In der Emotionspsychologie werden religiöse Gefühle zu den kognitiven Emotionen gerechnet. Das Gebet wird als emotionales Bindungsgefühl (lat. religio = Bindung) verstanden, das «von der kindlichen Hingebung bis zur immateriellen Verbundenheit mit dem Absoluten reichen kann». (dtv Atlas zur Psychologie). Religiöse Gefühle gehören für viele Menschen zum Alltag. Trotzdem kommen sie in der offiziellen Psychiatrie, zumindest der deutschsprachigen, selten zur Sprache. So vermeiden die gängigen psychiatrischen Handbücher, die ich konsultiert habe, das Stichwort Religion.
Die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie (APA) ist in dieser Beziehung offener. Nach ihrem diagnostischen Manual DSM-IV können «religious or spiritual problems» durchaus klinische Aufmerksamkeit verdienen. Am letzten Kongress der APA in Toronto waren nicht weniger als elf Veranstaltungen religiösen und spirituellen Fragen gewidmet – trotz der vorherrschenden neurobiologischen Ausrichtung der amerikanischen Psychiatrie.
Balthasar Staehelin hat es sich seit Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht, die Psychiatrie mit religiösem Gedankengut zu konfrontieren. Seine Sprache ist eine traditionell christliche. Er wagt in religiösen Glaubensbegriffen zu sprechen, die wohl sogar ein moderner katholischer Priester in Psychiatriekreisen zu meiden suchte. Kommt deshalb eine Publikation in einer psychiatrischen Fachzeitschrift nicht in Frage?
Die Redaktionskommission des psychiatrischen Teils des Schweizer Archivs kommt zum gegenteiligen Schluss. Sie vertritt die Auffassung, dass eine Auseinandersetzung mit der Überzeugung des wohl im deutschen Sprachraum prominentesten psychiatrischen Vertreters einer christlichen Therapieform (der sog. Jesustherapie) auch innerhalb der Psychiatrie erlaubt sein soll.
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