Einleitung
Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich unter anderem auf die sehr sorgfältige monographische Darlegung der Geschichte der Schweizerischen Neurologie durch M. Minkowski im Jahr 1958 [1]. Sie sollen nicht einen Gesamtüberblick über die schweizerische Neurologie geben, dies versuchte der Autor in einer früheren Arbeit [2], vielmehr soll die Entstehungsgeschichte und die Entwicklung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft, der SNG, dargelegt werden.
Die Neurologie in der Schweiz vor Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft
Wie in anderen Ländern waren auch in der Schweiz in den vergangenen Jahrhunderten Anatomen, Psychiater und Internisten Wegbereiter der Neurologie, zu einer Zeit also, als es noch keine vollamtlichen Neurologen gab [3].
In Basel hatte schon im 17. Jahrhundert Johann Heinrich Glaser (1629–1675) als Anatom, Chirurg und Botaniker ein Werk mit dem Titel «Tractatus de cerebro» verfasst, in welchem das Gehirn und seine Hüllen, Gefässe und Nerven beschrieben wurden.
Ebenfalls in Basel hatte sich Gottlieb Burckhardt (1836–1907) schon 1863 für Innere Medizin, Nervenkrankheiten und Syphilis habilitiert und hielt dort bis 1875 entsprechende Vorlesungen. Dann wurde er als Arzt und Dozent nach Bern an die Psychiatrische Klinik Waldau berufen und wurde später Direktor der Heilanstalt Préfargier. Er war der erste, der zur Behandlung von Geisteskrankheiten Teile des Kortex exstirpierte, und wurde damit zu einem Vorläufer der Psychochirurgie. Der wohl berühmteste Basler Neurologe allerdings war Robert Bing (1878–1956). Er wurde in Strassburg geboren, wuchs im zweisprachigen Elsass auf und war durch seine Mutter, Valérie Guggenheim aus Lengnau im Aargau, seit jeher mit der Schweiz verbunden. Früh zogen seine Eltern nach Basel, wo Robert Bing das Gymnasium besuchte und das Medizinstudium absolvierte. 1908 habilitierte er sich für Neurologie und wurde zum Leiter des auf seine Initiative hin gegründeten Neurologischen Ambulatoriums ernannt. Dieses allerdings hatte lediglich Gastrecht in der Medizinischen Poliklinik, wo Bing zweimal in der Woche neurologische Sprechstunden abhalten durfte. Der Verfasser dieses Beitrags hat dies als Medizinstudent in Basel 1948 noch miterlebt. Bing war es wohl, der die Initiative zur Gründung der SNG ergriff.
Das Berner Universalgenie Albrecht von Haller hat im 18. Jahrhundert als Anatom, Physiologe, Botaniker, Dichter und Bibliograph sich unter anderem mit der Physiologie des Nervensystems befasst. Er sprach schon von der Sensibilität der Nerven und von der Kontraktilität der Muskeln.
In Bern waren es zunächst Internisten, die sich auch neurologischen Themata widmeten. So war Quincke (1873–1878) der erste, der eine Lumbalpunktion am Menschen ausführte. Lichtheim (1878–1888) machte sich einen Namen als Aphasie-Forscher und beschrieb die ersten Fälle von funikulärer Myelose. Sein Nachfolger Hermann Sahli (1888–1929) hatte grosses Interesse an neurologischen Fällen und an Neurose-Problemen. Trotz seines Interesses für die Neurologie oder vielleicht gerade deswegen war er dann ein ausgesprochener Gegner der Verselbständigung der Neurologie. Eines seiner Argumente bestand darin zu sagen, dass, wenn er keine neurologischen Fälle in der Vorlesung mehr vorstellen würde, er Mühe hätte, geeignete Fälle für seine Patientendemonstrationen zu finden! Paul Dubois, aus La Chaux-de-Fonds stammend, war zwar später Psychotherapeut, hatte sich aber 1876 in Bern habilitiert und las unter anderem über Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. Er wurde 1902 zum ausserordentlichen Professor für Neuropathologie in Bern ad personam ernannt. Auch er war einer der Hauptinitianten für die Gründung der SNG. Sein Mitarbeiter Louis Schnyder (1868–1927) war in La Neuveville am Bielersee geboren und hatte sich in der Salpêtrière in Paris für die Neurologie begeistert. Er liess sich dann 1897 in Bern nieder und habilitierte sich 1912 mit einer Arbeit über «Contribution à l’étude de l’hysterie». Er las über Psychotherapie und wurde später auch einer der Begründer der SNG.
Der Lausanner Arzt Samuel-Auguste Tissot (1728–1797) veröffentlichte bahnbrechende Beobachtungen über Nervenkrankheiten, im besonderen Epilepsie sowie über Psychotherapie und Psychohygiene. Wie Karbowski hervorhebt [4], wird sein Vorname immer wieder – so auch in der Biographie Universelle Ancienne et Moderne und anderen Nachschlagewerken – zu Unrecht als Simon-André zitiert. Tissot publizierte zwischen 1770 und 1783 in drei zweiteiligen Bänden die «Traité des nerfs et de leurs maladies», welche das erste umfassende schweizerische Neurologie-Standardwerk war.
In Genf war es der 1842 in Neuchâtel geborene Paul-Louis Ladame, welcher der Neurologie erste Impulse verlieh. Er dissertierte in Bern «Über die Symptomatologie und Diagnose der Hirntumoren» und liess sich dann 1884 in Genf nieder. Hier widmete er sich der Neurologie und Psychiatrie, habilitierte sich und hielt Vorlesungen über verschiedene Fragen der Neurologie, der Elektrotherapie, der Histologie des Nervensystems, der Psychiatrie und der Kriminalanthropologie. Auch er war einer der Mitbegründer der SNG. Ein weiterer Genfer war Edouard Long (1868–1929). Er war Sohn eines bekannten Genfer Arztes, Ernest Long, der übrigens selber als Leiter des Kantonsspitals Genf einige neurologische Publikationen (im besonderen über Hirntumoren und über Chorea) veröffentlicht hatte. Long studierte in Genf Medizin, war dann Interne des hôpitaux bei Déjérine in Paris, wo er auch eine These über «Les vois centrales de la sensibilité générale» veröffentlichte, und habilitierte sich später in Genf mit einer Arbeit über «Les scléroses de la moële dans la syphilis médullaire et la sclérose en plaques». 1900 wurde er Chef des Laboratoriums an der Medizinischen Klinik. In seinen Arbeiten wurde er von seiner Gattin, eine geborene Landry aus Paris, unterstützt. Erst 1919 wurde er in Genf zum ausserordentlichen Professor für Neuropathologie ernannt.
In Zürich war es im 19. Jahrhundert Friedrich Goll, der sich 1863 an der Medizinischen Fakultät habilitierte, dann die Leitung der Medizinischen Poliklinik übernahm und sich hauptsächlich mit dem Studium des Rückenmarks beschäftigte. Er beschrieb 1860 die dann nach ihm benannten Gollschen Stränge im dorsalen Rückenmark. Wilhelm Griesinger wurde 1860 aus Tübingen als Leiter der Medizinischen Klinik nach Zürich berufen. Er interessierte sich beson-ders auch für psychiatrische Probleme und erwirkte 1863 die Schaffung einer Psychiatrischen Klinik im alten Zürcher Stadtasyl. Er bemühte sich aber, die Psychiatrie durch pathologisch-anatomische Studien an Gehirnen von Geisteskranken auf eine morphologische und organische Basis zu stellen. Bernhard von Gudden war von 1869 bis 1872 Direktor der Psychiatrischen Anstalt Burghölzli und betrieb hier unter anderem anatomische Studien über das periphere und zentrale Nervensystem, im besonderen über die Riech- und Sehbahnen des Gehirns und das Chiasma opticum. Er hielt auch Vorlesungen über die Anatomie des Nervensystems. Gustav Huguenin war von 1874 bis 1883 Professor für Innere Medizin in Zürich und studierte unter anderem Anatomie und Pathologie des Gehirns und der Meningen bei entzündlichen Erkrankungen. Er gab 1873 den anatomischen Teil einer «Allgemeinen Pathologie der Krankheiten des Nervensystems» heraus. Eduard Hitzig, der von 1875 bis 1879 Professor der Psychiatrie in Zürich war, veröffentlichte Untersuchungen über elektrische Reizbarkeit der Grosshirnrinde beim Hund und leistete somit einen wichtigen Beitrag zur Lehre von der Lokalisation der nervösen Funktionen des Gehirns. Sein Nachfolger auf dem Psychiatrie-Lehrstuhl von 1879 bis 1897, Auguste Forel, war nicht nur ein bekannter Ameisenforscher, sondern auch ein kenntnisreicher Hirnanatom. Mit einem selbstkonstruierten Mikrotom fertigte er die erste exakte Schnittserie des Gehirns an.
Der medizinhistorisch wohl bedeutendste Neurologe in Zürich und Mitbegründer der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft war Constantin von Monakow [5,6,7]. Am 4. November 1853 wurde er in Nordrussland im Gouvernement Wologda als Spross einer adeligen Familie von Grossgrundbesitzern geboren. Nach dem Tod seiner polnischstämmigen Mutter zog sein Vater mit den zwei Söhnen und einer Tochter zunächst 1863 nach Deutschland und 1866 dann nach Zürich. 1869 wurde die Familie von Monakow eingebürgert. Constantin besuchte das Gymnasium und studierte Medizin (1872–1877) in Zürich. Nach dem misslungenen Versuch, in Zürich eine eigene Praxis zu eröffnen, und nach einer Reise als Schiffsarzt nach Brasilien und Argentinien trat er 1877 eine Assistenzarztstelle in der St. Galler Irrenanstalt St. Pirminsberg an [3]. In seinen Mussestunden betrieb er hier hirnanatomische Untersuchungen zunächst vor allem am Kaninchen. Es gelang ihm die sekundäre Degeneration des Corpus geniculatum externum nach Abtragung des Okzipitallappens nachzuweisen. 1885 nach Zürich zurückgekehrt, etablierte er sich hier als Arzt. Er habilitierte 1885 wohl als erster eigentlicher Neurologe und Neuroanatom der Schweiz. Er hielt Vorlesungen über Hirnanatomie, aber auch über Elektrodiagnostik und Elektrotherapie. 1886 richtete er die von St. Pirminsberg mitgebrachte Sammlung von hirnanatomischen und hirnpathologischen Präparaten zunächst in einem Raum des Pathologischen Instituts ein und legte damit das Fundament des Hirnanatomischen Instituts der Universität Zürich. 1887 eröffnete er mit eigenen Mitteln eine Poliklinik für Nervenkranke in zwei kleinen Räumen des Hauses zum Rech am Neumarkt 4. Es war dies das erste neurologische Ambulatorium der Schweiz. Aus Platzgründen musste er 1891 für seine hirnanatomische Sammlung eine neue Unterbringung suchen und fand diese in zwei Räumen des Erdgeschosses des Hauses zum Olivenbaum. 1894 lehnte er einen Ruf auf den Neurologisch-Psychiatrischen Lehrstuhl der Universität Innsbruck ab, worauf ihm die Zürcher Regierung zum Extraordinarius «für hirnanatomische Fächer und Nervenpolylinik» (sic!) ernannte. Auf diese Weise entstand der erste neurologische Lehrstuhl in der Schweiz. 1895 publizierte er seine grosse Monographie über die Haubenregion, den Sehhügel und die Regio subthalamica. Dieser folgte dann 1897 und in Neuauflage 1905 seine «Gehirnpathologie» [7].
Unter den Schülern von Monakows sei Otto Veraguth aus Chur (1870–1944) erwähnt, der sich 1901 mit einer Arbeit über Missbildungen des zentralen Nervensystems für Neurologie in Zürich habilitierte. Er wurde später Professor für Physikalische Medizin in Zürich. Alfred Ulrich (1869– 1944) wurde 1898 zum Leiter der Schweizerischen Anstalt für Epileptische ernannt. Ein weiterer Schüler von Monakows war Mieczyslaw Minkowski (15.4.1884–20.7.1972) [8,9]. Der aus Polen stammende Minkowski kam 1911 nach Zürich und arbeitete im Institut von Monakow, wo er am 1. Januar 1912 der erste etatmässige Assistent wurde. Schon 1913 habilitierte er sich. Nach dem Rücktritt von Monakows übernahm er zunächst am 1. September 1927 provisorisch die Leitung des Hirnanatomischen Instituts und der Neurologischen Poliklinik und wurde dann im September 1928 als Nachfolger von Monakows zum Direktor der Institution ernannt sowie zum ausserordentlichen Professor für Neurologie ad personam.
Die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft
Die Gründung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft erfolgte am 15. November 1908 in Olten. Hier traf sich ein Initiativkomitee von zehn an der Neurologie interessierten Männern im Bahnhofrestaurant zu einer vorberatenden Versammlung. Es waren dies die Herren Robert Bing, Paul Dubois, Paul-Louis Ladame, Constantin von Monakow, Louis Schnyder, Schumann (Psychologe), Alfred Ulrich, Otto Veraguth, Emil Villiger und Gustav Wolf. Schriftführer war Robert Bing. Er führte in tadelloser Handschrift ein Protokoll. Als Präsident fungierte Paul Dubois. In einem einleitenden Votum begründete er die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der schweizerischen Neurologen und hielt fest, dass dies ihn bewogen habe, die Initiative zu einem engeren Zusammenschluss zu ergreifen. Allerdings gestand dann sein Sohn, Charles Dubois, im Rahmen der 38. Versammlung der SNG am 18. November 1933 in Bern –er war damals Präsident der SNG –, dass es sich, wohl anders verhalten habe: Er erinnerte sich, als Medizinstudent mitbekommen zu haben, dass Robert Bing zu seinem Vater gekommen war und diesen gebeten hatte, sich mit Professor von Monakow in Verbindung zu setzen im Hinblick auf die Gründung einer Schweizerischen Gesellschaft der Neurologen. In der Folge hatte Bing sich dann aber bescheiden im Hintergrund gehalten und alles weitere den Herren Dubois und von Monakow überlassen.
Man diskutierte in Olten über den Namen, erwog unter anderem auch «Neuropsychologische Gesellschaft» und entschied sich schliesslich für den Namen «Schweizerische Neurologische Gesellschaft».
Die erste Versammlung der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft fand am 13. und 14. März 1909 in Bern statt. Damals umfasste die Gesellschaft bereits 108 eingeschriebene Mitglieder, von denen 64 an der Berner Versammlung zugegen waren. Neben Neurologen waren auch Psychiater, Psychopathologen, Psychologen, Internisten, Chirurgen, Anatomen und Physiologen zugegen. Es wurden an jener Versammlung dann die Statuten und die Geschäftsordnung genehmigt und der erste Vorstand gewählt. Erster Präsident wurde Constantin von Monakow, Vizepräsidenten wurden die Herren Dubois und Ladame und Generalsekretär wurde Veraguth. Beisitzer war Robert Bing. Der Mitgliederbeitrag wurde auf Fr. 10.– jährlich festgelegt. Bezogen auf die Kaufkraft jener Summe im Jahre 1909 würde dies heute Fr. 102.65 entsprechen und nicht Fr. 220.–, wie wir sie seit dem 1. Januar 2000 von unseren Mitgliedern einziehen.
Nach § 1 der ersten Statuten, die in der Versammlung genehmigt wurden, bezweckte die Gesellschaft:
- Förderung der Neurologie als Wissenschaft und Pflege enger Beziehungen zwischen dieser und den Grenzgebieten (Anatomie, Physiologie, Innere Medizin, Chirurgie des Nervensystems, Psychologie, Psychiatrie usw.);
- Pflege der persönlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft;
- Förderung und Vertretung der praktischen Interessen der Neurologie (Pflege und Fürsorge armer Nervenkranker usw.), Ausbau des neurologischen Unterrichts usw.
Nach § 2 kann jeder Arzt mit schweizerischem Diplom und jeder Lehrer oder Assistent an einer schweizerischen Universität oder an einem anderen schweizerischen wissenschaftlichen Institut Mitglied werden, falls er bestrebt ist, die Ziele der Gesellschaft zu fördern.
An der erwähnten 1. Versammlung der SNG hielt das erste Referat nicht ein Neurologe, sondern ein Psychologe, Prof. Claparède aus Genf, über «Die biologische Interpretation in der Psychopathologie».
Von Anfang an wurden die bisher 165 Versammlungen der SNG an verschiedenen Orten der Schweiz durchgeführt. Der von den Statuten vorgesehene Rhythmus von zwei Versammlungen pro Jahr wurde allerdings gelegentlich unterbrochen, so zum Beispiel in den Kriegsjahren oder aufgrund anderer besonderer Umstände. Unter den Referenten anlässlich der ersten Tagungen der Gesellschaft sind zahlreiche Ärzte und Forscher, die zwar in der Zwischenzeit verstorben sind, die uns aber heute noch vertraut sind: Wilhelm Schulthess, Otto Veraguth, Robert Bing, H. von Wyss, C. von Monakow usw.
Die SNG hatte als lokale Organisationsverantwortliche den 2. Internationalen Kongress für Neurologie, Psychiatrie und Psychologie in Bern im September 1914 zu organisieren. Dieser wurde durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges zwischen dem 28. Juli und 23. August 1914 vereitelt. Die Sitzungen der Gesellschaft fielen in den Jahren 1914 und 1915 aus. Die 11. Sitzung der SNG fand dann mitten im Krieg am 13. und 14. Mai 1916 in Bern statt.
Während die Versammlungsprotokolle und Kongressreferate der SNG jeweils im Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte erschienen waren, wurden sie seit Gründung des Schweizer Archivs für Neurologie und Psychiatrie durch Constantin von Monakow im Jahr 1917 in dieser Zeitschrift veröffentlicht.
Paul Dubois, der Vorsitzende der Gründungsversammlung 1909 in Olten, verstarb am 4. November 1918. In seiner Präsidialansprache anlässlich der 15. Versammlung am 7. und 8. Juni 1919 in Zürich erinnerte Robert Bing an die letzten Worte, die Herr Dubois an seine Freunde gerichtet hatte: «La mort n’est pas pour moi la terrible faucheuse qui impitoyablement vient couper à tout âge le cours de nos jours; elle est au contraire l’amie qui vient dire au vieillard: tu es vieux, tu as accompli ta tâche. Viens, suis-moi dans l’éternel repos. J’obéis sans peine à cet appel ... Quant au monde dans son ensemble, j’en sors sans regrets, même avec une satisfaction intime. Il n’est pas beau. Il y a dans ce monde trop peu de sincérité, trop peu de solidarité, trop peu d’amour ...»
Der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft vermachte Paul Dubois ein Legat von Fr. 5000.–, das dem Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie zugute kommen sollte. Im folgenden Jahr übrigens vermachte der Franzose Jules Déjérine in Paris, der aus der Savoie stammte und seine Jugend in Genf verbracht hatte, einen Betrag in der Höhe von Fr. 8000.– der Gesellschaft, aus deren Zinsen der Gesellschaft angehörende schweizerische Forscher bei ihren Untersuchungen unterstützt werden sollten, vorausgesetzt, dass die betreffenden Arbeiten im Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie in französischer Sprache publiziert würden. Die beiden Fonds Dubois und Déjérine sind heute in das Vermögen der Gesellschaft übergeführt worden.
Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft war Gastgeber des ersten Internationalen Neurologischen Kongresses in Bern. Dieser wurde am 31. August 1931 eröffnet. Präsident des Kongresses war Bernard Sachs aus New York, die Vizepräsidenten stammten aus sieben Ländern, so unter anderem Georges Guillain, Nonne, Sherrington, Ariens Kapers. Lokalsekretär war Charles Dubois.Von der SNG erhielt jedes Kongressmitglied ein Geschenk in Form einer stattlichen Festnummer des Schweizer Archivs (Band 27, Heft 2, 1931) mit 24 Beiträgen schweizerischer Autoren. Der Kongress wurde von Bundesrat Motta, damals Vizepräsident der Eidgenossenschaft, eröffnet. Die Begrüssungsansprachen erfolgten durch Vertreter der Berner Universität und der SNG auf Englisch, Deutsch, Französisch und durch Robert Bing auf Italienisch. Unter anderem wurde am Schlussabend des Kongresses eine Konferenz mit dem Thema «Die Beziehungen der Neurologie zur Allgemeinmedizin und zur Psychiatrie an den Universitäten und Spitälern der verschiedenen Länder» abgehalten. Abschliessend wurde dann auf Vorschlag von O. Förster eine Resolution einstimmig angenommen, die wie folgt lautete:
«Die Neurologie stellt heute ein vollkommen selbständiges Fach dar. Dieser Tatsache wird aber in verschiedenen Ländern nicht gebührend Rechnung getragen. Der Kongress äussert den Wunsch, dass die zuständigen Behörden der betreffenden Staaten der Neurologie eine möglichst weitgehende Fürsorge zuwenden würden.»
Tabelle.
Vorstand der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahre 1909.
Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft und der Unterricht der Neurologie in der Schweiz
Wie aus den oben dargelegten Ausführungen hervorgeht, waren an verschiedenen schweizerischen medizinischen Fakultäten akademische Lehrer vorhanden, die unter anderem auch befähigt waren, Neurologie zu lehren. Am weitesten fortgeschritten war dies zweifellos in Zürich und dann in Basel. Dennoch war Neurologie bis zu Beginn der 30er Jahre nicht Teil des offiziellen Lehrplans der medizinischen Fakultäten der Schweiz, und ist übrigens bis heute nicht Prüfungsfach der Eidgenössischen Medizinalprüfungen. An der 35. Tagung der SNG am 9. und 10. Juli 1932 in Zürich wurde deshalb das Thema des Ausbaues des neurologischen Unterrichts aufgenommen. Als Referent und Befürworter des Neurologie-Unterrichts trat Minkowski auf. Ein Koreferat hielt der Lausanner Internist Michaud. Darin ging dieser so weit, die Neurologie als Lehrfach unbedingt abzulehnen, und behauptete, dass die Neurologie keine einzige eigene selbständige Untersuchungsmethode entwickelt habe und einem Neurologen das Vorrücken in der akademischen Laufbahn nur «im Rahmen der internen Klinik» gewährt werden sollte. Im Gegensatz zu Michaud unterstützte jedoch der Zürcher Internist Otto Naegeli die Bestrebungen der Neurologen. Er hielt fest, dass aus Achtung vor den enormen Leistungen der Neurologie man sich einer Verselbständigung der letzteren nicht mehr widersetzen könne. Bing formulierte dann eine Resolution, die mit 14 gegen 4 Stimmen bei einigen Enthaltungen angenommen wurde und wie folgt lautete:
«Die Schweizerische Neurologische Gesellschaft hält es für dringend wünschenswert, dass der Besuch eines zweistündigen (sei es klinischen, sei es poliklinischen) neurologischen Kurses für die Dauer von zwei Semestern im Medizinstudium für obligatorisch erklärt werde.»
Die 38. Versammlung der SNG am 18. und 19. November 1933 in Bern war eine Jubiläumsversammlung zur Feier des 25. Jahres des Bestehens der SNG. Hier konnte schliesslich den Mitgliedern verkündet werden, dass durch den leitenden Ausschuss für die Eidgenössischen Medizinalprüfungen die Medizinalprüfungsordnung bereinigt wurde und gemäss Eingabe der Gesellschaft beschlossen wurde, die Neurologie als obligatorisches Lehrfach einzuführen.
In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg setzte sich eine Reihe von durch den Nationalsozialismus aus Deutschland verjagten Neurologen in die Schweiz ab. Diese besuchten zum Teil auch die Sitzungen unserer Gesellschaft, so Kurt Goldstein, Otto Löwenstein, Walter Riese und Gabriel Steiner. Die 47. Versammlung der SNG vom 3. und 4. Juni 1939 fand zum ersten Mal in der Geschichte der Gesellschaft im Tessin statt und war zugleich die letzte vor dem 2. Weltkrieg.
Die SNG seit dem 2. Weltkrieg
Am 1. September 1939 marschierte die Deutsche Armee in Polen ein und der 2. Weltkrieg begann. Erst am 7. und 8. Dezember 1940 fand die 48.Tagung der Gesellschaft während des Krieges in Bern statt. Der Oberfeldarzt der Armee, Oberstbrigadier Vollenweider, war zugegen. An der 50. Versammlung am 6. und 7. Dezember 1941 war unter anderem Dr. G. Medici, Chefarzt der Eidgenössischen Militärversicherung, anwesend.An der 53.Tagung am 5. und 6. Juni 1943 in Luzern war der Vorstand neu zu wählen. Als Präsident wurde der aus Polen stammende jüdische Schweizer Bürger Mieczyslaw Minkowski gewählt. Dazu äusserte sich Minkowski selbst 1958 wie folgt: «Die Wahl zum Präsidenten der SNG mitten im Krieg, als die Schweiz als kleine Insel an allen ihren Grenzen von der braunen Flut umspült wurde, ehrte in hohem Masse nicht nur den Gewählten, sondern auch die Gesellschaft selbst, die damit einen eindrucksvollen Beweis von Unerschrockenheit, Unabhängigkeit des Geistes und echter demokratischer Gesinnung lieferte. Möge sie sich in diesem Geiste auch in ihrer weiteren Geschichte immer wieder bewähren!» Nach Abschluss der Tagung begab sich der neu gewählte Präsident auf den Bürgenstock, «um hier im Herzen der Schweiz und in der herrlichen Szenerie des Vierwaldstättersees hoch über seiner geheimnisvollen Tiefe und im Angesicht der ihn umschliessenden und unverrückbar schützenden Berge, sich während einiger Stunden der stillen und einsamen Besinnung auf die Wege, Ziele und Werte des menschlichen Lebens im allgemeinen und seines eigenen im besondern zu widmen». Wie sich übrigens Minkowski und mit ihm andere Schweizer Ärzte zum Gedankengut der durch den Nationalsozialismus propagierten Verhinderung erbkranken Nachwuchses stellten, belegt unter anderem Karbowski [8].
An der 58. Versammlung am 1. und 2. Dezember 1945 in St. Gallen wurde eine Erhöhung des Mitgliederbeitrags auf Fr. 25.– beschlossen.
Im Schweizer Archiv für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie wurde in Band 94, S. 116–119 1964 eine Liste der Mitglieder, Stand 1. Januar 1964, veröffentlicht: es waren derer 164.
Anlässlich der 73.Versammlung am 5. und 6. Dezember 1953 in Zürich wurde den Mitgliedern die Bildung einer Neurochirurgischen Arbeitsgemeinschaft bekanntgegeben. Diese wurde von den Mitgliedern der SNG «in Anerkennung der grossen Fortschritte und der hohen Differenzierung der Neurochirurgie gutgeheissen». Die Sitzungen der Neurochirurgischen Arbeitsgemeinschaft sollten am Samstagvormittag vor der entsprechenden Wintersitzung der SNG stattfinden und allen Mitgliedern der SNG offenstehen. Die Berichte darüber sollten im Schweizer Archiv veröffentlicht werden, und die Mitglieder der Neurochirurgen-Gruppe sollten weiterhin auch Mitglieder der SNG bleiben. Anlässlich der 79. Versammlung am 1. und 2. Dezember 1956 in Bern wurde erstmals ein Neurochirurge, Hugo Krayenbühl, zum Präsidenten der SNG gewählt.
Anlässlich der 81.Versammlung am 7. und 8. Juni 1958 in Neuchâtel wurde mitgeteilt, dass die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Elektroenzephalographie an ihrer Geschäftssitzung in Luzern am 12. Juli 1958 ihre Eingliederung in die SNG als autonome Untergruppe unter ähnlichen Bedingungen wie die Vereinigung für Neurochirurgen beschlossen hatte.
Literatur zur Geschichte der SNG
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