London: Karnac Books; 2011.
Kartoniert, 420 Seiten. Preis Euro 29,99.
ISBN 978-1-8557-883-4.
In dieser historischen Studie zeichnet der Autor, minutiös referierend, Freuds Interpretation (1911) von Schrebers Selbstdarstellung (1903) seiner paranoid-halluzinatorischen Psychosen nach. Der Fokus des Autors ist dabei die ÄtiologieKonstruktion Freuds, daneben seine Symptomdeutung. Diese Trennung ist künstlich, weil Freud ja (im Gegensatz zu Eugen Bleuler) die Interpretation des Inhalts von Wahn und Halluzination mit Motiv- und Ursachendeutung ineins brachte. Freud nahm bei Schreber ein Haftenbleiben der Libidoentwicklung im Stadium des Autoerotismus an, Regression zu und Fixierung im infantilen Narzissmus. Er hielt dies für den pathogenetischen Prozess bei der Paranoia (welche Diagnose er vorzog gegenüber der paranoiden Form der Dementia praecox von Kraepelin, der Schizophrenie von Bleuler). Das Subjekt, d.i. die Person mit ihrer Biographie, wähle (!) sein eigenes Ich als Liebesobjekt und verharre in diesem Stadium, in dem die Libido von der Aussenwelt abgezogen sei, haftend am infantilen Selbst. Für Freud steht diese Deutung der Libidoentwicklung im Vordergrund, ohne dass daneben eine hereditäre Disposition negiert würde (aber dafür gab es damals keine Belege aus der Familiengeschichte). Die Prädisposition des Subjektes (d.i. der Person; sprachlich ungünstig subjective predisposition im Kontrast zu objective-biological) mit seiner Lebensgeschichte steht für Freud dominant da vor der objektivierend-biologischen (zerebralen) Ätiologie, die damals das verbreitete Denkmodell war. Der Autor sieht darin eine originelle Leistung Freuds (deshalb auch der Untertitel des Buches) gegenüber aller vorangehenden und zeitgenössischen Psychiatrie. In seiner eindrücklich fleissigen Sammlerarbeit referiert er Weg und Begegnung, Denken und Deuten von Freud bis zu seinem Schrebertext 1911 und dann die Weiterentwicklung dieser ätiologischen Psychosendeutung bei Freud selbst und seinen Adepten und Kritikern. Die Geschichtsstudie mündet schliesslich in Lacans Interpretation sowohl von Freud wie von Schreber – Lacans idiosynkratisch-eigenwillige Komposition von Psychoanalyse und struktural-symbolischer Linguistik.
Der Autor Dalzell, Theologe, Arzt und Psychoanalytiker Lacan’scher Schule in Dublin, Irland, arbeitete in diesem Band (400 Seiten) seine Dissertation aus. Er ist ein vielsprachiger Kenner englischer, französischer und deutscher Quellen und sehr gründlich im Sammeln und Referieren. Sein Eros gehört der Psychoanalyse, also Freud und Lacan. Dabei sind vorfreudianische Psychiater ungenügend gewürdigt, sind Andersdenkende parteiisch erwähnt (z.B. Janet). Kritische Reflexionen zu Krankheit, Diagnose, Psychose, Ätiologie, Interpretieren fehlen. Der Text ist zeitweise abundand durch Repetitionen. Im Text und Literaturverzeichnis steht falsch Stocki statt Stucki. Der Autor hat sehr fleissig und gründlich gesammelt und gut strukturiert geschrieben, seine Geschichtsstudie verdient Anerkennung und treue Leser.