Da ein zusätzlicher empfehlender Hinweis auf die psychiatrischen Artikel in diesem Heft nicht erforderlich ist, möchte ich an dieser Stelle ein anderes Thema ansprechen.
Die Behandlung von psychisch kranken Migrantinnen und Migranten spielt im klinischen Alltag eine zunehmende Rolle und stellt eine immer wichtigere Herausforderung dar. Dabei ist eine unverzichtbare Basis für jede diagnostische Beurteilung und angemessene Therapie die sprachliche Verständigung. Inzwischen ist es wohl zumindest für die stationäre Behandlung in den Universitätskliniken Standard, dass Übersetzer/-innen uneingeschränkt beigezogen werden können. Eine Regelung der Übernahme der Übersetzungskosten durch die Krankenkassen für die ambulanten Behandlungen in der Privatpraxis konnte bisher leider nicht erreicht werden.
Für eine entsprechende Regelung müssen wir uns weiter vehement einsetzen, wenn die ethische und gesundheitspolitische Forderung nach Gleichbehandlung erfüllt werden soll. Noch immer müssen wir bei der Entlassungsplanung feststellen, dass wir keinen angemessenen Behandlungsplatz mit gesicherter Übersetzung finden können.
Als weitere Hindernisse für eine angemessene Behandlung findet sich die Gefahr der Kulturalisierung, also dass zu viel auf die Kultur geschoben wird, was z.B. eher durch die soziale Lage oder Machtverhältnisse etc. bestimmt wird. Ausserdem zeigt sich in alltäglichen, praktischen Zusammenhängen immer noch, dass vielfältige kulturelle Etikettierungen erfolgen, dass einzelne Aspekte als typisch für eine Kultur genommen werden und auf diese Weise den einzelnen Personen Clichés übergestülpt werden. Wir dürfen also noch nicht erwarten, dass die Gefahr der Instrumentalisierung des Kulturellen, der festlegenden Zuschreibung von Eigenschaften an bestimmte Kulturen, nicht mehr gegeben ist.
Inzwischen finden sich einzelne ambulante, teilstationäre und stationäre transkulturell orientierte Behandlungsangebote für psychisch kranke Migrantinnen und Migranten. Doch diese Angebote reichen quantitativ und qualitativ noch längst nicht für die Bedürfnisse innerhalb der Regelversorgung aus. Ausserdem bedarf es noch spezifischer Behandlungsangebote.
Über diese und ähnliche Themen, sowie über die Entwicklung diverser Behandlungsangebote, wurde in der letzten Zeit ganz aktuell auf verschiedenen Kongressen diskutiert. Beim diesjährigen Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie wurde ein Hauptvortrag über Ethnopsychiatrie von dem bedeutenden Vertreter Tobie Nathan aus Paris gehalten. Des Weiteren gab es jetzt in Buenos Aires beim Kongress der World Psychiatry Association (WPA) 12 Symposien zu diesem Themenbereich. Der Präsident der Sektion Transcultural Psychiatry bei der WPA, Prof. Ron Wintrob, betont auch immer wieder, dass die Gründung des Dachverbandes transkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum (s.a.
www.dtppp.com) für andere Länder ein Vorbild darstellt. Der genannte Dachverband führt seine Jahreskongresse entsprechend seinem Namen im Wechsel in den drei Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz durch; diesen September wurden in Klagenfurt vielfältige und anregende Diskussionen geführt. Im September des nächsten Jahres wird der Kongress in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Liestal stattfinden.
Das Schweizer Archiv hat ebenfalls immer wieder diese Thematik aufgenommen und lädt weiter alle Interessierten ein, entsprechende Artikel (aus der Forschung oder Praxis) zuzusenden.