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1 January 2004

Helena Kanyar Becker, Hrsg.: Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz

Basel: Schwabe; 2003. BBG Basler
Beiträge zur Geschichtswissenschaft.
Broschiert, 185 Seiten, 10 Fotos, 44 Abb.
Fr. 48.–/v 33.50, ISBN 3-7965-1973-3
Die Leiden der jüdischen Überlebenden des Holocaust waren Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung und individueller Trauerarbeit und auch das Trauma der nachfolgenden Generation war Thema der persönlichen und kollektiven Auseinandersetzung, die das Interesse an jüdischer Religion und Kultur stets einbezog. Jenische, Sinti und Roma und ihre Überlebenstraumata sind in einer breiteren Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt. In der Schweiz hat die Artikelserie von Hans Caprez im Schweizerischen Beobachter über die systematische Zerstörung jenischer Sippen durch das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute erstmals 1972 öffentlichen Protest ausgelöst. Einige Jahre zuvor hatte Sergius Golowin die historischen Zusammenhänge der Pro Juventute-Stiftung mit der faschistischen Nomadenverfolgung sorgfältig herausgearbeitet und gründlich kritisiert. 1986 entschuldigte sich Bundespräsident Egli dafür, dass der Bund das Hilfswerk der Pro Juventute mitfinanziert hatte. Und 1987 gab die Radgenossenschaft der Landstrasse, die Dachorganisation der Jenischen in der Schweiz, eine sorgfältige Dokumentation von Thomas Huonker «Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt» über die Geschichte der Fahrenden in der Schweiz und jenische Lebensläufe heraus. Seither erschienen eine Reihe weiterer grundlegender Arbeiten und Bücher, auch im Zusammenhang mit dem Bergier-Bericht, jedoch weitgehend ohne dass diese Recherchen zu einem grundlegenden Nachdenken über uns und die Fahrenden geführt hätten. Die Vorurteile wurden in der Öffentlichkeit mehr durch postmoderne Toleranz gelockert als durch intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilsstrukturen.
Einen ausgezeichneten Einstieg in eine uns weitgehend unbekannt gebliebene Lebenswelt bietet das Buch Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz, das aus einem Vortragszyklus und einer Fotoausstellung an der Universität Basel entstanden und 2003 erschienen ist.
Das Buch integriert die vielfältigsten Aufsätze von Forschern ebenso wie von Exponentinnen und Exponenten der Roma und der Jenischen. Es verhilft zu einer breiten Übersicht über die aktuelle Diskussion und historische Forschungsresultate und gibt Einblick in Kultur und Lebensweise. Wie bedeutsam es wäre, mehr über die Fahrenden und die sesshaften Zigeuner zu wissen, zeigt unter anderem der sehr ernsthafte und dennoch unterhaltsame und geradezu witzige Beitrag von Venanz Nobel über «Jenische Geschichte und die Betonjenischen» (Betonjenische sind diejenigen, die ein sesshaftes Leben in Wohnungen führen). Aufgrund einer glaubhaften statistischen Hochrechnung schätzt er, «dass 2 von 100 Bewohnern dieses Landes Zigeuner sind», und wir uns also ausrechnen können, wie oft wir schon «mit einem Zigeuner im Restaurant oder im Tram sassen, ohne es zu merken». Das eben ist der Punkt: Nobels Aufsatz wie auch die anderen Arbeiten dieses Buches laden dazu ein, viel mehr zu merken und viel aufmerksamer zu werden.
Dass es dabei auch um Aufarbeitung der düsteren Beiträge der Schweizer Psychiatrie an die historische Entwicklung im Dritten Reich gehen muss, verdeutlichen zwei Namen: Einer der wissenschaftlichen Leiter der nationalsozialistischen Zigeunerverfolgung, Robert Ritter, hatte den prägenden Teil seiner psychiatrischen Ausbildung als Assistenzarzt an der Zürcher Klinik Burghölzli absolviert. Und Ernst Rüdin, einstiger Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, trat sogar der NSDAP bei. In seinem ausgezeichneten Beitrag «Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» berichtet der Historiker Thomas Meier unter anderem, dass der Bundesrat im August 2000 ein nationales Forschungsprogramm mit dem Titel «Integration und Ausschluss» bewilligt hat, in dem nicht nur die Geschichte der Kinder der Landstrasse vertreten ist, sondern auch die Psychiatriegeschichte und die Eugenik. Erste Resultate dürften in ein bis zwei Jahren publiziert werden.
Bemerkenswerterweise wurde die Herausgabe des facettenreichen Buches «Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz» unter anderem auch grosszügig vom Polizei- und Militärdepartement des Kantons Basel-Stadt unterstützt. Bedenkt man, dass die Polizei während Jahrzehnten, von 1906 bis 1972, hierzulande insbesondere auch die Abweisungs- und Ausschaffungspolitik aller auswärtigen Zigeuner durchsetzen musste, so zeigt sich nun ein grosser Wandel: Eine einst zur Diskriminierung verpflichtete Behörde fördert heute den Geist der Aufklärung und die Vernunft.
L. Trüb, Zürich

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