Next Article in Journal
Aktualitäten Actualités News
Previous Article in Journal
Identität und Identitätsstörung bei Persönlichkeitsstörungen: Definition, Konzeptionen und Perspektiven aus psychodynamischer Sicht
 
 
Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with EMH Editores Medicorum Helveticorum.
Font Type:
Arial Georgia Verdana
Font Size:
Aa Aa Aa
Line Spacing:
Column Width:
Background:
Study Protocol

Lern- und Arbeitsstörungen bei Studentinnen

Freiestrasse 84, CH-8032 Zürich
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2008, 159(5), 338-341; https://doi.org/10.4414/sanp.2008.01974
Published: 1 January 2008

Summary

A constant number of female students consult the Psychological Counselling Centre for Students in Zurich regularly because of learning disorders and work inhibitions. These disorders are “localised” and appear in certain situations, but they can develop into longer lasting inhibitions and provoke deep feelings of frustration and even depression. In this article some specific aspects of learning and intellectual work in women are examined: the capacity to be alone, the demarcation of one’s own space from the care for others, the difficulty forming and advocating an opinion of one’s own, the search for the recognition of the father and the influence of attitudes and fantasies. Clinical examples show possible treatments.

… denn es ist das wirkliche leben, die arbeiten, die mir verbieten, verrücktheiten zu machen, während die ganze seele unbehaust und ungeschützt durch die lüfte fliegt …
Hans Werner Henze, Brief an Ingeborg Bachmann [1]

Einleitung

Jedes Jahr wenden sich zahlreiche Studentinnen an die Psychologische Beratungsstelle für Studierende beider Hochschulen Zürichs (PBS) wegen Lern- und Arbeitsstörungen. Diese Störungen haben verschiedene Aspekte. Es kann sich um eine vorübergehende Blockade bei einer schriftlichen Seminararbeit, um das «ewige» Aufschieben der Lizentiatsarbeit oder um eine vollständige Arbeitshemmung handeln. Diese Störungen verursachen in der Regel tiefe Unzufriedenheits- und Frustrationsgefühle, die mit der Zeit in einem Circulus vitiosus, einer generellen Entmutigung münden und sich bis zu einer reaktiven Depression steigern können (Spielberg 2005) [2].
Obwohl der Anteil Frauen an den Universitäten stets zunimmt (vgl. Table 1), bleibt die Prozentzahl der Studentinnen mit Lernstörungen an der PBS relativ stabil. Man kann annehmen, dass es sich bei Lernstörungen um eine eingegrenzte Problematik handelt (vgl. Table 2). Literatur über Lernstörungen bei Frauen allgemein und insbesondere von einem psychodynamischen und psychoanalytischen Standpunkt aus ist eher rar.
Table 1. Anzahl Studierende nach Gesch Lecht (© Universität Zürich).
Table 1. Anzahl Studierende nach Gesch Lecht (© Universität Zürich).
Sanpp 159 00338 i001
Table 2. Anzahl und Prozent der Klientinnen und Klienten mit Lernstörungen 1999–2005.
Table 2. Anzahl und Prozent der Klientinnen und Klienten mit Lernstörungen 1999–2005.
Sanpp 159 00338 i002
In einer umfangreichen Arbeit über Arbeitshemmungen bei Frauen umgrenzt die amerikanische Psychoanalytikerin Adrienne Applegarth (1976) [3] die von ihr untersuchte Lernstörung wie folgt: «Ich beziehe mich auf eine relativ bestimmte und lokalisierte [Hervorhebung von N. B.] Störung dieser Funktion und schliesse nicht Patientinnen ein, deren Störung nur ein Teil einer breiteren und ernsthafteren Ich-Zerrüttung darstellt.» (S. 252) Gerade weil Frauen real mehr Möglichkeiten offenstehen, kommen die inneren Hindernisse stärker zum Tragen. Sie kommt zum Schluss, dass alte Einstellungen wie z.B. Minderwertigkeitsgefühle hartnäckig sind und von den Frauen selbst als Widerstand gegen die Untersuchung ihrer eigenen Hemmungen benutzt werden können (S. 267). Die Basler Psychiaterin und Psychoanalytikerin Julia Pestalozzi (2000) [4] verbindet das Schreiben einer Arbeit mit Kreativität und der Fähigkeit, die eigene Meinung auszudrücken, auf die Gefahr hin zu missfallen (S. 55), was Frauen besonders schwerfällt.
In der vorliegenden Arbeit geht es um lokalisierte Lern- und Arbeitsstörungen, die zuerst in bestimmten Situationen auftreten, sich jedoch zu einer längeren Hemmung ausweiten können. Es werden Fälle von Frauen besprochen, die einem Studium nachgehen, also eine Ausbildung aus eigenem Antrieb und Interesse machen. Unter der Einengung der Arbeitsstörungen verwandelt sich diese Freiwilligkeit in eine Zwangssituation, die oft als eine äussere, objektive phantasiert wird. Es heisst dann: «Ich muss», «Ich muss lernen … Ich muss meine Arbeit fertigschreiben …»; wie wenn es keine Wahl, vor allem keine innere Wahl und Freiräume, mehr gäbe.

A Room of One’s Own

Es sollen zuerst die Voraussetzungen für die Fähigkeit zu lernen erarbeitet werden. Das Lernen ist eine komplexe geistige und psychische Leistung, die mit Lust und Neugierde verbunden ist, jedoch ausserordentlich störanfällig bleibt (Krejci 1982) [5]. Es ist mit zahlreichen Elementen verknüpft, die ineinanderspielen: mit dem Denken, mit mütterlichen und väterlichen Identifizierungen, dem Selbstwertgefühl, der Einstellung zu Autoritäten, mit unbewussten Phantasien und der Fähigkeit zur Sublimierung, d.h. zur Verwandlung unmittelbarer Lustbefriedigung in langfristigen, intellektuellen oder künstlerischen, Tätigkeiten, die höher bewertet werden. Freud (1910) [6] spricht in seiner Arbeitüber Leonardo da Vinci von einem Forschertrieb und einer Wissbegierde, die ihren Ursprung im sexuellen Interesse des Kindes haben (S. 145). So gesehen ist die Arbeits- fähigkeit ein Ausdruck von Vitalität, und ihre Störungen bewirken eine Verarmung der Ichstärke.
Andererseits erfordert das Lernen und das Schreiben einen Rückzug auf sich selbst: «Jede etwas anspruchsvolle Tätigkeit erfordert Stille, einen gewissen Rückzug der Wahrnehmungstätigkeit […], das Zulassen von auftauchenden Fantasien» (Neyraut 1968, S. 769) [7]. Der Vorgang des Lernens setzt die Fähigkeit, alleine zu sein voraus, «eines der wichtigsten Zeichen von Reife in der emotionalen Entwicklung» (Winnicott 1958, S. 29) [8]. Wer nicht alleine sein kann, kann nicht lernen.
Studentinnen haben es besonders schwer mit dem Alleinsein, weil sie stark auf andere Menschen bezogen sind. «Frauen […] ist systematisch beigebracht worden, dass es erwünscht ist, anderen zu gefallen und sich den Erwartungen anzupassen» (Applelgarth 1976, S. 262) [3]. Die Sorge um andere gehört immer noch erstrangig zur Erziehung von Mädchen. Studentinnen, die sich zu intensiven Prüfungsvorbereitungen länger zurückziehen, fürchten häufig, ihre Freunde und Freundinnen dadurch zu verlieren. Frauen fühlen, dass «ihnen (dann) die wesentliche Verbindung fehlt, die ihnen einen Status oder einfach ein Gefühl von Wichtigkeit und Bedeutung verleiht» (Applegarth 1976, S. 263) [3].
Eine Medizinstudentin erzählte, wie sie fast in jeder Lernstunde mit dem Drang zu kämpfen hatte, ihre Mutter anzurufen, die sich in Scheidung befand und damit grosse Schwierigkeiten hatte. Frau C. hatte Angst, ihre Mutter allein zu lassen. Bei näherem Eingehen auf diese Angst wurde deutlich, dass sie befürchtete, von ihrer Mutter verlassen zu werden, eine Angst, die auf eine alte Bindung des Kleinkindes an die Mutter zurückgeht.
In der Bibliothek werden sie wiederum von den Anwesenden gestört. Die Konzentration wird als etwas gesehen, was man entweder hat oder nicht hat, wie wenn man es geschenkt bekommen könnte. Aber in Wirklichkeit ist die Konzentration ein aktiver Akt der Aufmerksamkeit: Der Fokus wird auf das zu Lernende gerichtet. Alles andere wird ausgeschaltet oder vertagt. Schweifen die Gedanken ab, so ist es nötig, sie auf diesen Fokus zurückzubringen, wie wenn man sich selbst
Eine andere Medizinstudentin, welche die Beratungsstelle anfänglich wegen Bulimie aufsuchte, hatte Bedenken, sich in ihr Zimmer zum Arbeiten zurückzuziehen. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft und hatte Angst, ihre Mitbewohnerinnen, die sich oft im Wohnzimmer gemeinsam aufhielten, zu kränken, wenn sie die Runde verliess. Ich habe bei jungen Frauen, die an Bulimie leiden, festgestellt, dass sie als Jugendliche unter starken Schuldgefühlen gelitten hatten, wenn sie das Bedürfnis verspürten, den Familienkreis, z.B. bei Familienessen oder -festen, zu verlassen. Sie hatten den Eindruck, dafür verurteilt zu werden oder etwas Inakzeptables zu tun. Diese Schuldgefühle begleiteten sie später bei jedem sozialen Rückzug, und sie konnten sich so die Grundvoraussetzung für das Lernen und Arbeiten nicht erlauben: das Alleinsein im eigenen Zimmer.
Frauen lassen sich leichter durch Gefühle am Arbeiten stören. Im Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann (Bachmann und Henze 2004) [1] ermahnt der Komponist Henze immer wieder die Freundin zur Arbeit: «Leider hast du immer noch nicht begriffen, wie schön es ist zu arbeiten, und wie nichtarbeiten viel mehr ermüdet als arbeiten» (S. 104). Als sie sich über die «Schmach» des Scheiterns ihrer Beziehung zu Max Frisch bei ihm beklagt, wirft er ihr zornig vor, sich von ihren Liebesbeziehungen und «Sentimentalitäten» am Arbeiten hindern zu lassen: «Deine eigentliche Schmach ist, glaub mir, viele Jahre nicht gearbeitet zu haben […] Keiner weiss besser als ich, was Schmerz ist (er ist mein Reisekamerad) […] aber ich Hans, werde dich nicht mehr achten, noch möchte ich dich wieder sehen, wenn du jetzt nicht damit aufhörst und statt dessen anfängst, deine PFLICHT zu tun, wie ein Bankbeamter» (S. 257).
Hier wird die künstlerische Arbeit als Seinsberechtigung aufgefasst und zugleich als Schutz gegen emotionale Enttäuschungen, Verletzungen und Turbulenzen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Für Frauen im Studium ist der Schutz ihrer Arbeit gegen Störungen dieser Art nicht selbstverständlich. Sie grenzen sich zu wenig ab und opfern sogar manchmal ihre Arbeit für ihre Beziehungen. Ungewissheit in der Liebe oder Trennungen werfen sie schnell aus der Bahn. Das erste, was darunter leidet, ist meistens das Lernen.
Virginia Woolf (1928) [9] hat in ihrem Essay «A Room of One’s Own» die Bedingungen beschrieben, unter denen Frauen schreiben könnten. Ihre Überlegungen haben an Aktualität (leider) nicht viel verloren. Frauen haben Schwierigkeiten, schreibt sie, eigene Gedanken zu denken. «Ein Schloss an der Tür bedeutet die Macht, für sich selbst zu denken» (S. 105, Übersetzung N. B.). Wie viele Studentinnen habe ich klagen hören, dass sie von Müttern, Vätern, WG-Bewohnern in ihrem Zimmer gestört wurden, weil sie sich nicht trauten, die Tür zu schliessen oder klar zu signalisieren, dass sie nicht gestört werden wollten! Diese Errungenschaft – ein eigenes Zimmer mit abgeschlossener Türe – ist für Frauen immer noch nicht selbstverständlich, und es bedarf manchmal einer beharrlichen therapeutischen Arbeit, bis sie sich von diesem Recht überzeugen lassen und das stille Arbeiten auch geniessen können.
Studentinnen, die Arbeitsschwierigkeiten haben, klagen häufig über Konzentrationsstörungen. Wenn sie zu Hause lernen, erzählen sie, wie sie sich von kleinen alltäglichen Angelegenheiten oder durch Essen, Fernsehen, den Computer ablenken lassen. In der Bibliothek werden sie wiederum von den Anwesenden gestört. Die Konzentrationwird als etwas gesehen, was man entwederhat oder nicht hat, wie wenn man es geschenktbekommen könnte. Aber in Wirklichkeit istdie Konzentration ein aktiver Akt der Aufmerksamkeit:Der Fokus wird auf das zuLernende gerichtet. Alles andere wird ausgeschaltetoder vertagt. Schweifen die Gedankenab, so ist es nötig, sie auf diesen Fokuszurückzubringen, wie wenn man sich selbst an die Hand nehmen würde. Sich ablenken zu lassen ist eine aktive Wahl: Man lässt es zu, an etwas anderes zu denken oder etwas anderes zu tun. Die Kontinuität, die Regelmässigkeit – nulla dies sine linea – gewährleisten das Lernen und Schreiben. Das ist mit wenig Aufwand steuerbar, wenn man einmal verstanden hat, dass das Fokussieren auf die Arbeit das Wesentliche ist.

Die eigene Meinung artikulieren

Der Rückzug auf sich selbst, in die Stille des Alleinseins, ist die Voraussetzung für die Entstehung eigener Gedanken und die Bildung einer eigenen Meinung. Schon beim Lesen eines Buchs oder eines Textes tauchen Gedanken, Assoziationen, Querverbindungen zum vorhandenen Wissen auf; Zusammenhänge werden hergestellt. Das reicht jedoch für das Lernen noch nicht aus. Der nächste Schritt besteht darin, diese Gedanken nach aussen zu tragen und sie öffentlich, gegenüber anderen, zu vertreten, z.B. in einer Seminardiskussion, einem Vortrag oder einer Prüfung. Frauen äussern häufig die Angst, ihre eigene Meinung zu sagen. Sie fürchten anzuecken, zu missfallen, in eine Disharmonie zu geraten. Letztendlich haben sie Angst, nicht mehr geliebt zu werden.
Wenn Studentinnen ihre Lizentiatsarbeit beginnen, äussern sie oft die Schwierigkeit, dass sie über das Lesen von Sekundärliteratur nicht hinauskommen. Natürlich kann diese Vorbereitungsphase fast beliebig verlängert werden und dem Aufschub dienen. Dahinter stecken oft enorm hohe Ansprüche und übertriebene Vorstellungen von den Anforderungen, die an eine solche Arbeit angeblich gestellt werden. Für manche Frauen ist es ein narzisstisches Problem: Sie möchten die Fähigkeit, eine brillante Arbeit zu schreiben, bereits haben und können sich nicht vorstellen, sie durch die Praxis zu erwerben.
Eine Studentin, die ihre Lizentiatsarbeit mehrere Jahre aufgeschoben hatte, kam in die Beratung, mit dem Anliegen, sie wiederaufzunehmen, um das Studium endlich abzuschliessen. Sie war 31 Jahre alt. Obwohl sie genügend Material und die empirischen Untersuchungen längst beendet hatte, hatte sie eine massive Blockade und besuchte die Universität schon lange nicht mehr. Sie erzählte, dass sie das Gefühl für die Zeit völlig verloren und dass die Arbeit für sie einen virtuellen Charakter angenommen hatte.
Die Lizentiatsarbeit ist die erste längere selbständige schriftliche Arbeit im Studium. Der Wunsch, etwas Besonderes zu entdecken und zu schreiben, kann ein Ansporn sein. Unverhältnismässige Ansprüche verursachen die hemmende Angst, nicht zu genügen. Dazu kommt die Befürchtung mit eigenen Ansichten anzuecken, den «wissenschaftlichen» Erwartungen nicht zu entsprechen. Die Vorstellungen über wissenschaftliches Arbeiten sind vor allem bei Studentinnen der Geisteswissenschaften manchmal zugleich diffus und fordernd. Gelingt es in einer Beratung diese Vorstellungen zu klären und zu präzisieren, kann das eine Arbeitsblockade innerhalb kurzer Zeit wieder aufheben.
Vom klinischen Aspekt her gesehen, äussern Frauen stärkere Ängste, sich zu blamieren, als Männer. Sie haben die Phantasie, sie könnten plötzlich wie nackt dastehen und nichts vorzuweisen haben, oder sich als Hochstaplerin zu entlarven. Diese Phantasie rührt vermutlich aus der kindlichen Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz her («ich habe nichts vorzuweisen, weil keinen Penis») und ist mit der uralten sozialen Überbewertung des männlichen Phallus verbunden.
Bereits das Denken ist bei Frauen mit Vorbehalten verbunden, die eine lange Tradition haben. Die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton (1862–1937), die sich in ihren Romanen und Erzählungen mit dem damals einengenden Schicksal von Frauen befasste, bekam als Kind nur Privatunterricht. Nachdem sie an Typhus erkrankt war, wollten ihre erschrockenen Eltern vermeiden, ihr Hirn zu ermüden, und verboten ihr, Latein zu lernen (Benstock 1994, S. 24) [10].
Freud (1911) [11] definiert das Denken als ein «Probehandeln» (S. 233), als einen inneren psychischen Vorgang, der mit Aufmerksamkeit und Lust- und Unlusterregungen verbunden ist. Es ist eine in höchstem Masse eigenständige Aktivität.Virginia Woolf (1928) [9] bezeichnet «die Freiheit, über Dinge an sich zu denken», als die grösste Erlösung («… the greatest release of all came, which is freedom to think of things in themselves» (S. 40) [deutsche Übersetzung N. B.].). Es geht ihr dabei um Unterscheidungen bei der eigenen Wahrnehmung und in der Folge um Urteile über Geschmack und Präferenzen, kurz gesagt, um die eigene Meinung: «Dieses Gebäude, zum Beispiel, mag ich es oder nicht? Ist dieses Bild schön oder nicht? Ist dieses Buch meiner Meinung nach gut oder schlecht?» ([9], S. 40, Übersetzung N. B.). Ich habe beobachtet, dass Studentinnen und Frauen allgemein oft mit der Bildung einer eigenen Meinung zögern, weil sie sich von ihrem Bedürfnis, sich nach anderen zu richten, leiten lassen. Sie wissen dann nicht, was SIE meinen oder wollen, weil sie sich mit dieser einfachen, grundlegenden Frage nicht wirklich befassen. Ist die eigene Meinung einmal gebildet, gilt es, sie nach aussen zu vertreten und dazu zu stehen.
Krejci (2001) [12] schildert in vier Behandlungsverläufen der Psychotherapeutischen Beratungsstelle in Freiburg im Breisgau, wie Studentinnen ihre Arbeitsstörungen überwinden konnten, nachdem sie sich von fremden Erwartungsvorstellungen ablösten und eine Rückbesinnung auf sich selbst, d.h. auf die eigenen Ideen und Meinungen, stattfand. Sie begriffen, dass nicht nur das Referieren der Auffassungen von verschiedenen Autoritäten, sondern etwas Eigenes erwartet wurde. Alle diese Frauen waren mit ihren Vätern identifiziert und entwerteten ihre Weiblichkeit. Sie bewerteten die männliche Rolle als überlegen und verknüpften sie mit dem Ideal einer intellektuellen und wissenschaftlichen Objektivität. Das Aufgeben, im Verlauf der Behandlung, ihrer Unterwerfung unter dieses Ideal ermöglichte, ein «persönlich bestimmtes Verhältnis zu dem Wissensstoff [...] und die eigenen, subjektiven Anliegen mit dem akademischen Wissen in kreativer Weise zu paaren» (S. 85).

Die Anerkennung durch die Väter

Die Identifizierung mit den Müttern bei der Einstellung zum Lernen ist oft betont worden (Applegarth 1976 [3], Pestalozzi 2000 [4]). Virginia Woolf (1928) [9] fragt: «Womit hatten sich unsere Mütter beschäftigt, dass sie uns keinen Reichtum hinterliessen?» (S. 22) («What had our mothers been doing then that they had no wealth to leave us?» [deutsche Übersetzung N. B.].) Sie meint es nicht nur im materiellen Sinne.
Selten haben Frauen eine Mutter als Vorbild, welche die eigene berufliche Tätigkeit voll besetzen und darüber stolz sein kann. Es ist noch vorwiegend so, dass Mütter unter mangelndem Selbstwertgefühl leiden und sich den Männern unterstellen. Die Töchter identifizieren sich mit diesem Bewusstsein eines «Mangels». So sagen Studentinnen mit voller Überzeugung: «Mir fehlt etwas.» Die eine meint damit die Intelligenz, eine andere das Talent zum Schreiben, eine dritte die Eignung zur Mathematik … Die Liste wäre beliebig zu verlängern. Frauen sehen es wie ein angeborenes, geradezu physisches Defizit.
Aus diesen Gründen ist eine Identifizierung mit dem Vater, der seine Arbeit viel selbstverständlicher in den Mittelpunkt seines Lebens stellt, für Frauen sehr wichtig. Eine gewisse Anerkennung durch ihn kann ein Grundbaustein der intellektuellen Entwicklung sein. Das Fehlen der väterlichen Anerkennung kann als sehr schmerzhaft und kränkend empfunden werden. Bleibt die Kränkung unbewusst, kommt es zu vergeblichen Bemühungen, sich diese Anerkennung von anderen Autoritäten zu holen.
Eine Kunststudentin, deren Vater Journalist ist, wirft ihm vor, dass er sich nie zu ihren Zeichnungen geäussert habe. Ohne Feedback seinerseits entwickelte sie eine überaus strenge Anspruchshaltung: «Ich strebe nach Perfektion, bin nie gut genug.» Ihre Anforderungen bringen sie in eine permanente, auch körperlich spürbare Anspannung. Sie leidet unter Schlafstörungen, Kopfund Nackenschmerzen.
Eine Germanistikstudentin im 15. Semester suchte die PBS auf, weil sie die letzte Seminararbeit vor dem Lizentiat nicht abschliessen konnte. Sie schob sie seit einem Jahr auf. Sie litt an dem bekannten Phänomen des Aufschubs (procrastination) (In der anglo-amerikanischen psychologischen Literatur ist der Begriff der procrastination geläufig und wurde eingehend auf seine verschiedenen Ursachen, Erscheinungsformen und Behandlungsmöglichkeiten untersucht. Die Literatur ist zu umfangreich, um hier zitiert zu werden. Vgl. u.a. Ferrari und Pychyl 2001 [13].), welches das Selbstwertgefühl mit der Zeit gravierend vermindert. Sie klagte, dass sie während des ganzen Studiums zu wenig Feedback von ihren Dozierenden erhalten hatte. Ich schlug ihr eine Beratung von 3 Monaten vor, mit dem Fokus auf das Abschliessen der Seminararbeit.
Im Verlauf stellte sich heraus, dass die Patientin sich von ihrem Vater nicht anerkannt fühlte. Er war ein ausländischer Arbeiter, der ihre Erfahrung als Studentin nicht teilen konnte. Er meinte, dass «Frauen nichts von der Arbeitswelt verstehen». Das hatte sie zutiefst gekränkt. Ihr ganzes Bestreben im Studium erwies sich als die Suche nach der ersehnten Anerkennung des Vaters. Sie gestaltete selbst ihr Verhältnis zu den Professoren so, dass sie sich nicht traute, sie anzusprechen und ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, z.B. um ein Feedback über ihre schriftlichen Arbeiten zu erhalten, um dann unendlich daran zu leiden, dass sie sich von ihnen im Stich gelassen fühlte. Sie war enttäuscht und voller Ressentiments. Hinzu kam, dass sie das Studium idealisierte und extrem hohe Ansprüche an sich stellte, die sie beim Schreiben blockierten. Die regelmässige Beratung einmal pro Woche half ihr, konstant an ihrer Seminararbeit zu schreiben und nicht zu verzweifeln, wenn der betreuende Dozent ihre Mailfragen nicht sofort beantwortete. Einerseits wurde ihr die Enttäuschung von ihrem Vater bewusst, andererseits lernte sie, dass eine fundamentale Voraussetzung des Schreibens die Regelmässigkeit und die Kontinuität sind. Unter diesem Aspekt besteht die therapeutische Arbeit in einer wohlwollenden Begleitung und Unterstützung des Vorgangs des Schreibens. Sie bietet einen Rahmen für die Fortsetzung dieser Tätigkeit, die sonst vom Abbruch durch Enttäuschungen und von zu hohen Ansprüchen bedroht ist. Bei dieser Patientin geht es hauptsächlich um die Ablösung vom Vater.

Einstellungen und Phantasien

Einen starken Einfluss auf das Gelingen des Lernens hat die Einstellung zur Institution Hochschule. Sie kann mit Phantasien verbunden sein, die persönliche Erlebnisse widerspiegeln und auf die Instanzen des Studiums, z.B. die Professoren, projiziert werden. Da Studentinnen häufig ein geringes Selbstwertgefühl haben, rationalisieren sie das manchmal mit der Vorstellung, dass die Hochschule nicht für sie gemacht sei oder sie ablehne. Das zeigt sich besonders deutlich bei Studentinnen der Medizin und der Naturwissenschaften, insbesondere an der ETH. In diesen Fächern ist die Menge des Stoffes, der zu bewältigen ist, sehr gross, und das systematische Lernen (einschliesslich des Auswendiglernens) überwiegt. Wichtig ist die selbständige Entscheidung, Schwerpunkte zu setzen, und der Verzicht auf die ideale Vorstellung, «alles» zu lernen. Da hier das Lernen eine starke Selbstdisziplin verlangt und wenig Spielraum für eigenes Denken lässt, spielt die Einstellung zum Fach und zum Studium – d. h., auch die Motivation, einen so grossen Aufwand auf sich zu nehmen – eine erhebliche Rolle.
Eine Studentin der ETH suchte die PBS auf, weil sie das erste Vordiplom nicht bestanden hatte. Sie hatte eine fast unüberwindbare Abneigung, für die Prüfungswiederholung zu lernen. Im Verlauf der Beratung zeigten sich ihre Minderwertigkeitsgefühle. Sie traute sich nicht zu, in den mathematischen Fächern genügend gut zu sein. Zugleich hatte sie starke Ressentiments gegenüber den Anforderungen der Hochschule. Eines Tages kam sie völlig aufgewühlt in die Beratungsstunde. Sie hatte im Wartezimmer in einer ETHStudentenzeitung ein Interview gelesen, in dem ein Dozent die Ansicht vertreten hatte, dass die ETH nur hochbegabte Studierende zulassen solle.
Sie sagte unter Tränen: «Das System will mich nicht!» Erst als ihre Unzulässigkeitsgefühle bearbeitet wurden, konnte sie wieder ungestörter lernen und bestand ihre Prüfungen.
Es bedarf seitens des Therapeuten eines entschiedenen Widerspruchs, um eine solche Überzeugung zu erschüttern. Würde er diese Einstellung aus einer eigenen ideologischen Position heraus bestätigen, hätte die Patientin keine Chance, ihre eigenen Probleme aufzuarbeiten.

Abschliessende Überlegungen

Aus dem klinischen Material einer siebzehnjährigen Erfahrung an der PBS habe ich mich auf einige Aspekte beschränkt, um zu zeigen, dass Lern- und Arbeitsstörungen, ein Problem mit dem sich viele Studentinnen vorübergehend oder länger auseinandersetzen, in einer Beratung angegangen und gebessert werden können.
Männliche Studierende können Arbeit und Emotionalität stärker trennen. Das heisst jedoch nicht, dass dies als Massstab verstanden werden kann. Männer haben anders geartete Probleme, z.B. dass sie sich auf Kosten ihrer Gefühle und ihrer Beziehungen zu sehr hinter ihrer Arbeit verschanzen. Jedes Geschlecht und jedes Individuum wird die eigene subtile Balance zwischen den Welten der Gefühle und der Arbeit finden müssen.
Es geht nicht darum, arbeitstechnische Ratschläge oder Hinweise zu geben, sondern die ganz persönlichen Einstellungen, Phantasien und lebensgeschichtlichen Erfahrungen zu entdecken und aufzuarbeiten, welche die Arbeit behindern. Hinweise und Ratschläge werden durch einen subjektiven Filter wahrgenommen und erreichen in ihrer Allgemeingültigkeit häufig den Empfänger nicht. Aus diesen Gründen ist eine individuelle Beratung hilfreich, wenn die Störung zu einengend wird. Das Studium hat für die meisten Studierenden eine existentielle Bedeutung. Ein Scheitern hinterlässt tiefe Spuren. Sie investieren darin enorm viel Kraft, Hoffnungen und Kreativität. Dies zu fördern ist eine wichtige Aufgabe der Hochschulen.

Literatur

  1. Bachmann I, Henze HW. Briefe einer Freundschaft. Höller A, Herausgeber. München: Piper; 2004.
  2. Spielberg, R. Online-Beratung bei Arbeitsstörungen und Prüfungsängsten. Psychotherapie und Sozialwissenschaft 2005, 2, 23–40. [Google Scholar]
  3. Applegarth, A. Some observations on work inhibitions in women. J Am Psychoanal Assoc. 1976, 24, 251–68. [Google Scholar] [PubMed]
  4. Pestalozzi J. Comments on the chapter “Love and Hate, and Growing up Female”. In: von Klitzing K, Tyson P, Bürgin D, editors. Psychoanalysis in Childhood and Adolescence. Basel: Karger; 2000. p. 55–8.
  5. Krejci E. Studentenzeit als psychosoziales Moratorium. In: Krejci E, Bohleber W, Herausgeber. Spätadoleszente Konflikte. Indikation und Anwendung psychoanalytischer Verfahren bei Studenten. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 1982.
  6. Freud S. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. GW VIII. 1910. S. 128–211.
  7. Neyraut, M. A propos de l’inhibition intellectuelle. Revue française de Psychanalyse 1968, 22, 761–86. [Google Scholar] [CrossRef]
  8. Winnicott DW. The capacity to be alone. In: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. New York: International Universities Press; 1958.
  9. Woolf V. A Room of One’s Own. London: Penguin; 1928.
  10. Benstock S. No Gifts from Chance. A Biography of Edith Wharton. Austin: University of Texas Press; 1994.
  11. Freud S. Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. GW VIII. 1911. S. 230–8.
  12. Krejci E. Krisenhafte Umbrüche bei Studentinnen am Studienende. In: Holm-Hadulla R, Herausgeber. Psychische Schwierigkeiten von Studierenden. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 2001. S. 65–88.
  13. Ferrari JR, Pychyl TA, editors. Procrastination. Current issues and new directions. J Soc Behav Personality (special issue). 2000;15(5).

Share and Cite

MDPI and ACS Style

Bakman, N. Lern- und Arbeitsstörungen bei Studentinnen. Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2008, 159, 338-341. https://doi.org/10.4414/sanp.2008.01974

AMA Style

Bakman N. Lern- und Arbeitsstörungen bei Studentinnen. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 2008; 159(5):338-341. https://doi.org/10.4414/sanp.2008.01974

Chicago/Turabian Style

Bakman, Nina. 2008. "Lern- und Arbeitsstörungen bei Studentinnen" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 159, no. 5: 338-341. https://doi.org/10.4414/sanp.2008.01974

APA Style

Bakman, N. (2008). Lern- und Arbeitsstörungen bei Studentinnen. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 159(5), 338-341. https://doi.org/10.4414/sanp.2008.01974

Article Metrics

Back to TopTop