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  • Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with Editores Medicorum Helveticorum (EMH).
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  • Open Access

1 January 1999

Politik ja–aber nicht so!

Forchstrasse 391, CH-8008 Zürich, Switzerland
«Schweizer Psychiatrie: woher – wohin?», so lautet der Titel von Jürg Willis Abschiedsvorlesung – wir bringen sie in leicht gekürzter Form im Forumteil dieser Nummer des «Archivs». Zentraler Befund ihres geschichtlichen Teils ist die Patientenzentriertheit der Schweizer Psychiatrie, die sie stets davor bewahrt habe, allzusehr ins Dogmatische, Ideologische, allzu Abstrakte abzugleiten. Das bedeutet, dass die Beziehung zu anderen Menschen bzw. die Beziehungsstörungen psychisch Kranker immer im Mittelpunkt des Interesses standen.
Auch bei Christian Scharfetters historischem Abriss der «Psychotherapie für Schizophrene» findet sich die Betonung der Patientenzentriertheit. Etwa wenn er den französischen Psychiater Esquirol zitiert:«Man muss mit den Gestörten zusammenleben [sich also in eine enge Beziehung zu ihnen begeben – E. H.], um sich richtige Begriffe über die Ursachen, die Symptome, den Verlauf die Crisen und den Ausgang ihrer Krankheitszustände zu verschaffen ...» oder Griesinger: «Nirgends ist ein stetiges Bewusstsein darüber notwendiger, dass nicht die Krankheit, sondern ein einzelner Kranker ... das Objekt unserer Behandlung sei.»
Scharfetter zitiert auch Eugen Bleuler: «Die allgemeinen Aufgaben der Behandlung sind Erziehung und Herstellung des Kontaktes mit der Wirklichkeit, d. h. Bekämpfung des Autismus» und weist damit auf die soziale Dimension der Behandlung hin. Wirklichkeit findet eben immer in einem spezifischen politischen Umfeld statt, hat also auch eine politische Dimension. Das gesundheitspolitisch rauhe Klima der letzten Jahre hat viele unserer Patientinnen und Patienten und ebenfalls uns Therapeutinnen und Therapeuten mit dieser politischen Dimension der Psychiatrie – oft grausam genug – konfrontiert.
Die Patientenzentriertheit unserer Behandlungen ist heute – wie früher auch schon – in Gefahr. Zugunsten von biologischen Fakten, die gezählt und gemessen werden können, entschwindet der Mensch aus dem Blickfeld. Auf diese Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf, hat Daniel Hell in einem in der NZZ publizierten Aufsatz «Der Plan zur Abschaffung des menschlichen Dunkels» aufmerksam gemacht. Er zeigte am Beispiel des «eugenischen Flächenbrandes», der im Anschluss an Darwins Werk «Die Entstehung der Arten durch Zuchtwahl» entstand, wie die Biologisierung der sozialen Dimension in letzter Konsequenz dazu führen kann, dass, wie Ernst Haeckel es seinerzeit vorschlug, «es an den Staatsbürgern sei, Kranke und Unerwünschte auszumerzen, um Erbgut und Überlebensaussichten zu verbessern.» Der Titel seines Aufsatzes ist dem eindrücklichen Buch von Peter Høeg entnommen, das mit beklemmender, oft an Kafka erinnernder Präzision berichtet, wie der Versuch, das Dunkel der menschlichen Seele auszumerzen, in Gewalt und totalitärem Terror endet. Der einzelne Kranke, der Mensch, ist ein viel zu komplexes Lebewesen, als dass wir es nur berechnen oder messen oder zählen könnten. Wir können bestenfalls von ihm erzählen und durch die möglichst genaue Erfassung seiner Geschichte beschreiben, worin seine Wirklichkeit besteht. In unserem heutigen Klima, in dem Arbeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist, werden nur schon durch die berufliche Situation und die damit verbundenen Existenzängste immer mehr Menschen an den sozialen und bald auch an den psychischen Rand gedrängt. Auch um sie geht es in unserem therapeutischen Alltag, ihnen müsste unser Mitgefühl und unsere Sorge gelten.
Soziale und politische Fragen sind auch Fragen nach der Art, wie wir Beziehungen pflegen und Solidarität üben. Ob die Solidarität mit unseren Patientinnen und Patienten uns wichtiger ist oder die Solidarität mit unseren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen – das ist heute einmal mehr die Frage. Natürlich ist die Vertretung ökonomischer Interessen ein legitimes Anliegen eines Interessen-verbandes. Sie findet aber dort ihre Grenzen, wo die eigenen ökonomischen Bedürfnisse den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten (die ja auch Prämienzahler der Krankenversicherung sind) zuwiderlaufen und der Rekurs auf das «Wohl der Kranken» zur Phrase verkommt.
Solches ist z.B. auch im gegenwärtigen Streit mit dem Zürcher Apothekerverein festzustellen. Die Apotheker wollten im ganzen Kanton Zürich die Abgabe von Medikamenten durch Ärzte verbieten lassen. Die Ärzte reichten daraufhin eine eigene Initiative ein, die «Zürcher Heilmittel-Initiative», welche die Medikamentenabgabe grundsätzlich überall zulassen will. Beide Forderungen sind überrissen, ein Kompromiss drängt sich auf. Im Werbetext der Ärzteschaft wird mehrfach betont, wie sehr die direkte Medikamentenabgabe durch Ärzte den Interessen und Bedürfnissen der Kranken entspreche. Erst im zweitletzten kleinen Absatz wird zugegeben, dass die Selbstdispensation für viele Ärzte «einen unverzichtbaren Einkommensbestandteil darstellt». Alle Ärzte sollten (solidarisch mit denjenigen, die an der Selbstdispensation – meist sehr gut – verdienen) für diese Initiative im Wartezimmer Werbematerial auflegen und die Patienten zur Unterstützung der Initiative anhalten. Auch wurde ein allgemeiner Solidaritätsbeitrag aller Ärzte beschlossen. Vor 20 Jahren, als es um dasselbe Problem ging, hatten die selbstdispensierenden Ärzte allein in kürzester Zeit eine halbe Million für die Gegenpropaganda zur Verfügung stellen können.
Soll man sich nun über diese Politisierung der Ärzteschaft freuen? In den siebziger Jahren hatte ich mit der Forderung nach mehr politischer Aktivität der Ärzte nur grosse Entrüstung und eine Ausschlussdrohung geerntet. Ein Arzt, so hiess es damals, dürfe seine Patienten unter keinen Umständen politisch indoktrinieren, das sei standesunwürdig und untragbar. Jetzt soll ich meine Patientinnen und Patienten politisch indoktrinieren – im Auftrag der gleichen Standesorganisation. Soll ich mich also nicht freuen über das neu gewachsene politische Bewusstsein der Ärzteschaft? Gewiss, es wäre ja erfreulich, wenn es sich etwas mehr an den Bedürfnissen und Interessen der Patientinnen und Patienten orientieren würde und weniger an den eigenen Interessen. Das bisherige Agreement zwischen Ärzten und Apothekern, die Selbstdispensation auf ländliche Gebiete zu beschränken, war ein guter Kompromiss, und er war im Interesse der Patientinnen und Patienten.
Weil die Ärzte aber ohnehin in der Defensive sind, suchen sie nach mächtigen Koalitionspartnern. Ein Beitritt der Zürcher Ärztegesellschaft zum Kantonal-zürcherischen Gewerbeverband steht zur Diskussion, eine Urabstimmung soll darüber befinden, sie wird – so ist zu befürchten – wohl positiv ausfallen. Bei diesem Verband, einer bekanntermassen äusserst rechtsbürgerlichen Gruppierung, Blochers SVP nahestehend, wären dann die Zürcher Ärztinnen und Ärzte zwangsweise Mitglied. Wenn das nicht politische Schritte sind! Nur hat sich der Gewerbeverband bisher kaum je für die Interessen von Patientinnen und Patienten eingesetzt, eher im Gegenteil, und seine Anziehung auf die Zürcher Ärztegesellschaft dürfte wohl kaum der Solidarität mit den Kranken entspringen, sondern eher der Sorge um das eigene Einkommen. Wie lange noch wird es dauern, bis die ärztlichen Standesorganisationen merken, welch traurige Figur sie zurzeit in den politischen Auseinandersetzungen machen? Und wie sie dem Feindbild des «habgierigen Gottes in weiss» mehr und mehr selber zu entsprechen suchen?
Die politische Heirat mit dem Gewerbeverband dürfte (ganz abgesehen davon, dass sie mit der statutarischen politischen Neutralität der Ärztegesellschaft wohl kaum zu vereinbaren wäre) für manche Kolleginnen und Kollegen der Rubikon sein, dessen Überschreiten die Solidarität mit der übrigen Ärzteschaft im Übermass strapazieren würde ...

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