Geschichte besitzt so wenig einen Anfang wie ein Ende. Dieses Motto könnte als Untertitel für die Neurologie am Kantonsspital Aarau verwendet werden.
Mit dem 1.10.1979 wurde aus einer neurologischen Abteilung die Neurologische Klinik des Kantonsspitals Aarau, das seinerseits auf seine Gründung im Jahr 1887 zurückblicken kann. Am 1.10.2009 wird die Neurologische Klinik voraussichtlich ihr 30jähriges Bestehen feiern dürfen.
Die Anfänge liegen jedoch viel weiter zurück, obwohl sie schlecht dokumentiert sind. Meist wird die Neurologie als Abteilung der Inneren Medizin gesehen. 1964 wurde jedoch zunächst der erste konsiliarisch tätige Neurologe am Kantonsspital angestellt. Es brauchte 10 Jahre, bis die Absicht, eine Spezialdisziplin Neurologie aufzubauen, zum 1.1.1974 mit der Berufung von Dr. Erlo Esslen (Abbildung 1) zum leitenden Arzt realisiert werden konnte. Zuvor im Jahr 1973 wurde der neurologische Dienst vom frisch gewählten leitenden Arzt für Neurochirurgie, PD Dr. Ch. Probst, ad interim übernommen. Dr. Erlo Esslen stand zunächst einer neurologischen Abteilung der inneren Medizin vor. Erst 1979 wurde aus der neurologischen Abteilung eine Neurologische Klinik. Dr. Erlo Esslen habilitierte in Zürich und wurde 1981 zum Titularprofessor ernannt. Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Elektromyographie und die Fazialisdiagnostik. Er leitete eine Klinik, die er mit einem Oberarzt (1. Oberarzt Dr. F. Farago) und einem Assistenten (seit 1986 zwei Assistenten) führen musste. Im Jahr vor seinem unerwarteten Tod 1986 wurden 400 stationäre und über 4000 Konsilien und ambulante Untersuchungen durchgeführt.
Abbildung 1.
Erlo Esslen 1922–1986, Kantonsspital Aarau.
PD Dr. Klaus Hess (Abbildung 2) wurde zu seinem Nachfolger gewählt. Er übernahm eine Klinik, die in den folgenden Jahren immer wieder räumlich und personell an ihre Grenzen gelangte. PD Dr. Klaus Hess hatte seinen wichtigsten klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkt auf dem Gebiet des vestibulären Systems, vertrat darüber hinaus jedoch die gesamte klassische Neurologie. 1990 wurde PD Dr. Klaus Hess zum Titularprofessor an der Universität Zürich ernannt. Er baute die Klinik langsam, aber stetig aus. 1994 wurde er zum Ordinarius für Neurologie an der Universität Zürich berufen. Die Neurologische Klinik umfasste zu dieser Zeit neben dem Chefarzt 3 Oberärzte, 31⁄2 Assistenten, drei technische Assistentinnen und zwei Sekretärinnen. Die Bettenzahl auf der Abteilung betrug etwa 13 Betten.
Abbildung 2.
Klaus Hess *1942, Kantonsspital Aarau.
Bis zum Antritt von Prof. Dr. U. W. Buettner (Abbildung 3) am 1.1.1995 als Nachfolger von Prof. Dr. K. Hess leitete ad interim Dr. H. Hungerbühler (ab 1.7.1995 Leitender Arzt) die Geschicke der Klinik. In den folgenden Jahren ist es zu einer weiteren stetigen Entwicklung der Neurologischen Klinik gekommen, die zumindest zum Teil auch der raschen technisch-revolutionären Entwicklung mit Computertomographie, Magnetresonanztomographie, Positronen-Emissionstomographie und zahlreichen weiteren diagnostischen und therapeutischen Neuerungen zu verdanken ist.
Abbildung 3.
Ulrich Buettner *1947, Kantonsspital Aarau.
Schrittmacher der später rasanten Entwicklung der Neurologie in Aarau war ohne Zweifel das Engagement der Neurologie für neurologische Notfallpatienten und damit auch das zunehmende Interesse für den Schlaganfall. Die Spitalpolitik förderte diese Entwicklung durch die konsequente Duldung von Notfallaufnahmen ohne Bindung an gewachsene Abteilungsstrukturen. Für Aarau ist die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Internisten, Neurochirurgen, Neuroradiologen und Intensivmedizinern geradezu kennzeichnend. Ein durchstrukturiertes Neurozentrum oder Kopfzentrum konnte jedoch nicht aufgebaut werden, obwohl es von den Beteiligten ernsthaft angestrebt wurde. Die interdisziplinäre Versorgung des akuten Schlaganfalls war schliesslich eine zentrale Aufgabe der Neurologischen
Klinik, die bis aktuell noch nicht abschliessend gelöst ist. Die letzten Hindernisse bis zur Schaffung einer Stroke-Unit im eigentlichen Sinne müssen noch überwunden werden. 2006 umfasste das Kader der Neurologischen Klinik neben dem Chefarzt und Leitenden Arzt 5 Oberärzte. Hinzu kamen 10 Assistenten. Es wurden 1124 Spitalaustritte bei einer mittleren Liegezeit von 8,4 Tagen gezählt. Hinzu kamen über 7000 ambulante Behandlungen. Die Neurologische Klinik wird im Hinblick auf die Weiterbildung zum FMH-Neurologen als B-Klinik geführt und besitzt die Weiterbildungsermächtigung für sämtliche klinisch-neurophysiologischen Techniken. Mit der Einrichtung einer neuropsychologischen Abklärungsambulanz wird das letzte Mosaiksteinchen im Kriterienraster zur Erlangung des sogenannten A-Klinik-Status erreicht.
Die Schwerpunkte der klinischen Arbeit der Neurologischen Klinik bestehen aktuell ohne Zweifel in der Behandlung des Schlaganfalles, der Epilepsien, der Multiplen Sklerose, der Bewegungsstörungen, wobei Spezialambulanzen für Schwindel, Schmerz, Kopfschmerz, Neuroonkologie, Neuroimmunologie und Neuropsychologie das Bild abrunden.
Die Neurologische Klinik des Kantonsspitals Aarau ist im Verlauf seiner kurzen Geschichte immer ein Ort steter intensiver Arbeit am Patienten gewesen. Der Patient stand im Vordergrund und erst in zweiter und dritter Linie konnten Lehre und Forschung ein wenig Raum beanspruchen. Hierin ähneln sich meines Erachtens alle bisherigen Verantwortlichen der Neurologischen Klinik. Highlights in Form ausserordentlich guter Fortund Weiterbildungen und Tagungen der verschiedenen Fachgesellschaften, denen sich die Neurologie verbunden fühlt (SNG, SGKN, SKG, SGSS und SGNR), fanden in Aarau statt, wie auch zahlreiche Publikumsveranstaltungen (z.B. die jährlich wiederkehrende Brainweek), die sicher mehr als früher Neurologie und Hirnforschung in das Zentrum des Interesses eines breiten Publikums gerückt haben.
This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution Non-Commercial No Derivatives (CC BY-NC-ND) 4.0 License.


