«Psychiatrie im Wandel», der Titel der Originalarbeit von Braus und Henn vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (D), steht als Metapher für so vieles, das wir im Berufsalltag empfinden und erleben.Tradierte Vorstellungen, uns Dogma-ähnlich beigebracht, sind längst veraltet, fundiertes Wissen wird durch neue Erkenntnisse erschüttert usw. Besonders die beiden letzten Strophen im Gedicht «Stufen» von Hermann Hesse sind mir eine Hilfe, im Wandel zu bestehen:
«Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ... Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!»
Zurück zur eingangs zitierten Arbeit von Braus und Henn, die annehmen, Schizophrenie «könnte das Ergebnis einer Störung neuronaler Konnektivität bzw. Modularität sein». Die vorliegende Arbeit fasziniert, weil die Autoren es verstehen, uns ins Labor «mitzunehmen», teilhaben zu lassen an der funktionellen Kernspintomographie und ihren Überlegungen zu den Forschungsergebnissen. Bemerkenswert und sympathisch ist die Bescheidenheit der Autoren, die auch die Grenzen ihrer Methode aufzeigen. Mit ihrem Forschungsresultat bezüglich typischer und atypischer Neuroleptika, welch letztere «auf einen restaurierenden Effekt neuronaler Funktionen» hinweisen, wird ein direkter Bezug zur Arbeit aus Genf geschaffen:
Huguelet und Girardet (dieser zur Zeit der Untersuchung bei Janssen-Cilag AG angestellt) vergleichen Risperdal® und Zyprexa® bei der Behandlung von 312 hospitalisierten Schizophrenen. Nebenwirkungen scheinen etwas geringer unter Risperdal®, signifikant wird der Unterschied aber beim Preis: Bei gleicher Wirksamkeit beider Medikamente erweisen sich die Behandlungskosten mit Risperdal® um rund 2⁄3 günstiger als mit Zyprexa®. Im Hinblick auf die knappen Ressourcen im Gesundheitswesen lässt dieses Ergebnis aufhorchen, wobei die kürzlich bekanntgegebenen Einschränkungen der Anwendung von Risperdal® im Alter in der Kosten-Nutzen-Rechnung mitberücksichtigt werden müssen.
Ebenfalls aus dem Welschland, aus Lausanne, kommt die sehr sorgfältige Studie von Laget et al. über die Hospitalisierung Jugendlicher im Kanton Waadt. Die per Vormundschaft eingewiesenen Jugendlichen erleben die Hospitalisierung grösserenteils als günstig, denn 10 von 16 Patienten entschlossen sich zur Umwandlung in eine freiwillige Hospitalisation. Von den insgesamt 66 Jugendlichen konnten 83% nach 24 Tagen (mittlere Aufenthaltsdauer) gebessert entlassen werden, 44 Jugendliche würden ihren Freundinnen und Freunden bei Bedarf die Hospitalisation empfehlen – ein sehr erfreulicher Behandlungserfolg.
Zur Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie (AMSP) beschreiben Kolleginnen und Kollegen aus fünf Kliniken ihr länderübergreifendes Projekt: «Ziel ist die kontinuierliche Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen» bei hospitalisierten psychiatrischen Patienten. Das Projekt ist ein Beitrag zur Qualitätskontrolle, erweist sich aber auch «als Keimstätte vielfältiger Forschungsarbeiten».
In einem «Brief an den Herausgeber» äussert sich ein Forscher über viel Unangenehmes, das ihm im Zusammenhang mit Forschungspublikationen widerfahren ist. Wir haben Verständnis für seinen Unmut, können aber bezüglich Reviewer immerhin auf die seit diesem Jahr gültige Neuerung bei uns hinweisen: Die im Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie eingereichten Artikel werden von den Chefredaktoren anonymisiert und ohne Nennung der Autoren den Reviewern zur Prüfung übergeben.
Albert Erlanger, Zürich
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