Heidelberg: Springer; 2008. 4. überarb. und erw. Auflage. Gebunden, 970 Seiten, 391 Abb. Fr. 120.50 / € 69.–, ISBN 978-3-540-34684-5
Das «Zentralnervensystem des Menschen» von Nieuwenhuys, Voogd und van Huijzen – auf die Neuauflage des 1988 letztmals erschienenen «Atlas mit Begleittext» haben seine Anhänger lange gewartet. Das auch ins Deutsche übersetzte Buch wurde bei seinem Erscheinen 1978/1980 mit Begeisterung aufgenommen, von Studierenden und Dozierenden. Dies war der einzigartigen Qualität der Abbildungen geschuldet, die sowohl hinsichtlich Genauigkeit und didaktischen Gehalts als auch hinsichtlich des ästhetischen Anspruchs einen völlig neuen Blick auf das Gehirn eröffneten. In Halbtonzeichnungen von Originalpräparaten waren für jedes funktionelle System einzeln die Lage und Grösse von Kerngebieten und Bahnen dreidimen -sional rekonstruiert und in Schattenrisse des Gehirns so eingezeichnet, dass die räumlichen Verhältnisse vorstellbar wurden. Den Halbtonzeichnungen waren Diagramme gegen -übergestellt, die das aktuelle Wissen über die Verschaltungen zusammenfassten. Der (Begleit-)Text war gedrängt und wurde mit jeder Auflage komplexer, so dass die Akzeptanz bei den Studierenden abnahm, auch weil zunehmend didaktisch gut gegliederte Lehrbücher auf den Markt kamen.
Die nun nach 20jähriger Pause vorlie -gende 4. Auflage hat einen völlig anderen Charakter. Der Umfang des Werkes hat sich fast vervierfacht, von 250 Seiten auf 970 Seiten. Es liegt nun in gebundener Form vor und nicht mehr als zwar grossformatiges, aber angenehm handhabbares Paperback. Zahlreiche neue Abbildungen sind hinzu -gekommen, überwiegend konventionelle Strichzeichnungen. Die Beschränkung auf Grautöne ist gefallen, wenn auch moderat: Rot-Schattierungen werden eingesetzt, um komplexe Verhältnisse zu verdeutlichen. Die damals revolutionären und niemals übertroffenen Abbildungen der 1. Auflage sind nun in der Minderzahl. Vor allem aber handelt es sich nicht mehr um einen Atlas mit Begleittext, auch wenn im Vorwort der Anspruch erhoben wird, ein kompletter Atlas für die Bildgebung zu sein. Das leisten andere Werke besser. Nein, es liegt uns hier ein Handbuch der funktionellen Neuroanatomie des Menschen schwer im Arm.
In insgesamt 23 Kapiteln begeben wir uns zweimal auf eine tour de force durch das Gehirn: In der ersten Hälfte werden Topographie und die einzelnen Abschnitte des Gehirns abgehandelt, in der zweiten Hälfte werden die funktionellen Systeme besprochen. Das geschieht in einer angenehm schnörkellosen Sprache. Die Abhandlungen sind klar und umfassend, die Angaben sind zuverlässig. Herausragend ist das Kapitel «Neocortex», in dem auf knapp 200 Seiten alles Wissenswerte, das in den vergangenen 120 Jahren zur Gross -hirnrinde zusammengetragen wurde, dargestellt und kompetent bewertet wird.
Die Originalliteratur bildet die Grundlage der Ausführungen. Über 4000 Referenzen sind eingearbeitet – von den Anfängen der Anatomie bis zur aktuellen neurologischen, neurobiologischen und neurokognitiven Forschung. Die heute so beliebten Verweise auf Übersichtsartikel sind selten. Die Aktualität variiert verständlicherweise auf Grund des Umfanges dieses Werkes. In den meisten Kapiteln ist die Originalliteratur bis 2004 abgedeckt, in Feldern, in denen die Autoren eigene Forschungen durchgeführt haben (Hypothalamus, Cerebellum), und im Kapitel «Neocortex» sind Zitate bis 2007 vorhanden.
Das einzige inhaltlich und im Umfang vergleichbare Werk ist «The Human Nervous System», von G. Paxinos ediert (2004 in 2. Auflage bei Academic Press erschienen), in dem Spezialisten die einzelnen Kapitel verfasst haben. Im hier besprochenen Buch fehlt die Unruhe des Multiautorenbuches, und es wird eine konsistente Gesamtschau geboten.
Für wen ist dieses Buch geschrieben? Werden «apprentices and specialists in the neurological sciences» es lesen? Für den Medizinstudenten ist es sicher zu detailliert, und das völlige Fehlen didaktischer Hilfen wird ihn abschrecken. Für die gestresste Ärztin und/oder Wissenschaftlerin sind die aktuellen Übersichtsartikel in den einschlägigen Review-Journalen billiger und zeitnäher zu erhalten und helfen durch die Strukturierung des Textes mittels unterschiedlicher Schriftgrössen, Rahmungen und Farbgebungen effizient die benötigte Information – und nichts darüber hinaus – zu extrahieren. Es bleiben die Universitätslehrer, die Vorlesungen erarbeiten, die Lehrbücher schreiben und diese aktualisieren möchten, oder die wissenschaftshistorisch Interessierten.
Das Werk ist gut verständlich geschrieben, es ist eine Fundgrube an Zitaten und kann auch dem Fachfremden als zwar zeitauf -wendiger, aber umfassender Einstieg in den aktuellen Wissensstand über Aufbau und Funktion des Gehirns des Menschen empfohlen werden. Der – berücksichtigt man Umfang und Ausstattung – niedrige Preis mag bei der wünschenswerten Verbreitung dieses Buches helfen.
C. Nitsch, Basel
This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution Non-Commercial No Derivatives (CC BY-NC-ND) 4.0 License.