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1 January 2008

Neuseel-Land (Zur Psycho-patho-logie des Prostituiertenmörders Moosbrugger in Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften»)

Psychiatrische Universitätsklinik, Lenggstrasse 31, Postfach 1931, CH-8032 Zürich
In vier Kapiteln des ersten Buches (Kapitel 18: «Moosbrugger»; Kapitel 59: «Moosbrugger denkt nach»; Kapitel 87: «Moosbrugger tanzt»; Kapitel 110: «Moosbruggers Auflösung und Aufbewahrung») werden psychotische Zustände eines Gewaltverbrechers, eines Prostituiertenmörders, vor allem paranoides und halluzinatorisches Erleben sowie die psychologisch-forensische Situation eines Sexualdelinquenten, geschildert. Weitere Kapitel zu Moosbrugger finden sich im Nachlass; Musil plante wohl – wie bei vielen seiner Handlungsfäden – die Fortsetzung seiner Geschichte. In dieser Exegese sollen uns nur die beiden Kapitel 18 und 59 beschäftigen. Ein weiteres Paradestückchen psychopathologischer Poesie findet sich übrigens im Kapitel 14 des zweiten Buches mit dem Titel «Neues bei Walter und Clarisse – ein Schausteller und seine Zuschauer», in dem ein Exhibitionist und das, was er bei einer Hysterika auslöst, beschrieben werden.
Was sind die Stilmerkmale Musils, die sich auch und besonders in den Moosbrugger-Kapiteln entdecken lassen?
Musil analysiert seelisches Chaos, chaotisches Seelisches mit Mass und Zahl; seine Gefühlsbeschreibungen sind kühl-rational, fast intellektualistisch. Mysthizierenden Irrationalismus hasst er: Musil, ein Anti-Klages. Seine Bilder und Vergleiche haben kräftige Anschaulichkeit und stupende Treffsicherheit. Seine Psychologie ist exakte Poesie, die fein-differenzierend die leisesten Gemütsschwingungen mit hellhöriger Präzision aufnimmt. Schon in den allerersten Erzählungen ist dieses Talent Musils entfaltet. Seine Leidenschaft nach Genauigkeit ist unbändig; geistig-seelische Erlebnisse werden – seiner Grundausbildung gemäss – psychotechnisch zusammengefasst; und dennoch findet sich Bilderflut noch in der unsinnlichsten Reflexion. Musil hat wahrhaftig «Neu-Seel-Land» entdeckt. Sein ganzes Werk ist ins Präzis-Rationale gehoben; er sagte dazu: «Die Tiefe muss man verstehen. Wo? An der Oberfläche!» Für Musil gibt es keinen Gegensatz zwischen Emotion und Ratio: «Wir haben nicht zuviel Verstand und zuwenig Seele, sondern wir haben zuwenig Verstand in den Fragen der Seele.» Seine Manier des Erzählens sichert dem philosophischen Denken grössere Rechte – das macht den vielfach gescholtenen essayistischen Zug seines Hauptwerkes aus. Musil bekennt: «Stil ist für mich die exakte Herausarbeit eines Gedankens.» Damit folgt er genau Nietzsche: «Schlechte Stilisten kranken daran, dass sie uns nicht ihre Gedanken, sondern das Denken ihrer Gedanken mitteilen.»
Ich möchte nun an einigen Zitaten aus dem Kapitel 18 «Moosbrugger» und dem Kapitel 59 «Moosbrugger denkt nach» zeigen, wie Musil psychotische Zustände schildert, in denen der Bezug zur Realität, zu unserer Realität, verlorengeht und das Denken und Handeln nur noch durch subjektzentrierte Anmutungsqualitäten bestimmt wird, die sich nicht mehr nach der objektiven Beschaffenheit oder Figürlichkeit eines Wahrnehmungsgegenstandes, sondern ausschliesslich nach seiner Physiognomie, seinem Ausdruckscharakter richten.
Schon in frühester Jugend kommen Moosbrugger die Mädchen merkwürdig vor, und er begehrte, wie es heisst, sie nach einiger Zeit unnatürlich. «Es geht vorüber, die Röcke schwanken um seine Waden. Es steigt über einen Zaun und wird bis zum Knie sichtbar. Man blickt ihm in die Augen, und sie werden undurchsichtig. Man hört es lachen, dreht sich rasch um und sieht in ein Gesicht, das so reglos rund wie ein Erdloch ist, in das eben eine Maus schlüpfte.»
Das «Es», das sind die Mädchen, die Moosbrugger begehrt, die ihn locken und nicht loslasssen. Es ist aber auch das Freudsche «Es»: das Gesamt der unkontrollierbaren Triebe, die den Menschen durchschütteln, seinen Verstand ausblenden und zu bizarren, affektgesteuerten Handlungen treiben. Der Trieb treibt, das muss auch Moosbrugger erfahren. Und undurchsichtig sind die Mädchen sowieso: Ihr Gesichtsausdruck ist mehrdeutig; ihr Mund spricht keine Worte, die etwas klären; man weiss nicht, ob sie einen in den Himmel oder in die Hölle führen.
Die Welt ist voller unberechenbarer Frauen, die etwas von einem wollen, aber was? Der Mann namens Moosbrugger konnte das Rätsel der Frauen nicht lösen: «Dann begegneten dem wandernden Moosbrugger, wenn er durch die Dörfer kam oder auch auf der einsamen Strasse, ganze Prozessionen von Frauen. Jetzt eine, und eine halbe Stunde später zwar erst wieder eine Frau, aber wenn sie selbst in so grossen Zwischenräumen kamen und gar nichts miteinander zu tun hatten, im ganzen waren es doch Prozessionen.»
Jetzt hat es Moosbrugger offenbar mit einer ganzen Meute von Frauen zu tun. Der Bedrohungscharakter der Welt ist nicht mehr zu entschärfen: Sie rotten sich seinetwegen zusammen; sie wollen ihm ans Leder; sie haben sich versammelt und gegen ihn verschworen. Unschuldige gibt es keine mehr, alle gehören dazu. Tua res agitur, Moosbrugger: Deine Sache wird verhandelt. Du kommst dran. Du bist gemeint. Du kannst nicht entrinnen. Die Wahnnehmung Moosbruggers ist neu gefärbt und schrecklich getönt: Es ist eine ver-rückte Welt, die ihn alleine angeht, aus der er fliehen möchte und doch nicht wegkommt. Hier wird schon deutlich, dass vielleicht der Prostituiertenmord den ganzen Mummenschanz blutig, aber wirkungsvoll auslöschen kann. Alles gehört merkwürdig zusammen: es gibt nichts Harmloses und nichts Zufälliges mehr. Frauen, die irgendwann vorbeilaufen und sich nicht kennen, bilden in der Wahrnehmung, beinahe schon in der Wahn-Nehmung Moosbruggers, eine Prozession, die eigens für, besser: gegen ihn veranstaltet wird. Die Welt ist getönt in eine unheilvolle Stimmung; es braut sich etwas zusammen; es beschleunigt dem Ende zu, zum erlösenden Knall.
Inzwischen ist das Paranoid erblüht: der Verfolgungswahn bringt eine gewisse Beruhigung. Nun weiss man wenigstens, warum die Frauen sich so merkwürdig verhalten:
«Die kichernden Weiber waren vor allem gegen ihn verschworen; sie hatten alle ihre Schürzenbuben, und das gerade Wort eines ernstes Mannes achteten sie für nichts, wenn nicht gar für eine Beleidigung.»
Jetzt ist es klar: es geht um die Verhöhnung des Mannes. Des Mannes Moosbrugger und des Mannes an sich. Lustig machen wollen sich die Weiber, den Ernst des Mannes in den Dreck ziehen, ihn kleinmachen, kleinkriegen, entmännlichen gar. Vorsicht vor dieser amazonischen Phalanx – sie könnte einen in einer schwachen Minute überrollen und einem endgültig die Manneskraft rauben. Moosbrugger muss auf der Hut sein, auf dem Quivive; unablässige Hab-Acht-Stellung: das ist das Wesen der beginnenden Psychose.
«Schon beim ersten Schritt, fern über den Weg wie eine Vorpatrouille, welche die andern geschickt haben, kreuzt solch ein wandelndes Gift, eine Betrügerin, die den Mann heimlich auslacht, während sie ihn schwächt und ihm Theater vormacht, wenn sie nicht noch viel Schlimmeres ihm in ihrer Gewissenlosigkeit antut.»
Militärisch organisiert haben sie sich auch schon, die Frauenklüngel. Und Sexualbetrügerinnen sind sie auch alle: ziehen dem Manne den Samen ab, spielen ihm einen Orgasmus vor und denken gar an Kastration. In der Sexualität sind sie gemein und zügellos, die Frauen – ein ungeheures Falschspiel, welches sie treiben, wenn sie es treiben. Moosbrugger, hüte dich vor der weiblichen Sexualität; sie ist so verführerisch wie gefährlich.
Und von dieser Überzeugung kommt er nicht mehr los: Kein Gegenargument kann sie erschüttern; kein einziges unschuldiges Weib ward auf Erden geboren, welchem man trauen könnte, welches den Mann nicht hinterrücks, meuchlings schwächen will. «Es gibt solche Gedanken», weiss Moosbrugger, «die wie Bindfaden sind und sich in endlosen Schlingen um Arme und Beine legen.»
Und nun, in dieser Höllenwelt, in der es nur zwei Protagonisten gibt, Moosbrugger und die Frauen, tritt die Prostituierte auf den Plan, die zur Schicksalsentscheidung werden wird – stellvertretend für alle andern vollzieht sie an Moosbrugger die Niedertracht der Verächtlichmachung – und stellvertretend für alle andern muss sie sterben, denn dann hört vielleicht – vielleicht – der Spuk auf.
«Da erkannte er, dass er niemals von ihr loskommen werde, weil er es selbst war, der sie hinter sich herzog.»
Seinem Schicksal kann er nicht entrinnen, Moosbrugger; er spinnt seinen eigenen Schicksalsfaden; er ist Norne und Vollzugsbeamter des Schicksals zugleich.
«Das verfluchte zweite Ich legte sich neben ihn.» Zudringlich wird sie, die Frau. Sie wird ihn schwächen, ihm die männliche Ehre nehmen, bis er den verfluchten Zauber durch das Messer bricht. Sie sitzt ihm auf wie ein Sukkubus, und sie sitzt ihm ein wie ein Inkubus. Moosbrugger muss die Teufel ausbrennen, bevor sie ihn aushöhlen.
Und dann geschieht es. Dann geschieht die Erlösungstat. Sie alleine kann wieder Frieden schaffen in der Welt. Sie alleine weist die Frauen in ihre Schranken, verhindert weitere Mannesschwächungen und Manneskränkungen. Die Ehre der Männer ist gerettet, und Moosbrugger ist der Ehrenretter und damit ein Ehrenmann. Wie können die Forensiker, die ihn später inquirieren werden, nur meinen, er wäre ein kaltblütiger Mörder? Wo er doch die Ehre aller Männer gerettet hat! Einen Orden hat er verdient, der Moosbrugger.
«Nun konnte sie keinen Mann mehr beleidigen und sich an ihn hängen.»
Und schon in seiner Jugend war es genauso: Er musste sich seiner Meisterin erwehren, die ihren schändlichen Zauber über ihn ausüben wollte; und auch sie, die Meisterin, war nur mit Blut zu bändigen, ihre Macht nur mit Blut zu brechen:
«Aber in diesem Augenblick erinnerte er sich nun genau, denn das Blut kehrte mit einemmal um, floss aufwärts und stieg über die Augen hinaus; er stürzte sich auf das mächtige Frauenzimmer, das ihn so schändlich beleidigt hatte.»
Was für ein schrecklicher Zauber, den die Frauen machen können: sie können den Blutfluss umkehren. Wer das kann, dem ist alles zuzutrauen, selbst die Ausrottung aller Männer. Vor der Meisterin konnte Moosbrugger, als Lehrbube, noch davonlaufen; als erwachsener Mann muss er sich dem Kampf stellen und Angriff mit Blut heimzahlen und Schmach wiedergutmachen.
Und wie sich plötzlich die Welt verändern kann! Das ist unheimlich; man schaut der Welt gewissermassen in die Seele hinein, sieht sie nackt, so wie sie wirklich ist – fern von jeder biederen Wirklichkeit.
«Mit einemmale war ein kalter Hauch da. Oder in der Luft tauchte ganz nah vor ihm eine grosse Kugel auf und flog in seine Brust. Und im gleichen Augenblick fühlte er etwas an sich, in seinen Augen, auf den Lippen oder in den Gesichtsmuskeln; in die ganze Umgebung kam ein Schwinden, ein Schwärzen, und während sich die Häuser auf die Bäume legten, huschten aus dem Gebüsch vielleicht ein paar rasch davonspringende Katzen hervor.»
Derealisation und Depersonalisation: Die Umgebung und Moosbrugger selbst werden unwirklich und damit schrecklich wirklich; sie werden fremd, unvertraut, unheimlich, harmvoll statt harmlos. Die psychotische Welt kennt nichts Harmloses mehr, alles hat eine furchtbare Bedeutung. Und alles hat mit Moosbrugger zu tun. Wie schön ist die Welt, wenn sie nichts mit uns zu tun hat! Und wie schrecklich ist sie, wenn sie nur mit uns zu tun hat.
Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Stimmenhören. Das Radio im Kopf beginnt seine Sendung; sie ist alles andere als unterhaltsam; und der Abschaltknopf fehlt. Ein Radio, welches nicht mehr vom Menschen beherrscht wird, sondern diesen beherrscht:
«So hörte er dann Stimmen oder Musik oder ein Wehen und Summen, auch Sausen und Rasseln und Schiessen, Donnern, Lachen, Rufen, Sprechen und Flüstern. Das kam von überall her; es sass in den Wänden, in der Luft, in den Kleidern und in seinem Körper. Er hatte den Eindruck, dass er es im Körper mit sich trage, solange es schwieg; und sobald es ausgekommen war, verbarg es sich in der Umgebung, aber auch nie sehr weit von ihm. Wenn er arbeitete, so sprachen die Stimmen meist in sehr abgerissenen Worten und kurzen Sätzen auf ihn ein, sie beschimpften und kritisierten ihn, und wenn er etwas dachte, so sprachen sie es aus, ehe er selbst dazu kam, oder sagten boshaft das Gegenteil von dem, was er wollte.»
Akustische Halluzinationen aller Art: Akoasmen, kommentierende Stimmen, Gedankenausbreitung, Gedankeneingebung. Moosbrugger ist nicht mehr Herr im eigenen Seelenhaushalt; Fremdsteuerung hat Platz gegriffen; der Privatheitscharakter der Gedanken ist verlorengegangen. Nicht er denkt: es denkt ihn und in ihm und ausserhalb seiner. Heteronomie statt Autonomie.
«Es wurde gegen seinen Willen in ihm gedacht. Er sagte, Gedanken würden ihm gemacht. … Sein Denken floss dann wie ein von Hunderten springender Bäche getränkter Bach durch eine fette Wiese.»
Worte werden zu Zeichen; Zeichen werden zum Menetekel; visuelle Halluzinationen und Verkennungen und Trugwahrnehmungen machen aus der Umwelt einen Albtraum, aus den Menschen Gespenster. Alles verändert sich dauernd, nichts kann festgemacht werden. Der Sprache kann nicht mehr getraut werden.
«Plötzlich liess das Wort in den Nähten nach, und es entstand etwas sehr Peinliches; das Gesicht wurde grau, ähnlich wie Erde, über der Nebel liegt, und auf einem langen Stamm stand eine Rose hervor; dann war die Versuchung, ein Messer zu nehmen und sie abzuschneiden oder ihr einen Schlag zu versetzen, damit sie sich wieder ins Gesicht zurückziehe, ungeheuer gross.»
Wenn dies alles passiert, einem Mann wie einem Baumstamm wie Moosbrugger das passiert: Dass die Worte aus den Nähten platzen, sich in Rosen verwandeln, die man mit dem Messer zurückschneiden muss, damit sie nicht in einen selbst hineinwachsen: wenn die Welt unbeherrschbar wird und an alledem die Frauen schuld sind, die die Männer im Liebesakt schwächen: dann bleibt nur ein Ausweg: eine Frau muss stellvertretend und als Sühneopfer für alle andern sterben – und so hat Moosbrugger die Welt, die Männerwelt erlöst. Er hat nur folgerichtig gehandelt – folgerichtig in seiner Welt, die eine psychotische Welt war, nicht gesetzeslos, aber mit anderen Gesetzen als die unserer Welt.

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