Bings Biographie
Robert Bing war eine der prägenden Persönlichkeiten der Neurologie in der Schweiz und einer der Gründer der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft. Sein Vater, Berthold Bing, stammte aus Bayern, verlegte seinen Wohnsitz später nach Strassburg und zog mit der Familie 1888 nach Basel. Seine Mutter, Valérie Guggenheim, stammte aus Lengnau im Aargau, also aus der Schweiz. Robert Bing selber wurde am 8.5.1878 in Strassburg geboren. Er wurde dort eingeschult und besuchte auch ein Jahr lang die Primarklasse des protestantischen Gymnasiums in Strassburg. In Basel besuchte Bing dann das humanistische Gymnasium. Er war zweisprachig, ausserordentlich begabt und bestand im Frühjahr 1896 seine klassische Maturität. Anschliessend an die Maturität begann er sein Medizinstudium in Basel, das er bereits 1901, also erst 23jährig mit dem Staatsexamen abschloss. Seine Praxis hatte er an der Waldstrasse 1, später am Tiergartenrain 1 in Basel.
Er hat nie geheiratet, lebte mit seiner Mutter zusammen, für die er rührend sorgte. Er selber verstarb in der Nacht vom 14./15.3.1956 im Alter von 78 Jahren wohl an einem Herzschlag.
Bings Familie, auch seine Mutter, eine geborene Guggenheim, war jüdisch. Er hat sich auch durchaus zu seiner jüdischen Zugehörigkeit bekannt. Andererseits fällt bei der Betrachtung seiner Biographie und seiner beruflichen Karriere auf, dass nirgends Hinweise für eine spezielle Nähe zum Judentum vorhanden sind. Auch ist er nicht auf dem Israelitischen Friedhof in Basel, sondern auf dem Wolfgottesacker beigesetzt worden. Man muss also folgern, dass für Robert Bing seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und zur jüdischen Religion sich in seinem Alltag und seinem Wirken nicht in einer für uns fassbaren Weise ausgewirkt hat.
Figure 1.
Robert Bing (1878–1956).
Bings Akademische Karriere
Nachdem Robert Bing 1901 als 23jähriger das Staatsexamen in Basel – mit einem Studiensemester in Strassburg – absolvierte hatte, verfasste er eine Dissertation mit dem Titel «Ueber angeborene Muskeldefecte» [1]. Das Doktordiplom wurde ihm am 30.11.1902 verliehen. Nach dem Staatsexamen bildete er sich zunächst in Basel in pathologischer Anatomie und innerer Medizin aus. Anschliessend, in den Jahren 1902 bis 1905, bildete er sich im Ausland weiter. Er war beim Hirnphysiologen Hermann Munk in Berlin, dem Neuropathologen Ludwig Edinger in Frankfurt am Main, dem Neurochirurgen Victor Horsley in London und bei den Klinikern Dejerine und Babinski in Paris. Auf diese Weise erwarb er sich eine vielseitige neurologische Ausbildung.
1905 nach Basel zurückgekehrt, liess er sich als Nervenarzt nieder. Schon 2 Jahre später habilitierte er sich. Der Titel seiner Habilitationsschrift lautete: «Bedeutung des spinozerebellären Systems». Die Habilitation erfolgte am 21.3.1907. Im gleichen Jahr begründete er zusammen mit Emil Villiger auf eigene Rechnung ein «Nervenambulatorium», das in Basel bis 1954 bestand. Das Ambulatorium war ursprünglich an der Hebelstrasse 1. Die Sprechstunde dieses Ambulatoriums wurde schliesslich 2mal wöchentlich in den Räumlichkeiten der Medizinischen Poliklinik abgehalten. Es ist dies zwar nicht das älteste Nervenambulatorium in der Schweiz, hatte doch Constantin von Monakow 1887 in Zürich ebenfalls auf privater Basis eine solche Institution begründet. In Basel allerdings war es die erste derartige Institution. Das private Nervenambulatorium Bings wurde dann erst 1916 in die Medizinische Universitätspoliklinik offiziell eingegliedert. Bing hielt dort 2mal 2 Stunden pro Woche eine neurologische Sprechstunde.
Schon bald nach seiner Habilitationsschrift veröffentlichte Bing 1909 die erste Auflage seines Kompendiums der topischen Gehirn- und Rückenmarkdiagnostik [2]. Bereits 1913 erschien auch die erste Auflage des Lehrbuches der Nervenkrankheiten [3]. In 30 Vorlesungen schilderte er die einzelnen Kapitel. Es waren wohl diese seine vielbeachteten Bücher, die Robert Bing weit über die Landesgrenze hinaus bekannt machten. Die ersten Auflagen hatte er in Deutschland bei Urban und Schwarzenberg veröffentlicht, bis dann – wohl auch im Hinblick auf die Kriegsereignisse – der Benno Schwabe Verlag in Basel 1945 die 12. Auflage des Kompendiums und im gleichen Jahr die 7. Auflage des Lehrbuchs der Nervenkrankheiten herausgab. Später erschien im gleichen Verlag das gemeinsam mit Roland Brückner verfasste Werk über «Gehirn und Auge», von dem 1954 die 3. und letzte Auflage erschien [4]. Insgesamt sind vom Kompendium 14 und vom Lehrbuch 9 Auflagen erschienen. Von den beiden Hauptwerken Bings sind auch zahlreiche Übersetzungen erschienen.
Bing war nicht nur ein wortgewandter Autor, vielbeachteter Referent und hochgeschätzter Konsiliarius, er war auch ein überzeugter Förderer des Nachwuchses. Nebst rund 200 eigenen wissenschaftlichen Publikationen und den bereits erwähnten Lehrbüchern hat er auch alles in allem etwa 250 Dissertationen betreut. Im Jahre 1935 waren es deren 20, im Jahre 1936 sogar 36 Dissertationen, die in einem einzigen Jahr unter seiner Leitung geschrieben wurden.
Übrigens ist es interessant festzustellen, wie Bing bis gegen Ende seines Lebens seine offizielle geschäftliche Korrespondenz mit dem Verlag handschriftlich erledigte. Er bediente sich auch im Deutschen sehr höflicher, an das Französisch erinnernder Formulierungen, wie z.B. «Ihre freundliche Rückäusserung im Voraus bestens verdankend verbleibe ich in vollkommenster Hochachtung Ihr sehr ergebener – Bing».
Im Regierungsratsbeschluss vom 2.2.1918 wurde zwar die Beförderung zum Extraordinarius ausgesprochen, jedoch nicht ein Lehrauftrag erteilt. Die Beförderung zum Ordinarius wurde durch Regierungsratsbeschluss vom 12.4.1932, damals wiederum ohne einen begleitenden Lehrauftrag, dekretiert. Der Lehrauftrag wurde dann erst mit einem Regierungsratsbeschluss vom 23.7.1937 erteilt, im Sinne eines «Lehrauftrages für Neurologie». Er wurde dann auf den 30.9.1948 (seinen Rücktritt) von diesem Lehrauftrag entbunden.
Während der Jahre 1914 bis 1918 war Bing übrigens als Oberleutnant in der Armee tätig. Er tat dies mit Begeisterung, und das Bild des damaligen Generals Ulrich Wille hatte neben dem Bild seiner Mutter auf seinem Schreibtisch einen Ehrenplatz.
Bing erfuhr auch viele Ehrungen: Die Universität Lüttich verlieh ihm den Ehrendoktor, er wurde Ehrenmitglied der königlich-belgischen Akademie der Medizin, er war Ehren- und korrespondierendes Mitglied zahlreicher in- und ausländischer Gesellschaften, Ritter der französischen Ehrenlegion und des belgischen Kronenordens, Ehrenpräsident der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft seit 1927 und war 1931 Vizepräsident des Internationalen Neurologenkongresses in Bern.
Seine Sprachkenntnisse waren perfekt in Deutsch und Französisch, sehr gut in Italienisch und Englisch, er korrespondierte sogar in Spanisch, und Griechisch und Latein waren ihm dauernd gegenwärtig. Die Bibel las er in Hebräisch.
Bing und die Verselbständigung der Neurologie
Der Kampf um die Selbständigkeit der Neurologie, im wesentlichen also um die Ablösung als Lehrfach und als Spezialfach von der Inneren Medizin, hatte auch in der Schweiz eine lange Vorgeschichte. Darauf ist an anderer Stelle in diesem Heft eingegangen worden [5].
Als Nachtrag eines Textes von Veraguth [6] wurde eine von Bing verfasste Resolution der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft abgedruckt: «Nach reiflicher Überlegung hat der Vorstand der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft in seiner ausserordentlichen Sitzung vom 25.6.1911 den Inhalt des Referates von Herrn Dr. Veraguth gutgeheissen und erklärt sich mit dessen Vorschlägen und deren Motivierungen solidarisch.»
Bing und die Schweizerische Neurologische Gesellschaft sowie das Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie
Am 25-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft erklärte an deren 38. Versammlung am 18.11.1933 Charles Dubois, der Sohn des Mitbegründers der SNG Paul Dubois, in Bern, dass er Zeuge gewesen war, als Robert Bing seinen Vater aufgesucht hatte und diesem den Vorschlag machte, mit von Monakow zusammen die Gründung der Gesellschaft in die Hand zu nehmen. Bing war also der eigentliche Initiator für die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft. Der erste Schritt für die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft war dann das Treffen eines Initiativkomitees von 10 Männern am 15.11.1908 im Bahnhofbuffet in Olten. Robert Bing fungierte als Schriftführer. Bing wurde dann an der 16. Versammlung in Solothurn am 15.11.1919 zum Präsidenten gewählt. Er stand der Gesellschaft bis 1922 vor und wurde 1927 zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Der Bing-Preis der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften
Bing starb 1956 kinderlos und über nähere Verwandte ist uns nichts bekannt. Er selber hatte seine Mutter, anlässlich von deren Hinschied, als die letzte seiner näheren Verwandten [7] bezeichnet. Bing hinterliess seinen Besitz im Testament der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Damit verbunden war die Auflage, einen Preis regelmässig zu vergeben. Der Wortlaut war:
Das Erbe hat die Akademie zur Schaffung eines meinen Namen tragenden, separat zu haltenden und zu verwaltenden Fonds zu verwenden, mit dem Zweck, Autoren hervorragender Arbeiten, welche Erkennung, Behandlung und Heilung der Nervenkrankheiten gefördert haben, durch Prämierung aus den Erträgnissen zu weiterer Forschung zu ermutigen. Unter Nervenkrankheiten verstehe ich die in meinem ‹Lehrbuch der Nervenkrankheiten› behandelten Affektionen; mit Ausnahme der in den Kapiteln 27 bis 29 besprochenen Leiden (‹Psychoneurosen›, welch letztere sich als neurologisch-psychiatrische Grenzgebiete qualifizieren). Die Leistungen des Fonds, welcher nach Bedarf (und nicht notwendigerweise alljährlich) auszurichten sind, sollen in erster Linie Schweizern zukommen. Doch können auch Belgier, Briten, Franzosen, Niederländer und Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika bedacht werden [8].
Es ist zu vermuten, dass der im Jahre 1956 verstorbene Schweizer jüdischer Herkunft bei der Umschreibung der potentiellen Nutzniesser seiner Stiftung die Rolle der Nationen in den zwei Weltkriegen mitberücksichtigt hat.
Schlussbemerkungen
Robert Bing verdient unsere Anerkennung und Bewunderung aus zahlreichen Gründen: Als in die Schweiz Eingewanderter hat er wie so viele Immigranten Wesentliches zur Entwicklung und zum Fortschritt in unserem Lande beigetragen. Er hat auch durch seine Sprachkompetenz die Brücken zwischen den drei Sprachregionen der Schweiz und auch die Verbindungen zum Ausland gepflegt und ausgebaut. Er war nicht nur ein vorzüglicher Fachgelehrter und Vertreter unseres Faches, sondern ein hochgebildeter und vielseitig interessierter Mann.
Robert Bing war nicht nur ein kenntnisreicher Arzt, hochgeschätzter Konsiliarius und Gutachter, er war auch ein überzeugter und begeisterter Lehrer. Letztere Funktion übte er auch mit überdurchschnittlichem Geschick und Erfolg aus, und seine Lehrbücher haben Generationen von Neurologen damals geprägt. Möge er als Vorbild auch heute noch Massstab für unsere Generation und spätere sein.
References
- Bing, R. Ueber angeborene Muskeldefecte. Arch. Pathol. Anat. Physiol. Klin. Med. 1902, 170, 175–228. [Google Scholar] [CrossRef] [Scilit]
- Bing, R. Kompendium der Topischen Gehirnund Rückenmarkdiagnostik; Urban und Schwarzenberg: Berlin, Germany; Wien, Austria, 1909. [Google Scholar]
- Bing, R. Lehrbuch der Nervenkrankheiten; Urban und Schwarzenberg: Berlin, Germany; Wien, Austria, 1913. [Google Scholar]
- Bing, R.; Brückner, R. Gehirn und Auge, 3rd ed.; Benno Schwabe: Basel, Switzerland, 1954. [Google Scholar]
- Mumenthaler, M. Die Neurologie in der Ausbildung des Schweizer Arztes. Schweiz. Arch. Neurol. Psychiatr. 2008, 159, 265–266. [Google Scholar]
- Veraguth, O. Der neurologische Unterricht an den schweizerischen Universitäten. Corresp. Schweiz. Aerzte 1911, 20, 696–708. [Google Scholar]
- Haymaker, W. Robert Paul Bing, 1878–1956. AMA Arch Neurol Psychiatry 1956, 76, 508–510. [Google Scholar] [CrossRef] [Scilit] [PubMed]
- Zitat aus dem Originaldokument. Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften: Basel, Switzerland.
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