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Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with Editores Medicorum Helveticorum (EMH).
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Communication

Leo Navratil: Die Gugginger Methode. Kunst in der Psychiatrie

by
H.-M. Zöllner
Münchensteinerstrasse 117, 4053 Basel, Switzerland
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 1999, 150(5), 266; https://doi.org/10.4414/sanp.1999.01121 (registering DOI)
Published: 1 January 1999
Es handelt sich um den ersten Band einer neu eröffneten Monographie-Reihe zur Kunsttherapie aus dem Gustav Fischer Verlag. Navratil, das wissen die Leser dieser Zeitschrift aus seinem «Aufruf an die Schweizer Ärzte» im Heft 5/1998, ist einer der Pioniere der Kunsttherapie. Deshalb ist ihm zu Recht der erste Band der neuen Reihe gewidmet. Er setzte in seiner Kunsttherapie sein Leben lang den Akzent auf «Therapie»; heute hat sich die Betonung auf «Kunst/Vermarktung» verschoben.
Das Buch enthält 3 Teile: der erste schildert den Weg Navratils zur Kunsttherapie, und der zweite umfasst Gedanken zur Theorie der Kunsttherapie; der dritte legt Künstler-Patienten-Kasuistiken vor.
Folgen wir Navratil, zum grossen Teil in seinen eigenen Worten, auf dem langen Wege zum Gugginger Künstlerhaus.
«Nach meiner Erfahrung ist ein hoher Prozentsatz chronisch kranker psychiatrischer Patienten imstande, bei entsprechender Anregung auf zeichnerischem, seltener auf sprachlichem Gebiet etwas künstlerisch Interessantes zu schaffen. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Anschauung ist es möglich, durch die Aufforderung des Patienten, etwas zu zeichnen oder ein Gedicht zu schreiben, künstlerisch bemerkenswerte Ergebnisse hervorzurufen; oft ist es allerdings nötig, die Aufforderung durch Angabe eines Themas noch genauer zu bestimmen. Durch eine langdauernde kunsttherapeutische Begleitung kann man einzelnen Patienten eine künstlerische Laufbahn ermöglichen ...
Schizophrene oder manisch-depressive oder hypomanische Patienten, auch manche epileptisch oder hirnorganisch Kranke können künstlerische Leistungen im Sinne von Art brut erzielen, wenn sie keine künstlerische Ausbildung haben und mit moderner Kunst nicht in Berührung gekommen sind ...
Wenn eine gute therapeutische Beziehung und ein entsprechendes Interesse des Therapeuten besteht, dann – glaube ich – könnten unter psychiatrisch kranken und sogar pflegebedürftigen Patienten noch viele Künstler entdeckt werden.»
Navratil lernte in London den «Draw-aman-test» von Karen Machover kennen. (Zu Beginn des Buches finden sich viele eindrückliche Beispiele von Menschzeichnungen.) Dies regte ihn zu seiner eigenen Methode an:
«Ich verwendete dünnen weissen Karton in der Grösse einer Postkarte ... Ich bin der Meinung, dass der dünne Karton einen grösseren Aufforderungscharakter hat als ein Blatt gewöhnliches Schreibpapier, dass er den Patienten zu grösserem Bemühen veranlasst ... Ich glaube, dass ein Format in der Grösse eines Bogens Schreibpapier viele Patienten eher überfordert. Der dünne Karton in der Grösse einer Postkarte (A6) schien mir die Mitte zwischen Anspruch und Anspruchslosigkeit zu halten.»
«... Meine kunsttherapeutische Methode: die Herstellung einer persönlichen Beziehung zu einem einzelnen Patienten und meine Anwesenheit während des gesamten Zeichenvorganges; die gegen Störungen von aussen möglichst abgeschirmte Situation; das Anbieten des Zeichenmaterials und das Stellen einer thematischen Aufgabe; die nicht-direktive abwartende Haltung während der Ausführung; die regelmässige, oft tägliche Wiederholung des gleichen Vorganges über längere Zeit.»
Und die Indikation? «... man muss sich an die am schwersten gestörten, manisch angetriebenen, halluzinatorisch erregten, schwer fixierbaren Patienten wenden und diese zum Zeichnen anhalten. Das erfordert einen grossen persönlichen Einsatz des Therapeuten und kann immer nur in einer Zweierbeziehung, nie in einer Gruppe geschehen.»
1968 entstanden auf diese Weise erste Radierungen: die Patienten erhielten eine kleine Kupferplatte und einen Stahlstift zum Gravieren.
1981 wurde das «Haus der Künstler» (ein ehemaliger Pavillon für Alkoholkranke) auf dem Areal der psychiatrischen Klinik Klosterneuburg bei Wien eingeweiht. «Es gibt in diesem Haus keine Zeichenateliers und auch keine festgesetzten Stunden für künstlerische Tätigkeit ... In den Gängen und einzelnen Räumen hängen mehrere Hundert Arbeiten unserer Künstler ... In zwei kleineren Räumen im Erdgeschoss befindet sich eine permanente Verkaufsausstellung ...»
1983/84 wurden durch 12 Patientenkünstler auch die Aussenwände des Hauses bemalt.
«Langjährige anonyme Anstaltspatienten haben eine neue soziale Funktion und Identität erhalten ... Sie sind als Künstler nicht rehabilitiert, sondern habilitiert worden und haben so an die Gesellschaft Anschluss gefunden.»
1970 fand die erste Verkaufsausstellung von Bildern in der renommierten Wiener Kunstgalerie «nächst St. Stephan» statt. Ihr folgten bis heute an die 50 Ausstellungen und Vernissagen nach. Navratil setzte sich hinfort dafür ein, dass seinen Künstlerpatienten das gleiche Recht und der gleiche Anspruch auf angemessene Entlöhnung wie professionellen Künstlern zuteil wurde. Damit wurde Navratil zum Kunstmanager und Treuhänder seiner Patienten.
Vergessen wir nicht: Nur eine gute, langdauernde Beziehung regt autistisch Schizophrene zu einer künstlerischen Produktion an! Der Kunsttherapeut muss die kranken Symptome absolut ernst nehmen (und damit seinen Patienten selbst ernst nehmen), er muss sie annehmen und auch abstruseste Gestaltungen als eine Mitteilung auffassen und als eine Botschaft verstehen. Der Druck zur sozialen Anpassung (in unseren Kliniken oftmals vornehm als «Tagesstruktur» betitelt und appliziert ...) unterdrückt die Kreativität. Durch Einfühlung in seine Produktionen begibt sich der Therapeut gewissermassen in die Eigenwelt des Patienten. Navratil: «Ich habe mich stets in erster Linie als Therapeut gefühlt und auch danach gehandelt.»
Eigentliches Kernstück des bewegenden Buches sind die (mit derjenigen über Johann Fischer) 12 Kasuistiken mit vielen Dutzenden von Abbildungen und 8 hervorragend reproduzierten Farbtafeln. Das Buch lebt überhaupt von der Bebilderung und ist ebenso ein Bilder- wie ein Textbuch. Besonders ausführlich dargestellt ist einerseits die Kasuistik über Anton Dobay (inklusive Beschreibung seiner Sprachstörungen), eines Aphasikers nach Insult, der – als «neurologischer Fall» – 10 Jahre lang ein grosses graphisches Werk schuf. Und andererseits die Bio- und Piktographie über August Walla, die wohl auch die tiefe Menschlichkeit der Beziehung Navratils zu seinen Künstlerpatienten am schönsten (und in ihrer ganzen Unprätentiosität) aufzeigt.
Die Kunst August Wallas entstand in seiner häuslichen Umgebung zuerst von selbst. Navratil erkannte, dass die Hervorbringungen von Walla sowohl Ausdruck seiner Psychopathologie wie Ausdruck modernen Kunstselbstverständnisses waren. Wallas Werk ist gleichermassen Autotherapie wie Restitutionsversuch. Navratil förderte den Art-brut-Schöpfer, ohne in seine Eigenwelt und sein Schaffen irgendwie einzugreifen. Er erkannte auch den appellativen und kommunikativen Charakter der Kunst des Autisten Walla. Navratil verschaffte Wallas Kunst Geltung, indem er sie kommentierte, publizierte und ausstellte. Walla wurde von einem ausgelachten und verachteten Aussenseiter zu einem hoch angesehenen Künstler.
Leo Navratils jüngstes Buch «Die Gugginger Methode» gibt einen Ein- und Überblick über sein Schaffen als Arzt und sein Wirken als Mensch, wie man ihn sich fesselnder nicht denken kann. Und das Schönste ist, dass er dabei nicht sich selbst, sondern seine Kranken in den Mittelpunkt stellt.
H.-M. Zöllner, Zürich

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Zöllner, H.-M. Leo Navratil: Die Gugginger Methode. Kunst in der Psychiatrie. Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 1999, 150, 266. https://doi.org/10.4414/sanp.1999.01121

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Zöllner H-M. Leo Navratil: Die Gugginger Methode. Kunst in der Psychiatrie. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 1999; 150(5):266. https://doi.org/10.4414/sanp.1999.01121

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Zöllner, H.-M. 1999. "Leo Navratil: Die Gugginger Methode. Kunst in der Psychiatrie" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 150, no. 5: 266. https://doi.org/10.4414/sanp.1999.01121

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Zöllner, H.-M. (1999). Leo Navratil: Die Gugginger Methode. Kunst in der Psychiatrie. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 150(5), 266. https://doi.org/10.4414/sanp.1999.01121

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