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1 January 2005

High-Risk-Kinder für Schizophrenie – eine Übersicht

Dufourstrasse 165, CH-8008 Zürich

Abstract

Since the early 1950s high-risk studies have systematically investigated the offspring of schizophrenics. The majority of high-risk children had schizophrenic mothers, to a lesser degree schizophrenic fathers and even more seldom schizophrenic siblings. Family studies revealed that disturbances from the so called “schizophrenia spectrum” – also play a role for the genetic proliferation of schizophrenic diseases. High-risk studies must be carefully planned for an extremely long future. Schizophrenic mothers are difficult “co-workers”. The drop-out rate is high. Scientists investigating healthy children are confronted with criticism from the public. Last but not least after many years of follow-up one wishes to have taken into consideration scientific means that were not available at the beginning of the study. Notwithstanding these hardships high-risk studies at various centres all over the world have meanwhile been going on for several decades, the former children have become grown-ups, have reached and passed the critical age for schizophrenia outbreak and a vast amount of data have been collected and contribute to our knowledge of the disease. Already at a very young age high-risk children of schizophrenia differ in many aspects from their low-risk peers: physically, mentally, behaviourally and in the ways they are being brought up.They are underweight, show physical abnormalities, reach important developmental stages later in life, are inclined to isolate themselves, are more depressed, have worse school-careers, show more forensic problems and have an early history of psychiatric contacts. Terms like “pandevelopmental retardation” or “pandysmaturation” have become common to describe the problem. – Growing up with a schizophrenic mother has many disadvantages for these children. Schizophrenic mothers are often socially marginalised, they show less empathy, understanding and spontaneity, their educational style has been described as “poorer”, the family climate is chaotic, neglect and physical abuse are not infrequent. High-risk children have a tendency to make themselves “invisible”. – Among the highrisk population one does also find children that are especially gifted, talented and creative, with rich fantasies and later on successful as adults. Much is known about risk factors that eventually might lead to the outbreak of the disease, though many of them being unspecific: all irregularities, disturbances and problems during pregnancy, birth and childhood have a positive correlation with later schizophrenia, the earlier they happen and the more severe they are, the greater the risk.Traumata during the 6th gestational month seem to bear most unfortunate consequences. – Cultural, social and familial factors have also some impact on later schizophrenia. Father’s age over 55 at the time the children are born is considered unfortunate, such as an early outbreak of mother’s disease, cannabis-abuse of the mother and a mother’s body-mass index of over 30. Families with a high level of disturbed communication (i.e. conflicts between parents and children, lack of empathy, breaches in inner familial communication, a narrowing milieu and problems with borders) seem to contribute to the outbreak of schizophrenia in the offspring. Some knowledge is available about protective factors. Major interest focussed on environmental influence, detrimental as well as protective. There is clear evidence that for persons at risk favourable circumstances do contribute to preventing the outbreak of the disease, while unfavourable conditions increase the probability of disease outbreak. Further investigations on that subject are required.

Definition

Als «High-risk-Kinder für Schizophrenie» gelten Kinder mit mindestens einem schizophrenen Elternteil. Die bisher letzte der grossen High-Risk-Studien, begonnen 1994 in Edinburgh, schliesst nur Kinder ein, die mindestens 2 manifest schizophrene Verwandte ersten oder zweiten Grades haben, dies deshalb, weil ein schizophrenes Familienmitglied als Auswahlkriterium nicht sicherstellt, dass eine familiäre Form von Schizophrenie vorliegt.

Die Datensituation

Gemäss Datenbank PsychINFO kamen in den letzten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf jede wissenschaftliche Arbeit, die sich mit dem Zusammenhang von Schizophrenie und kindlichem Missbrauch oder Vernachlässigung befasste, 30, die Schizophrenie und Biochemie zum Thema hatten, und 46 zum Thema Schizophrenie und Genetik. Mit Stress und Schizophrenie befassten sich nur 0,9% der Studien, mit sozioökonomischen Fragen und Schizophrenie nur 0,8%, mit Kindsmissbrauch und Schizophrenie nur 0,1%. In den 1990er Jahren hatten nur 0,2% aller Arbeiten über Schizophrenie Fragen von Kindererziehung oder Eltern-Kind-Beziehung zum Thema [1].

High-Risk-Studien

Risikogruppen liefern der Forschung mehr Untersuchungsmaterial als unausgelesene Populationen. Der Durchführung von High-Risk-Studien für Schizophrenie stellen sich jedoch besondere Schwierigkeiten entgegen:
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Schizophrene haben weniger Kinder. Sie sind misstrauischer, feindseliger, unverlässlicher, weniger kooperativ.
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Es besteht Uneinigkeit darüber, was der günstigste Zeitpunkt für den Beginn der Datenerhebung ist, die Schwangerschaft der Mütter, die Frühkindheit oder die Adoleszenz der High-Risk-Population [2,3].
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Der Aufwand vieljähriger Untersuchungen der Indexfälle und ihrer Umgebung ist enorm [4].
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Erste High-Risk-Projekte gab es bereits in den 1920er Jahren mit kleinen Zahlen von Kindern psychisch kranker Mütter. Die erste grössere moderne High-Risk-Studie begann 1952 in New York [5,6]. Mittlerweile laufen an zahlreichen Orten High-Risk-Studien, die bekanntesten in Kopenhagen, Helsinki, Edinburgh, New York, Schweden und Israel. Verschiedene Zentren sind auf je unterschiedliche Schwerpunkte konzentriert. Verschiedene Nationen und Universitäten arbeiten auf Teilgebieten zusammen [2,7,8,9].
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Nach 20 oder 30 Jahren Laufzeit wünscht man Daten erhoben zu haben, die in der Kindheit der Risikopersonen noch gar nicht erhoben werden konnten. Nach 20–30 Jahren sind ganz andere diagnostische Instrumente in Gebrauch. Die New Yorker Studie diagnostizierte 1952 nach DSM I. Die Mütter der Copenhagen Study «were diagnosed according to contemporary Danish criteria» [10]. Die meisten Studien mussten ihr Patientengut später nach modernen Kriterien nachdiagnostizieren.
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Es muss jahrzehntelang zugewartet werden, bis man auch nur einigermassen sicher sein kann, dass keine Neuerkrankungen mehr auftreten (spätes Ersterkrankungsalter bei Frauen, Spätschizophrenien). Die ehemaligen Kinder der Kopenhagen-Gruppe sind jetzt 54 Jahre alt.
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Bei zunehmender Mobilität in modernen Gesellschaften sind die ehemaligen Kinder nach 20, 30 oder 40 Jahren schwer wiederzufinden.
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Eine weitere Schwierigkeit entsteht durch das Einschreiten von Menschenrechtsgruppen, die es für unethisch erachten, gesunde Kinder in so strapaziöse Forschungsprojekte einzubeziehen, sie dadurch zu stigmatisieren, sie mit Neuroleptika, Antidepressiva und anderen Psychopharmaka zu behandeln und Prophezeiungen abzugeben, die sich womöglich selbst erfüllen [11,12].

Fragestellungen

High-Risk wofür?

Familiäre Belastung mit Schizophrenie ist der am besten etablierte Risikofaktor für Schizophrenie [13]. Kinder eines schizophren kranken Elternteils haben ein deutlich höheres Risiko, selbst schizophren zu erkranken [10,14,15,16,17,18,19,20,21]. Das Risiko ist im Fall von schizophrenen Müttern etwas grösser als bei schizophrenen Vätern und es ist etwas geringer, wenn schizophrene Geschwister vorhanden sind [13]. Die Erkrankungshäufigkeit der Kinder liegt bei 10%. Sind beide Eltern schizophren oder ist einer von eineiigen Zwillingen erkrankt, ist das Risiko bis 50% und darüber. – Je länger die Studien laufen, desto mehr Krankheitsfälle häufen sich an. Der genetische Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn man den Schizophreniebegriff zu dem Schizophrenie-Spektrum erweitert, wozu Persönlichkeitsstörungen paranoider und schizotypischer Art und kurzdauernde und atypische nicht-affektive Psychosen und schizoaffektive Psychosen gezählt werden [22,23,24]. Auch diese Krankheiten spielen für den Erbgang schizophrener Erkrankungen eine Rolle ([19], S. 111; [21]). – Darüber hinaus erkranken Kinder mit einer erblichen Belastung aus dem Schizophrenie-Spektrum etwas überdurchschnittlich häufig an affektiven Erkrankungen [20,25], und Kinder aus Familien mit affektiven Krankheiten tragen ein etwas überdurchschnittliches Risiko, schizophren zu erkranken. Die Überschneidungen sind erwartungsgemäss am grössten im Bereich der schizoaffektiven Erkrankungen [17].

Befunde an High-Risk-Kindern

High-Risk-Kinder für Schizophrenie unterscheiden sich in vieler Hinsicht von Low-Risk-Kindern und von High-Risk-Kindern für andere psychische Störungen und Erkrankungen [2].
Ein erster wesentlicher Unterschied sind ihre häufig schizophrenen Mütter, seltener schizophrene Väter und schizophrene Geschwister. Die Krankheit schizophrener Mütter bringt es mit sich, dass diese gehäuft alleinstehend sind, unbeständig im Beruf, sozial abgestiegen und entsprechend sozial geächtet und isoliert [27]. Alkohol und Drogen werden von ihnen häufig als Selbstmedikation eingesetzt [5]. Die Zustände innerhalb der Familie sind oft chaotisch [28]. Misshandlungen sind nicht selten [29]. Schizophrene Mütter sind weniger spontan und distanzierter [30], sie sind emotional weniger engagiert, reagieren weniger auf ihre Kinder, ihr Erziehungsstil wird als «ärmer», armseliger («poorer») beschrieben [31a]. Die Schizophreniediagnose korreliert häufig mit einer schlechteren Betreuung während den Schwangerschaften [31b]. Die überdurchschnittliche Ängstlichkeit dieser Frauen wirkt sich auf die Uteruskontraktionen und die Blutversorgung der Föten aus [32]. Schizophrene Mütter haben häufiger Geburtskomplikationen [15, 33–35b]. Die Schwere der mütterlichen Psychose (v.a. Minussymptome und Chronizität) korreliert mit Problemen der frühen Mutter-Kind-Beziehung und mit der Schwere einer ersten kindlichen Störung [30]. Die Beziehung der schizophrenen Mütter zu ihren Kindern wird als negativer beschrieben [36,37,38]. Die Kinder sind teils ängstlicher, teils fehlt ihnen das Fremden [39]. Es besteht eine direkte Beziehung zwischen psychotischen Episoden, die die Mutter während der ersten beiden Lebensjahre der Kinder durchmacht, und psychischen Störungen der Kinder im Alter von 6 Jahren [38].
Schizophrene Mütter haben oft Mühe, sich in ihre Kinder einzufühlen, Art und Schwere kindlicher Probleme zu erkennen und ihre Kinder zu verstehen. Sie werden als erzieherisch ungeschickt beschrieben [40]. Sie sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, was in einem gestörten Bindungsverhalten resultieren kann. Sie sind ambivalent, rasch überfordert, sprunghaft und gehäuft krankheitsbedingt abwesend. Das Klima in solchen Familien ist geprägt von Kontaktabbrüchen, Verlusten, Anschuldigungen und Vernachlässigungen [28]. Dementsprechend sind die Kinder überfordert oder unterfordert. Der Mangel an affektiver Sicherheit macht ihnen Angst. Sie müssen früh Verantwortung übernehmen. Sie sind in Sorge wegen der Mutter. Sie reagieren darauf entweder aggressiv und verweigern sich oder sie geben sich ganz ausdruckslos. Solche Kinder haben eine Tendenz, «sich durchsichtig zu machen», nicht spürbar zu sein [39]. Gegenüber den Müttern bestehen Gefühle von Schuld, Scham, Mitleid, Fürsorge oder Ablehnung, Wut, Überheblichkeit und Verachtung. Eine Untersuchung von Bergman et al. [29] kam allerdings zu dem Schluss, dass das Ausmass der Misshandlungen für die Entwicklung kindlicher Störungen entscheidender sei als die Psychopathologie der Eltern.
High-Risk-Kinder sind bei der Geburt eher untergewichtig. Schon am 3. oder 4. Tag nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren zeigen sie vermehrt neuromotorische Auffälligkeiten [41–44b]. Man beobachtet bei ihnen in der Folge eine allgemeine Entwicklungsverzögerung. Sie erreichen Entwicklungsschritte wie Sitzen, Stehen, Gehen oder Sprechen verspätet oder unvollständig [5,45,46,47]. Sie sind unbeholfener, ungelenker, unsicherer in der Grob- wie in der Feinmotorik [43,48,49,50,51,52]. Häufig sind Koordinationsstörungen, Unsicherheiten bezüglich rechts und links und Gleichgewichtsprobleme [44a,44b,48]. Es bestehen Störungen der Augenfolgebewegungen [53,54,55], diese gelten als ein starker Marker [42], Abwandlungen der Hautleisten (dermatoglyphische Abnormitäten) [56], überhaupt überdurchschnittlich viele kleine körperliche Anomalien (z.B. mehrere Haarwirbel, besonders kleiner oder grosser Kopfumfang, grosser Augenabstand, Zungenanomalien, hoher Gaumen, grosser oder kleiner Abstand zwischen den Tränengängen, angewachsene Ohrläppchen, Finger- und Zehenanomalien usw.) [57]. Zusammenfassend spricht man von «pandevelopmental retardation» oder «pandysmaturation» [5], denen vermutlich ein ungenügendes Zusammenspiel vieler Gehirnareale während des Entwicklungsprozesses zugrunde liegt. Oft sind diese Kinder gleichzeitig in gewissen Bereichen ihrem Alter voraus und in anderen zurückgeblieben.
Psychopathologisch schneiden sie in allen Bereichen schlechter ab, je stärker die genetische Belastung ist, desto schlechter [58a, 58b]. Sie sind beeinträchtigt in der Intelligenz, vor allem im Handlungsteil [59,60,61]. Eine Beziehung zwischen geringerem affektivem Engagement und geringerem Reagieren schizophrener Mütter und negativem Einfluss auf die Intelligenz der Kinder ist nachgewiesen [31a]. High-Risk-Kinder zeigen verschiedenste kognitive Störungen [62,63], ausgefallene und fragmentierte Assoziationen [64], sie können ihre Gedanken und den sprachlichen Ausdruck schlecht kontrollieren [65], sich schlechter konzentrieren [66] und wichtige und unwichtige Informationen schlechter auseinanderhalten (Filterstörung) [65]. Störungen der Aufmerksamkeit, insbesondere der selektiven Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsausdauer, sind oft beschrieben und sind vielleicht die stärksten Verhaltensmarker [26, 42, 44b, 51, 67–74b]. Die Gedächtnisleistungen sind schlechter [75]. Häufig finden sich formale Denkstörungen in Form von vagem und abschweifendem Denken [76]. Es ist danach nicht überraschend, dass auch die Lehrerbeurteilung dieser Kinder schlechter ausfällt [4,62] und die Schulnoten durchschnittlich schlechter sind [59].
Emotionell sind diese Kinder und Jugendlichen depressiver [77], ängstlicher, unsicherer, empfindlicher, auch impulsiver, aggressiver und emotionell instabil. Jungen zeigen diese Auffälligkeiten früher als Mädchen [47,70]. Die Affektkontrolle ist einerseits schlechter [46,77,78,79,80]; andererseits werden High-Risk-Kindern ein generell reduzierter Affekt und eine verminderte Sensitivität nachgesagt [4,47], auch eine ausgeprägte Anhedonie [70,81]. Suizidideen sind bei ihnen häufiger als bei dem Durchschnitt der Gleichaltrigen [47].
Im Sozialen sind High-Risk-Kinder zurückgezogener und isolierter, sie sind kontaktscheu, fliehen in eine innere Vorstellungswelt und spielen gern allein. Attribute wie «schizoid», «autistisch», «eigenbrötlerisch», «seltsam», «peculiar» werden ihnen nachgesagt. Sie zeigen vermehrt soziale Ängste, ein symbiotisches Sicherheitsbedürfnis, Anklammerung und Abhängigkeit. Mädchen sind eher zurückgezogen, Jungen eher expansiv, aggressiv und sozial störend. Insgesamt beobachtet man bei High-Risk-Kindern mehr Verhaltensauffälligkeiten [64,82]. Der Grad der sozialen Unangepasstheit im Kleinkindalter korreliert aber mehr mit der Schwere und dem Chronizitätsgrad der mütterlichen Erkrankung und mit niederem Sozialstatus als mit der mütterlichen Diagnose [30,83]. Im Schulalter und in der Adoleszenz nehmen die sozialen Probleme zu [4,47,49,84,85,86,87,88]. High-Risk-Kinder zeigen nicht nur ein erhöhtes Mass an unspezifischer Psychopathologie [65,89,90], sie haben bereits in jungen Jahren häufiger eine psychiatrische Anamnese [47,70,77] und häufiger kommt es bei ihnen zu forensischen Kontakten und Delinquenz [47].
Zugleich mit den genannten Behinderungen weisen High-Risk-Kinder auch besondere Begabungen auf. In der Helsinki-Studie waren die Kinder paranoid schizophrener Mütter in der Schule motivierter und sozial besser angepasst als die Kontrollen [91a]. Unter den Kindern schizophrener Mütter finden sich gehäuft Menschen mit besonderer Kreativität [91b, 91c], originellem Denken, erfinderisch fantasievoller Anpassungsfähigkeit und künstlerischem Talent, die auch als Erwachsene besonders erfolgreich sind [92]. Die soziale Intelligenz der High-Risk-Kinder ist nicht geringer, sie nimmt mit dem Alter auch nicht vermehrt ab [59].
Zu den Besonderheiten von High-Risk-Personen gehört schliesslich auch, dass sie, mindestens in unseren Breiten, meistens wissen, dass Schizophrenie eine erbliche Komponente haben kann und dass sie selbst gefährdet sind, schizophren zu erkranken, was vor allem bei Frauen wegen des späten Ersterkrankungsalters im Fall von Spätschizophrenien eine lebenslange schwere Belastung darstellen kann. Zu der Frage, ob diesbezüglich sich selbst erfüllende Prophezeiungen wirksam werden, gibt es allerdings keine Untersuchungen.
Bezüglich Hirnmorphologie und -funktion zeigen High-Risk-Personen schon als Kinder in Abhängigkeit von der genetischen Belastung [93] eine Reihe von Hirnveränderungen: Das Gehirnvolumen ist vermindert [94a], im Bereich des Frontallappens [58a, 81, 95, 96] und vor allem des rechten Temporallappens [97], auch im Bereich der Basalganglien, der limbisch/paralimbischen Strukturen und insbesondere des linken Amygdala-Hippokampus-Bereich [94a–97], des vorderen Gyrus cinguli [94a, 98] und des Thalamus [58a]. Analog dazu findet man eine Vergrösserung des 3. Ventrikels, der Seitenventrikel [93,99] und der Sulci [100a], letztere vor allem links [100b]. Das Ausmass der Veränderungen liegt zwischen dem von an Schizophrenie Erkrankten und demjenigen von Gesunden [46,95,96,97]. Die Veränderungen gehen einer allfälligen schizophrenen Erkrankung zeitlich um Jahre voraus und gehen Hand in Hand mit den beschriebenen prämorbiden motorischen und neuropsychologischen Veränderungen [98]. – Entsprechend den Gehirnbefunden schneiden High-Risk-Personen in Tests zur Prüfung der Funktion des Frontallappens (Wisconsin CST, Trail Making Test, Sprachflüssigkeit) schlechter ab als Kontrollen [81,101]. Auch andere Angehörige von Schizophrenen, nicht bloss deren Kinder, zeigen (immer vorausgesetzt, es handelt sich um eine familiäre Form von Schizophrenie) ähnliche neurologische Auffälligkeiten wie die Patienten [102,103].
Neurochemische Gehirnuntersuchungen an High-Risk-Kindern ergaben, dass ihre Fähigkeit, im präfrontalen Cortex Zellmembran-Phospholipide zu synthetisieren, reduziert ist [94b] und dass sie im Serum erhöhte Spiegel von Antikörpern gegen Nerve-Growth-Factor NGF aufweisen [104]. In der Region des vorderen Gyrus cinguli ist das Verhältnis von NAA (N-azetyl-aspartat, ein Neuronenmarker) zu Cholin (ein Zellmembranbestandteil) tendenziell vermindert [94b]. Das heisst, es bestehen weniger neuronale Verbindungen pro Zellzahl.
EEG-Untersuchungen an High-Risk-Kindern zeigen eine Zunahme an β- und δ-Aktivität und eine Abnahme im schnellen α-Band [105,106], des weiteren verlängerte Latenzen der P300-Komponente auf seltene, aufgabenbezogene Zielstimuli und verspätete N2-Latenzen, nicht aber auf häufige, nicht aufgabenbezogene Stimuli. Es konnten keine Unterschiede in den Amplituden der evozierten Potentiale festgestellt werden. Diesen Befunden entspricht eine hohe Fehlerzahl im d2-Test und eine signifikant erhöhte Reaktionszeit nach regulären Vorbereitungsintervallen. Die Untersuchungen mit evozierten Potentialen legen nahe, dass sowohl das selektive Fokussieren der Aufmerksamkeit wie auch das Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit beeinträchtigt sind [71,72].

Unter welchen Bedingungen erkranken High-Risk-Kinder gehäuft an Schizophrenie? Prädiktoren?

Variablen der Kinder

Pränatale Hirnschädigung erhöht das Schizophrenie-Risiko [3]. Derjenige von homozygoten Zwillingen mit mehr Zeichen pränataler Entwicklungsschädigung ist gefährdeter, schizophren zu erkranken [22]. Individuen mit zahlreichen kleinen körperlichen Anomalien entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit eine schizophrene Erkrankung [107].
Je später Entwicklungsschritte (Sitzen, Stehen, Gehen, Sprechen) erreicht werden, desto früher bricht die Krankheit aus ([19], S. 111). Eine verzögerte, verzerrte, desorganisierte Sprache erhöht das Schizophrenierisiko [45,46,47]. Spätere Schizo-phrene – nicht aber ihre später gesunden Geschwister – zeigen im Alter von 4 und 7 Jahren ungewöhnliche Bewegungsmuster [52]. Motorische Störungen sagen in 50–75% die spätere Erkrankung voraus [108,109].
Überprüfung von Amateurvideoaufnahmen aus der frühen Kindheit (ab dem 2. Lebensjahr) ermöglicht den Vergleich des neuromotorischen Verhaltens der später Schizophrenen mit ihren Geschwistern und mit gesunden Kontrollfällen. Die später Schizophrenen sind motorisch durchwegs geringfügig schwächer und signifikant von den Vergleichsgruppen unterscheidbar [110,111].
High-Risk-Jugendliche im Alter von 14 bis 25 Jahren, die bei der Zuordnung von Gerüchen schlechter abschneiden, haben ein höheres Risiko schizophren zu erkranken [112].
Im Alter von 11 Jahren zeigen spätere Schizophrene hyperresponsive Reaktionen bei Hautwiderstand-Gewöhnungstests (SCOR) [90].
Je ausgeprägter die Ventrikelvergrösserung, desto schlechter ist der prämorbide Verlauf und desto schlechter die Prognose [99].

Psychopathologie

Bezüglich Intelligenz sind die Befunde unterschiedlich [59]. Die Ergebnisse mehrerer Studien deuten darauf hin, dass niedere Intelligenz, besonders im Handlungsteil, mit einem höheren Schizophrenierisiko verknüpft ist [60,113]. Die finnische Studie [62] fand allerdings höhere Schizophrenieerkrankungszahlen auch in den hohen IQ-Klassen. Grundsätzlich scheint hohe Intelligenz, wenn keine erheblichen Defizite in anderen Persönlichkeitsbereichen vorliegen, eher ein protektiver Faktor zu sein [49,114,115].
Kognition: Die Aufmerksamkeitsstörung [26,116], die Störung des Kurzzeitgedächtnisses [74a, 108, 109, 117, 118] und positive Denkstörungen (im Alter von 9 Jahren) [119] scheinen Prädiktoren für den späteren Ausbruch einer schizophrenen Erkrankung zu sein. Bis heute gibt es aber keine kognitiven Vulnerability-Marker, um Risikopersonen für Schizophrenie mit Sicherheit zu identifizieren [120].
Affektiv fallen die späteren Schizophrenen als Kinder (rekonstruiert anhand von Videos aus der Kindheit) durch einen vermehrt negativen Affekt auf [121], durch Anhedonie [116], erhöhte Angstbereitschaft [46,77,90] und Depressivität [77,118].
In ihrem Verhalten sind die späteren Schizophrenen mit 9,5 Jahren auffälliger [49,64,82,122], eigenartig, seltsam oder exzentrisch, «peculiar» [79]. Sie sind teils stiller, introvertierter, schwunglos, tagträumerisch, einsamer, passiver, zwanghafter, weniger empfänglich für Lob und werden von Kameraden häufiger zurückgewiesen [118], teils sind sie störbarer, ablenkbarer, überreaktiv, können ihre Affekte schlechter steuern, sind aggressiver und bereiten disziplinarische Probleme [33,79,80,86,123].Aus vielen Studien geht hervor, dass mangelnde Sozialkompetenz prognostisch ungünstig ist [25,40,80,113,124,125]. – Lehrer erkennen sehr treffend die späteren Kranken [4,123,126]. – In der schwedisch-israelischen Rekrutenstudie waren folgende 4 Merkmale bei den späteren Schizophrenen signifikant gehäuft zu beobachten: hatte weniger als 2 Freunde, bevorzugte Kontakte in kleinen Gruppen, fühlte sich empfindsamer als andere, hatte keine ständige Freundin [73].
Schlechte Schulleistungen sind bei High-Risk-Kindern häufige Vorboten späterer schizophrener Erkrankung [118,127]. Spätere Schizophrene sind vor allem schlechter in den praktischen Fächern Sport und Handarbeiten, was für ein motorisches Defizit spricht (siehe oben die schlechteren Leistungen im Handlungsteil des Intelligenztests). Sie sind nicht schlechter in den intellektuellen Fächern. Auffallend ist, dass sie trotz guter Schulleistungen häufiger den Übertritt in höhere Schulen nicht schaffen, was vermutlich mit einer Akzentuierung der Störung in der Adoleszenz zusammenhängt [128]. Schulabbrüche sind ein im Hinblick auf spätere schizophrene Erkrankung prognostisch ungünstiges Zeichen [25,80].
Tests: Im MMPI erzielten spätere Schizophrene höhere Werte in den Skalen «Psychotizismus» und «Frequency» [9]. Die New Yorker High-Risk-Gruppe entwickelte aus dem MMPI eine Schizophrenia Proneness Scale, die sich als effizient bei der Vorhersage von Schizophrenia-Spektrum-Störungen erwies [129].
Psychotische Symptome in der Kindheit sind verdächtig für die spätere Entwicklung einer schizophrenen Erkrankung [118,130].
Drogenabusus ist mit einem höheren Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, korreliert. Dabei ist unklar, ob Drogenabusus per se ein ungünstiger Einflussfaktor oder mit Schizophrenie zusammen Ausdruck einer zugrundeliegenden Störung ist [77,82,131].
Zu all diesen Mangelbefunden stellt sich die Frage, wieweit sie wirklich Risikofaktoren darstellen oder ob sie selbst bereits frühe Anzeichen einer schizophrenen Erkrankung sind [132]. Zudem sind sie nicht spezifisch für Schizophrenie. Sie kommen auch bei anderen Krankheitsbildern und bei später Gesunden vor ([62]; [120]; [133], S. 111; [134]). Die meisten High-Risk-Kinder mit einem oder mehreren dieser Befunde werden später nicht schizophren. Diese Frage ist für die Frühbehandlung von grosser Bedeutung.

Umweltvariablen

Diese sind viel schlechter untersucht als die Variablen der Kinder [2] und sind auch kontroverser [42]. Beispiele für kulturelle Faktoren: Eine gemeinsam von pakistanischen und österreichischen Untersuchern durchgeführte vergleichende Studie ergab, dass in Pakistan erstgeborene Söhne ein deutlich grösseres Erkrankungsrisiko haben als nachfolgende Geschwister und Mädchen, während in Österreich die diesbezüglichen Zahlen keine Auffälligkeiten zeigen [135]. Schwarze im Südosten von London haben eine um so höhere Erkrankungsrate, je weniger Schwarze in dem Quartier wohnen [136]. High-Risk-Kinder, die in der Stadt geboren werden und aufwachsen, haben ein höheres Erkrankungsrisiko als solche, die in ländlicher Umgebung oder im Kibbutz aufwachsen [13,73,86,137,138].
Geburtsmonat: Im Winter (in der nördlichen Hemisphäre Februar/März) Geborene haben das grösste, im Sommer (August/September) Geborene das geringste Erkrankungsrisiko [13,139]. Geburtskomplikationen scheinen sich bei schizophrenen Frauen in den Wintermonaten zu häufen [35b].
Besonders hoher und besonders niederer sozioökonomischer Status der Eltern ist ein Risikofaktor [64,137,140].
Das Erkrankungsrisiko ist um so grösser, je stärker die genetische Ladung ist [21]. Kinder erkranken bereits in jüngerem Alter, als ihre Eltern erkrankt sind («Antizipation») [141].
Variablen des Vaters: Ein Alter der Väter bei der Geburt der Kinder von 55 Jahren und älter vergrössert das Schizophrenie-Risiko für die Kinder [142].
Variablen der Mutter: Früher Krankheitsausbruch bei der Mutter ist ungünstig für die Kinder [64], ebenso eine schwere Verlaufsform der mütterlichen Erkrankung. Ausgeprägter Cannabismissbrauch der Mutter erhöht das Schizophrenierisiko der Kinder [22]. Ein präpregnanter Body-Mass-Index (BMI) von über 30 ist assoziiert mit einem 2,9fach höheren Risiko, Kinder zu gebären, die später schizophren werden, als Mütter mit BMI von unter 20 [143].
Biologische Eltern von Schizophrenen leiden häufiger an psychischen Störungen als die Adoptiveltern von Schizophrenen, und diese häufiger als Adoptiveltern von Gesunden [144]. – Biologische und Adoptiveltern von Schizophrenen zeigen anhand von Rorschachprotokollen einen deutlich höheren CD(= communication deviance)-Index als Eltern einer Kontrollgruppe mit gesunden Kindern [145].
Weitere Risikofaktoren für die Kinder sind Konflikte zwischen den Eltern sowie das Fehlen von verlässlichen Aussenbeziehungen und Geschwistern [140].
Je mehr Pathologie aus dem Bereich des Schizophrenie-Spektrums bei den Eltern vorhanden ist, desto grösser ist für die Kinder nicht nur das Risiko zu erkranken, in um so jüngerem Alter erkranken sie auch [21].
Zu all diesen Befunden ist hinzuzufügen, dass sehr viele Kinder von psychotischen Paaren in psychischer Hinsicht relativ normal aufwachsen ([133], S. 69).
Unerwünschte Schwangerschaft, gemäss Befragung der Mütter bei der Geburt, gilt als Risikofaktor [146]. Schwangerschaftskomplikationen erhöhen das Schizophrenierisiko [33]. Dazu zählen Infektionskrankheiten der Mutter, Rh-Inkompatibilität, Traumata, Stress, Tod des Ehemannes, Depression und Preklampsie. Schädigungen, die die Mutter im 2. Trimenon treffen, können sich besonders gravierend auswirken.Antworten zu der Frage, wann das kritische Zeitfenster ist, haben Erfahrungen mit einer Reihe natürlicher Szenarien geliefert. So der Hunger in Holland im Winter 1944/45, die Grippeepidemien in Helsinki 1957/58 und 1993/94 und das Erdbeben in Tangshau in China 1976. Jahre später, wenn die Kinder, deren Mütter diesen Stressoren ausgesetzt gewesen waren, schizophren erkrankten, konnte man zurückrechnen, und es zeigte sich, dass Schädigungen im 6. Schwangerschaftsmonat ein besonders hohes Schizophrenierisiko für die Kinder bedeuten. Hirngebiete, die sich zu diesem Zeitpunkt in rascher Entwicklung befinden, scheinen besonders empfindlich zu sein (Übersicht bei [15]). Es gibt Hinweise, dass Vitamin-D-Mangel ebenfalls das Schizophrenie-Risiko erhöht [147]. Ein höheres Schizophrenierisiko bei diesen Komplikationen besteht aber nur für High-Risk-Kinder, nicht für Low-Risk-Kinder [148]. Ebenso riskant sind virale, besonders zerebrale Infekte (Röteln) der Kinder bis zur Adoleszenz [22].
Dasselbe gilt für Geburtskomplikationen, vor allem für Sauerstoffmangel. Sie erhöhen für High-Risk-Kinder, aber nicht für Low-Risk-Kinder, das Schizophrenierisiko [3, 15, 34, 35a, 63, 123, 148– 149b]. Ebenso wurde eine Relation gefunden zwischen Geburtskomplikationen und verminderter grauer Hirnsubstanz, auch dies nur bei späteren Schizophrenen und deren nicht erkrankten Geschwistern, nicht aber bei Gesunden [149c].
Frühe Trennung von den Eltern im 1. Lebensjahr erhöht das Schizophrenierisiko [15,64,123]. Dabei kommt es sehr auf die Qualität des späteren erzieherischen Milieus an [24,150,151,152,153,154].
Vergleicht man verschiedene Modalitäten des Aufwachsens, dann zeigt sich, dass das Erkrankungsrisiko bei Heimerziehung am grössten ist [15,150]. Heimerziehung erhöht für High-Risk-Kinder, nicht aber für Low-Risk-Kinder, das Risiko, später an Schizophrenie zu erkranken [148,150]. Auch Erziehung im Kibbutz erhöht das Erkrankungsrisiko gegenüber Aufwachsen in der eigenen Familie [73]. – An zweiter Stelle bezüglich Erkrankungsrisiko steht das Aufwachsen bei den schizophrenen Müttern [150]. Higgins et al. [155] fanden allerdings, dass Aufwachsen bei der schizophrenen Mutter das Erkrankungsrisiko der Kinder nicht erhöht. Erst an dritter Stelle bezüglich Schizophreniegefährdung steht das Aufwachsen bei normalen Adoptiveltern [150]. – Ein ausgeprägt instabiles Erziehungsmilieu in der Kindheit erhöht jedenfalls das spätere Schizophrenierisiko [123], ebenso wenn die Beziehungen zu beiden Eltern schlecht sind [156].
Die Arbeitsgruppe um Pekka Tienari in Helsinki stellte die Frage nach der Qualität der Adoptivfamilien. Sie untersuchte diese mit Interviews und Tests und fand wie in anderen High-Risk-Studien auch signifikant häufiger psychische Störungen bei den High-Risk-Kindern als in der Kontrollgruppe mit Low-Risk-Kindern, allerdings war dieser Unterschied nur in Familien mit gestörten Kommunikationsstrukturen zu finden. Als solche werden definiert: Konflikte zwischen Eltern und Kindern, fehlende Empathie, Brüche in der innerfamiliären Kommunikation, einengendes Milieu und Probleme mit Grenzen [151,152,154].
Tienari und Mitarbeiter fanden folgende Beziehungen [151,152,153,154,157]:
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Low-Risk-Adoptierte erkranken an Schizophrenie in gesunden Familien: 0%.
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Low-Risk-Adoptierte erkranken an Schizophrenie in dysfunktionalen Familien: 4,84%.
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High-Risk-Adoptierte erkranken an Schizophrenie in gesunden Familien: 1,49%.
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High-Risk-Adoptierte erkranken an Schizophrenie in dysfunktionalen Familien: 13,04%.
Die Zahlen sprechen für eine Interaktion von genetischen und Milieufaktoren. High-Risk-Adoptivkinder reagieren sensibler auf ein dysfunktionales Milieu, während ein gesundes Familienmilieu sie vor Erschütterungen zu schützen vermag ([133], S. 73).
Eine Teilstudie, die sich mit schizophrenen Denkstörungen befasste, zeigte, dass High-Risk-Kinder in kommunikationsgestörten Familien vermehrt schizophrene Denkstörungen entwickelten, Low-Risk-Kinder nicht. Umgekehrt entwickelten High-Risk-Kinder in Familien mit gesunden Kommunikationsmustern sogar weniger Denk-störungen als Low-Risk-Kinder [157]. – Mentzos zog daraus den Schluss, man sollte nicht von «Vulnerabilität» der High-Risk-Kinder, sondern von einer besonderen «Sensibilität» sprechen, die unter entsprechendem Einfluss sich zum Guten wie zum Schlechten entwickeln kann [158].
Untersucht wurde auch, ob es eventuell die High-Risk-Kinder sind, die in ihren Adoptivfamilien ein gestörtes Kommunikationsniveau verursachen [159]. Es zeigte sich, dass das Ausmass der Kommunikationsstörung in den Familien mit High-Risk-Kindern dasselbe war wie in den Familien mit Low-Risk-Kindern. Das heisst, es sind nicht die genetisch belasteten Kinder, die die Kommunikationsstörung «erzeugen» [157].– Aufgrund der heutigen Datenlage muss man demnach festhalten, dass Faktoren des gesellschaftlichen wie des familiären Umgebungsmilieus an der Entstehung der Schizophrenie mit beteiligt sind [160].
Mittlerweile kann man auch andersherum argumentieren: Anstatt zu untersuchen, ob Umweltfaktoren das Risiko, schizophren zu erkranken, erhöhen, findet man eine wachsende Beweislast, die zeigt, dass, wer schizophren wird, mit grosser Wahrscheinlichkeit in Kindheit und/oder Jugend in der Familie ein hohes Mass an Feindseligkeit [161], Kritik [162], eine Form von Misshandlung [163], Gehirntrauma [164] oder sonst ein Trauma psychischer oder physischer Art [165,166,167] oder Vernachlässigung [150,168,169] erfahren hat, von zuhause weggelaufen [170] oder in einem Heim aufgewachsen ist [150,159]. Misshandelte Kinder erkranken auch bereits in einem jüngeren Alter [171]. Wenn man, wie eben, sozusagen umgekehrt argumentiert, sieht man auch, dass verschiedene sogenannt biologische Schizophreniemarker, wie etwa der Defekt der Augenfolgebewegungen, eine signifikante Beziehung zu Missbrauch in der Kindheit haben [172]. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist, ob nicht Milieuvariablen früher oder später zu persönlichen Variabeln werden und ob das, was man als persönliche Variablen registriert, wirklich nur solche sind oder zugleich Ausdruck von Milieuvariablen, eine Korrelation, die aus der Erziehung und der Dressur bestens bekannt ist.
Protektive Faktoren: Durch Untersuchungen bestätigt ist, dass hohe Intelligenz für eine bessere Prognose spricht. Ungewiss ist, ob sie den Ausbruch der Krankheit verhindert [114,115]. Günstig sind das Aufwachsen in einer möglichst störungsfreien Familie, das Vorhandensein von beschützenden oder fördernden Erwachsenen sowie eine positive Beziehung zu den Eltern [156]. – Als günstig vermutet wird die Verfügbarkeit von stabilen Bindungspartnern (gesunde, nahe und engagierte Verwandte, Adoptiveltern), Entlastung, Unterstüt-zung, Behandlung der kranken Mütter und das Vorhandensein besonderer Fähigkeiten bei den Kindern, mit denen sie sich einen besseren Platz im Leben, bessere Behandlung, Chancen, Karriere usw. erwirken können [156].

Schlussfolgerungen

Das Unbehagen an der seinerzeitigen plakativen und wohl auch ungenügend differenzierten Anschuldigung der «schizophrenogenen Mutter» (Frieda Fromm-Reichmann 1948) wirkt immer noch nach und hat einen tiefsitzenden Abwehrreflex mobilisiert. Lange konnte man stereotyp hören, es gebe, wenn jemand schizophren erkrankt, keine Schuldigen. Neuere Forschung zeigt in differenzierter Weise wieder vermehrt kausale psychosoziale Zusammenhänge auf. Es ist zu hoffen, dass daraus nicht erneut eine Hexenjagd nach «Schizophrenieschuldigen» resultiert. Es wäre sicherlich unrealistisch und utopisch zu erwarten, dass unter genügend guten Bedingungen keine neuen schizophrenen Krankheiten entstehen. Verschiedene Autoren ([133], S. 73; [173]) ziehen in Erwägung, dass eine Empfänglichkeit für schizophrene Psychosen lediglich ein Extrem innerhalb der Bandbreite menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten darstellt, also etwas ist, das zum Menschsein gehört und deshalb nicht zum Verschwinden gebracht werden kann. Dennoch ist ein künftiges Schizophreniemodell nicht ganz ohne Verantwortlichkeiten vorstellbar. Für Menschen, die ein besonderes Risiko, schizophren zu erkranken, in sich tragen, scheint es günstigere und ungünstigere Lebensbedingungen zu geben, unter denen sie eher gesund bleiben können oder eher krank werden. Auf diesem Gebiet liegen für die Forschung noch spannende und sicherlich lohnende Fragen.

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