Der Autor dieses handlichen, kleinen Buchs von 140 Seiten ist psychologischer Psychothe- rapeut mit tiefenpsychologischem Schwer- punkt, in eigener Praxis niedergelassen. Er blickt auf eine langjährige Tätigkeit in Einzel- und Gruppensettings in mehreren Kliniken in Deutschland und der Schweiz zurück.
Im vorliegenden Werk möchte Jens Winkler angehenden Therapeut:innen eine Orientie- rung für die Arbeit in der stationären Sucht- therapie – in diesem Fall der mehrmonatigen Entwöhnungsbehandlung bei Alkoholabhän- gigkeit – geben und das beschreiben, «was er gerne zu Beginn seiner Laubahn gelesen hätte», nämlich Erfahrungen aus tiefenpsychologisch- humanistischer Perspektive und Anregungen zu einer positiven Beziehungsgestaltung. So wählt er bewusst einen nicht-wissenschaft- lichen, erzählenden Stil, der teilweise zu um- gangssprachlich wirkt, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass «Mitarbeiter (…) verschlissen» werden und «Suchtdynamiken (…) in die Behandlerteams überschwappen». Dies ist umso verwunderlicher als der Autor u.a. den gesellschaftlich verankerten, teilweise abwertenden Sprachgebrauch im Hinblick auf Suchterkrankte kritisiert.
In 11 Kapiteln werden die Psychodynamik von Suchterkrankungen, der stationäre Be- handlungsrahmen, die Gruppentherapie, der Einbezug von Angehörigen, die «Institution», der Umgang mit schwierigen Behandlungs- situationen und hilfreiche Haltungen be- leuchtet.
Sowohl die Einführung als auch die Er- läuterungen suchtbehandlungsrelevanter psy- chodynamischer Konzepte (wie Selbst und Selbstwertgefühl, ideales Objekt und libidöse Besetzung, Autonomie, sadomasochistischer Modus) und deren Verdeutlichung anhand von Beispielen stellen ein gutes Amalgam aus Theo- rie und praktischer Erfahrung dar. Sie können für Berufsanfänger:innen hilfreich sein ebenso wie die Beleuchtung des stationären Behand- lungsrahmens mit Spezifika wie Grenzen, Re- geln, heimliche Konsumereignisse, Misstrauen, disziplinarische Entlassung und Realitätstests. Hier greift der Autor Themen auf, die auf bei- den Seiten der therapeutischen Beziehung im Rahmen von Suchtbehandlungen eher anzu- treffen sind als in anderen psychiatrischen Schwerpunkten. Die Weitergabe dieses Erfah- rungswissens kann den Berufseinstieg erleich- tern, indem das Erleben von Ausgenutzt-Wer- den, Resignation und geringer Verstärkung narzistischer Bedürnisse - vor allem durch das erlebte «Scheitern» von Behandlungen nach therapeutischen Massstäben - von der indivi- duellen auf eine Problem-immanente Ebene gehoben wird.
Nach einer Kritik an gesellschaftlich favo- risierten Konzepten für die Suchtbehandlung wie dem Abstinenzparadigma widmet sich der Autor in ermutigendem Ton der positiven Be- ziehungsgestaltung, der Rolle des Therapeuten und den Angehörigen. Hingegen kritisiert er Institutionen, weil sie die Autonomie des Individuums (zu) wenig fördern. Diese Aus- führungen sind überwiegend für alle psych- iatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen im stationären Setting gültig. Hier fehlt die suchtspezifische Komponente.
Jens Winkler: Suchttherapie inside. Erfahrungswissen für junge Therapeutinnen und Therapeuten
Stuttgart: Schattauer Verlag; 2022, nur als E-Book erhältlich, 28,00 Euro, ISBN 978-3-608-40085-4
Jens Winkler: Suchttherapie inside. Erfahrungswissen für junge Therapeutinnen und Therapeuten
Stuttgart: Schattauer Verlag; 2022, nur als E-Book erhältlich, 28,00 Euro, ISBN 978-3-608-40085-4
Ausgesprochen positiv sind die didakti- schen Mittel zu werten, nämlich ein imaginärer Dialog, Merksätze, Praxistipps und Anre- gungen zur Reflexion. Dagegen sollte ein im Jahr 2022 erscheinendes Buch nicht nur auf ICD 10, sondern auch auf ICD 11 rekurrieren. Wiederholungen von Kerngedanken, wie die positive Beziehungsgestaltung und der dreima- lige Hinweis auf diesselben Manuale wirken er- müdend. Am Rande angemerkt sei eine Irrita- tion bezüglich des zweisprachigen Haupttitels eines Buchs für den deutschsprachigen Raum und des gender-gerechten Untertitels zu einem Buch, das die männliche Form sonst nicht ver- lässt. Übrigens wendet sich die Monographie ausschliesslich an Assistenzpsycholog:innen, nicht jedoch an Ärzt:innen. Daraus ergibt sich die abschliessende Frage, ob Unterschiede in der Sozialisation der genannten Berufsgruppen in Bezug auf die selbstverständliche Weitergabe von Erfahrungswissen bestehen, wobei ein kollegialer Austausch das Lesen eines Buches ersetzen könnte.
Der erste Teil dieses Buches erscheint für junge Kolleg:innen, psychologische und ärzt- liche, lesenswert, während der zweite Teil die geweckten Erwartungen nicht erfüllt.