Stuttgart: Kohlhammer; 2007. Gebunden, 324 Seiten, 13 s/w Abb. € 28.–, ISBN 978-3-17-019291-1
Mit diesem neuen Buch des Heidelberger Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs meldet sich die Phänomenologie, von der die Psychiatrie in früheren Jahrzehnten so viel profitierte, wieder als eine wichtige, wenn nicht gar führende Stimme in der heute zentralen Auseinandersetzung um die Bedeutung neurobiologischer Erkenntnisse zurück.
Während Fuchs in Teil A eine «Kritik des neurobiologischen Reduktionismus» vorlegt, entwickelt er in Teil B eine eigene Theorie des Gehirns als «Vermittlungsorgan».Die leitende Frage ist in beiden Teilen dieselbe: Wie muss man das Gehirn anthropologisch fassen, um seine faszinierenden Leistungen angemessen würdigen zu können? Und umgekehrt: Wie lassen sich die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Hintergrund eines personalen Menschenbildes angemessen interpretieren?
Schon in Teil A, wo er der Frage nachgeht, ob die erlebte Welt und die eigenen subjektiven Erfahrungen nur Konstruktionen des Gehirns darstellen oder eine irreduzible eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit haben, verlässt Fuchs ausgetretene Argumentationspfade. Denn statt einfach Partei zu nehmen, zeigt er, dass beide Parteien den subjektiven Idealismus beerben und deshalb immer schon einem Kurzschluss aufsitzen.Der Kurzschluss liegt in der Entgegensetzung von Gehirn und Geist, von materiell-physikalischen und immateriell-mentalen Prozessen. Manch Leser wird sich (wie ich) wundern, warum auch die Vertreter eines rein naturalistischen Menschenbildes, welche Subjekt, Bewusstsein und Willensfreiheit für pure Illusionen erachten, im subjektiven Idealismus verwurzelt sein sollen.Doch Fuchs’ Erklärung hat mich überzeugt: Nur wenn man das Mentale als immateriell ansetzt, kann man es in einem zweiten Schritt zum blossen (trügerischen) Epiphänomen von Hirnprozessen erklären. Was bei der heutigen Gehirn-Geist-Kontroverse grundsätzlich übersprungen wird, ist der lebendige Leib.An dieser Leibvergessenheit krankt auch das Bemühen, der verdinglichenden 3.-Person-Perspektive eine nicht darauf rückführbare 1.-Person-Perspektive entgegenzusetzen, weil dabei nur das subjektive innere Erleben im Blick ist.
Fuchs vermeidet es darum, verdinglichend von «der Seele» oder «dem Bewusstsein» zu sprechen, und thematisiert stattdessen seelische bzw. bewusste Lebensvollzüge. In dieses Ganze des Lebensvollzuges gehört auch das Gehirn: «Das Gehirn ist für sich nur ein Fragment». Seine faszinierenden Leistungen lassen sich erst richtig würdigen, wenn man begreift, dass es diese nicht für sich allein, sondern nur als «Organ des Leibes» und das heisst «eingebettet» in den ganzen lebendigen Organismus erbringt. Als solches ist es zwar die notwendige Bedingung für alles subjektive Erleben und also das zentrale «Organ der Möglichkeiten», aber Ermöglichung und Erzeugung sind nicht dasselbe: Hirnprozesse ermöglichen zwar unser seelisch-geistiges Leben, aber sie erzeugen es nicht. Doch Fuchs begnügt sich nicht mit dem Nachweis, dass es der heutigen Gehirn-GeistDebatte an einem angemessenen Leibverständnis mangelt, sondern stellt in Teil B ein eigenes Leibkonzept vor, das dieses Manko beheben soll. Er nimmt dafür philosophische Ansätze von Edmund Husserl, Maurice Merleau-Ponty und Helmuth Plessner auf und verbindet sie mit Ergebnissen der Biologie und Systemtheorie. Es ist—so der Ausgangspunkt—nicht das Gehirn, das zwischen Geist und Körper vermittelt, sondern der lebendige Leib vermittelt zwischen Gehirn und Geist.
Der lebendige Leib in seiner Einheit aber so der Kerngedanke—hat einen Doppelaspekt, er zeigt sich uns je nach Einstellung, die wir ihm gegenüber einnehmen, als «Leib» qua «lebendige Mitte und Medium des Lebensvollzugs» oder aber als «Körper», der auf seine physikalischen Prozesse hin zerlegbar und erforschbar ist. Diese beiden Einstellungen, die phänomenologisch-lebensweltliche hier, die naturalistische dort, bringen Erkenntnisse über den Leib-Körper, die zueinander komplementär sind. Wichtig ist hier die Einsicht, dass es auch dann, wenn man an die Stelle des cartesianischen LeibSeele-Dualismus den lebendigen Leib als «primäre Entität» setzt, keine «Rückkehr zu einer prädualistischen Idylle» geben kann.In überaus differenzierten Analysen zeigt Fuchs, dass beide Einstellungen wohl ineinander verschränkt, aber nicht aufeinander rückführbar sind. Es gibt «die» Methode, welche uns das «eigentlich Wirkliche» des Leibes zu enthüllen vermöchte, nicht. Statt also dem tiefsitzenden Bedürfnis nach Eindeutigkeit immer wieder nachzugeben, sollten wir dessen Unerfüllbarkeit akzeptieren. Denn in der unauflösbaren Dualität von Leib und Körper spiegelt sich die grundsätzlich «ambivalente, konflikthafte Gestalt unserer Existenz».—Das «aspektdualistische» Leibkonzept von Fuchs macht es möglich, die für die Psychiatrie unverzichtbaren Erkenntnisse der Neurobiologie zu würdigen, ohne sie zu mythologisieren.
Das Buch fasziniert von der ersten bis zur letzten Seite, und das nicht nur, weil der Inhalt hochaktuell ist, sondern auch, weil der Autor es versteht, seine Gedanken so klar vorzutragen, dass man als Leser am Denkprozess teilnehmen und also eine eigene Denkerfahrung machen kann. Fuchs ist Phänomenologe im besten Sinne des Wortes, insofern er sich ganz auf intellektuelle Redlichkeit verpflichtet: kein verwendeter Begriff, der nicht expliziert wird, keine Kritik, die nicht auf fundierter Sachkenntnis beruht und detailliert begründet wird, keine eigenen Überlegungen, die nicht Schritt für Schritt argumentativ entwickelt und selbstkritisch auf mögliche Einwände hin diskutiert werden. Das Buch ist für all jene geschrieben, die sich angesichts des hochkomplexen Themas nicht mit einfachen Lösungen und Schlagworten begnügen wollen.
A. Holzhey-Kunz, Zürich
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