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1 January 2005

Was liest ein Psychiater zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Die Fachlektüre Hermann Rorschachs im Kontext seiner psychiatrischen und wissenschaftlichen Tätigkeit

and
1
Archiv und Sammlung Hermann Rorschach, Stadt- und Universitätsbibliothek, Bern
2
Bern
*
Author to whom correspondence should be addressed.

Abstract

The following article concerns the importance of scientific reading in the training of young psychiatrists at the beginning of the 20th century. The literature about it is scarce as we hardly find any clues given in biographies of outstanding psychiatrists of that period. In contrast the bequest of Hermann Rorschach (1884–1922) in the International Rorschach Archives in Berne is quite informative. Rorschach’s manifold interests ranged from psychiatry, pathology, psychology, psychoanalysis, heredity, sects, ecclesiastical history, mythology, mystics to theology. We report his extensive excerpts and reading notes from 1908 to 1920. Rorschach studied medicine mainly in Zurich. In the last semesters (1907/08) he attended lectures of C. G. Jung and Eugen Bleuler. From this time date extensive excerpts from psychiatric and psychoanalytic literature. After the attainment of his medical degree he applies for a residency in the cantonal asylum of Münsterlingen, where he soon begins to deal with Jung’s Association experiment. He fills many sheets with excerpts and obviously he is applying the Association test in his clinical practice. However, there are more topics which he is interested in, mainly the question of heredity, the psychology of hallucinations and psychoanalysis, which influences his diagnosing and therapeutic interventions. Additionally he is reading Freud’s writings. In 1910 he addresses to Eugen Bleuler several suggestions for his doctoral thesis: two psychoanalytic subjects, one on heredity and one on complicated reflex hallucinations. Bleuler agrees to the latter. From this day forth Rorschach studies the pertinent literature and excerpts from it. In 1912 he graduates with a dissertation on “reflex hallucination and kindred manifestations”. It is in this context that he for the first time makes experiments with inkblots. Afterwards he is concentrating on psychoanalysis. Between 1912 and 1914 he publishes several articles and reviews in Zentralblatt für Psychoanalyse. At the same time he is concerned with a work on tumours of the pineal gland. Before he leaves for Russia in December 1913, he enters the asylum of Münsingen near Berne, where he temporarily performs the work of a resident. Here he hears of a founder of a certain religious sect who was committed to this asylum from 1896 to 1901. Rorschach becomes very interested in that case and, consequently, in religious sects in general. After his return from Russia in July 1914 he occupies a position in the psychiatric university clinic in Berne. His interest in sects revives and he devotes much of his free time to the investigation of sects. He is gathering material, studying literature on sects, ecclesiastical history, theology, mythology, mystics. There are stored quite a lot of excerpts stemming from these studies in the Rorschach Archives. From 1915 onwards he holds a position of associate director in the asylum in Herisau. Besides his interest in sects he continues to engage in psychoanalysis. A never published manuscript of about 150 pages on a schizophrenic and many excerpts reveal his interest in the psychology of dementia praecox. In 1918 he resumes his tests with inkblots, experimenting with patients and normal people. Subsequently he elaborates his “Form interpretation test”, taking into account W. Sterns “Differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen”. The “Psychodiagnostik” was published in 1921, eight months before his sudden death.
Zur psychiatrischen Aus- und Weiterbildung eines jungen Arztes hat seit jeher die Fachliteratur gehört. Es ist indessen zu vermuten, dass sie während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur spärlich benutzt wurde. Die Ausbildung erfolgte ohne festen Plan, man wurde Assistent an einer psychiatrischen Klinik oder an einem Landeskrankenhaus, damals auch noch Irrenhaus genannt, und wurde dort in die Praxis eingeführt. Ein Hauptteil der Ausbildung bestand darin, dass man an der Visite teilnahm, die durch den Chef zelebriert wurde, oder dass man an einer sogenannten «Gemeinsamen» mit dem erfahrenen älteren Kollegen einen Fall besprechen konnte und musste. Diese Fallbesprechungen bildeten das eigentliche Rückgrat der psychiatrischen Ausbildung.
Wie stand es nun aber mit dem Literaturstudium? In den autobiographischen Berichten der führenden Psychiater jener Zeit finden sich merkwürdig wenige Angaben darüber, was sie gelesen hatten. Wir verweisen dazu auf das Buch «Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit?» [1], wo in einem Kapitel Autobiographien von Psychiatern unter anderem auch daraufhin untersucht wurden, inwiefern diese sich mit der damals einschlägigen Fachliteratur beschäftig haben. Selbst in der so ausführlichen Autobiographie von Max Müller [2], der auf viele Einzelheiten der Ausbildung eingeht, wird kaum etwas über die Lektüre berichtet, die ihm gestattet hätte, seine Kenntnisse zu festigen und zu vervollkommnen. Im Buch von Schoop-Russbült über den psychiatrischen Alltag in der Autobiographie von Karl Gehry [3] wird zwar über «Lektüre und berufliche Tätigkeit im Jahre 1908» berichtet, aber wir finden dort nur die Erwähnung eines Buches über Tierpsychologie sowie die Vorträge von Forel über die psychischen Fähigkeiten der Ameisen. Immerhin scheint Gehry, der die typische Laufbahn eines Schweizer Psychiaters durchlief, sich auch für die Freudschen Schriften interessiert zu haben. Wenn wir uns der gründlichen Auflistung sämtlicher Schriften zur Geschichte der Anstaltspsychiatrie von 1717 bis 1970 von H. Spiske [4] zuwenden, so finden wir ebenfalls nur ganz wenige und zu vernachlässigende Angaben über die Fachlektüre junger Psychiater.
Zum Glück gibt es eine Quelle, die uns ziemlich ausführlich Auskunft darüber geben kann, was ein in Ausbildung begriffener und später praktisch tätiger Schweizer Psychiater zwischen 1910 und 1920 an Fachliteratur gelesen hat. Es handelt sich um Hermann Rorschach (1884–1922), den Schöpfer des bekannten projektiven Tests, der unter seinem Namen zu Weltruhm gelangte. Hermann Rorschach wurde in Schaffhausen geboren, absolvierte sein Medizinstudium hauptsächlich in Zürich, arbeitete dann als junger Arzt in verschiedenen schweizerischen psychiatrischen Spitälern und während eines halben Jahres auch in Russland. Sein allzu früher Tod 1922 war ein grosser Verlust nicht nur für die Schweizer, sondern für die europäische Psychiatrie. Dies stellte unter anderen auch sein Doktorvater, der berühmte Eugen Bleuler, fest.
Als Quellen für die nachfolgenden Ausführungen dienten uns die im Rorschach-Archiv (RA) vorhandenen zahlreichen von Rorschach angefertigten Exzerpte, Briefe und Manuskripte. Zusätzlich Aufschluss gewährten uns die im Rorschach-Archiv aufbewahrten Fachbücher aus Rorschachs Bibliothek.
In seinen letzten zwei Studiensemestern (Wintersemester 1907/08 und Sommersemester 1908) hört Rorschach Bleulers Vorlesungen zur allgemeinen und speziellen Psychiatrie und psychiatrischen Klinik und Jungs Vorlesungen zur Psychopathologie der Hysterie und Psychotherapie. Aus dieser Zeit stammen umfangreiche handschriftliche Exzerpte zu Pinels «Philosophisch-medizinischen Abhandlungen» [5], Griesingers «Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten» [6] und Freuds «Zur Psychopathologie des Alltagslebens» [7]. Kraepelins zweibändige «Psychiatrie» [8] erwirbt er sich 1908 selbst, 1909 schafft er sich Ebbinghaus’ «Abriss der Psychologie» [9] an.Während der Semesterferien in den Jahren 1907 und 1908 macht Rorschach je eine 3wöchige Stellvertretung in der Rosegg, wo er sich praktische Erfahrung im psychiatrischen Krankenhaus erwirbt.
Im Sommer 1909 tritt er eine Assistentenstelle in der Thurgauischen Irrenanstalt Münsterlingen an, wo er sich offensichtlich schon bald mit dem Assoziationsversuch auseinandersetzt. Er füllt viele grossformatige Bogen mit handschriftlichen Exzerpten der von Jung herausgegebenen «Diagnostischen Assoziationsstudien» [10], die ab 1904 im Journal für Psychologie und Neurologie erschienen waren. Im Rorschach-Archiv findet sich das Protokoll eines Assoziationsexperiments mit einem Klinikpatienten und ein maschinengeschrie-benes Manuskript über einen Assoziationsversuch bei einer Dementia-praecox-Patientin, die Rorschach in mehreren Sitzungen eingehend exploriert hatte und auch frei assoziieren liess; beide Versuche sind auf 1910 datiert. Aber auch mehrere andere wissenschaftliche Themen finden sein besonderes Interesse. Im Vordergrund stehen die Heredität psychischer Störungen, die Psychologie der Halluzinationen und die Psychoanalyse. Ende 1909 schreibt er seiner Schwester, dass er «viel für sich arbeite, besonders über das Gebiet der Vererbung der Geisteskrankheiten». Das belegen auch die zahlreichen handschriftlichen Exzerpte über Heredität, die in dieser Zeit entstanden sein dürften.
Etwa zur gleichen Zeit beginnt sich Rorschach mit den sogenannten Reflexhalluzinationen zu befassen. Der Keim zu diesem Thema findet sich in einem Erlebnis, das ihn tief beeindruckt hatte. Im ersten klinischen Semester war er bei einer Sektion zugegen. In der folgenden Nacht hatte er einen Traum: Er fühlte, wie sich sein Gehirn in Transversalschnitte zerlegte. Diese Traumwahrnehmung rief in ihm Fragen wach:Wie kommt eine derartige physiologisch unmögliche Wahrnehmung zustande? Und wie ist es möglich, dass Wahrnehmungen von einem Sinnenbereich in einen anderen «übertragen» werden können, das heisst, wie kann zum Beispiel eine Folge optischer Eindrücke in eine Folge kinästhetischer «übersetzt» werden? Diese Fragen bilden die Hauptausgangspunkte seiner späteren Arbeit über Reflexhalluzinationen.
Das zweifellos durch Bleuler und Jung geweckte Interesse an der Psychoanalyse fliesst in Rorschachs psychiatrische Arbeit ein: Sowohl bei der Diagnosestellung wie bei therapeutischen Interventionen spielt der psychoanalytische Ansatz für ihn eine wichtige Rolle; davon zeugen ausführliche Dossiers über psychoanalytisch untersuchte und behandelte Patienten. Ergänzend dazu befasst er sich mit den Schriften Freuds, die er sich trotz seiner knappen finanziellen Mittel alle im gleichen Jahr 1911 kauft (Studien über Hysterie, Die Traumdeutung, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten).
Wie man sieht, sind Rorschachs Interessen vielfältig, und so wundert es nicht, wenn er im Herbst 1910 mit einem Schreiben an Eugen Bleuler gelangt, in dem er diesem gleich mehrere Vorschläge für seine Dissertation unterbreitet: zwei psychoanalytische Themen (Versuch einer Psychoanalyse bei einer Katatonie und eine psychoanalytische Untersuchung eines wegen Sittlichkeitsdelikten angeklagten Lehrers), ein Thema zur Heredität und schliesslich eines zu «komplizierten Reflexhalluzinationen», das von Bleuler als Dissertationsthema akzeptiert wird. Rorschach macht sich nun gezielt ans Studium der einschlägigen Literatur. Er exzerpiert Kahlbaum [11], Kandinsky [12], Goldstein [13], Bleuler [14], Storch [15], C. von Monakow [16], Loewenfeld [17] und viele andere Autoren wie z.B. Bechterew, Alzheimer und Jendrassik, die es zu berücksichtigen galt. Bezeichnenderweise schlägt er in seiner Dissertation auch eine Brücke zum Traum. In diesem Kontext geht er ausgiebig auf Mourly Volds zweibändiges Werk «Über den Traum» [18] ein, das er auf 5 Grossoktavseiten exzerpiert hatte. Natürlich wird auch die psychoanalytische Traumtheorie mit einbezogen (Freud, Ferenczi, Stekel, Abraham, Silberer). Dass er Bleulers «Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien» [19] gelesen hat, geht aus dem Text seiner Dissertation hervor. Im Zusammenhang mit seiner Dissertation macht Rorschach 1911 die ersten Klecksversuche mit Münsterlinger Patienten und mit Schülern eines mit ihm befreundeten Lehrers. Diese Versuche werden im Text aber nirgends erwähnt. Im Sommer 1912 übergibt er Eugen Bleuler seine Dissertation, die im gleichen Jahr in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie erscheint [20].
Es macht den Anschein, dass er sich anschliessend hauptsächlich der Psychoanalyse zuwendet. Er verfasst mehrere psychoanalytische Arbeiten für das Zentralblatt für Psychoanalyse, die zwischen 1912 und 1914 erscheinen. Literaturverweise finden sich in diesen Beiträgen kaum, einzig eine Arbeit von Abraham [21] und Jungs «Wandlungen und Symbole der Libido» [22] werden zitiert. Vom letztgenannten Werk ist ein 128 Seiten starkes handschriftliches Exzerpt vorhanden. In der gleichen Zeitschrift erscheinen von Rorschach zwischen 1913 und 1914 zahlreiche Kurzbesprechungen psychiatrischer Literatur, vor allem aus Aschaffenburgs «Handbuch der Psychiatrie» [23], das er zum Teil selber besitzt, aber auch der russischen Zeitschrift Psychotherapia. Ebenfalls im Jahr 1913 befasst er sich mit einer Arbeit über Pinealtumoren, die unter dem Titel «Zur Pathologie und Operabilität der Tumoren der Zirbeldrüse» [24] erscheint. Aus der Münsterlinger Zeit dürften auch die zum Teil ausführlichen handschriftlichen Exzerpte von Dubois’ «Psychoneurosen» [25], Hirschfelds «Sexualpathologie» [26] und diversen Artikeln zur «Moral insanity» stammen.
Bevor Rorschach Ende 1913 für ein halbes Jahr nach Russland reist, arbeitet er ein paar Monate in der Bernischen Kantonalen Irrenanstalt Münsingen. Dort stösst er auf die Krankengeschichte eines gewissen Johannes Binggeli, Begründer einer religiösen Sekte, der zwischen 1896 und 1909 in der Klinik hospitalisiert war. Dieser Fall weckt sein Interesse für das Thema Sekten und Sektierer, das ohne Zweifel schon seit seiner Begegnung mit einem russischen Sektierer in Dijon 1904 in ihm geschlummert hat. Das Thema wird ihn bis zu seinem Tod (1922) nicht mehr loslassen.
Zurück aus Moskau nimmt er eine Assistentenstelle in der Waldau an. Wie Walter Morgenthaler in seinen «Erinnerungen an Hermann Rorschach» [27] ausführt, beschäftigte sich Rorschach während seiner Waldauer Zeit (Juli 1914–Oktober 1915) fast ausschliesslich mit dem Sekten-Thema. Er begann, Material zu sammeln, Literatur über Sekten, Volkskunde, Mythologie, Kultur-, Religions- und Kirchengeschichte zu studieren und zu exzerpieren. Schon der Umfang des gesammelten Materials und die grosse Zahl von Exzerpten lässt darauf schliessen, in welchem Mass er von dieser Thematik fasziniert war. Auch wenn es nicht seine Arbeiten über Sekten und Sektengründer waren, die Rorschach weltberühmt machten, sollen hier doch einige Hinweise auf die von ihm exzerpierte Literatur folgen, die die Spannweite seiner Forschungen erahnen lassen. Die zum Teil sehr umfangreichen Exzerpte (bis zu 240 Seiten) gelten Hagenbachs 7bändiger «Kirchengeschichte» [28], Burckhardts «Die Kultur der Renaissance in Italien» [29], Rohdes «Seelenkult und Unsterblichkeit der Griechen» [30] und Werken mit Titeln wie «Die Reformation und die älteren Reformparteien» [31], «Das Alte Testament im Lichte des alten Orients» [32], «Die allgemeine Mythologie und ihre ethnologischen Grundlagen» [33] und «Die Mythen und Legenden der südamerikanischen Urvölker» [34], «Die Mysterien des Mithra» [35] und so weiter.
Ende 1915 übernimmt Rorschach die Sekundararztstelle an der Appenzell-Ausserrhodischen Heil- und Pflegeanstalt Herisau. Hier beschäftigt er sich weiter mit dem Sektenthema. Im November 1916 hält er an der Versammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte einen Vortrag über schweizerische Sekten und Sektengründer, in dem deutlich wird, wie sehr er sich in diesem Zusammenhang mit Mythologie, Kirchen- und Religionsgeschichte auseinandergesetzt hat.
Aber auch das Interesse an der Psychoanalyse scheint nicht zu ruhen. Im Rorschach-Archiv findet sich ein fast 150 Seiten umfassendes handschriftliches Manuskript über einen chronisch Schizophrenen aus dem Jahr 1917. Die Arbeit schliesst sich inhaltlich an die in den Jahren 1910–1914 veröffentlichen Arbeiten zur Psychologie der Dementia praecox aus der Zürcher Schule von E. Bleuler an (siehe dazu C. Müller 2004 [36]). Rorschach nimmt darin auch Bezug auf Freuds Arbeit über Schreber [37], von der er ein 24seitiges Exzerpt verfasst hat. Im gleichen Zusammenhang entstanden wohl auch die Exzerpte von Maeders «Psychologischen Untersuchungen an Dementia praecox-Kranken» [38] und Tausks «Über die Entstehung des ‹Beeinflussungsapparates› in der Schizophrenie» [39]. Wie aus dem Manuskript hervorgeht, hat sich Rorschach spätestens zu diesem Zeitpunkt ausgiebig mit Semons Werk «Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens» [40] befasst, zu dem ein 42seitiges handschriftliches Exzerpt vorliegt. Diese Tatsache ist insofern bemerkenswert, als Rorschach Semon später in seiner Psychodiagnostik nicht nennt, obwohl er Semons Begriffe «Engramm» und «Ekphorieren», die in seiner Wahrnehmungsauffassung eine zentrale Rolle spielen, von Semon übernimmt (wie es übrigens vor ihm Bleuler in seinem Lehrbuch der Psychiatrie getan hatte). Eifrig exzerpiert er auch aus dem von Bleuler und Freud zwischen 1909 und 1913 herausgegebenen Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Benutzt wird dazu die Schreibmaschine, die er spätestens seit 1918 in Gebrauch hat.
1917 erscheint die Dissertation eines Szymon Hens, die unter der Leitung von Bleuler ausgearbeitet worden war, mit dem Titel «Phantasieprüfungen mit formlosen Klecksen bei Schulkindern, normalen Erwachsenen und Geisteskranken» [41]. Es wird allgemein angenommen, dass dies Rorschach den Anstoss gab, seine 1911 begonnenen und dann beiseite gelegten Klecksversuche wieder aufzunehmen. In einem Brief vom 28.8.1918 schreibt er an von Monakow, er habe eine «Arbeit über Wahrnehmung und Auffassung bei Gesunden und Kranken im Gange», die er im Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie unterbringen möchte. Es handelt sich dabei um einen ersten Entwurf seiner späteren «Psychodiagnostik».
Parallel zur Beschäftigung mit dem Formdeutversuch verfolgt er die Sektenthematik weiter. An der Oktober-Versammlung 1918 des schweizerischen Vereins für Psychiatrie hält er einen zweiten Vortrag über schweizerische Sektenbildungen. Im folgenden Jahr referiert er gleich zweimal über seine Sektenforschungen.
Im gleichen Jahr spricht er vor den versammelten Schweizer Psychiatern erstmals über seinen Formdeutversuch, ein Jahr später vor der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Im Sommer 1920 übergibt er sein Manuskript dem Verleger Ernst Bircher in Bern, ein Jahr später erst erscheint die Arbeit unter dem Titel «Psychodiagnostik. Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments» [42].
Die Literaturverweise in der Psychodiagnostik sind spärlich. An zentraler Stelle wird aus Bleulers «Lehrbuch der Psychiatrie» zitiert, das Rorschach wohl gründlich gelesen hat.Wie intensiv er sich mit Jungs wechselnden Auffassungen von Introversion und Extraversion auseinandergesetzt hat, machen die von ihm zitierten Werke Jungs deutlich. Kurz vor der Fertigstellung seines Manuskripts wurde Rorschach auf Williams Sterns «Die Differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen» [43] aufmerksam. Etwas salopp schreibt er am 3. Mai 1920 seinem Freund Emil Oberholzer, dass er sein Manuskript «noch etwas nach der Sternschen Methodologie modeln» wolle.
Für Rorschach sind die in der Psychodiagnostik dargelegte Methodik des Formdeutversuchs und die daraus gewonnenen Ergebnisse nur etwas Vorläufiges, das ausgedehnter Untersuchungen und theoretischer Fundierung bedarf. Immer mehr wird ihm bewusst, dass er über die rein assoziationspsychologische Darstellungsweise hinauskommen und die damaligen Strömungen in der allgemeinen Psychologie (vor allem Eidetik und Gestaltpsychologie) in Betracht ziehen muss, wie ihm dies auch Ludwig Binswanger nahelegt. Andererseits hat er das Bedürfnis, seinen Versuch auf eine biologische Grundlage zu stellen, was, wie er einmal bemerkt, seiner eigentlichen Natur entspreche. Doch Rorschach bleibt keine Zeit für eine Wahl. Er stirbt acht Monate nach dem Erscheinen der Psychodiagnostik unerwartet an den Folgen einer Appendizitis.
Die von Rorschach verfassten Exzerpte und Kurzbesprechungen geben keinen Aufschluss, ob er das Gelesene positiv oder kritisch verarbeitet hat. Aus seinen Briefen geht jedoch hervor, dass er ein kritischer Leser war, der sich gründlich mit seinem Lesestoff auseinandersetzte und sich eine unabhängige Meinung bildete. So äussert er sich zum Beispiel durchaus kritisch zum 1919 erschienen Buch seines hochgeschätzten Doktorvaters Bleuler «Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung» [44]; er war allerdings nicht der einzige. Eine sehr differenzierte Beurteilung erfährt Jungs Werk «Psychologische Typen» [45], mit dem sich Rorschach während Monaten herumschlägt. Hohe Wertschätzung zollt er Binswangers «Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie» [46], und dass er Freuds Werke hoch über alle anderen psychoanalytischen Schriften stellte, erfahren wir ebenfalls aus seiner Korrespondenz.
Man kann sich fragen, weshalb Rorschach geradezu fanatisch exzerpiert hat. Hier mögen persönliche Charaktereigenschaften eine Rolle spielen (man eignet sich einen Stoff nur an, wenn man ihn schriftlich resümiert). Entscheidend dürften jedoch die äusseren Umstände gewesen sein: Fern von universitären Zentren und in bescheidenen finanziellen Verhältnissen lebend, war er gezwungen, die meisten Bücher auszuleihen und, um den Überblick zu behalten, eben zu exzerpieren. Überdies muss man bedenken, dass die Anstaltsbibliotheken damals noch recht spärlich dotiert waren. Um so bemerkenswerter ist es, dass die reichhaltige Palette seiner Fachlektüre dem entspricht, was aus heutiger Sicht zum damaligen Zeitpunkt weiterführend und massgeblich war.

Literatur

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  2. Müller M. Erinnerungen: erlebte Psychiatriegeschichte 1920–1960. Berlin usw.: Springer; 1982.
  3. Schoop-Russbült B. Psychiatrischer Alltag in der Autobiographie von Karl Gehry, 1881–1962 [Med. Dissertation; Zürich]. Zürich: Juris Buchverlag; 1989.
  4. Spiske H. Bibliographie zur Geschichte der Anstaltspsychiatrie. Neumünster: Wachholtz; 1975.
  5. Pinel P. Philosophisch-medizinische Abhandlungen über Geistesverwirrungen oder Manie. Wien: Schaumburg; 1801.
  6. Griesinger W. Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten. Stuttgart: Krabbe; 1845.
  7. Freud S. Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Berlin: Karger; 1904.
  8. Kraepelin E. Psychiatrie: ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte. 7., vielfach umgearb. Aufl. 2 Bde. Leipzig: Barth; 1903–1904.
  9. Ebbinghaus H. Abriss der Psychologie. 2. Aufl. Leipzig: Veit; 1909.
  10. Jung CG, Herausgeber. Diagnostische Assoziationsstudien: Beiträge zur experimentellen Psychopathologie. Journ Psychol Neurol 1904–1908.
  11. Kahlbaum KL. Die Sinnesdelirien. Allg Zeitschr Psychiatr 1866;23:1–86.
  12. Kandinsky V. Kritische und klinische Betrachtungen im Gebiete der Sinnestäuschungen. Berlin: Friedländer; 1885.
  13. Goldstein K. Zur Theorie der Halluzinationen. Arch Psychiatr 1908;44:584–655, 1036–106.
  14. Bleuler E. Extracampine Halluzinationen im Muskelsinn bei Geisteskranken und ihre klinische Bedeutung. Psychiatr-neurol Wochenschr 1903;5:261–4.
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  16. Monakow C von. Aufbau und Lokalisation der Bewegungen beim Menschen. In: Bericht über den 4. Kongress für experimentelle Psychologie, Innsbruck. Leipzig: Barth; 1910.
  17. Loewenfeld L. Die psychischen Zwangserscheinungen. Wiesbaden: Bergmann; 1904.
  18. Mourly Vold J. Über den Traum: experimentelle psychologische Untersuchungen. 2 Bde. Leipzig: Barth; 1910–1912.
  19. Bleuler E. Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. In: Handbuch der Psychiatrie: spezieller Teil. Leipzig usw.: F. Deuticke; 1911.
  20. Rorschach H. Über «Reflexhalluzinationen» und verwandte Erscheinungen [Med. Dissertation; Zürich]. Zeitschr Ges Neurol Psychiatr 1912;13:357–400.
  21. Abraham K. Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 1909;1:110–8.
  22. Jung CG. Wandlungen und Symbole der Libido. Leipzig usw.: Deuticke; 1912.
  23. Aschaffenburg G, Herausgeber. Handbuch der Psychiatrie. Leipzig usw.: Deuticke; 1911ff.
  24. Rorschach H. Zur Pathologie und Operabilität der Tumoren der Zirbeldrüse. Beiträge zur klinischen Chirurgie 1913;83:451–74.
  25. Dubois P. Die Psychoneurosen und ihre psychische Behandlung an der Universität Bern. Bern: Francke; 1905.
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  27. Morgenthaler W. Erinnerungen an Hermann Rorschach. Rorschachiana 6, Beihefte zur Schweiz Zeitschr Psychol 1958;35:5–11.
  28. Hagenbach KR. Kirchengeschichte von der ältesten Zeit bis zum 19. Jahrhundert. 7 Bde. Überarb. Gesamtausgabe. Leipzig: Hirzel; 1870–1886.
  29. Burckhardt J. Die Kultur der Renaissance in Italien. 5. Aufl. Leipzig: Seemann; 1896.
  30. Rohde E. Psyche: Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. 2. verb. Aufl. Freiburg i. Br. usw.: Mohr; 1898.
  31. Keller L. Die Reformation und die älteren Reformparteien. Leipzig: Hirzel; 1885.
  32. Jeremias A. Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients. Leipzig: Hinrichs; 1904.
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  34. Ehrenreich P. Die Mythen und Legenden der südamerikanischen Urvölker und ihre Beziehungen zu denen Nordamerikas und der alten Welt. Berlin: Asher; 1905.
  35. Cumont FVM. Die Mysterien des Mithra. 2. verm. u. verb. Aufl. Leipzig: Teubner; 1911.
  36. Müller C. Abschied vom Irrenhaus. Bern: Hans Huber; 2005.
  37. Freud S. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 1912;3:9–68.
  38. Maeder A. Psychologische Untersuchungen an Dementia praecox-Kranken. Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 1910;2:185–45.
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  41. Hens S. Phantasieprüfungen mit formlosen Klecksen bei Schulkindern, normalen Erwachsenen und Geisteskranken [Med. Dissertation; Zürich]. Zürich: Speidel und Worzel; 1917.
  42. Rorschach H. Psychodiagnostik: Methodik und Ergebnisse eines wahrnehmungsdiagnostischen Experiments (Deutenlassen von Zufallsformen). Bern usw.: Bircher; 1921.
  43. Stern W. Die Differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen. Leipzig: Barth; 1911.
  44. Bleuler E. Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung. Berlin: Springer; 1919.
  45. Jung CG. Psychologische Typen. Zürich: Rascher; 1921.
  46. Binswanger L. Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie. Berlin usw.: Springer; 1922.

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