Wer tiefsinnige Auseinandersetzungen mit der Frage sucht, was das sei: Realität, was nicht und wie man von Realität reden könne, ohne sie genau zu definieren, legt das Buch mit Vorzug ungelesen weg.Zwar begrüsst der Autor unterwegs die Namen all der massgebenden Leute, die zum Thema Wesentliches gesagt haben.Aber er verweist sie, um in der Diktion von Lempp zu bleiben, auf Nebenplätze.
Ihm geht es, wie sein erweiterter Titel anweist, um das Problem, weshalb wir mit unserer Hauptrealität so gar nicht zurecht kommen – heute weniger als eh und je. Und wer erfahren will, wie es kommt, dass der Verfasser, mittlerweile tief im Emeritierungsalter stehend, seit Jahrzehnten in den meisten Krisensituationen zu Rate gezogen wird; weshalb er als einer der ersten im deutschen Sprachgebiet die Kinder und Jugendpsychiatrie als eigenwertige Disziplin etabliert und zahlreiche Kollegen ausgebildet hat; weshalb er früh schon mutig Gültiges zum Thema Verfolgungsschäden, namentlich im frühen Kindesalter, zu sagen gewusst hat; weshalb er nach wie vor gerufen wird, wenn es gilt, zu trösten und Verständnis zu schaffen, so jüngst nach der Mordtat in Erfurt; wer also etwas von der Ausstrahlung spüren möchte, die heute noch von dem Oktogenarius ausgeht – der lese sich in dieses Buch ein.
Die gedankliche Basis seiner Ausführungen ist einfach: Die Welt und deren Gesellschaft wird von einer Hauptrealität zusammengehalten. Das Kind kommt jedoch mit seiner ihm eigenen Nebenrealität zur Welt und bewahrt sich diese, solang es nicht von den Erwachsenen zur Aufgabe seiner Eigenwelt geführt wird. Die Entwicklung dazu ist von schmerzlichen Verzichten begleitet, und diese sind es, die den Menschen jeglichen Alters in Gefahren oder Versuchungssituationen dazu verführen können, sich regressiv in den (vermeintlichen) Schutz seiner Nebenrealität zu begeben, was niemals ohne Konflikte für beide Seiten abgeht.
Auf dieser Grundlage, an der durch sämtliche Kapitel mit bemerkenswerter Konsequenz festgehalten wird, entwickelt Lempp nun eine Gesamtschau, die wie selten eine Methode das Wesen des Menschen, namentlich in seiner Eigenart, wie seiner Not, erleuchtet. Ohne Lamento wird beschrieben, wie die modernen Bildmedien auf die Kinder unseres Zeitalters wirken. Dann erläutert der Kliniker, wie es dazu kommt, dass Regressionen irreversibel werden; was geschieht, wenn ganze Kollektive regredieren und einer Person anhängen, die selber – und just aus dem Verwurzeltsein in ihrer Nebenrealität – den Weg zu den Forderungen der Gesellschaft nicht mehr findet. All dies wird eindringlich und ungemein glaubhaft erläutert. Immer wird jedoch auf die Bedeutung der Nebenrealität, auf deren Anregung für unsere insgesamt doch dürre Hauptrealität aufmerksam gemacht. Namentlich durch die Anregungen, welche der Kunst aus dem Reservoir der Nebenrealitäten erwachsen. Dazu kommen Andeutungen von Erfahrungen aus der jahrzehntelangen Praxis des Autors, bisweilen gar eigene Kindheitserinnerungen, die in ihrer schlagenden Überzeugungskraft verblüffen. Und das alles mit jenem Gran schwäbischer List vorgebracht, die den besonderen Charme des Buches wie seines Autors ausmacht.
Bei alledem wird immer wieder auf die positive Bedeutung kindlichen – regressiven – Denkens hingewiesen. Und der versöhnliche zusammenfassende Schlusssatz: «Das Kind im Menschen ist sowohl Schutz wie auch Gefahr, aber er ist des Menschen bestes Teil» rundet eine Anthropologie der Entwicklung ab, die bei aller Würdigung der Vorgänger am Ende doch ein eigenständiges Bild von unserer Gesellschaft gibt, an dem wir uns orientieren können und von dem wesentliche, auch praktisch verwertbare Anregung ausgeht. Das Buch ist ein Vermächtnis, ohne eins sein zu wollen.
Gewiss, es fällt nicht schwer, Vorbehalte anzubringen. Etwa den, dass die hier vorgelegten Thesen vorwaltend nur für eine bestimmte mittel-westeuropäische Schicht zutreffen. Das mag seine Berechtigung haben, ist aber deshalb hier nicht von entscheidender Bedeutung, weil die Angehörigen eben dieser Schicht, besonders die Jungen unter ihnen, auch jenen Anteil der Population ausmachen, in die wir heute unsere Hoffnung setzen und deren Situation zu begreifen eine Forderung erster Ordnung an die Verantwortlichen unter uns stellt.