Schizophrene sind Künstler, wir geben ihnen bloss keine Gelegenheit, ihre künstlerischen Fähigkeiten in die Tat umzusetzen. Es gab unter den psychiatrischen Patienten immer wieder solche, die ohne äussere Hilfe oder mit nur geringer äusserer Hilfe zu künstlerischer Tätigkeit fanden: Adolf Wölfli, Aloïse Corbaz, Heinrich Anton Müller und viele andere. Ich konnte in vierzigjähriger psychiatrischer Anstaltstätigkeit jedoch zeigen, dass zahlreiche Patienten zu künstlerischer Produktivität fähig sind, ja sogar zu anerkannten Art-brut-Künstlern werden können.
Ich möchte heute nur einen der hervorragendsten Künstler unter meinen Patienten vorstellen: Ernst Herbeck.
Ein vierzigjähriger Mann, durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Sprechen behindert und seit 20 Jahren schizophren, hospitalisiert, schreibt auf Aufforderung und nach Themaangabe zu dem Titel «Der Morgen» ein sechszeiliges Gedicht, das viele Menschen seltsam und rätselhaft berührt und ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht; es wird zitiert, kommentiert, analysiert, und seine ersten Worte, «Im Herbst da reiht der Feenwind», werden schliesslich zum Titel des posthum erscheinenden Buches, das etwa 400 ähnliche Gedichte enthält, die innerhalb von 30 Jahren entstanden sind.
Ernst Herbeck wurde am 9. Oktober 1920 in Stockerau geboren und ist am 11. September 1991, plötzlich und unerwartet, im 71. Lebensjahr gestorben. Er lebte seit 1946 im psychiatrischen Krankenhaus in Maria-Gugging.
Mehr als 1000 seiner Handschriften befinden sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek. Sein posthum erschienenes Gesamtwerk [1] wurde im Oratorium der Nationalbibliothek der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei sagte Ernst Jandl über Ernst Herbeck:
«Niemand konnte ahnen, dass ein im Sprechen schwer behinderter Mensch, wenn man ihm Papier, Schreibzeug und jeweils ein Stichwort gab, für dreissig Jahre den Weg zur Niederschrift sprachlicher Kostbarkeiten finden würde … Uns schenkte dieses kühne, unbeirrbar vorangetriebene Unternehmen den Dichter Ernst Herbeck, der Anspruch hat auf seinen eigenen, unbestrittenen Platz in der deutschsprachigen Poesie der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts.» [2]
Es war an einem Vormittag im Spätsommer 1960, als ich auf dem Haschhof Visite machte. Auf dem Haschhof, einer Dependance unserer Anstalt, lebten etwa 30 männliche Patienten, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Sie waren in einer alten Jugendstilvilla untergebracht, unter ihnen Ernst Herbeck; er war damals schon 20 Jahre krank und seit 15 Jahren in der Anstalt. Ich bat ihn ins Untersuchungszimmer, legte einen meiner Zeichenkartons (einen postkartengrossen weissen Karton) vor ihn hin, reichte ihm meinen Kugelschreiber und sagte: «Bitte, Herr Herbeck, schreiben Sie ein kurzes Gedicht mit dem Titel ‹Der Morgen›.» Herbeck besann sich kurz und schrieb:
Der Morgen
Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Ich erkannte die schizophrene Störung darin; gleichzeitig aber erkannte ich – ihre Poesie. Ich dankte Herbeck. Er überliess mir das Blatt und ging.
Von nun an bat ich Ernst Herbeck bei jedem meiner Besuche auf dem Haschhof in gleicher Weise, zu einem bestimmten Titel ein kurzes Gedicht zu schreiben. Und es entstanden Gedichte wie dieses:
Frühling
Der Herr Fäller war im Wahld
und sie der Bauer war im Wald
da sah er wie im Wagen rollte
wo das Herz im Herzen Holz schlug.
tik targ wo auch ein Knorr zu
hören war
und hielt sie ganz wunderbar
ihm Frühling.
über’s ganze Jahr.
Im Jahre 1966 veröffentlichte ich die ersten 83 Gedichte meines schizophrenen Patienten unter dem Pseudonym «Alexander» [3]. Viele Leser fühlten sich von Herbecks Gedichten angesprochen. Im Laufe der folgenden Jahre schuf Herbeck ein dichterisches Werk, das mehrfach publiziert und sehr bewundert wurde. Ernst Herbeck hat jedoch niemals spontan geschrieben. Er bedurfte zu jedem einzelnen Gedicht der Aufforderung und meist auch einer Themaangabe; nur selten hat er im Laufe der Jahre das Thema selbst gewählt. Ernst Herbeck hatte vorher nie Gedichte geschrieben, auch nicht zur Zeit, als er noch gesund war. Er korrigierte, bearbeitete seine Texte nicht, bewahrte sie nicht selber auf, bestimmte nicht, was publiziert werden soll. Herbeck hat immer geschrieben, wenn er darum gebeten wurde.
Die Texte Herbecks schienen mir von Anfang an ebenso lyrisch wie schizophren zu sein. Die schizophrene Störung kam darin um so deutlicher zum Ausdruck, je höher der Grad seiner psychotischen Erregung war. Das Lyrische und das Schizophrene sind bei Ernst Herbeck aber oft nicht voneinander zu trennen. Herbeck hatte eine ganz besondere Beziehung zur Sprache. Ohne die Krankheit wäre Herbeck aber kein Dichter geworden, und ohne die äussere Veranlassung hätte er kein Wort geschrieben.
Ernst Herbeck hat die Normalschule und eine Klasse Handelsschule besucht. Er war ein guter Schüler. Herbeck litt an einer angeborenen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Er war dadurch im Sprechen behindert und musste mehrfach operiert werden. Schon im Volksschulalter musste er die zweite Klasse wegen eines solchen Eingriffes wiederholen. Er erwarb keine Berufsausbildung. Von den Kindern wurde er wegen seines erschwerten Sprechens und seines Aussehens verspottet.
Nach 1960, als Herbeck bereits ein Dichter geworden war, schrieb er: «Nicht jeder Mensch hat einen Mund / mancher Mund ist disqualifiziert / oder operiert. So wie bei mir.» Und er schrieb:«Das Gesicht ist der erste Blickfänger der Menschen.» Sein Gedicht «Die Maske» beginnt mit den Worten: «Die Maske ist Lieb, ach wenn sie mir nur blieb», und am Schluss heisst es: «Die Maske Blieb ihm.»
Als er 18 Jahre alt war, unternahm man den letzten Versuch, die Gaumenspalte operativ zu decken. Herbeck redete wenig, und seine Sprache war schwer verständlich.Wenn er in den Spiegel schaute, kam er sich hässlich vor.
Herbeck war auf sein Äusseres sehr bedacht, auf sorgfältige Kleidung – mit Krawatte; auf der Oberlippe trug er einen Bart, um die Hasenscharte zu verdecken. Im Jahre 1967 entstand sein Gedicht «Der ovale Spiegel»:
Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste vom ganzen
Land. Im Zimmer war ein Spieglein an-
gebracht –
und im Ofen hat es gekracht.
Aber meine Mutter dachte anders.
Wie ich einhergeschritten kam
sprach sie zu mir – «jetzt kann er es».
Und am Tische waren Blumen da.
Und ich jubelte «Hurra».
Spieglein, Spieglein an der Wand;
Ich war der Schönste vom ganzen
Land.
Im gleichen Jahr entstand auch das Gedicht «Wie ein Adler»:
Wie ein Adler flieht der Rauch der
Zigarette.
Wohl der Kopf und ganz allein das Auge.
Wie ein Adler ist der Ruf davon.
gern zu heben von der Adlerin.
Wie ein Adler sieht der Wolf vorbei.
und denkt sich seine Litanei.
Wie ein Adler möchte ich gerne sein,
da ist die Welt für
mich allein.
Als Herbeck 20 Jahre alt war, kam er zum ersten Mal in psychiatrische Behandlung. Er war damals – während des Krieges – in einem Rüstungswerk als Hilfsarbeiter beschäftigt. Er soll wenig gegessen haben.Wenn er nachts nicht schlafen konnte, habe er vor sich hin gezählt; er habe Lach- und Weinkrämpfe gehabt. Als er den Verdacht äusserte, dass er von einem Mädchen hypnotisiert werde, brachten ihn seine Eltern zum Arzt.
Vom 1. August bis 17. November 1940 befand sich Herbeck an der Wiener Psychiatrischen Universitätsklinik. Dort gab er an, dass er mit einem Mädchen durch Morsezeichen in Verbindung stehe. Er bringe die Signale durch Schluckauf hervor. Er höre aber auch die Stimme des Mädchens über jede Entfernung hinweg. An der Klinik wurde Herbeck – wie es damals üblich war – mit 60 Insulinschocks behandelt und in gebessertem Zustand entlassen.
Herbeck war nun als Speditionsgehilfe tätig. Im Jahre 1942 musste er aber wieder in die Klinik. Nun wurde er sogleich in die Heilund Pflegeanstalt Gugging überstellt. Der damaligen Krankengeschichte entnehme ich, dass Herbeck immer noch das Gefühl hatte, von einem Mädchen hypnotisiert zu werden. Er kenne das Mädchen seit seinem 18. Lebensjahr. Es sei kein intimes Verhältnis gewesen, ja nicht einmal eine nähere Bekanntschaft, und doch wisse er genau, dass dieses Mädchen in ihn verliebt gewesen sei. Er höre das Mädchen reden, er höre auch andere Stimmen. Er werde gezwungen, Handlungen zu begehen, die er nicht begehen wolle, so müsse er sich zum Beispiel auf Geheiss ohrfeigen, müsse auf der Strasse rechts oder links abbiegen, obwohl er geradeaus gehen möchte. Diese Erscheinungen seien keinesfalls Symptome einer Krankheit; er fühle sich ja ganz gesund. Er müsse an die Realität dieser Beeinflussung glauben, da er bei klarem Verstand sei.
Später schrieb Herbeck:
Ich wohnte in Stockerau und sprach von einer Kleinigkeit. Da flog ich raus, aus dem Haus. Meine Großmutter weinte. Da flog ich unterhalb des Sees und konnte nicht mehr weiter. Eine Dame ließ mich stehn. Untergang war mir angenehm.
In seinem Gedicht «Der Traum» heisst es: «der Tod ist die Frau» und in einem anderen Gedicht: «Der Tod in der Schule als Mädel».
Bei dieser zweiten Hospitalisierung 1942 wurde Herbeck mit Cardiazolschocks behandelt. Nach seiner Entlassung arbeitete er wieder in einer Munitionsfabrik. Im Oktober 1944 wurde Herbeck zum Militär eingezogen, im März 1945 jedoch als wehrdienstuntauglich entlassen. Im April war der Krieg zu Ende. Niederösterreich wurde von russischen Truppen besetzt.
Am 7. September 1945 kam Herbeck zum dritten Mal in stationäre psychiatrische Behandlung, diesmal direkt in die Heil- und Pflegeanstalt Gugging. Er war gegen seinen Vater tätlich geworden, hatte sich selbst geschlagen und das Essen abgelehnt. Diesmal wurde Herbeck mit Elektroschocks behandelt und am 27. Dezember 1945 in häusliche Pflege entlassen. Antipsychotisch wirkende Medikamente gab es damals noch nicht.
Am 18. Mai 1946 wurde Herbeck nachts von der Polizei festgenommen, als er in einem Randbezirk Wiens planlos umhergegangen war und sich nicht ausweisen konnte. In der Haft entstanden Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit. Herbeck wurde deshalb an die Wiener Psychiatrische Universitätsklinik gebracht und bald darauf nach Gugging überstellt.
Ich war Arzt im psychiatrischen Krankenhaus in Gugging von 1946 bis 1986. Ich bin also im gleichen Jahr als junger Arzt eingetreten, in dem Herbeck, ein Jahr älter als ich, von 1946 bis zu seinem Tode als Patient lebte.
In unserem Krankenhaus sagte Herbeck: «Ich werde ferngelenkt.» In letzter Zeit fühle er sich weniger von Frauen und mehr von Männern beeinflusst: «Sie wollen mich sehen, sie wollen durch mich durchsehen, weil ich keinen Widerstand habe.» Einige Tage später sagte Herbeck, er fühle sich als Fremdkörper in der Gesellschaft und spüre die von dort ausgehende Beeinflussung fast dauernd. Es komme manchmal vor, dass seine Gedanken ganz klein würden. «Es ist, wie wenn ein feines Netz vor den Augen wäre.» Dann meinte er:«Ich bin nichts mehr wert, ich kann mich nicht einordnen.»
Ich erinnere mich an Ernst Herbeck, als er sich noch in der Aufnahmeabteilung befand, an Erregungszuständen litt und völlig verschlossen war. Er wurde dauernd von Gehörshalluzinationen geplagt. Er sonderte sich von den anderen Patienten ab. Auf- und abgehend schimpfte er leise vor sich hin. Als ich ihn bei der Visite einmal fragte, was er gerne tun würde, sagte er: «Bootfahren und Märchenbücher von der Seerose lesen.» Diese Antwort schien mir völlig unpassend – schizophren. Erst viel später kam mir der Gedanke, dass es die erste poetische Äusserung gewesen sein könnte, die Herbeck von sich gegeben hat.
Im Jahre 1950 wurde Herbeck mit Beschluss seines Heimatgerichtes voll entmündigt, da er bereits 4 Jahre lang hospitalisiert war und keine Besserung in Aussicht stand. Sein Vater wurde als Kurator eingesetzt.
Erst zu Beginn der 50er Jahre wurden jene Medikamente entdeckt, mit denen man heute derartige psychische Störungen behandelt. Unter dieser medikamentösen Therapie beruhigte sich Herbeck.
Herbeck wurde von seinen Eltern alle paar Monate besucht. Sie fühlten sich aber nicht mehr imstande, ihren kranken Sohn zu sich zu nehmen. Im Jahre 1971 sind beide Eltern gestorben. Herbeck hatte eine um zwei Jahre jüngere Schwester. Nach dem Tode des Vaters wurde deren Mann zum Kurator Ernst Herbecks ernannt. Ich möchte es nicht versäumen, an dieser Stelle dankbar zu erwähnen, dass wir bei diesen nun nächsten Verwandten Ernst Herbecks, seiner Schwester, Frau Herta Rajskub, und deren Ehemann, während der folgenden Jahre und Jahrzehnte grösstes Verständnis und Entgegenkommen fanden, was für Herbecks weitere Laufbahn als Patient und als Dichter, sein Auftreten in der Öffentlichkeit und die schliessliche Aufhebung seiner Entmündigung eine unerlässliche Voraussetzung war.
Herbeck war bis an sein Lebensende – mit einer einjährigen Unterbrechung, als er sich in einem Pensionistenheim befand – im psychiatrischen Krankenhaus. Sein Wunsch, wieder nach Hause zu kommen und in Freiheit leben zu können, ist jedoch nie erloschen:
Heimweh
Ich habe nicht nur Heimweh,
sondern sogar mehr: Das Heimweh
ist eine Qual außerstande.
Man kann die Auswärtigkeit
nicht aushalten. Ich
möchte gerne heim.
Sein Gedicht «Der Schwan» lautet:
Der Schwan ist tot,
die Enten trauern nicht.
deshalb er zieht und flieht. (der Mann)
in die Ferne nach der Freiheit.
der Schnabel ziert sich wieder,
die Augen klirren wieder in der Not.
Als ich Herbeck einmal fragte [4] – seine Eltern waren bereits verstorben –, was er im Falle einer Entlassung tun würde, sagte er: «Verstecken.» «Wo würden Sie sich verstecken?» «Im Keller, daß mich niemand sieht.» «Warum soll Sie niemand sehen?» «Das ist ja nur eine Erschwernis, das Sehen. Das Grüßen und das Danken, das mag ich nicht.»
Tags darauf schrieb Herbeck, ohne Titelangabe, das folgende Gedicht:
Guten Tag, grüßt ein
Herr, eine Dame
Überm Weg besonders
schön.
Dankend bekam der
Herr die Antwort
Guten Tag sagte sie
in den kühlen Abend
hinein.
Herbeck litt bis zuletzt an immer wiederkehrenden akut psychotischen Zuständen. Seine paranoid-halluzinatorische Erkrankung verlief in Schüben und Remissionen, d.h., nach Zeiten stärkerer psychotischer Erregung und quälender Halluzinationen – in denen Herbeck oft selbst eine Erhöhung der medikamentösen Behandlung verlangte – folgten immer wieder Zeiten, in denen es ihm besser ging und er anscheinend nicht von Sinnestäuschungen geplagt wurde.
In den mehr akuten Phasen seiner Erkrankung kam es auch zum «Sprachzerfall», zu einer Veränderung der Sprache auf der Ebene der Wörter, der Grammatik, der Bedeutungen und der Orthographie. Der gleiche psychotische Vorgang, der zu so schwerund unverständlichen Wortäusserungen führte, lag jedoch Herbecks poetischer Phantasie zugrunde, die eine extreme Sensibilität offenbart: «Alexander ist ein Prophet des Mittelalters./ der es ermöglicht Gottes Vers / zu ebnen. – / Landen in der See des Südens Italia»; «Der Rabe führt die Frommen an»; «Der Löwenzahn lief Straßen»; «Das Bächlein hat Humor»; «Das Eichkätzchen hatte ein semi- / Fell von braunem Zar»; «gebt mir das Brot / ich bin der Bar»; «a + b leuchten im Klee»; «Der Mund einer Dame am Himmel stand»; «Bebende Herzem im Leibe der Hunde»; «langsames Leben ist lang»; «Da hörte das Brummen auf und ein / Lied erklang»; «Nein leider weiter geht es nicht. / als bis zu mir herein.»; «Immer schon geschehen, / der Abschied. Und vor allem bei mir»; «Schwarz ist der Tag / Täglich sehe ich schwarz.»;«und hielt sie ganz wunderbar / im Frühling. / über’s ganze Jahr».
Von solchen Worten geht oft eine Leuchtkraft aus, die alle übrigen Worte eines Gedichtes überstrahlt. Herbecks psychotischer «Sprachzerfall» war unter künstlerischem Aspekt ein Gebiet intensivster Lebendigkeit.
In den Zeiten der Besserung wurde Herbecks Sprache mehr geordnet, mehr den erlernten Formen und Normen angepasst. Mitunter bestand auch ein Gleichgewicht von poetischem Einfall und Rationalität.
Herbeck hatte während seines jahrzehntelangen Schreibens keine Beziehung zur Literatur, er las nicht, hatte keine Bücher, ein Blick in die Zeitung und ein gelegentliches Anhören von Rundfunksendungen waren alles, was ihn mit dem aktuellen kulturellen Geschehen verband.
Da ich mit Herbeck seit 1960 regelmässig gearbeitet hatte, ihn immer wieder zum Schreiben aufgefordert und ermuntert hatte, 1966 seine ersten Gedichte in einem Buch bereits veröffentlicht worden waren, konnte ich in den 70er Jahren den Deutschen Taschenbuch Verlag dafür gewinnen, Herbecks bis dahin gesammelte Werke herauszugeben. 1977 erschien dann das Buch Alexanders poetische Texte [5]. Es war der Wunsch des Verlages, dass im Titel an dem Pseudonym Alexander festgehalten werde, unter dem Ernst Herbeck 10 Jahre zuvor bereits bekanntgeworden war. In dem Buch nahmen sieben namhafte Autoren zu Ernst Herbecks lyrischem Werk Stellung: Otto Breicha, Roger Cardinal, André Heller, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Reinhard Priessnitz und Gerhard Roth.
1978 wurde Herbeck in die Grazer Autorenversammlung aufgenommen. 1979 erschien das Buch Bebende Herzen im Leibe der Hunde [6]: Gedichte von Ernst Herbeck mit Illustrationen von Oswald Tschirtner, einem schizophrenen Kranken, der ebenfalls mein Patient war. Ich hatte die Verse ausgewählt und hatte Tschirtner gebeten, jeweils eine Zeichnung dazu zu machen.
Ich war fasziniert von der Tatsache, dass diese beiden schizophrenen Patienten, Herbeck und Tschirtner, es niemals abgelehnt hatten, auf eine entsprechende Bitte, etwas zu zeichnen oder zu schreiben. Ich sah darin eine wunderbare Möglichkeit, mit diesen Menschen, bei denen jede Form der Gesprächspsychotherapie zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, eine Kommunikation herzustellen. Und dabei haben Herbeck und Tschirtner, schreibend und zeichnend, so viel von sich mitgeteilt, waren doch ihre Texte und Zeichnungen immer auch Antworten und war die gestellte Aufgabe auch eine Art Frage. Ich hatte eine Verständigungsmöglichkeit ausserhalb der konventionellen Rede, sozusagen ihre Sprache gefunden.
Es gibt wahrscheinlich «verborgene Künstler», geborene Künstler und verborgene Künstler, Menschen, in denen die Möglichkeit, Künstler zu werden, schlummert, die niemals geweckt wird.
Im Februar 1980 wurde Herbeck seinem Wunsch entsprechend aus dem Krankenhaus entlassen. Er fand in einem Pensionistenheim in Klosterneuburg Aufnahme. Aufgrund seiner Entlassung aus der Anstalt wurde unserem mehrfachen Antrag stattgegeben und Herbecks Entmündigung am 8. April 1981 aufgehoben. Im Gerichtsbeschluss wurde auf seine erfolgreiche literarische Tätigkeit hingewiesen. In dieser Zeit entstand Heinz Bütlers Film über die Gugginger Künstler (Zur Besserung der Person), in dem Herbeck einer der Hauptakteure ist [7]. Im Pensionistenheim wurde Herbeck auch von dem Germanisten und Schriftsteller W. G. Sebald besucht. Sie unternahmen gemeinsam einen Ausflug auf die Burg Greifenstein, den Sebald in seinem Buch Schwindel. Gefühle beschreibt [8]. Im Pensionistenheim dürfte für Herbeck alles sehr ungewohnt und nicht leicht gewesen sein. Im Grunde fühlte er sich dort einsamer als zuvor in der Anstalt. Herbeck entschloss sich daher im August 1981, freiwillig wieder in unser Krankenhaus zurückzukehren. Wir konnten ihn im Haus der Künstler aufnehmen, das im gleichen Jahr gegründet worden war. Herbeck konnte nun noch zehn Jahre im Haus der Künstler verbringen, im Kreise von Menschen, die ihm seit vielen Jahren vertraut waren. Im Jahre 1982 konnte Herbeck im Residenz Verlag eine Auswahl aus seinem dichterischen Werk selbst herausgeben [9]. Als Nicht-mehr-Entmündigter konnte er den Verlagsvertrag selbst unterschreiben und sein Autorenhonorar in Empfang nehmen. Er besass nun nicht nur das Selbstbewusstsein eines Dichters, sondern hatte auch – obwohl immer noch krank und unter medikamentöser Behandlung – alle Rechte eines freien Menschen zurückerhalten.
Im Jahre 1989 machte ich Herbeck den Vorschlag, seine sämtlichen Schriften, die ich bis dahin aufbewahrt hatte, der Österreichischen Nationalbibliothek zu übergeben. Er war dazu bereit, und seine Schenkung wurde angenommen.
Am 11. September 1991 ist Ernst Herbeck an einem Schlaganfall plötzlich gestorben. Er wurde in seinem Heimatort Stockerau begraben.
«Der Tod raubt den Toten das Leben und schenkt den Toten wieder das Leben», schrieb Herbeck einmal.
Es ist wahrscheinlich, dass es viele psychiatrische Patienten mit sehr ähnlichen Anlagen, ähnlichen angeborenen Talenten und Fähigkeiten wie Adolf Wölfli, Aloïse Corbaz, Heinrich Anton Müller, Ernst Herbeck, Johann Hauser, August Walla, Oswald Tschirtner und andere gibt, die bloss keine Gelegenheit haben, ihre Anlagen zu entfalten und Künstler zu werden.
Literatur
- Herbeck E. Im Herbst da reiht der Feenwind. Gesammelte Texte 1960–1991. Dieses Buch erschien ein Jahr nach dem Tode von Ernst Herbeck, hrsg. v. L. Navratil, Salzburg, Wien: Residenz Verlag; 1992.
- Haider H. Grosses kleingemacht. Thomas Bernhard und die Folgen. In: Die Presse, 24. September 1992.
- Navratil L. Schizophrenie und Sprache. München: Deutscher Taschenbuch Verlag; 1966. In diesem Buch wurden zum ersten Mal Herbeck-Gedichte unter dem Pseudonym «Alexander» veröffentlicht.
- Navratil L. Gespräche mit Schizophrenen. Die Gugginger Künstler. Hagen Reck, Ernst Herbeck, Karl R., Aurel, Max, Edmund Mach, Johann G., August Walla, Josef B., Oswald Tschirtner, Hans Grausam. Mit einem Vorwort zur Neuausgabe und einer Einführung «Verborgene Künstler». Neumünster: Paranus Verlag der Brücke; 2000. S. 87f. Die Erstausgabe erschien 1978 im Deutschen Taschenbuch Verlag, München.
- Navratil L, Hrsg. Alexanders poetische Texte. Beiträge von O. Breicha, R. Cardinal, A. Heller, E. Jandl, F. Mayröcker, R. Priessnitz, G. Roth. München: Deutscher Taschenbuch Verlag; 1977. In diesem Buch konnte die Anonymität Ernst Herbecks aufgehoben werden.
- Herbeck E, Tschirtner O. Bebende Herzen im Leibe der Hunde. München: Rogner & Bernhard; 1979.
- Bütler H. Zur Besserung der Person [Film]. Zürich; 1980.
- Sebald WG. Schwindel. Gefühle. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag; 1990. S. 47–59.
- Herbeck E. Alexander. Ausgewählte Texte 1961–1981. Salzburg, Wien: Residenz Verlag; 1982. Herbeck konnte nach Aufhebung seiner Entmündigung, als Patient des Krankenhauses dieses Buch selbst herausgeben.
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