Das Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie kann auf eine mehr als 90 Jahre andauernde Geschichte zurückblicken. Dass ich die Zukunft des Schweizer Archivs als Chefredakteur des psychiatrischen Teils eine Zeitlang begleiten darf, freut mich sehr. Als besondere Ehre empfinde ich, dass Professor Daniel Hell mir das Amt übergeben hat, der sich um das Schweizer Archiv und um die Schweizer Psychiatrie sehr verdient gemacht hat.
Das Schweizer Archiv steht für die besten Seiten der Schweizer Psychiatrietradition: Alle Theorien, alle klinischen Konzepte und Forschungsparadigmen sind willkommen, wenn sie hohen Qualitätskriterien genügen und sich in der gemeinsamen Sorge um das Wohl des psychisch kranken Menschen treffen. Dieser Pluralismus ist nicht eklektisch oder gar beliebig. Er vermeidet Polarisierungen, aber fördert den kritischen Dialog. Er fordert Kooperation ebenso wie scharfe Konturen: Er nutzt die Synergie der unterschiedlichen Zugangswege zum Patienten, weiss aber, dass die Unterschiede der Denkweisen nicht verschwimmen dürfen. Er bleibt immer auf dem Weg zur Integration, ohne sie vorschnell als erreicht zu proklamieren.
Diese Tradition gilt es zu wahren und zu entwickeln, und das nicht aus Liebe zu Geschichte und Herkommen. In ihr geht es um das Fach Psychiatrie selbst und um seine Zukunftsfähigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass die Nachwuchskrise bei Ärztinnen und Ärzten und bei Pflegenden in der Psychiatrie nicht bloss als Reaktion auf die lange und aufwendige Ausbildung zu verstehen ist. Vielmehr ist sie Ausdruck einer Identitätskrise des Fachs. Sie hängt damit zusammen, dass das gemeinsame Anliegen, zu dem die vielen Perspektiven zurückfinden müssen, verlorenzugehen droht. Wenn eine Perspektive dominiert und die anderen verdrängt, vereinseitigt das Fach und verarmt. So wichtig die biologische Forschung und die auf ihr aufbauenden
Behandlungsmethoden sind, so gross ist die Gefahr, dass sich eine nur noch biologische Psychiatrie in den Naturwissenschaften auflöst. Eine Psychotherapie chronisch psychisch kranker Menschen, die die sozialen und kulturellen Bedingungen von Integration und Ausgrenzung übersieht, bleibt hilflos. Die Beispiele lassen sich fortsetzen.
Damit der Pluralismus nicht zu einer zentrifugalen Kraft wird, braucht er Gegengewichte, braucht das vielseitige Fach Klammern, die es zusammenhalten. Gerade deshalb hat der Bedeutungsschwund der Psychopathologie Gewicht; sie war doch einmal nicht nur deskriptive Psychologie, sondern—wie etwa Werner Janzarik unermüdlich betonte—eine Grundlagenwissenschaft, der es darum ging, als verstehende Psychopathologie die Dynamik der Krankheitsentstehung und -entwicklung zu erfassen und die vielen Einflüsse auf das seelische Erleben des Kranken modellhaft zu integrieren. Die Psychiatrie braucht solche das Fach begründende Theorien.
Aber sie findet ihren Zusammenhalt nicht nur in Theorien, sondern ebensosehr in Personen, die in ihrer klinischen Praxis, in der Lehre und Forschung ihre Neugier und Freude an der Komplexität des Fachs, das wirklich nur bio-psycho-sozial betrieben werden kann, unter Beweis stellen und sie bei den jungen Kollegen und Kolleginnen wecken. Und schliesslich braucht es Orte, in denen die pluralistischen Perspektiven sich treffen können. Fachzeitschriften können sie anbieten. Das Schweizer Archiv soll, das wünsche ich mir, als Organ der SGPP auch in Zukunft ein solcher Ort bleiben.
Ich freue mich auf die gemeinsame Arbeit mit der Redaktion, dem Verlag und mit allen Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren.
Joachim Küchenhoff, Liestal
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