Catja Wyler van Laak:
Therapie eines Sexualstraftäters und was das mit uns zu tun hat
Frankfurt a. M.: R. G. Fischer Verlag, Nov. 2009. 159 Seiten, kartoniert.
€ 9.80. ISBN 978-3-8301-1302-7.
Die Autorin, eine niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin mit forensisch-psychiatrischem Schwerpunkt und breitem klinischen Hintergrund (u.a. als Stv. Chefärztin einer Hochsicherheitsabteilung) legt hier einen Therapiebericht über einen Sexualstraftäter vor, anhand dessen sie eine Reihe massnahmerechtlicher, sozial- und entwicklungspsychologischer sowie bindungstheoretischer Gesichtspunkte erläutert, Vor allem aber bemüht sie sich, die spezifischen Therapieziele und psychologischen Wirkungsmomente einer erfolgreichen Behandlung herauszuarbeiten. Dabei bedient sie sich einer klaren, allgemeinverständlichen Sprache, welche ein Übermass an Fachterminologie tunlichst vermeidet.
Neben der eindrücklichen Fallschilderung selbst, geht es ihr offensichtlich auch darum, die soziale und situative Bedingtheit von unmenschlichem bzw. strafbarem Tun herauszustellen, wozu sie Bezug auf das berühmte Milgram-Experiment aus den 70er-Jahren nimmt. Damals konnte gezeigt werden, wie zwei Drittel einer Versuchspersonengruppe unter dem Druck einer Autoritätsperson bereit waren, einem Probanten potentiell lebensgefährliche Stromstösse zu verabreichen, Der Bogenschlag zu verschiedenen Formen von organisierter Gewalt, etwa im militärischen Kontext, gelingt allerdings leichter als derjenige zum Einzeltäter, der Sex mit einer Minderjährigen sucht und der durch die staatliche Autorität bzw. Recht und Gesetz eigentlich von seinem Ansinnen abgebracht werden sollte.
Sehr richtig und wichtig ist hingegen der Hinweis, dass Pornographiekonsum die Handlungsschwelle zur Deliktverübung erwiesenermassen senken kann.
Hochinteressant ist der Beizug von Erkenntnissen aus der Resilienzforschung, einem Ansatz, welcher in der forensischen Psychiatrie erst seit einiger Zeit grössere Beachtung findet. Auch wenn diese Konzepte für die psychischen Entwicklungen der Opfer möglicherweise noch fruchtbarer sind als für diejenigen der Täter, so erscheint es sinnvoll, den oft zitierten Risikofaktoren für Fehlentwicklungen auch die empirisch ermittelten Schutzfaktoren gegenüberzustellen, welche eine gesunde Entwicklung trotz Belastungsexposition sicherstellen.
In diesem Zusammenhang führt die Autorin auch neuere Konzepte aus der Bindungsforschung an, welche die früheren, oft etwas fatalistisch anmutenden Prägungstheorien etwas relativieren. So ist heute davon auszugehen, dass die ursprünglichen infantilen Bindungserfahrungen von einem zweiten, sprachlich repräsentierten Beziehungssystem überbaut werden, welches frühere missliche Erfahrungen anscheinend sogar korrigieren kann, zumal Sprache diese Bindungserlebnisse modifizieren, erweitern und mitteilungsfähig machen kann.
Die Autorin nimmt in der Folge eine Evaluation des Therapieverlaufs vor und zeigt auf, auf welchen Einzelkomponenten der Behandlungserfolg beruht: Korrigierende Beziehungserfahrungen, verstärkte Wachsamkeit gegenüber rückfallfördernden Risikofaktoren, verbesserte sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten, erhöhter Realitätsbezug und ebensolches Planungsvermögen, bessere Nutzung der eigenen Fähigkeiten, Forderung der Kontaktsuche, letzteres insbesondere unter Stressbelastung.
Gerade unter dem Bindungsaspekt empfiehlt sie protrahierte Kontakte zwischen dem Klienten und den Therapeuten zur langfristigen Stabilisierung des Erreichten.
Das Buch schliesst unkonventionellerweise mit einem kurzen Theaterstück, welches die Schwierigkeiten der deliktpräventiven Aufklärung von Kindern in realitätsnaher Form aufzeigt. Somit verdanken wir der Autorin ein eigenwillig konzipiertes Lesebuch, welches einerseits einen guten Einblick in die Werkstatt der forensischen Psychotherapie gibt, andrerseits auch eine anregende Horizonterweiterung durch Aufzeigen der sozialpolitischen Bezüge ermöglicht.
Thomas Knecht, Münsterlingen