Am 19. Juli dieses Jahres hatte Miriam Linder ihren näheren Bekannten mitgeteilt, dass sie nicht länger allein in ihrer Wohnung zurechtkäme und sich in Pflege begeben müsse. Körperliche Beschwerden zwangen die bis zu diesem Zeitpunkt absolut autonome Frau, sich diesen zu beugen und sich «faute de mieux» – wie sie selber sagte – darein zu schicken. Sie blieb jedoch bis eine Woche vor ihrem Tod allem Gegenwartsgeschehen und ihren Besuchenden gegenüber bewundernswert zugewandt und interessiert, niemals auf ihren Zustand als Gesprächsthema hinlenkend.
Diese Wesenszüge haben die 1928 geborene Pfarrerstochter und Schwester von vier Brüdern auch als Oberund später Leitende Ärztin der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel charakterisiert: Stets ging es um die Anliegen der Patienten oder der Institution. Sie war geschult, wissenschaftlich exakt zu denken und zu analysieren, was Sache war. Ihr Interesse und ihre Neugier auf das Funktionieren unserer menschlichen Systeme standen von Anbeginn ihrer Weiterbildung in Neurologie (1955) und Psychiatrie (1957) im Mittelpunkt. Ihr Blick war stets auf logisch nachvollziehbare Zusammenhänge ausgerichtet. Allzu pointierten psychoanalytischen Überlegungen gegenüber äusserte sie sich sehr kritisch. Aber auch Simplifizierungen bezüglich Pharmakotherapie- und Nosologie-Theorien war sie abhold. Sie betrachtete – in gutem ärztlichem Geist – das Wohl der ihr anvertrauten Patienten als erstrangig und stand so manchen schwierigen, immer wieder in die Klinik zurückkehrenden Menschen auch ausserhalb der Dienstzeit zur Seite. Sie wurde von ihren Patienten vorbehaltlos angenommen.
Während der späten Sechzigerund zu Beginn der Siebzigerjahre hatte sie als einzige Frau neben den Herren Raymond Battegay, Hans Fehr, Felix Labhardt und Wilfried Rümmele als Oberärztin geamtet, war während sehr vielen Jahren angehenden Psychiatern und Psychiaterinnen, darunter späteren Chefärzten und Professoren (Dieter Bürgin, Theo Cahn, Jörg Fleischhauer, Markus Gastpar, Herbert Heise, Daniel Hell, Günter Hole, Dieter Ladewig, Fritz Ramseier, Karl Studer), eine zwar strenge, nüchterne «Lehrmeisterin», aber auch stets geduldiges und liebenswürdiges Vorbild – «die Mutter der Basler Psychiatrie», wie Karl Studer sie gelegentlich neckisch titulierte.
Ihr Engagement zugunsten der Patienten ist unvergessen: Es galt, Mensch zu sein, selbst dort, wo von Seiten der Kranken schier Unerträgliches daherkam, wo der persönliche Einsatz gefordert war, wo es nach aussen keinerlei Lorbeeren zu holen gab. Als sich in den Jahren 1971–1976 eine Gruppe von sechs Assistenzärzten sehr für die aus Italien sich verbreitende Initiative für eine patientenorientierte Psychiatrie (Franco Basaglia, Goerz/Gorizia) engagierte, nahm Miriam Linder als Oberärztin (!) regelmässig an den Lektüre- und Diskussionsabenden sowie den Gesprächen und Reisen zu Basaglia und Klaus Dörner teil. Keiner ihrer Oberarztkollegen hätte sich dieser Herausforderung damals so gestellt.
Unbestechlich war ihr Verhalten bei Konflikten unter dem Pflegepersonal, wenn dort gewerkschaftliche Interessen weit wichtiger schienen als die Betreuung der Kranken. So hatte sie als Mediatorin mehrfach vor allem Professor Paul Kielholz entlastet, stets nach gangbaren Verhandlungen suchend, stets zur Diskussion bereit.
Erholung fand Miriam Linder in der Musik, einerseits als leidenschaftliche Pianistin, andererseits in der Erkundung kammermusikalischer oder gar orchestraler Partituren. In ihrer Dissertation «Die Psychose von Robert Schumann und ihr Einfluss auf seine musikalische Komposition» (1958) hatte sie sich damit auseinandergesetzt, wie Schumann dank Beschäftigung mit den streng festgelegten Regeln der Fugenkomposition wieder sinnvoll schöpferisch werden und so aus seinem psychotischen Chaos herausfinden konnte. Sie begnügte sich nie mit dem einfachen Hörvergnügen, sie wollte den Werken wissenschaftlich-analytisch auf ihren Grund gehen. Häufig hörte sie sich ein Werk mit der Taschenpartitur in der Hand – sogar vor dem Einschlafen – an. Während unserer gemeinsamen Klinikjahre musizierten wir jeweils an der Weihnachtsfeier für die Patientinnen und Patienten zusammen mit Miriam. Nie fehlte es an Begeisterung und hilfreicher Motivierung von ihrer Seite. Mit Kollegen und insbesondere mit Verena Wenger, mit der sie auch das Haus teilte, musizierte sie über viele Jahre mit grossem Eifer. Während ihrer letzten Lebenswochen begleiteten sie Schuberts letzte Klaviersonaten. Deren Ausbrüche unerbittlicher Aufgewühltheit mochten Zeichen dafür sein, wie sehr sie selber mit ihrem Schicksal gerungen hat. Aber sie musste «dieses Schwere (wie Hesse sagt) alleine tun». Sie verstarb am 20. August 2011. Dass sie sich keine Trauerfeier wünschte, entspricht ganz ihrem nach aussen stets so bescheiden imponierenden Naturell. Nicht sie als Person, sondern immer die zu lösende Problematik hatte in ihrem Denken und Handeln, in ihrem Sein Priorität.