Neurowissenschaften und Neurologie in der Schweiz vor 1908
Die Schweiz hatte schon lange vor der Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft (SNG) im Jahr 1908 wesentliche Beiträge zu den klinischen und experimentellen Neurowissenschaften geleistet [1,2].
Erwähnenswert sind die neuroanatomischen Arbeiten von Johann Heinrich Glaser (1629–1675), Johann Jakob Huber (1733–1798), Wilhelm His (aus Basel, 1831–1904, Erstbeschreiber von Nervenzelle und Nervenfaser als eigenständige Einheit) und Emil Villiger (1870–1931) in Basel; Gabriel Gustav Valentin (aus Breslau, 1810–1883, Schüler von Purkinje und erster jüdischer Professor an einer deutschsprachigen Universität, beschrieb bereits 1836 den Zellkörper von Nervenzellen) und Ernst Grünthal (1894–1972) in Bern; Jean Louis Prévost I. (1790–1850, der über Nervenregeneration gearbeitet hat) in Genf; Friedrich Arnold (1803–1890), Friedrich Goll (aus Zürich, 1829–1903, als Schüler von Claude Bernard und Brown-Séquard der Erstbeschreiber des Fasciculus gracilis), Albert Kölliker (aus Zürich, 1817–1905, der den Begriff Axon einführte und später in Würzburg der führende Anatom Deutschlands wurde) und die Psychiater Bernhard von Gudden (aus Kleve, 1824–1886, der das Mikrotom erfand und wichtige Arbeiten über Faserverbindungen im Zentralnervensystem publizierte und Begutachter von Ludwig II. von Bayern war, was zur Absetzung des Königs führte und ihm möglicherweise das Leben gekostet hat), Gustav Huguenin (1840– 1920) und Auguste Forel (aus Neuenburg, 1848– 1931, der [mit von Gudden] die erste systematische Schnittserie durch das ganze Gehirn angefertigt, wesentlich zur Entwicklung der Neurontheorie beigetragen hat und auch wegen seiner ethologischen Ameisenforschung weltberühmt wurde [3,4]) in Zürich.
Neurophysiologische und experimentelle Arbeiten wurden schon vom Universalgenie Albrecht von Haller (aus Bern, 1708–1777) in Bern, Daniel Bernoulli (aus Groningen, 1700–1782) in Basel und Charles-Gaspard de la Rive (1770–1834) in Genf durchgeführt. Von Haller gilt als Wegbereiter der Bioelektrizitätslehre und führte die Begriffe Reiz, Reizbarkeit, Sensibilität und Kontraktilität ein. Wesentliche Beiträge kamen im 19. Jahrhundert durch den Psychiater Eduard Hitzig (aus Berlin, 1838–1907, der mit Gustav Theodor Fritsch [1838–1927] 1870 bei einem Hund erstmalig die Erregbarkeit der Grosshirnrinde bewiesen und in diesem Rahmen den motorischen Kortex entdeckt hat) in Zürich, von Jean-Louis Prévost II.(1838–1927) und Moritz Schiff (aus Frankfurt, 1823–1896, Schüler von Johannes Müller, sein Habilitationsantrag in Göttingen wurde 1855 aus politischen Gründen abgelehnt, statt dessen folgte er im selben Jahr einem Ruf an die Universität Bern) in Genf, und vom Russen Alexander Herzen (1838–1906) in Lausanne [2].
In der klinischen Neurologie gilt das Buch zur Apoplexie (1658) des Schaffhauser Stadtarztes und Anatomen Johann Jakob Wepfer (1620–1695, Abb. 1) als Meilenstein in der modernen zerebrovaskulären Forschung. Wepfer hat als erster den Schlaganfall als Folge einer Hirngefässerkrankung gedeutet und mit seinen anatomischen (Gefässanatomie), methodologischen (Organsektion, Gefässinjektion mit Farbstoffen, Tierexperimenten, Vergleich von klinischen und autoptischen Befunden) und klinischen Arbeiten (ersten Hinweisen auf die gekreuzte Relation zwischen Läsion und Lähmung) entscheidende Beiträge geleistet [5,6]. André David Tissot (aus Grancy/Waadt, 1728– 1797) als Medizinprofessor in Lausanne schrieb ein umfassendes neurologisches Handbuch in drei Bänden («Traité des nerfs et de leurs maladies», 1778–1780) sowie ein «Traité de l’Epilepsie» (1770), in dem noch heute gültige Beobachtungen zur Klinik von Anfallsleiden zu finden sind [7].
Abbildung 1.
Johann Jakob Wepfers Buch «Apoplexie» erschienen 1658.
Neurologische Patienten wurden bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz in der Regel von Internisten und Psychiatern betreut. In Genf waren es die Internisten Léon Revilliod (1835– 1918) und seine Nachfolger Louis Bard (1857– 1930) und Maurice Roch (1878–1967) und vor allem der Psychiater Paul-Louis Ladame (aus Neuenburg, 1842–1919, s.u.) und der Neurologe Edouard Long (1868–1929), der sich 1900 für Neuropathologie habilitierte [8]; in Bern die Internisten Heinrich Irenäus Quincke (aus Frankfurt, 1842–1922, Ordinarius für Innere Medizin in Bern 1873–1878, der 1891 in Kiel die Lumbalpunktion einführte), Ludwig Lichtheim (aus Breslau, 1845– 1928, Nachfolger von Quincke, der über Aphasie forschte und als erster die funikuläre Myelose beschrieben hat), Hermann Sahli (1856–1933, Nachfolger von Lichtheim und Lehrstuhlinhaber über 41 Jahre bis 1929) und der Psychiater Paul Dubois (aus La Chaux-de-Fonds, 1848–1918, s.u.); in Zürich der Internist Wilhelm Griesinger (1817–1868, Gründer des Burghölzli und der Zürcher Schule der «Gehirnpsychiatrie») und die drei ersten Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Direktoren der Heilanstalt Burghölzli von Gudden, Huguenin und Hitzig (s.o.); in Basel der Internist Fritz Egger (1863–1938) und der Psychiater Gottlieb Burckhardt (aus Basel, 1836–1907), der sich bereits 1863 in Basel als erster für Neurologie (speziell Nervenkrankheiten, innere Medizin und Syphilis) habilitiert hatte und als Gründer der Psychochirurgie schon 1891 über den günstigen Effekt von kortikalen Topektomien berichtet hat [9,10].
Constantin von Monakow (1853–1928): Pionier der Schweizer Neurologie
Constantin von Monakow wurde 1853 im Norden von Russland geboren und kam 1866 in die Schweiz [11,12]. Er erhielt seine Ausbildung bei damals führenden Internisten, Psychiatern, Neuroanatomen und Neurologen Europas (u.a. bei Griesinger, Hitzig, von Gudden, Dejerine). Nach einem misslungenen Versuch, 1877 eine Privatpraxis in Zürich zu eröffnen, wurde er Assistenzarzt an der St. Galler Irrenanstalt St. Pirminsberg in Pfäfers. Hier führte er wichtige hirnanatomische Arbeiten (zunächst bei Kaninchen und Katzen, dann beim Menschen) durch, welche die Grundlagen seiner Habilitation (über die zentrale Sehbahn) in Zürich 1885 bildeten [13]. Im gleichen Jahr kehrte von Monakow nach Zürich zurück, um eine Privatpraxis zu eröffnen (diesmal erfolgreich). Mit seinen monumentalen Werken «Gehirnpathologie» (1897) und «Die Lokalisation im Grosshirn und Abbau der Funktionen durch kortikale Herde» (1914) wurde von Monakow zum Inbegriff der «neurobiologischen Zürcher Schule» und zu einem der international bedeutendsten Neurowissenschaftler seiner Zeit [12,14].
Aus mehreren Gründen kann von Monakow als Pionier der Schweizer Neurologie betrachtet werden. Erstens gründete von Monakow 1886 ein hirnanatomisches Privatlabor, das als erste wissenschaftliche Einrichtung für Neurowissenschaft der Schweiz gilt1 und 1910 in ein kantonales Universitätsinstitut umgewandelt wurde.
Zweitens gründete von Monakow 1887 auf eigene Kosten die erste neurologische Ambulanz2 der Schweiz. Veraguth (1897–1900, s.u.) und ab 1905 erstmals auch ein Privatassistent arbeiteten in dieser Ambulanz, welche 1913 mit der Bezeichnung «Universitätspoliklinik für Nervenkranke» verstaatlicht wurde. 1928 übernahm Mieczyslaw Minkowski (aus Warschau, 1884–1972) die Leitung des Instituts und der Poliklinik und wurde zum a.o. Professor der Neurologie ad personam ernannt, eine Position die er bis 1955 behielt [15].
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- 1882 hatte Heinrich Obersteiner (1847–1922) in Wien das weltweit erste neurowissenschaftliche Institut gegründet, das 1900 in Neurologisches Institut umbenannt wurde. In Deutschland war es Oskar Vogt (1870–1959), der 1898 das erste Forschungsinstitut (zunächst «Neurologische Zentralstation», ab 1902 «Neurobiologisches Laboratorium» genannt) gegründet hatte.
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- Die zweite neurologische Ambulanz in der Schweiz wurde in Basel von Bing und Villiger 1908 eröffnet, zunächst auch auf privater Basis, ab 1916 offiziell der medizinischen Poliklinik angegliedert.Auch in Deutschland entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten neurologischen Ambulanzen in Privatpraxen und nicht an Hochschulen.
Drittens wurde von Monakow 1894 in Zürich zum a.o. Professor für hirnanatomische Fächer und Nervenpoliklinik (Extraordinarius ad personam) und somit zum Inhaber des ersten neurologischen Lehrstuhles der Schweiz3 ernannt.
Der Weg dahin war von zahlreichen Schwierigkeiten begleitet. Die Medizinische Fakultät in Zürich sträubte sich über längere Zeit gegen eine Professur von Monakows und lenkte erst ein, als dieser drohte, einem Ruf als Professor für Psychiatrie und Neurologie der Universität Innsbruck Folge zu leisten. Auch in den folgenden Jahren wurde er von mehreren Fakultätsmitgliedern als «unerwünschter Eindringling» angesehen.
Viertens spielte von Monakow bei der Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft (SNG) die zentrale Rolle und wurde auch deren erster Präsident (s.u.). Bei der Gründung der SNG stiess von Monakow erneut auf heftigen Widerstand, vor allem auf seiten seines grossen Widersachers, des Psychiaters Auguste Forel. Dieser bezeichnete die SNG als «ganz überflüssigen Konkurrenten neben unserem Schweizerischen Irrenärzte-Verein».
Fünftens gründete von Monakow 1917 das Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie [16]. Die Herausgabe einer eigenen, unabhängigen neurologischen Fachzeitschrift als «Sprachrohr» der SNG war ein wichtiger Etappenerfolg im Kampf um Anerkennung als eigenständiges und offiziell anerkanntes Fachgebiet.
Die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft (1908)
Als Gründungstag der SNG gilt der 15. November 1908 [17]. Damals trafen sich im Bahnhofrestaurant in Olten 10 Männer zu einer vorberatenden Versammlung. Zu diesem Initiativkomitee gehörten Robert Bing, Paul Dubois, Paul-Louis Ladame, Constantin von Monakow, Louis Schnyder, Schumann, Alfred Ulrich, Otto Veraguth, Emil Villiger und Gustav Wolff. In Olten wurde unter anderem über den Namen der neuen Gesellschaft diskutiert, wobei auch die Bezeichnung «Neuro-psychologische Gesellschaft» in Erwägung gezogen, schliesslich aber der «Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft» der Vorzug gegeben wurde. Die Konstituierung der SNG in Bern erfolgte am 13. März 1909.
Unter den genannten zehn Personen befanden sich Spezialisten aus verschiedenen Bereichen. Otto Veraguth (aus Chur, 1870–1944) arbeitete zusammen mit von Monakow am Hirnanatomischen Institut und beschäftigte sich auch mit klinischen und elektrophysiologischen Fragestellungen. Alfred Ulrich (aus Winterthur, 1869–1944) war zunächst als Psychiater tätig, beschäftigte sich in der Folge aber vor allem mit Epileptologie und wurde Leiter der Epileptischen Anstalt in Zürich. Der in Bern tätige Paul Dubois (aus La Chaux-de-Fonds, 1848–1918) war eng mit Jules Dejerine befreundet [18]. Er hatte sich in Bern 1876 für physikalische Diagnostik habilitiert und wurde 1902 a.o. Professor für Neuropathologie. Dubois prägte den Begriff «Psychoneurose» und war einer der Gründer der Psychotherapie und der Psychosomatik. Zu seinen zahlreichen ausländischen Patienten gehörte auch der Schriftsteller Marcel Proust. Paul-Louis Ladame (aus Neuenburg, 1842–1919), habilitierte sich in Genf und publizierte Arbeiten zur Klinik von Hirntumoren und zur Aphasie, bevor er sich vorwiegend der Psychiatrie, der Sozial- und der Gerichtsmedizin zuwandte [8]. Er war der erste Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät in Genf. Louis Schnyder (aus Neuveville am Bieler See, 1868–1927) habilitierte sich in Bern 1912, las über Elektrodiagnostik und Elektrotherapie und arbeitete als Psychotherapeut. Emil Villiger (1870–1931) arbeitete als Neuroanatom, zum Teil aber auch klinisch in der Ambulanz von Bing, in Basel und verfasste mehrere Bücher (zur Anatomie des peripheren Nervensystems, des Rückenmarks und des Gehirns), die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Gustav Wolff widmete sich mehrheitlich der Psychiatrie und Schumann der Psychologie.4
Der eigentliche Initiator der ganzen Bewegung war aber der damals gerade erst 30 Jahre junge Robert Bing (aus Strassburg, 1878–1956) [17]. Dieser hatte sich 1908 an der Universität Basel mit einer Arbeit über die spinozerebellären Bahnen habilitiert und im gleichen Jahr im Gebäude der medizinischen Poliklinik die Leitung eines aus eigener Initiative eröffneten neurologischen Ambulatoriums offiziell übernommen. Es gelang ihm, Dubois und von Monakow von der Notwendigkeit einer eigenen Fachgesellschaft zu überzeugen. Diese Pionierrolle von Bing wurde allerdings erst 25 Jahre später bekannt. An der 31. Versammlung der SNG am 18. November 1933 erinnerte sich nämlich der Sohn von Paul Dubois (Charles Dubois, damals SNG-Präsident), dass Bing eines Abends im Herbst 1908 mit dieser Absicht seinen Vater aufgesucht hätte. Die nächsten Schritte zur SNG-Gründung hätte Bing dann aber seinen älteren Kollegen überlassen, wobei in der Folge sein eigenes Verdienst allmählich in Vergessenheit geraten wäre.
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- Die weltweit ersten neurologischen Lehrstühle wurden in Russland (Moskau, 1869, Kozhevnikov) und Frankreich (Paris, 1882, Charcot) geschaffen. Die nächsten Lehrstühle für Neurologie in der Schweiz wurden in Basel (1937, Bing, der im Jahre 1918 Extraordinarius und 1934 Ordinarius ad personam für Neurologie geworden war) und Genf (1941, de Morsier, der 1934 einen Lehrauftrag für Neurologie und Neuropathologie bekommen hatte) etabliert.
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- Die Autoren dieser Arbeit konnten keine zusätzlichen Informationen zu diesen Mitgründern der SNG finden, auch nicht im detaillierten Bericht von Prof. Minkowski zum 50. Jahrestag der Gesellschaft [17].
Die SNG-Gründung im historischen, internationalen Kontext
Die Bedeutung der Gründung einer eigenen Fachgesellschaft lässt sich anhand der langwierigen und beschwerlichen Loslösung der Neurologie aus der Zugehörigkeit zur Psychiatrie und zur Inneren Medizin verdeutlichen. Die grossen Fortschritte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Neuroanatomie und klinischer Neurologie gemacht wurden, führten in Europa und in Amerika zu einem zunehmenden Ruf nach Unabhängigkeit. In zahlreichen Ländern kam es um die Jahrhundertwende zur Gründung eigener Fachgesellschaften.
Die weltweit erste neurologische Fachgesellschaft wurde 1875 gegründet, und zwar von William A. Hammond in Amerika («American Neurological Association») [19].
Auch in England, wo 1878 erstmals die Zeitschrift «Brain» erschien, war man diesbezüglich den Kontinentaleuropäern voraus: Die «Neurological Society of London» gibt es seit 1885; 1907 wurde sie umbenannt in «Neurological Society of the United Kingdom».
Im Jahre 1899 wurde von Jules Dejerine und zahlreichen Charcot-Schülern (u.a. Joffroy, Raymond, Marie, Meige und Babinski) die «Société de Neurologie de Paris» gegründet (1949 wurde diese Fachgesellschaft in «Société Française de Neurologie» umbenannt). Zum Zeitpunkt der Gründung verfügte die «Société de Neurologie de Paris» bereits über eine eigene Zeitschrift, nämlich die von Charcot 1893 ins Leben gerufene «Revue Neurologique», in der die Statuten der neugegründeten Gesellschaft noch vor ihrer ersten Tagung veröffentlicht wurden [20].
Im Jahre 1907 wurden gleichzeitig die «Gesellschaft deutscher Nervenärzte» und die «Società Italiana di Neurologia» (SIN) gegründet. Zu den Initiatoren und ersten Mitgliedern der SIN gehörten Rossi, Tanzi, der Nobelpreisträger Golgi, Bianchi und Mingazzini (der u.a. auch bei von Monakow seine Ausbildung bekommen hatte) [21]. Der Aufruf, der zur Gründung der «Gesellschaft deutscher Nervenärzte» führte, wurde unter anderem von Erb, Oppenheim, Nonne, Bruns, aber auch von von Monakow mit unterzeichnet. Von Monakow gehörte in der Folge auch zum ersten Vorstand (als Beisitzer) der in Dresden gegründeten Gesellschaft Deutscher Nervenärzte.
Die ersten fünf Jahre der SNG (1908–1913)
Die erste Versammlung der SNG fand am 13. und 14. März 1909 in Bern statt. Von den 108 eingeschriebenen Mitgliedern waren 64 anwesend. Das erste Hauptreferat in der Geschichte der SNGTagungen hielt der biologisch-orientierte Genfer Psychologe Eduard Claparède über die «Die biologische Interpretation in der Psychopathologie». Das zweite Hauptreferat wurde von von Monakow über «Neue Gesichtspunkte in der Frage nach der Lokalisation im Grosshirn» gehalten.Vorträge wurden unter anderem von Tschudy (aus Zürich) über die Chirurgie der Hirntumoren, von P. L. Ladame (aus Genf) über posttraumatische spinale Amyotrophie und von P. Dubois (aus Bern) über einen Fall von Berührungsfurcht gehalten.Von Monakow wurde auch zum ersten Präsidenten der SNG gewählt (Abb. 2, siehe bildliche Präsentation aller bisherigen SNG-Präsidenten am Ende des Artikels). Dubois und Ladame figurierten als Vizepräsidenten, Veraguth als Generalsekretär und Bing wurde zum Beisitzer gewählt (Tab. 1). An der Versammlung wurden auch die Statuten der neugegründeten Gesellschaft diskutiert und anschliessend genehmigt. Gemäss Paragraph 1 wurden von der SNG folgende Ziele in den Vordergrund gestellt:
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- Förderung der Neurologie als Wissenschaft und Pflege enger Beziehungen zwischen dieser und den Grenzgebieten (Anatomie, Physiologie, Innere Medizin, Chirurgie des Nervensystems, Psychologie, Psychiatrie usw.);
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- Pflege der persönlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft;
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- Förderung und Vertretung der praktischen Interessen der Neurologie, Ausbau des neurologischen Unterrichts usw.
Abbildung 2.
Die Präsidenten der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft.
Tabelle 1.
Übersicht der SNG-Präsidenten von der Gründung bis heute.
Gemäss Paragraph 4 sollte an der Spitze der Gesellschaft jeweils ein fünfgliedriger Vorstand stehen, der aus einem Präsidenten, zwei Vizepräsi-denten, einem Schriftführer/Kassier sowie einem Beisitzer bestehen und jährlich von der Hauptversammlung gewählt werden sollte.
Die 2. SNG-Tagung fand in Zürich im November 1909 statt. Hauptreferate wurden von L. Asher und P. Dubois (beide aus Bern) und C. Ladame (aus Genf) gehalten.
Die SNG traf sich, mit einigen Ausnahmen, in der Folge zweimal jährlich zu einer gemeinsamen Versammlung. Die Tagungen vor dem 1. Weltkrieg fanden in Genf (3. Tagung), Basel (4., mit dem Hauptthema Neurochirurgie, mit der Wahl von P. Dubois zum zweiten SNG-Präsidenten), Aarau (5.), Bern (6.), Lausanne (7.), Luzern (8.), Freiburg (9.) und Zürich (10.) statt. An diesen Tagungen hielten folgende prominente Repräsentanten von anderen Fachgesellschaften Hauptreferate: J. Jadassohn (Bern, Dermatologie, Vortrag über Syphilis), O. Naegeli (Zürich, Hämatologie, Vortrag über die Bedeutung der Hämatologie in der Neurologie) und L. von Muralt (Davos, Vortrag über neuropsychiatrische Manifestationen bei Lungentuberkulose).
Die SNG während des 1. Weltkriegs (1914–1918)
Bis zum Mai 1916 fanden keine SNG-Tagungen mehr statt. Die erste Tagung während des 1. Weltkrieges, und die 11. in der SNG-Geschichte, fand in Bern am 13. und 14. Mai 1916 statt. An dieser Tagung traten von Monakow und Dubois vom Vorstand zurück (beide wurden zu Ehrenpräsidenten gewählt) und P.-L. Ladame wurde zum 3. Präsidenten gewählt. Dies war die letzte SNGTagung, deren Sitzungsbericht im Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte veröffentlicht wurde.
Die 12. Tagung fand in Neuchâtel zusammen mit den Psychiatern (Verein Schweizerischer Irrenärzte, VSI) statt. Zwischen den beiden Fachgebieten bestanden – wie oben angedeutet – seit längerem beträchtliche Spannungen und Missverständnisse. Diese erste gemeinsame Tagung von SNG und VSI stand jetzt im Zeichen einer gewissen Wiederannäherung. Die Tatsache, dass die beiden damaligen Präsidenten von SNG und VSI aus derselben Familie stammten, gab der 12. Versammlung ein symbolisches Gepräge. Paul-Louis Ladame erinnerte in seiner Ansprache an seinen Lehrer Griesinger (s.o.), der ein Verfechter der Einheit von Neurologie und Psychiatrie gewesen war. Sein Sohn und Präsident des VSI, Charles Ladame, brach in seiner Rede ebenfalls eine Lanze für eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden grundsätzlich selbständigen Fachgesellschaften. Der Sitzungsbericht dieser 12. Tagung wurde erstmals im «Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie» veröffentlicht, deren Erstausgabe 1917 erschien (ein Beitrag von Valko, Mumenthaler und Bassetti in dieser Festschrift stellt die Gründung der Zeitschrift und ihre Geschichte vor).
Die 13. Tagung fand in Luzern im Gebäude der SUVA statt und wurde der Kriegsneurologie gewidmet. Die 14. Tagung fand erneut mit den Psychiatern (VSI) statt, diesmal in Lausanne.
Die Geschichte der SNG zwischen 1. und 2. Weltkrieg
Die erste Tagung nach dem Krieg, die 15. in der SNG-Geschichte, fand in Zürich statt. An dieser Tagung wurde mitgeteilt, dass Jules Dejerine aus Paris eine Stiftung zur Unterstützung von schweizerischen Forschern errichtet habe. Robert Bing wurde zum 4. SNG-Präsidenten gewählt.
Thematisch wurden bei SNG-Tagungen oft Schwerpunkte gewählt, so unter anderem Psychotherapie (1920), Endokrinologie (1920), Encephalitis lethargica (1921), Epilepsie (1922), vegetatives Nervensystem (1923, mit einem Vortrag des späteren Zürcher Nobelpreisträgers W. R. Hess), Reflexe (1924), Kleinhirn (1924), Basalganglien (1925), Hypophyse (1928), erneut Encephalitis lethargica (1930, mit Vorträgen von H. Steck, G. de Morsier und H. Brunnschweiler), Spätfolgen von Schädel-Hirn-Traumata (1932) und Aphasie (1934).
Die 24. Tagung ist speziell erwähnenswert. Sie wurde 1923 in Zürich dem 70. Geburtstag von Constantin von Monakow gewidmet. Die Professoren W. R. Hess, M. Bleuler, K. Goldstein (aus Frankfurt), J. Piltz (aus Krakau) und R. von Valkenburg (aus Amsterdam) waren unter den eingeladenen Gästen. Der 5. Präsident der SNG, Otto Veraguth, überreichte dem Jubilar einen Sonderband des Schweizer Archivs, der redaktionell von O. Veraguth, M. Minkowski und R. Brun redigiert worden war und 55 Beiträge unter anderem von E. Bleuler; W. M. Bechterew und W. Pavlow (Russland); Ramon y Cajal (Spanien); E. Flatau, S. Goldflam (Polen); G. Fuse (Japan); K. Goldstein (Deutschland); H. Head (England); C. Winkler, G. G. J. Rademaker (Holland); O. Marburg (Österreich); P. Marie, A. Thomas (Frankreich) und Mingazzini (Italien) beinhaltete.
Gemäss einem 1926 gefassten Beschluss wurden seither die Herbsttagungen den freien Mitteilungen unter Verzicht auf Hauptreferate gewidmet.
Die Mitgliederzahl der SNG wuchs relativ langsam an und betrug im Jahr 1930 144 Personen. Bis zu diesem Jahr waren schon 45 Mitglieder der Gesellschaft verstorben.
Ein besonderes Ereignis in der Geschichte der SNG ist die Organisation des 1. Internationalen Neurologischen Kongresses (INK)5, der vom 31. August bis 7. September 1931 in Bern stattfand, nachdem der Vorstand der SNG von der American Neurological Association 1928 kontaktiert worden war. Der 1. INK hätte bereits 1914 in Bern stattfinden sollen, doch waren die damaligen Bemühungen wegen des Krieges gescheitert. Die ungünstige Beziehung der Neurologie zur Inneren Medizin und Psychiatrie war auch am 1. INK ein wichtiges Thema und wurde lebhaft diskutiert. Darüber berichteten Vertreter der deutschen (M. Nonne), französischen (J. Lépine), österreichischen (C. von Economo), tschechischen (L. Haskovec), holländischen (B. Brouwer) und amerikanischen (T. H. Weisenburg) Neurologie. Der 1. INK wurde als ein weiterer Schritt zur Festigung der Stellung der Neurologie als eigenes Fach angesehen, bei dem der Schweiz als Veranstalterin, Organisatorin und aktiver Teilnehmerin eine wichtige und ehrenvolle Rolle zufiel.6
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- Dieser Kongress wird auch als der 1. in der Geschichte der World Federation of Neurology betrachtet, die offiziell 1957 gegründet wurde.
Nachdem schon an der 33. SNG-Tagung in Basel (1930) das Thema des neurologischen Unterrichts im Medizinstudium diskutiert worden war, hielt M. Minkowski an der 35. SNG-Tagung in Zürich (1932) ein Referat mit dem Titel «Die Stellung der Neurologie im medizinischen Unterricht», in dem die Anerkennung der Neurologie als selbständiges und obligatorisches Fach im Medizinstudium erneut beansprucht wurde.7 Gegen diese Position wurde vom Internisten Prof. L. Michaud (Lausanne) schriftlich opponiert, während sein Zürcher Kollege Prof. O. Naegeli Unterstützung zeigte. Folgende von R. Bing vorgeschlagene Resolution wurde angenommen:«Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft hält es für dringend wünschenswert, dass der Besuch eines zweistündigen (sei es klinischen oder poliklinischen) neurologischen Kurses für die Dauer von zwei Semestern im Medizinstudium für obligatorisch erklärt werde». Im Jahre 1933 beschloss der Ausschuss für die eidgenössischen Medizinalprüfungen, die Neurologie ab 1935 als selbständiges Fach im Medizinstudium einzuführen. Die Neurologie wurde allerdings erst im Jahr 1967 obligatorisches Prüfungsfach (im Rahmen der Inneren Medizin).
Im Jahr 1932 wurden im Zentralvorstand der Verbindung der Schweizer Ärzte auch die Ausbildungsbedingungen für den Spezialarzt Neurologie bestimmt (2,5 Jahre Neurologie an einer Universitätsklinik, 6 Monate Psychiatrie und 1 Jahr «Vorstudium», davon mindestens 6 Monate Innere Medizin).8 Die Bedingungen zu einer gemeinsamen Ausbildung in den Spezialgebieten Neurologie und Psychiatrie wurden auch festgelegt (über insgesamt 5,5 Jahre). Diese Bestimmungen wurden durch die Schweizerische Ärztekammer im Jahre 1939 festgelegt.
An der 45. Tagung in Genf (1938), die mit der Schweizerischen Dermatologischen Gesellschaft abgehalten wurde, wurden erstmalig Ehren- und Korrespondierende Mitglieder ernannt. Unter den Ehrenmitgliedern9 sind W. R. Hess, L. van Bogaert (Belgien), H. Cushing und B. Sachs (USA), H. Holmes und C. S. Sherrington (England), J. Lhermitte (Frankreich), M. Nonne (Deutschland) und O. Marburg (Österreich) erwähnenswert.
Die letzte Tagung vor dem 2. Weltkrieg, und 47. der SNG-Geschichte, fand erstmals im Tessin (Lugano) statt und wurde dem Thema der «gewerblichen Vergiftungen» gewidmet.
Die Geschichte der SNG im 2. Weltkrieg (1939–1945)
Die SNG-Tagungen (48.–56.) fanden auch während des 2. Weltkriegs regelmässig statt, davon einmal mit den Psychiatern (1943) und einmal mit den Veterinärmedizinern (1944). An der 53. Tagung wurde Prof. M. Minkowski zum Präsidenten gewählt. Die Wahl eines Juden wurde als Beweis von «Unerschrockenheit, Unabhängigkeit» kommentiert [17].
Wegen der Verfolgungen in Deutschland fanden vor und während des 2. Weltkriegs eine Reihe prominenter deutscher Neurologen (u.a. K. Goldstein, O. Löwenstein und W. Riese) Asyl in der Schweiz.
Eine besondere Rolle konnte das Archiv während des 2. Weltkriegs einnehmen, indem es als wohl einzige europäische neurologische Zeitschrift weiterhin Artikel in deutscher Sprache von verschiedenen, zum Teil jüdischen, ausländischen Autoren publizierte.
Die Geschichte der SNG nach dem 2. Weltkrieg10
Die erste Tagung nach dem Krieg, die 57. in der SNG-Geschichte, fand in Sion statt. An dieser Tagung war das Hauptthema die «zerebrale Thrombendangiitis obliterans».
Die zweimal jährlich stattfindenden SNGTagungen wurden ab 1950 oft mit ausländischen neurologischen Gesellschaft durchgeführt. Die erste solche gemeinsame Versammlung fand im Juli 1950 zusammen mit der Italienischen Neurologischen Gesellschaft in Lugano statt. In den Jahren 1975 (Stresa) und 1980 (Sion) tagte die SNG erneut mit ihrer italienischen Schwestergesellschaft. Zu den weiteren Ländern, mit deren neurologischen Gesellschaften die SNG tagte, gehörten Grossbritannien (1954 Interlaken, 1978 Montreux, 2000 London), Belgien (1955 Vevey, 1955 Ostende, 1972 St. Gallen, 1979 Brüssel), Holland (1956 Bern, 1981 Amsterdam), Deutschland (1960 Zürich, 1982 Hamburg, 1992 Bonn), Frankreich (1963 Montreux, 1965 Paris, 1994 Lausanne), Österreich (1968 Bad Ragaz, 1982 Hamburg), Polen (1983 Winterthur) und Schweden (1990 Interlaken, 1992 Lund).
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- Folgende von O. Foerster vorgeschlagene Stellungnahme wurde einstimmig angenommen: «Die Neurologie stellt heute ein vollkommen selbständiges Fach dar. Dieser Tatsache wird aber leider in verschiedenen Ländern nicht gebührend Rechnung getragen. Der Kongress äussert den Wunsch, dass die zuständigen Behörden der betreffenden Staaten der Neurologie eine möglichst weitgehende Fürsorge zuwenden mögen».
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- Zu dieser Zeit war die Neurologie in Europa nur in Russland, Bulgarien, Estland, Rumänien und Norwegen ein selbständiges und obligatorisches Fach im Medizinstudium.
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- Dass nebst dem 1 Jahr Innere Medizin auch eine Tätigkeit von bis zu 6 Monaten in Neuropathologie, Neuroanatomie oder Neurophysiologie angerechnet wurden. Im Jahre 1980 wurden 6 Monate Weiterbildung in Neurochirurgie als obligatorisch erklärt.
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- Unter den korrespondierenden Mitgliedern kann man u.a. O. Foerster, O. Marburg, L. de Lisi, B. Brouwer, André-Thomas, K. Krabbe, D. Denny-Brown,W. Penfield, L. van Bogaert und M. Critchley erwähnen.
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- Ein Beitrag von Loeliger und Mumenthaler, der 2008 als Supplementum des Schweizer Archivs veröffentlicht wird, stellt detailliert die Geschichte der SNG von 1950 bis 2003 dar.
Die Hauptthemen der Tagungen widerspiegeln die Entwicklung des Faches über Jahrzehnte. So wurden unter anderem folgende Themen gewählt: extrapyramidale Physiologie und Erkrankungen bzw. Parkinson-Syndrom (1946, 1959, 1985, 1992, 1998, 2002, 2006); Hypothalamus (1948, mit den Psychiatern), periphere Nervenverletzungen/iatrogene Schäden am Nervensystem (1950, 1982); Körperschema und die Rechts-/Linkshändigkeit, Neuropsychologie, Verhaltensneurologie (1951, 1970, 1975, 1988, 1996, 1997, 1999, 2002, 2004); Epilepsie (1954, 1994, 2004, 2005); Neuroinfektiologie (Streptomycin 1946, Encephalitiden Mitteleuropas 1952, Toxoplasmose 1955, zeckenübertragene Krankheiten 1986, AIDS 1987); embryonale und frühkindliche Erkrankungen/Neuropädiatrie (1956, 1971); Neuropharmakologie (1957), zerebrale Enzymologie/Neurochemie/metabolische Erkrankungen (1962, 1970, 1994, 2005);Vestibularissystem/Otoneurologie (1964, 1989); Neurorehabilitation (1967, 1991, 1997, 2001, 2007); Altersneurologie (1969); Demenzen (1994, 2001); Diabetes und Neurologie (1972); Kollagenosen (1973); Kopfschmerzen/Schmerzen (1974, 1990, 2000, 2005); Myopathien/neuromuskuläre Erkrankungen (1975, 1994, 1998, 2005); zerebrovaskuläre Erkrankungen, zerebrale Venenthrombosen (1954, 1974, 1985, 2000, 2002, 2005, 2007); Neuroophthalmologie (1975); Bewusstseinsstörungen/Koma (1978, 2005); Hirntumoren/Neuroonkologie (1980, 1992, 1997, 2005); Neuroimmunologie/Vaskulitiden (1981, 1983, 2001, 2003, 2005); Schädel-Hirn-/HWS-Verletzungen (1984, 1993); Polyneuropathien (1985, 2001); Multiple Sklerose (1991, 1996, 1997, 2000, 2001, 2003, 2007); Neurogenetik/hereditäre Leiden (1995, 2000, 2002, 2003), Schlaf/Schlafstörungen (1996, 2003); somatoforme Störungen (1998); konsiliarische Neurologie/Gutachten (1999, 2004); Neuroplastizität (1999); Prionenerkrankungen (1999, 2003); Neuroradiologie (1968, 2004); vegetative Neurologie (2006); Notfallneurologie (2007).
Einige Tagungen sind speziell erwähnenswert. Die 73. SNG-Tagung 1953 in Zürich, an der einerseits der 100. Geburtstag von Constantin von Monakow, andererseits die Verleihung des Doktors der Medizin honoris causa durch die Universität Zürich an Oskar Vogt (Deutschland), Jean Lhermitte (Frankreich) und Macdonald Critchley gefeiert wurden. An der 81. SNG-Tagung in Basel wurden die 50 Jahre der Gesellschaft gefeiert.An der 131. SNGTagung 1984 in Winterthur wurde der 100. Geburtstag von M. Minkowski (geboren in Warschau) mit der polnischen Gesellschaft gefeiert. An der 178. Tagung 2007 in Lugano wurde mit Rednern aus der Schweiz (C. W. Hess), Italien (M. Manfredi), Frankreich (M. Clanet) und Österreich (W. Grisold) die Zukunft der Neurologie besprochen.
Zwischen 1930 und 1960 kam es zu keinem wesentlichen Wachstum der Mitgliederzahl. Im Jahre 1964 zählte man nämlich 166 Mitglieder, d.h. nur 22 weitere Mitglieder als im Jahre 1930. Erst infolge einer schrittweisen Angliederung von anderen Gesellschaften (s. unten) kam es ab den 1960er Jahren zu einem deutlichen Anstieg der SNG-Mitglieder. Im Jahr 1987 waren es bereits 295 Mitglieder (davon hatten 45 den FMH für Neurochirurgie) und im Jahr 2003 420 Mitglieder (davon 254 ordentliche, 89 ausserordentliche, 51 freie, 21 korrespondierende und 5 Ehrenmitglieder).
Die erste Gesellschaft, die sich der SNG anschloss, war die «Vereinigung der Schweizer Neurochirurgen» (der Name wurde 1984 in «Schweizerische Gesellschaft für Neurochirurgie» umgeändert). Diese Angliederung der beiden Gesellschaften fand im Jahr 1954 statt. Der damalige Präsident der «Vereinigung der Schweizer Neurochirurgen» war H. Krayenbühl, der 1937 in Zürich die erste schweizerische Neurochirurgische Klinik gegründet hatte, von 1956 bis 1959 SNG-Präsident und von 1959 bis 1971 Chefredaktor des neurologischen Teils des Schweizer Archivs war. Krayenbühl hatte sich 1941 mit seinem Standardwerk «Das Hirnaneurysma» habilitiert, das im Schweizer Archiv publiziert wurde. Auf Anregung von Krayenbühl wurde in der Zeit 1959–1986 der Name des Schweizer Archivs zu «Schweizer Archiv für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie» ausgedehnt.Im Jahre 1998 beschlossen die Neurochirurgen aus der SNG auszutreten.
Seit 1959 hatte sich auch die «Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Elektroenzephalographie» der SNG angeschlossen. Diese war 1948 in Bern durch das Ehepaar W. und F. Bärtschi-Rochaix gegründet worden (im Jahre 1951 zählte die Mitgliederliste 14 Mitglieder). Im Laufe der Zeit umfasste diese Gesellschaft zudem auch die Elektromyographie (in der Schweiz 1954 durch F. Lehnen eingeführt) und die Neurosonographie. Der Name wurde 1967 entsprechend («Schweizerische Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie») angepasst. Auch diese Gesellschaft verselbständigte sich von der SNG (1990).
Die Neuropathologen trennten sich von der SNG im Jahre 1967, während die Neuropädiater im Jahre 2003 eine Assoziation mit der SNG beschlossen.
Entwicklung der akademischen und klinischen Neurologie in der Schweiz nach 1908
In der ganzen Schweiz existierten 1908 zwei neurologische Ambulanzen auf privater Basis, und zwar in Zürich und Basel, jedoch (noch) keine neurologischen Bettenstation. Die meisten Internisten (u.a. Sahli und Hadorn in Bern sowie Michaud in Lausanne, ein Ausnahme bildete Otto Naegeli in Zürich) und die Psychiater (u.a. Forel in Zürich) waren Gegner einer Verselbständigung der Neurologie in der Schweiz. Die stationäre Betreuung von neurologischen Patienten und die Lehre der Neurologie wurden deswegen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an den meisten Schweizer Universitätskliniken von Internisten (und Psychiatern) – mit der Zeit zunehmend mit Hilfe von neurologischen Konsiliarärzten – übernommen [1]. Dies waren Mieczyslaw Minkowski, Rudolf Brun, Fritz Lüthy und Ernst Baasch in Zürich; Fritz Egger, Emil Villiger, Robert Bing und Felix Georgi in Basel; Edouard Long und François Naville in Genf [8]; Hermann Brunnschweiler und Theodor Ott in Lausanne [22]; Fritz Lotmar (der lange mit Binswanger gearbeitet hat [23]), Sandro Bürgi, Rudolf Stähli, Robert Isenschmid und Werner Bärtschi-Rochaix in Bern.
Die erste selbständige neurologische Bettenstation11 (12 allgemeine und zwei Privatbetten) und somit neurologische Klinik der Schweiz wurde 1952 in Zürich unter Mieczyslaw Minkowski eröffnet. Zunächst noch als Teil der Medizin wurden neurologische Bettenstationen in Basel 1951 (Felix Georgi, selbständig 1962), Genf 1953 (Georges de Morsier, selbständig 1961), Lausanne 1954 (Michel Jéquier, selbständig 1962) und Bern 1958 (Rolf Magoun, selbständig im gleichen Jahr) eröffnet.
Nichtuniversitäre neurologische Kliniken (mit Bettenstation) wurden 1972 in St. Gallen (Eberhard Ketz), 1974 in Aarau (Erlo Esslen), 1980 in Lugano (Carlo Tosi, zunächst nur Poliklinik, ab 1981 mit Bettenstation) und 1954 bzw. 1983 in Luzern (zunächst nur halbamtlich durch Karl (?) Vinzenz, dann Anton Meyer, ab 1983 vollamtlich durch Oton Bajc) eröffnet.
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- Weltweit wurden die ersten neurologischen Bettenstationen in England (1859, London, National Hospital for the Paralyzed and Epileptics in Queen’s square), Frankreich (1862, Paris, Salpêtrière) und in den USA (1871, Pennsylvania) eröffnet. In Deutschland entstand die erste neurologische Bettenstation (und Klinik) in Hamburg 1925 auf Initiative von Max Nonne (1861–1959).
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