«Ich war nicht ängstlicher als andere, hatte nur wie sie wahrscheinlich auch die vielen grundlosen Gründe Angst zu haben–im Kopf gebaute, ausgedachte Gründe. Aber diese ausgedachte Angst ist keine bloss eingebildete, sie ist gültig, wenn man sich mit ihr herumschlagen muss, da sie so wirklich ist wie die von aussen begründeteAngst.»
Einleitung
Die Studien- und Prüfungsbedingungen an den Schweizer Hochschulen haben sich im letzten Jahrzehnt verschärft. Die Massenuniversität mit ihrer Anonymität und Unübersichtlichkeit erschwert die Orientierung der Studierenden, und sie erleben den zunehmenden Selektionscharakter der Prüfungen als Belastung.
«Die ganze Prüfung war für mich ein Monstrum», sagte eine Wirtschaftsstudentin, die nach einem ersten Misserfolg in eine Beratung gekommen war. Muss es denn so schmerzhaft sein? Prüfungen sind, sachlich betrachtet, eine Einschätzung der Kenntnisse. In Frankreich werden sie manchmal so genannt: «le contrôle des connaissances». Zu ihrem Wesen gehört eine Marge an Ungewissheit, die durchaus eine berechtigte Angst machen kann.
Prüfungen haben also einen Realitätsaspekt, der pragmatisch angegangen werden muss. Die beste Voraussetzung, sie zu bestehen, ist eine gute Vorbereitung. Der realen Angst kann in der Regel mit handfesten praktischen Massnahmen, z.B. Ratschlägen zur Lernmethode abgeholfen werden.
Andererseits sind Prüfungen mit Faktoren verbunden, die ihnen eine hohe emotionale Bedeutung verleihen: es geht um eine Bewährungsprobe, einen Schritt in eine neue Lebensphase, auch um den «Vollzug eines impliziten imaginär-symbolischen Ritus» [
2] (S.11). In manchen Gesellschaften, z.B. bei den Aruntas in Australien, musste der Jugendliche sogar Misshandlungen erleiden: Es wurden ihm Zähne ausgerissen. Die Übergangsrituale sind mit einem Verlust verknüpft, der Freizügigkeit der Jugend. Die Älteren verlangen einen Preis für den Machtgewinn im Erwachsenenalter.
Charakteristika von Prüfungsängsten
Neuere empirische Studien haben sich mit den Faktoren befasst, die bei der Bewältigung von Prüfungsstress hinderlich sein können. Eine negative Einstellung zum Fach und ein mangelndes Selbstvertrauen in die eigene Kompetenz sind bedeutsame Risikofaktoren [
3]. Die Bewältigung negativer Emotionen erhöht die Stressbelastung [
4]. Rudolf Schwarzer [
5] beschreibt, wie Selbstzweifel, d.h. Zweifel über die eigene Fähigkeit, eine schwierige Aufgabe zu meistern, sich auf das Erreichen von selbstgesetzten Zielen störend auswirken. Wenn eine Person Zweifel an ihrem Wert hat, dann kann bereits eine negative Erfahrung als Bestätigung des geringen Selbstwertes gesehen werden. Man ist dann derart mit der Bekämpfung dieser belastenden Gedanken beschäftigt, dass die nötige Energie und Aufmerksamkeit fehlt, um die tatsächliche Aufgabe zu bewältigen. Das mag banal klingen, ist aber von grundlegender Bedeutung für die Differentialdiagnose und die Indikation zu einer Therapie. In solchen Fällen ist es nicht sinnvoll, die Lernmethode zu verbessern, sondern die Selbstzweifel müssen angegangen werden.
Die Prüfungsangst wird manchmal mit dem Lampenfieber der Künstler verglichen. In beiden Situationen setzt man sich einer Bewertung oder Beurteilung aus, die schwerwiegende Folgen sowohl für die Zukunft als auch für das Selbstbild haben kann [
6].
Aber das reicht nicht, um zu erklären, wieso bei Prüfungen manchmal Vorstellungen und Ängste überhand nehmen, die der realen Situation nicht mehr angemessen scheinen. Wegen ihrer subjektiven, affektiven Bedeutung eignen sich Prüfungen besonders dafür, ältere, tiefere Konflikte und Probleme, z.B. die Angst vor strafenden Autoritäten, wieder zu wecken. Einige Studierende trauen sich nicht, sich einer Prüfung zu stellen, weil sie die Phantasie haben, der Prüfer wolle sie fertig machen. Etwa ein Drittel der Studierenden, die an Prüfungsängsten leiden, haben ein «black-out» erlebt. Trotz guter Vorbereitung konnten sie sich in der Prüfungssituation an nichts mehr erinnern oder eine einfache Frage nicht beantworten. Sie verfügten nicht mehr über ihre Mittel und konnten nicht klar denken. Sie fürchten eine Wiederholung dieser Situation.
Fallbeispiel 1
Heinrich, Jusstudent (Bei den Fallbeispielen sind die Angaben zur Person aus Diskretionsgründen geändert.), hatte wiederholte Prüfungsmisserfolge, weil er von «black-outs» überfallen wurde. Während der Kurztherapie träumte er vor einer Prüfung, dass «jemand in seinem Hirn herumrührte». Dieser Traum drückte seine Vorstellung aus, völlig fremdbestimmt zu sein und nicht selbständig denken zu können. In der Tat war Heinrich sehr unselbständig und hatte eine unterwürfige Haltung Autoritäten gegenüber. Das Lernen vom Prüfungsstoff war für ihn ein reines «Hineinstopfen». Diese Einstellung erschwerte es ihm ausserordentlich, sich mit seinem Fach auseinanderzusetzen. Er kam aus einer Nicht-Akademikerfamilie und hatte vermutlich auch Schuldgefühle, seinen Vater zu überflügeln.
Das «black-out» kann Ausdruck einer intellektuellen Hemmung sein, die in der angstbesetzten Prüfungssituation die Denkfähigkeit massiv einschränkt. Danon-Boileau und Lab [
7] haben in einer grundlegenden Studie über die intellektuelle Hemmung bei Schulkindern und Jugendlichen die klinischen Aspekte herausgearbeitet. Die geistige Arbeit ist besonders störanfällig, weil sie eine gewisse Autonomie von den emotionalen Konflikten voraussetzt. Freud [
8] hat die Hemmung als Einschränkung der Ich-Funktionen aufgefasst. Sie hat zwei Quellen: einen intrapsychischen Konflikt, in dem z.B. das Ich auf die Ausübung einer Funktion wie der Neugier, der Lust am Lernen verzichtet, um einem Über-Ich-Verbot nachzugeben. Die zweite Quelle ist eine generelle Verarmung der psychischen Energie, wenn das Ich durch eine psychische Aufgabe von besonderer Schwere, z.B. durch eine Trauer, in Anspruch genommen wird.
Prüfungen und unbewusste Phantasien
Eine psychoanalytische Reflexion über Prüfungsängste berührt grundlegende theoretische Grundbegriffe wie die Triebtheorie, die Identifizierung, die Phantasie, die Objektbeziehungen und die Sublimierung [
9]. Die intellektuellen Aktivitäten werden letztlich als Umwandlungen triebhafter Regungen aufgefasst. Sie stellen ein komplexes System unbewusster, überdeterminierter Bedeutungen dar [
9]. Hier sind Kräfte am Werk, die sich im Dunkeln der Seele entfalten und das Feld des Imaginären eröffnen.
Freud befasste sich in der «Traumdeutung» [
10] mit Prüfungsträumen. Er deutete den typischen Angsttraum, bei der Matura durchgefallen zu sein, «der nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden haben», als Wunsch, sich vor einer schwierigen, bevorstehenden Leistung zu beruhigen, indem man sich versichert: «Die Maturitätsprüfung hast Du ja bestanden!» Die französische Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel [
11] geht einen Schritt weiter und versteht Prüfungsträume als Wunsch, reifer zu werden, als Wiederaufnahme eines Reifungsprozesses. Sie gründet ihre Deutung auf eine Szene aus Strindbergs «Traumspiel», in der ein Offizier gefragt wird, wieviel zwei und zwei sind, und die Antwort nicht weiss. Wie aus einer Trance erwachend, realisiert er, dass er bereits erwachsen ist. «Warum sitze ich denn hier? Bin ich denn nicht promoviert?» fragt er, und der Lehrer antwortet: «Doch, gewiss, aber Du musst noch hier sitzen und reifen, nicht wahr? Du musst reifen!»
In der «Unterrichtsstunde» zeigt Eugène Ionesco [
12] meisterhaft, wie eine Schülerin vom Lehrer gequält und allmählich ihrer ganzen Vitalität beraubt wird. Er schreibt in seinen Bühnenanweisungen:
Im Verlauf des Spiels werden Lebendigkeit und Heiterkeit ihres Ausdrucks mehr und mehr nachlassen, die Schülerin wird statt dessen allmählich traurig und verdrossen wirken. Ihre Lebhaftigkeit wird durch Müdigkeit und schliesslich Schläfrigkeit ersetzt. Gegen Ende des Stückes wird ihr Ausdruck eindeutig niedergedrückt und nervös ... Zum Schluss reagiert sie überhaupt nicht mehr ... nur ihre Augen drücken höchstes Erstaunen und unaussprechliche Angst in ihrem völlig reglosen Gesicht aus.
Das ist der Alptraum so mancher Studierenden, die überzeugt sind, dass der Prüfer ein Sadist ist und sie vernichten will. Im übrigen ist es eine gewisse Kunst, gut zu prüfen und nicht auf Fragen zu insistieren, die der Prüfling offensichtlich nicht beantworten kann.
Eine Prüfung bestehen ist ein Erfolg, eine weitere Reifung, ein Vorwärtskommen im Leben. Wenn diese Schritte mit einem unbewussten Konflikt oder Verbot zusammentreffen, kann es zum Scheitern kommen. Der französische Psychiater und Psychoanalytiker Henri Danon-Boileau [
13], früher leitender Arzt einer stationären Einrichtung für Studierende («Maison universitaire Médico-Psychologique», MUMP, 1956 in Sceaux gegründet), zeigt anhand klinischer Beispiele, welche vertrackten und komplexen Wege unbewusst verfolgt werden, um den Erfolg zu vermeiden oder zu sabotieren. Das Scheitern bei einer Prüfung ist häufig kein Zufall, sondern die Lösung eines psychischen Konflikts. Einer der vielen möglichen Gründe ist eine ambivalente oder aggressive Beziehung zum Vater oder zur Mutter, denen der eigene Erfolg nicht gegönnt wird.
Kurztherapie
An der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende beider Hochschulen Zürichs hat der Prozentsatz der Klienten und Klientinnen, die wegen Prüfungsängsten und -versagen in den Jahren 1999 bis 2001 kamen, leicht, aber stetig zugenommen (
Table 1).
Table 1.
Anzahl der Klienten und Klientinnen mit Prüfungsängsten und Prüfungsversagen (Mehrfachnennungen).
Table 1.
Anzahl der Klienten und Klientinnen mit Prüfungsängsten und Prüfungsversagen (Mehrfachnennungen).
Bei diesen Klienten und Klientinnen richtet sich der Fokus auf eine aktuelle Bewältigungssituation. Sie möchten ein Prüfungsversagen bearbeiten oder ihre Ängste vor einer bestehenden Prüfung besser bewältigen. Nicht selten müssen sie beide Aufgaben in Angriff nehmen, da die Wiederholung der nicht bestandenen Prüfung bereits ein halbes Jahr später stattfindet. Die berufliche Zukunft steht auf dem Spiel: In der Medizin, der Jurisprudenz und an der ETH können die Prüfungen nur einmal wiederholt werden.
Eine genaue Abklärung von zwei bis drei Gesprächen, welche die persönliche Lebensgeschichte einbezieht, kann darüber Aufschluss geben, ob die Probleme mit individuellen Schwierigkeiten verbunden sind, und ermöglicht es, eine Indikation zu stellen. Bei Spätadoleszenten, deren Entwicklung noch im Fluss ist, genügt manchmal eine kurze Intervention, um die inneren Hindernisse aufzuheben. Eine die Prüfungsvorbereitungen begleitende Kurztherapie von drei bis sechs Monaten, in der es gelingt, die unbewussten Konflikte aufzudecken, kann zum Erfolg der Prüfungen führen. Dabei geht für die Studierenden keine Zeit verloren, wenn sie sich einige Monate vor der Prüfung melden.
Fallbeispiel 3
Anna, Studentin der Philosophischen Fakultät I, suchte die Psychologische Beratungsstelle für Studierende wegen Prüfungsversagens auf. Sie berichtete, sie habe viele Flüchtigkeitsfehler gemacht und fügte hinzu: «Ich bin doch nicht so dumm.» Dies deutete bereits darauf hin, dass dem Misserfolg ein Konflikt zugrunde lag, denn Flüchtigkeitsfehler entsprechen einer Selbstsabotage, d.h. einer Selbstschädigung. In einer dreimonatigen Kurztherapie, die einmal wöchentlich stattfand, zeigte sich, dass sie alles auf einmal, mit einer Art ungeduldigen Gier, lernen wollte. Sie empfand ihr Nicht-Wissen als Kränkung ihrer Allmachtswünsche. Sie hatte die Langsamkeit, die beim Lernen notwendig ist, noch nicht entdeckt. Ihr Vater bekleidete eine einflussreiche Position in der Wirtschaft. Sie verband damit die Phantasie, dass sie Sonderrechte hatte. Andererseits war er ein sehr beschäftigter Mann und kümmerte sich wenig um sie. Ihre kleine Schwester hatte einen schweren Unfall erlitten, als Anna elf Jahre alt war, und bekam dadurch Aufmerksamkeit der Eltern. In der Folge begann Anna Unfälle zu provozieren. Die Selbstschädigung war ihre Art geworden, Liebe zu bekommen. In der Schule hatte sie Autoritätsprobleme. Die Anforderungen ihres Studiums sah sie als Zwang, obwohl ihr bewusst war, dass sie freiwillig studierte. Was sie früher angespornt hatte, die Rebellion, war nun wirkungslos, denn es war nicht klar, für wen sie das Studium machte. Sie lernte auf eine verzettelte Art, ohne die geringste Selbstdisziplin und fürchtete sich deshalb in der Prüfung auf präzise Fragen behaftet zu werden. Sie projizierte ihre Unsicherheit nach aussen: «Die Fragen sind blöd. Das ganze System ist blöd.» Sie hatte das Bild von missgünstigen Professoren, die, ist man einmal schlecht gewesen, einen nicht mehr besser werden lassen. Nachdem diese Phantasien aufgedeckt wurden, konnte Anna besser lernen und bestand die Prüfungen mit der besten Note.
Schlussfolgerungen
Prüfungsängste sind ein komplexes Phänomen, dem mit einer breiten Palette von Massnahmen begegnet werden kann. Diese reichen von kognitiven Interventionen bei Realängsten bis zu tiefenpsychologischen Vorgehensweisen bei neurotischen Ängsten.
Bei den Realängsten können Anleitungen und Seminarien zur Lernmethode, Lerngruppen von Studierenden (z.B.Tutorate), Beratung durch Studienfachberater und Dozierende hilfreich sein. Die Autoren der RUBIS-Studie [
14] empfehlen die Schaffung strukturierter Studien- und Prüfungsbedingungen. Sie regen an, die Dozierenden für diejenigen Aspekte ihrer Tätigkeit zu sensibilisieren, welche das Selbstwertgefühl und die Ressourcen der Studierenden fördern.
Bei neurotischen Ängsten ist, nach einer präzisen Abklärung, eine Psychotherapie mit dem Fokus auf die Aufdeckung der Angstquellen und der unbewussten Phantasien indiziert. Damit es nicht so absurd endet, wie bei Ionesco: Ausser sich geraten, tötet der Professor seine Nachhilfeschülerin. Als sein Dienstmädchen ihm Vorhaltungen macht und ihn daran erinnert, dass es zum vierzigsten Mal an diesem Tag passiert, sagt er: «Das ist nicht meine Schuld! Sie wollte nicht lernen! Sie war ungezogen! Sie wollte nicht lernen!» Diese Parabel zeigt überspitzt, was sich in weniger extremer Form in einer Prüfungssituation durchaus einstellen kann: dass die überwältigenden Ängste eines Prüflings durch das uneinfühlsame Verhalten eines Prüfers verstärkt werden und im schlimmsten Fall zu einem jähen Ende des Studiums führen. Dabei wäre es äusserst wichtig, jungen Menschen Wege zu öffnen und sie soweit wie möglich zu fördern.