen Steinzeitjäger als an einen Fotografen.
Sein künstlerischer Weg begann zunächst konventionell. 1945–1948 studierte er Malerei an der Akademie in Prag und fand dort sein künstlerisches Thema: die weibliche Figur. Im Aktzeichnen am Modell war er Klassenbester. Der kommunistische Putsch von 1948 beendete jedoch abrupt seine akademische Laufbahn. Die Professoren wurden ausgewechselt und die weiblichen Modelle in den Malklassen durch muskulöse Vorarbeiter mit Hämmern und Sicheln in den Händen und Soldaten mit Kalaschnikows ersetzt. Miroslav Tichý verliess die Akademie. In diese Zeit fiel auch der Beginn einer schweren schizophrenen Erkrankung, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte.
Die Werke der Outsider sind durch die Missachtung allgemein anerkannter, künstlerischer Regeln gekennzeichnet. Seit den sechziger Jahren eigneten sich viele zeitgenössische Maler diese Grenzüberschreitung an und liessen sich durch die Art Brut inspirieren, so zum Beispiel die «Neuen Wilden» in den achtziger Jahren [4]. Bis zur Entdeckung von Miroslav Tichý blieb eine solche Entgrenzung der Fotografie jedoch schwer vorstellbar [5] Miroslav Tichý ist ein Aussenseiter unter Aussenseitern [6]. In seinen Fotografien vermischt sich seine akademische Ausbildung mit der jahrzehntelangen Arbeit des Outsiders abseits eines Publikums. Er arbeitete nur für sich und entwickelte einen ganz eigenen Umgang mit dem fotografischen Material. In seinem Atelier stapelten sich Tausende von Fotos, von denen er manche mit Bleistift bearbeitete oder in kunstvolle Passepartouts rahmte. «Intensität findet immer ihr Medium», sagte Harald Szeemann über Tichý. Seine Fotos sind unscharf und schlecht belichtet, das Papier ist oft schmutzig, von Hand abgerissen und die Ecken sind manchmal von Mäusen und Ratten abgefressen. Tichý missachtete alle Regeln der Kunst. «Das ist ein Fehler», pflegte er zu sagen, «doch der Fehler macht vielleicht die Poesie.» Tichýs Frauen erscheinen entrückt, verklärt und nicht von dieser Welt. «Fotografie ist Malen mit Licht» [7].
Abbildung 1. Miroslav Tichý TO inv. No.: 10-1-68.
Abbildung 2. Miroslav Tichý TO inv. No.: 4-6-269.
Abbildung 3. Miroslav Tichý mit selbstgebauter Kamera, Foto Roman Buxbaum © 1986.

References

  1. Dokumentarfilm «Miroslav Tichý – Tarzan in Pension», Roman Buxbaum, 2003, vimeo: https://vimeo.com/529361404.
  2. Andreas Steck, Contribution à l’exposition «Aloïse Corbaz. La folie papivoire» in SANP 2021; 172.
  3. Photo – Brut, Édition dirigée par Bruno Decharme, ed. Flamarion, 2019.
  4. Von einer Wellt zu’r Andern, Kunst von Aussenseitern im Dialog. Herausgegeben von Roman Buxbaum und Pablo Stähli, DuMont Verlag, 1990.
  5. Miroslav Tichý, Katalogbuch zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich, hrsg. Buxbaum u. Bezzola, DuMont Verlag, 2005.
  6. Mirek Tichý, Ein Aussenseiter unter Aussenseitern, Roman Buxbaum in: Kunstforum Bd. Nr. 101, 1989.
  7. Miroslav Tichý, Monographie in englischer Sprache,International Center of Photography, New York, Verlag Steidel, 2010.

Article Metrics

Citations

Article Access Statistics

Multiple requests from the same IP address are counted as one view.