Summary
Atypical depression is, contrary to its name, a common disorder that to this day is nosologically not clearly classifiable, which affects some 30% of unipolar depressive patients and is characterised by depressive mood, emotional reactivity, increased sleep, eating disorders and somatic impairment. Atypical depression occurs more often in women than men, and has an earlier onset and a more chronic course of illness than endogenous depression. Comorbidities are common in patients with atypical depression: besides anxiety disorders, other axis I diseases such as addiction, eating or somatoform disorders are mentioned, as well as an association with borderline or cluster C personality disorders. Despite the early findings it was not until 1994 that atypical depression was included as a specifier of major depressive episodes in DSM-IV. Controversy persists concerning the validity of both the construct and the DSM-IV criteria, especially the need for “mood reactivity” criteria. This paper contains the German version of the “Atypical Depression Diagnostic Scale (ADDS)”, which, since it investigates the criteria in greater detail, is regarded as the most highly elaborated instrument for the diagnosis of atypical depression. In a short review we demonstrate that, on the basis of several factors – biology, course of illness and treatment response – atypical depression can be considered a separate depressive group. In summary, the concept of atypical depression is highly relevant, and additional studies investigating the validity and relevance of treatment would therefore be preferable. With regard to DSM-V, a revision of the criteria would seem to be appropriate.
Einleitung
Atypische Depression ist nicht, wie es der Begriff implizieren könnte, ein seltenes klinisches Phänomen, sondern vielmehr eine relativ häufige Form der Depression, die etwa 30% der unipolar depressiven ambulanten Patienten betrifft [1]. Das Attribut «atypisch» bezieht sich dabei auf die ungewöhnlichen klinischen Merkmale dieser Depressionsart, weshalb sie leicht übersehen wird, was oft eine Chronifizierung bis hin zur Suizidalität zur Folge hat. Atypisch depressive Patienten zeichnen sich im Vergleich zu melancholischen Patienten aus durch eine Aufhellbarkeit der Stimmung, Hypersomnie und Hyperphagie, bleierne Schwere des Körpers sowie eine lang anhaltende Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung.
Das Konzept der atypischen Depression ist von grossem Interesse durch seine Verbindung mit dem weiblichen Geschlecht. Es hat sich gezeigt, dass diese Form in einem bedeutenden Ausmass die geschlechtsspezifischen Unterschiede einer Depression erklären kann [2]. Atypische Depression ist zwei bis dreimal wahrscheinlicher bei Frauen als bei Männern, das Erstauftreten erfolgt in einem jüngeren Alter als bei der endogenen Depression, und der Verlauf ist eher chronisch als episodisch [3].
Der folgende Überblick basiert auf einer Recherche der aktuellen Literatur mittels Pubmed, PsycInfo und Web of Science.
Historische Entwicklung des Konzepts «atypische Depression»
Die Entwicklung des Konzepts begann in den späten 1950er Jahren mit den Untersuchungen von West und Dally in London, die eine Gruppe von Patienten beschrieben hatten, welche nicht auf die Behandlung mit Trizyklika oder Elektrokrampftherapie reagierten, hingegen auf den Monoaminoxidase (MAO)-Hemmer Iproniazid ansprachen [4]. Die Autoren berichteten, dass Iproniazid besonders günstig bei denjenigen Patienten wirke, die «eine Art atypischer Zustände haben, welche zeitweise an ängstliche Hysterie mit sekundärer Depression erinnerten» (pp. 1491).
Diese Patienten unterschieden sich von der typischen depressiven Vergleichsgruppe in erster Linie durch fehlende Merkmale endogener Depression und dem Vorhandensein multipler Phobien und Ängste. West und Dally beschrieben damals jedoch noch keine reversiblen vegetativen Symptome. Dieses Phänomen wurde erst zehn Jahre später von Klein und Davis aufgenommen, die diese Form der Depression besonders bei jüngeren Frauen ohne Melancholie beschrieben.
Klein und Davis [5] berichteten von Patientengruppen mit einem spezifischen Ansprechen auf MAO-Hemmer und stellten fest: «So genannte ‹atypische Depressionen› kommen bei Patienten mit depressiver Stimmung vor, die die üblichen Konsequenzen der klassischen Depression umkehren und/oder Hypersomnie, Hyperphagie, ansteigende Libido oder Gewichtszunahme zeigen, oder die vorrangig phobisch-ängstliche Tendenzen haben» (pp. 182).
Quitkin und Mitarbeiter [6] formulierten dann die erste operationale Definition der atypischen Depression, welche Stimmungsschwankungen, begleitet von übermässigem Schlaf, Energieverlust, Gewichts- oder Appetitzunahme sowie interpersonelle Sensitivität bei Zurückweisung mit einschloss. In den 1980er Jahren wurde der Ausdruck «atypische Depression» dann jedoch ziemlich variabel verwendet bis das Konzept 1994 dann ins DSM-IV, jetzt DSM-IVTR [7] aufgenommen wurde mit den folgenden Kriterien A: affektive Reagibilität und B: mindestens zwei von vier Symptomen (Appetit- oder Gewichtszunahme, Hypersomnie, bleierne Schwere des Körpers und lang anhaltende Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung).
Epidemiologie und Prävalenz
Epidemiologische Studien zeigen, dass atypische Depression relativ häufig in der Allgemeinbevölkerung vorkommt, mit Raten zwischen 0,7 und 4% [2,8]. In der klinischen Population von depressiven Patienten, die eine Behandlung aufsuchen, finden sich Anteile von 16 bis 36% [9,10]. Unter depressiven ambulanten Patienten finden sich je nach Studie 15 bis 47%, welche die atypischen Kriterien erfüllen [11,12,13].
In verschiedenen grossen Studien [3,13,14] zeichneten sich Patienten mit atypischen Merkmalen aus durch ein früheres Auftreten depressiver Episoden und eine hohe Behandlungsrate. Sie hatten grössere funktionelle Beeinträchtigungen und – mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit – einen chronischen Krankheitsverlauf als Patienten mit nicht atypischer Depression.
Beim Erkrankungsalter belegen zahlreiche Studien, dass die Patienten mit einer atypischen Depression bei der Ersterkrankung anderthalb bis zwei Jahre jünger sind als die nicht atypisch depressiven Patienten [2,3,15]. Auch beim Geschlecht scheint ein deutlicher Unterschied zu bestehen, in mehreren Studien findet sich sogar ein Verhältnis zwei zu eins [3,12,13].
Komorbiditäten
Komorbiditäten, insbesondere zu Störungsbildern, die früher als neurotisch bezeichnet wurden (z.B. Phobien, Zwangsstörungen), finden sich häufig bei atypisch depressiven Patienten. Sie scheinen auch signifikant häufiger aufzutreten im Vergleich zu nicht atypisch depressiven [15,16]. Eine Verbindung zu den Angststörungen ist naheliegend, hatten doch West und Dally [4] schon von ängstlicher Hysterie geschrieben, und auch Klein und Davies [5] beschrieben phobisch-ängstliche Tendenzen. Diese Tendenz konnte auch in verschiedenen Studien nachgewiesen werden: So fanden sich signifikant häufiger Kriterien einer Panikstörung [8,14], höhere Raten sozialer Phobie [3,15] sowie eine grössere Komorbidität mit verschiedenen Symptomen von Angststörungen [2,12] bei Patienten mit atypischer Depression.
Bei atypisch depressiven Patienten finden sich aber auch Lebenszeitkomorbiditäten mit Essstörungen [3,14], somatoformen Störungen [8,11] sowie Erkrankungen aus dem Suchtbereich [8,15]. Auch ist die Wahrscheinlichkeit einer komorbiden Achse-II-Störung signifikant erhöht [13,16], neben einer Verbindung mit der Borderline Persönlichkeitsstörung sind auch Persönlichkeitsstörungen aus dem ängstlichen Cluster C (nach DSM-IV-TR [7]) häufig zu finden [13]. Atypische Depression scheint häufiger auch bei stationären Patienten aufzutreten als früher vermutet [10].
Verbindung mit bipolarer Störung
Oft wird auch von einer starken Verbindung der atypischen Depression mit bipolaren Störungen berichtet, insbesondere mit der Bipolar-II-Störung [2,17], die bestimmt wird durch eine oder mehrere Episoden einer Major Depression und mindestens einer hypomanen Episode. In einer grossen klinischen Versuchsreihe in Italien [14] zeigte sich, dass Patienten mit einer Bipolar-II-Störung mit einer doppelt so grossen Wahrscheinlichkeit eine atypische Depression aufwiesen als Patienten mit einer unipolaren Depression. Keinen Zusammenhang zwischen Hinweisen auf Bipolarität in der Vorgeschichte und atypischen Merkmalen der Depression fanden hingegen Seemüller und Mitarbeiter [11] in ihrer Studie bei 1073 stationären Patienten.
Therapie der atypischen Depression
Pharmakotherapie
Da die Entwicklung des Konzepts auf dem besonders guten Ansprechen der Patienten auf einen MAO-Hemmer beruht, ist es naheliegend, dass diese Medikamentengruppe als Therapie der Wahl bestanden hat, zumal sie sich im Vergleich mit trizyklischen Antidepressiva als überlegen erwies [18,19].
Paradoxerweise verloren die MAO-Hemmer allerdings relativ bald nach der offiziellen Aufnahme der atypischen Depression ins DSM-IV ihre alltagspraktische Bedeutung durch die Einführung der bald allgemein die Verschreibungspraxis dominierenden selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) in den 1990er Jahren [20]. Die Bedeutung der MAOIs ging möglicherweise auch deshalb etwas zurück, weil die neueren (reversiblen) Substanzen (insbesondere Moclobemid), die weniger strenge diätische Massnahmen beanspruchen, sich zwar wegen ihrer Sicherheit durchsetzen, aber weniger wirksam erscheinen als die ersten MAOIs wie Phenelzin [21].
Dennoch kommen Stewart [22] oder Thase [20] in neueren Übersichtsarbeiten zur Behandlung zu der Schlussfolgerung, dass MAO-Inhibitoren weiterhin Mittel der ersten Wahl bei der atypischen Depression sein sollten. In den USA erfährt die (ohne sehr strenge diätetische Vorschriften mögliche) transdermale Applikation des ersten selektiven MAO-B Inhibitors Selegilin (EMSAM®, das zuvor in der Parkinson-Behandlung eingesetzt wurde) [23] gegenwärtig eine Renaissance.
Eine weitere Substanz, die international relativ häufig zur Behandlung der atypischen Depression eingesetzt wird [24], ohne dass jedoch eine prospektive Studie vorliegt, ist das Bupropion (Wellbutrin®), welches auch zum Nikotinentzug verwendet wird. In einer anderen Studie konnte gezeigt werden, dass die Behandlung mit Chrom (600 μg/Tag) im Unterschied zu Plazebo einen signifikanten Einfluss auf das Kohlenhydrat-Craving, den vermehrten Appetit und das vermehrte Essen bei Patienten mit atypischen Depressionen, hatte [25]. Unklar bleibt dabei, ob z.B. bei höherer Dosierung auch die depressive Stimmungslage beeinflusst werden könnte.
Psychotherapie
Bisher finden sich nur wenige Studien, die Psychotherapie bei atypischer Depression verglichen haben.
Jarrett und Mitarbeiter [26] fanden in einer Plazebokontrollierten Studie, dass sowohl Phenelzin wie kognitive Psychotherapie der Gabe von Plazebo hochsignifikant überlegen war. Zwischen den beiden Behandlungsverfahren (Phenelzin und KVT) dagegen fanden sich keine Unterschiede in allen gemessenen Items. Beide Therapien erscheinen somit wirksam zu sein, allerdings fanden sich in beiden Gruppen über 40% Non-Responder. Die Studie wurde jedoch wegen ihrer hohen Zahl von eingeschlossenen Patienten und den wenig geeigneten psychometrischen Tests (HRSD-21) kritisiert [27].
In einer interessanten Studie, die möglicherweise Hinweise auf unterschiedliche neurobiologische Beeinflussbarkeit für Psychotherapie von Endophänotypen liefern könnte, fanden Lehto und Mitarbeiter [28], dass von 19 Patienten, die wegen Depression ein Jahr lang psychodynamische Psychotherapie erhalten hatten, nur die Untergruppe mit atypischen Merkmalen (n = 8) in der Single-PhotonEmissions-Computertomographie (SPECT) nach Psychotherapie bei der Dichte der Mittelhirn-Serotonin-Transporter (SERT) eine signifikante Zunahme zeigten.
Die Diagnose «atypische Depression»
Der Begriff «atypische Depression» ist lange Zeit sehr variabel verwendet worden. Erst 1994 etablierte die American Psychiatric Association [7] im DSM-IV die atypische Depression als separaten Subtypen der affektiven Erkrankungen und legte die Diagnosekriterien fest (Tab. 1).
Tabelle 1.
Diagnosekriterien der atypischen Depression nach DSM-IV-TR [7].
Das DSM-IV orientierte sich bei der Diagnose stark an der von Stewart und Mitarbeitern entwickelten Atypical Depression Diagnostic Scale (ADDS) [29], wobei die Kriterien insbesondere bei der affektiven Schwingungsfähigkeit im Gegensatz zur ADDS ungenauer formuliert wurden, weshalb das Eingangskriterium A besonders umstritten ist und als nicht essentiell erscheint [10,13,30].
In einer aktuellen Literaturübersicht von Stewart und Mitarbeitern [31] schlagen die Autoren vor, einen frühen Krankheitsbeginn sowie einen chronischen Krankheitsverlauf in die Definition einer atypischen Depression einzubeziehen.
In der in den deutschsprachigen Ländern gültigen ICD10-Klassifikation ist die atypische Depression nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt und muss unter F32.8. (sonstige depressive Episode) kodiert werden [10].
Die «Atypical Depression Diagnostic Scale (ADDS)» von Stewart und Mitarbeitern
Die Columbia-Gruppe begann 1979 mit einer Reihe von Behandlungsversuchen, um zu testen, ob eine prospektiv definierte Population vorzugsweise auf Phenelzin im Vergleich zu Imipramin reagieren würde.
Basierend auf der Literatur sowie aufgrund von Erfahrungen im Klinikalltag definierten sie operationalisierte Kriterien für eine Patientengruppe, bei der sie voraussagten, dass sie überwiegend auf ein MAOI im Gegensatz zu einem TCA ansprechen würde. Einschlusskriterium für die Teilnahme an der Studie war die Diagnose einer depressiven Erkrankung nach DSM-III. Weiter mussten die Patienten fähig sein, zumindest in einem gewissen Grad durch ein positives Ereignis aufgeheitert zu werden. Zusätzlich mussten noch zwei der Symptome «Hypersomnie, bleierne Paralyse, Hyperphagie und pathologische Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung» erfüllt sein.
In den Behandlungsversuchen wurde die Hypothese der Columbia-Gruppe bestätigt: So verbesserten sich unterschiedliche atypisch depressive Kohorten mit grösserer Wahrscheinlichkeit nach der Behandlung mit Phenelzin als mit Imipramin. Aufgrund verschiedener Tests konnte die Gruppe feststellen, dass neben der Stimmungsreaktion mindestens eines der zusätzlichen Symptome vorhanden sein musste, damit sich der Behandlungserfolg des MAOIs gegenüber dem TCA zeigte.
Im Anschluss an diese Untersuchungen wurden die vordefinierten Kriterien noch detaillierter beschrieben und zum Teil erweitert, woraus dann die Atypical Diagnostic Depression Scale (ADDS – siehe Anhang) der Columbia-Gruppe entstand, welche als das elaborierteste Instrument für die atypische Depression bezeichnet werden kann [29].
Im Gegensatz zum DMS-IV differenziert die ADDS verschiedene Ausprägungsgrade der einzelnen Kriterien. Zudem wird bei der Hyperphagie unterschieden zwischen gesteigertem Appetit, gesteigerter Nahrungsaufnahme und signifikanter Gewichtszunahme, und auch die pathologische Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung wird in verschiedene Problembereiche unterteilt.
Im Rahmen einer Studie wurde die ADDS von uns ins Deutsche übersetzt. Zur Validierung der wort- und sinngemässen Übersetzung wurde die deutsche Fassung von einem «native speaker» ins Englische zurück übersetzt und abschliessend von Prof. Stewart für gut geheissen. Die ausführliche Version des Interviews in deutscher und englischer Sprache ist bei den Autoren erhältlich.
Tests zur Reliabilität wurden kurz nach Erscheinen der englischen Version durchgeführt, die Daten sind beim Autor (Prof. Stewart) erhältlich. Da die Validität des Interviews von der Validität des Konstruktes selbst herrührt, stellt sich zunächst die Frage, ob die atypische Depression als eigenständiger depressiver Subtypus abgrenzbar ist.
Atypische Depression: ein valider Subtyp?
Die laufende Definition der atypischen Depression gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen und wird von verschiedenen Autoren in Frage gestellt [2,30,32]. In verschiedenen Studien konnten keine Verbindung der Schwingungsfähigkeit mit den anderen diagnostischen Kriterien der atypischen Depression gefunden werden [11,13]. Auch ist «bleierne Schwere» relativ ungenau, wird häufig nicht spontan berichtet und meint nicht «fatigue». In einer Studie fanden Riedel und Mitarbeiter [10] bei insgesamt 829 Patienten mit atypischer und nicht atypischer Depressionsart, dass sich beide Gruppen insbesondere in folgenden Items unterschieden, die signifikant häufiger mit atypischer Depression verbunden waren: Somatische Angst, Genitalstörungen, Depersonalisation und Derealisation, paranoide Symptome (inkl. Misstrauen) und interessanterweise auch Schuld. Kein Unterschied zeigte sich hingegen bei Suizidgedanken.
Stewart und Mitarbeiter haben sich deshalb in einem aktuellen Artikel [33] mit der Validität der atypischen Depression auseinandergesetzt und konnten anhand der nachfolgenden Faktoren aufzeigen, dass die atypische Depression als eigenständiges Konzept bestehen kann.
Biologische Studien
In einer Literaturübersicht zeigt auch Posternak [34] auf, dass verschiedene biologische Kriterien starke Hinweise darauf liefern, dass es sich bei der atypischen Depression um einen eigenen existierenden Subtypus der Depression handle: «Studies involving hypothalamic-pituitary-adrenal axis activity, cerebral laterality, neurochemical profiles, and sleep parameters» (pp.1), siehe Tabelle 2.
Tabelle 2.
Gruppenweise Unterschiede zwischen Patienten mit atypischer Depression, undifferenzierter Depression, Melancholie und Kontrollen (nach Stewart et al. [31]).
McGinn und Mitarbeiter [35] fanden in ihrer Studie unterschiedliche kortikale Reaktionen auf Desipramin bei depressiven Patienten mit atypischen Merkmalen im Vergleich zu anderen depressiven Patienten. Fountoulakis und Mitarbeiter [36] konnten einen veränderten zerebralen Blutfluss bei atypisch Depressiven zeigen, der sich nicht nur von einer gesunden Kontrollgruppe, sondern auch von melancholischen und undifferenzierten depressiven Patienten unterscheidet.
Weitere Studien, welche Kortisol [37], evozierte Potenziale [38], perzeptuelle Verarbeitung [39] sowie Variationen in der Hypothalamus-Hypophysen-Achse [40] evaluieren, liefern ebenfalls deutliche Hinweise, dass Personen mit atypischer Depression neurobiologisch von anderen Depressionsgruppen unterschieden werden können.
Krankheitsverlauf
Bereits die Columbia-Gruppe [29] berichtete von einem früheren Erstauftreten und einem chronischeren Verlauf bei atypisch depressiven im Vergleich mit melancholischen Patienten. Ein Resultat, welches auch durch grosse epidemiologische Studien gefestigt wird [2,15].
Der Krankheitsverlauf kann auch beschrieben werden durch eine Bestimmung der Konstanz der Symptome depressiver Subtypen über Zeit. Nierenberg und Mitarbeiter [41] wie auch Kendler und Mitarbeiter [42] fanden in ihren Studien, dass bei einer späteren Befragung über 70% der Patienten die gleichen Symptome aufwiesen oder berichteten wie anfänglich. So scheinen vor allem die neurovegetativen Symptome über Zeit stabil zu sein.
Pharmakologische Differenzierung
Stewart und Mitarbeiter [43] konnten eine signifikante Dreifachinteraktion zwischen Behandlung (Imipramin vs. Plazebo), Subtyp (atypisch vs. nicht atypisch) und Behandlungserfolg aufzeigen. Dabei fand sich bei atypisch Depressiven keine starke Verbesserung mit dem Medikament im Vergleich zum Plazebo, während die nicht atypisch depressiven Patienten einen stabilen Imipramineffekt aufwiesen.
In der Studie von Joyce und Mitarbeiter [44] wurden 195 depressive Patienten randomisiert einer Behandlung mit Nortriptylin und Fluoxetin zugeteilt. Dabei waren beide Medikamente gleich wirksam bei melancholischen und undifferenzierten depressiven Patienten, während sich bei den atypisch depressiven eine signifikante Überlegenheit des Fluoxetins zeigte.
Fazit
Diese Resultate sprechen deutlich dafür, dass Patienten, welche die DSM-IV-Kriterien einer atypischen Depression erfüllen, sich von Patienten mit melancholischer und undifferenzierter Depression unterscheiden, und die atypische Depression als eigener Subtypus abgrenzbar ist.
Trotzdem gibt die laufende Definition der atypischen Depression immer wieder Anlass zu Diskussionen und wird von mehreren Autoren in Frage gestellt [2,30]. Insbesondere die hierarchische Position des Kriteriums «affektive Schwingungsfähigkeit» wird immer wieder diskutiert, zumal einerseits in verschiedenen Studien keine Verbindung mit den anderen diagnostischen Kriterien der atypischen Depression gefunden werden konnte [12,35]. Andererseits zeigte sich, dass die Schwingungsfähigkeit auch bei nicht atypischen Depressionen häufig vorhanden ist [10]. Es ist bis jetzt jedoch noch keine Studie bekannt, die ausschliesslich eine depressive Patientengruppe ohne affektive Schwingungsfähigkeit untersucht hat. Einige Autoren schlagen zudem vor, weitere Kriterien (z.B. somatische Symptome, Chronizität) in die Diagnose aufzunehmen [29,45].
Eine Überarbeitung der momentan geltenden Kriterien im Hinblick auf das DSM-V scheint demnach angebracht. Die Autoren dieses Artikels regen an, die Diagnose atypische Depression um die Kriterien «früher Krankheitsbeginn» (<20 J) sowie «deutliche Chronizität» (nicht länger als zwei Monate andauerndes Wohlbefinden) zu erweitern, da diese eine gute Vorhersagbarkeit für den Therapieverlauf zeigten [31].
Anhang A
Atypische Depression: Diagnostik-Skala (ADDS) (Deutsche Übersetzung: Daniela Gremaud-Heitz und Gerhard
Dammann (2008))
- I.
- DSM Depression
Der Patient erfüllt die Kriterien einer Affektiven Störung gemäss DSM.
- II.
- Reaktionsfähigkeit der Stimmung
Ausmass, in welchem positive umgebungsbedingte Ereignisse verknüpft sind mit einer Verbesserung der Stimmung (Kriterium erfüllt, wenn maximale Reaktion ≥50%).
- a)
- übliche Reaktion → %
- b)
- maximale Reaktion → %
- III.
- Assoziierte Eigenschaften
Zwei Kriterien von A bis D müssen erfüllt sein.
A: Schlaf
Exzessives Schlafen (mind. drei Tage in der Woche zehn Stunden oder mehr).
B: «Bleierne Paralyse»
Das körperliche Empfinden, sich schwer, bleiern oder von Gewichten heruntergezogen zu fühlen. Kriterium erfüllt bei einem Rating von 4 bis 6.
- Adäquate oder übermässige Energie
- Milde Abnahme von fragwürdiger Signifikanz wenndepressiv
- Mässige Abnahme mit möglicher funktionaler Beeinträchtigung, aber keine oder seltene bleierne Paralyse wenn depressiv
- Merkliche Abnahme; bleierne Gefühle mindestens eineStunde im Tag für mindestens drei Tage in der Woche wenn depressiv
- Ernsthafte Abnahme; bleierne Gefühle die meiste Zeitan den meisten Tagen wenn depressiv
- Extreme Abnahme; bleiernes Gefühl den grössten Teilder Zeit oder immer wenn depressive
C: Appetit/Gewicht
Kriterium erfüllt bei einem Rating von 4 bis 6 in C1, C2 oder C3.
C1: Appetit
Übermässiger Drang zu Essen (unabhängig von der konsumierten Menge).
- Kein gesteigerter Appetit
- Leichte Zunahme von fragwürdiger Signifikanz
- Minimale Zunahme; Appetit war ein wenig gesteigertwenn depressiv (z.B. will gelegentlich bingen oder mehrmals in der Woche einen Extraimbiss oder eine zweite Portion)
- Merkliche Zunahme; will mindestens drei Mal in derWoche bingen oder hat an den meisten Tagen (5/7) den starken Drang, sich zu überessen
- Ernsthafte Zunahme; hat den Drang, an den meistenTagen zu bingen oder will sich die meiste Zeit überessen
- Extreme Zunahme; will praktisch den ganzen Tag bingen
C2: Essen
Exzessives Konsumieren von Nahrung.
- Keine Störung; isst normal oder zu wenig wenn depressiv
- Minimale Zunahme; kann gelegentlich einen Happenessen wenn depressiv, dies scheint aber nicht klinisch signifikant zu sein
- Leichte Zunahme; z.B. isst eine Zwischenmahlzeit oderandernfalls überisst sich wenn depressiv, dies aber in einem leichten Ausmass
- Mässige Zunahme; z.B. bingt zweimal in der Woche oderisst beinahe täglich Zwischenmahlzeiten, oder nimmt mehrmals im Tag an drei Tagen der Woche einen Imbiss zu sich wenn depressiv
- Ernsthafte Zunahme; z.B. bingt mindestens vier Malin der Woche oder nascht praktisch dauernd wenn depressiv
- Extreme Zunahme; bingt täglich wenn depressiv
C3: Gewicht
Signifikante Gewichtszunahme.
- Keine Gewichtszunahme wenn depressiv
- Minimale Gewichtszunahme von fragwürdiger Signifikanz (0–4 Pfund)
- Leichte Gewichtszunahme, weniger als 10 Pfund
- Mässige Gewichtszunahme, 10–15 Pfund
- Markante Gewichtszunahme, 15–20 Pfund
- Extreme Gewichtszunahme, mehr als 20 Pfund
D: Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung/Zurückweisung/ Kritik
Kriterium erfüllt bei einem Rating von 46 in D1, D2, D3, D4 oder D5.
D1:Zwischenmenschliche Empfindlichkeit
Emotionale Überreaktion auf Zurückweisung oder Kritik.
- Keine; geht locker um mit den Kurven des Lebens
- Minimal; fühlte sich ein wenig verletzt oder ist ein weniggekränkt
- Mild; ist etwas entmutigt oder wütend, kommt aberrasch wieder auf die Beine
- Mässig; ist deutlich masslos entmutigt oder wütend
- Ernsthaft; reagiert deutlich übertrieben über eine längere Zeit
- Extrem; wird ausserordentlich depressiv oder wütendfür längere Zeit oder sucht übertrieben nach Situationen, in denen sie/er schlecht behandelt worden ist
D2:Qualität von Beziehungen
Turbulente oder stürmische Beziehungen aufgrund der Überreaktion auf Zurückweisung oder Kritik.
- Keine; Beziehungen sind problemlos
- Minimal; es gibt geringfügige Schwierigkeiten, aber vonzweifelhafter Signifikanz
- Leicht; es gibt etwas Aufruhr in Beziehungen, diese sindaber ziemlich stabil
- Mässig; Eifersucht oder Empfindlichkeit gegenüber Kritik resultiert in stürmischen Beziehungen, Schwierigkeiten, den Beruf aufrechtzuerhalten oder einen Haushalt zu führen
- Ernsthaft; häufige Streitereien, Missverständnisse, Auseinandersetzungen aufgrund der Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung/Ablehnung oder Kritik
- Extrem; zwischenmenschliche Schwierigkeiten wegender Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung oder Kritik sind nahezu konstant
D3:Funktionale Beeinträchtigung
Beeinträchtigung in der Schule oder bei der Arbeit aufgrund der Überreaktion auf Kritik oder Zurückweisung.
- Keine Beeinträchtigung
- Minimale; geringfügige Beeinträchtigung, die aber nichtklinisch signifikant ist
- Leichte; einige leichte Beeinträchtigungen, macht nichtden besten, aber doch gerade noch seinen Job
- Mässige; z.B. verlässt die Arbeit früher, erfüllt wichtigeHausarbeiten nicht, betrinkt sich als direkte Reaktion auf Kritik oder Zurückweisung mindestens viermal in zwei Jahren
- Ernsthafte; z.B. hat bei der Arbeit mindestens zwölfmalin zwei Jahren gefehlt wegen Kritik oder Zurückweisung
- Extreme; Wiederholte funktionale Beeinträchtigung (zuviele zum Zählen)
D4:Vermeidung von Beziehungen
Fehlen von Beziehungen wegen Angst vor Zurückweisung.
- Keine; ht Beziehungen oder der Beziehungsmangel isteindeutig nicht wegen der Vermeidung von Zurückweisung
- Minimale; ist minimal besorgt bezüglich Zurückweisung,hat aber Beziehungen
- Leicht; ziemlich besorgt bezüglich eventueller Zurückweisung, zwingt sich aber dazu, ein paar Beziehungen zu haben
- Mässig; vermeidet intime Beziehungen wegen Zurückweisungsangst, erlaubt aber oberflächliche Beziehungen
- Ernsthafte; hat nur minimalen, oberflächlichen Kontaktzu anderen wegen Vermeidung von Zurückweisung
- Extreme; absoluter Einsiedler aufgrund der Zurückweisungsangst
D5:Vermeidung anderer Zurückweisung
Vermeidung anderer wichtiger Lebensaufgaben, um einer Zurückweisung zu entgehen.
- Keine; keine Vermeidung
- Minimal; minimale Vermeidung wegen Zurückweisungsempfindlichkeit, aber mit minimaler oder keiner Beeinträchtigung
- Leicht; gewisse Vermeidung aufgrund der Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung mit leichter Beeinträchtigung
- Mässig; signifikante Beeinträchtigung wegen der Vermeidung von Zurückweisung
- Ernsthaft; merkliche Beeinträchtigung aufgrund der Vermeidung einer möglichen Ablehnung
- Extrem; z.B. ist unfähig, einen Job zu behalten oder dieSchule zu besuchen aus Angst vor einer Zurückweisung; oder ist unfähig, während zweier Jahre mit jemandem Kontakte zu knüpfen
Diagnose Atypische Depression
0 = Nicht depressiv (I nicht erfüllt)
1 = Nicht atypische Depression (II maximale Reaktion <50%)
2 = Einfache Stimmungsreaktionsdepression (II max. Reakt. ≥50%, keines von III A–D ist erfüllt)
3 = Mögliche atypische Depression (II max. Reakt. ≥50%, eines von III A–D ist erfüllt)
4 = Definitive atypische Depression (II max. Reakt. ≥50%, zwei oder mehr von III A–D sind erfüllt)
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