Einleitung
Unter den Symptomen des Delirium tremens nehmen die Halluzinationen einen relativ hohen Stellenwert ein, dies sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht. Wenn auch diese Thematik in der Literatur des öfteren angeschnitten wird, so finden sich doch wenig spezielle Untersuchungen der Halluzinationsinhalte. Im Unterschied zur Schizophrenie herrschen die optischen Halluzinationen vor und haben meist einen grotesken Charakter [
5] und wirken auf die Patienten «vorgeführt» wie bei einem «Marionettenspiel» [
7]. Dem Patienten kommt die Rolle des Zuschauers zu [
2]. Die Halluzinationen erscheinen «zufälligen Inhaltes» [
6], umweltunabhängig [
8] und eher nicht charakteristisch für die persönliche Erfahrungswelt des Deliranten [
2]. Tiefenpsychologischen Erkenntnissen sind sie offenbar nicht zugänglich [
3]. Akustische Halluzinationen sind – wiederum im Unterschied zur Schizophrenie – eher unverständlich und mehr von aussen commend als von innen [
1]. Dies auch im Gegensatz zur alkoholischen Halluzinose, die der schizophrenen Symptomatik schon sehr nahe steht [
9].
Material und Methodik
In der vorliegenden Arbeit interessiert der Wandel der Halluzinationsinhalte in den letzten 100 Jahren. Es ergab sich die Frage, ob und inwiefern die Halluzinationen von kulturellen, gesellschaftlichen, politischen Einflüssen geprägt und verändert werden. Wir führten zu diesem Zweck eine Krankenblattstudie von alkoholischen DelirPatienten (Universitäts-Nervenklinik Würzburg, ehem. Dir. Prof Dr. O. Schrappe) in der Zeit von 1891 bis zur Jetztzeit durch. Um möglichst zeitabhängige Veränderungen der Halluzinationen erfassen zu können, wurde der gesamte Untersuchungszeitraum in vier Abschnitte eingeteilt: (1.) bis Ende des Ersten Weltkrieges (76 Krankenblätter); (2.) zwischen den Weltkriegen (58 Krankenblätter); (3.) Nachkriegszeit bis 1960 (83 Krankenblätter); (4.) neueste Zeit ab 1970 (105 Krankenblätter).
Bis 1958 untersuchten wir alle vorhandenen Krankengeschichten von Patienten mit der Diagnose Delirium tremens. Nach 1958 nahm die Zahl der Deliranten in so starkem Masse zu, dass die Untersuchung auf einen Teil der Krankengeschichten beschränkt werden musste, wobei die Krankenblätter zufällig ausgewählt wurden. Es wurden nur die Krankheitsverläufe berücksichtigt, bei denen die Diagnose des Delirium tremens eindeutig nachvollzogen werden konnte. Führende Kriterien waren Bewusstseinstrübung und Orientierungsstörungen. Plötzlicher Beginn vor oder während des stationären Aufenthaltes musste erkennbar, der Zusammenhang mit chronischem Alkoholismus eindeutig sein. Andere psychiatrische Erkrankungen mussten ausgeschlossen sein. Die Aufzeichnungen in den Krankengeschichten wurden auf im Delirverlauf irgendwann aufgetretene Halluzinationen optischer, akustischer, taktiler, olfaktorischer und gustatorischer Art geprüft. In verschiedenen Testverfahren wurde versucht, zeitabhängige Veränderungen hinsichtlich Auftretenshäufigkeit, Neuauftreten oder Verschwinden oder Korrelationen der Halluzinationen untereinander festzustellen.
Resultate
Der Anteil der halluzinierenden Patienten mit Delirium tremens ist gegenüber den nichthalluzinierenden Patienten in allen Zeitabschnitten grösser, wesentlich in den Jahren bis 1960. Nach 1970 nimmt der Anteil der nichthalluzinierenden Patienten zu (Tab. l).
Die optischen Halluzinationen im Delir sind dominierend (87% der Deliranten), dies in allen Zeitabschnitten, während die akustischen Halluzinationen (25% bis 60% der Deliranten) an Häufigkeit in den verschiedenen Zeitabschnitten abnehmen, ebenso die sonstigen Halluzinationen (2% bis 8%) (Tab. 2).
Tabelle 2.
Häufigkeit des Auftretens von Halluzinationen verschiedener Sinnesqualitäten.
Tabelle 2.
Häufigkeit des Auftretens von Halluzinationen verschiedener Sinnesqualitäten.
Bezüglich der optischen Halluzinationen ist ein Verschwinden verschiedener Halluzinationsinhalte zu beobachten, ohne dass hier besondere Charakteristika herausgearbeitet werden können. Unter den halluzinierten menschlichen Figuren sind «bekannte Personen» eher geblieben, «unbekannte» eher verschwunden. Unter den TierHalluzinationen gehen die «Waldund Feldtier»Halluzinationen zurück, auch Halluzinationen von «exotischen Tieren», während die «häuslichen Tiere» bleiben (bezüglich Mücken und Fliegen eher zunehmen). Eine Abnahme ist auch bei den «landschaftlichen Erlebnissen» zu beobachten, während «technische Geräte» eindeutig zunehmen (Tab. 3 und 4).
Tabelle 3.
Signifikante Änderungen der optischen Halluzinationen: (p <0,05).
Tabelle 3.
Signifikante Änderungen der optischen Halluzinationen: (p <0,05).
Tabelle 4.
Änderung der optischen Halluzinationen im Delirium tremens.
Tabelle 4.
Änderung der optischen Halluzinationen im Delirium tremens.
Unterschiedlich sind auch bestimmte akustische Halluzinationen zu beobachten: Wahrnehmungen «allgemein menschlicher Stimmen» sind rückläufig, während sich «bekannte menschliche Stimmen» und «Musikhalluzinationen» unterschiedlich verhalten (Tab. 5).
Tabelle 5.
Signifikante Änderungen der akustischen Halluzinationen (p <0,05).
Tabelle 5.
Signifikante Änderungen der akustischen Halluzinationen (p <0,05).
Diskussion
Die Zunahme der Zahl der Patienten mit Delirium tremens Ende der 50er Jahre kann mit dem Ansteigen des Alkoholkonsums in dieser Zeit in Verbindung gebracht werden (von 1950 bis 1960 ist eine Verdoppelung des Verbrauchs reinen Alkohols pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland festzustellen [
4]). Demgegenüber war ein Rückgang der Halluzinationshäufigkeit im Delirium tremens – besonders im letzten beobachteten Zeitabschnitt ab 1970 – festzustellen. Es lag nahe, hier einen Zusammenhang mit der verbesserten Medikation zu suchen. Die genaue Klärung dieser Frage überstieg jedoch den Rahmen dieser Arbeit. In allen vier beobachteten Zeitabschnitten waren unter den Halluzinationen der verschiedenen Sinnesqualitäten die optischen die weitaus häufigsten. Die selteneren akustischen Halluzinationen traten zumeist in Kombination mit optischen auf. Auch die akustischen Halluzinationen zeigten eine Rückläufigkeit – sogar deutlicher als die optischen. Halluzinationen anderer Sinnesqualitäten waren zu allen Zeiten nur bei einem geringen Teil der Deliranten zu beobachten. Auch hier zeigte sich eine rückläufige Tendenz.
Inhaltlich waren die vielfältigsten und äusserst bunt strukturierten Halluzinationen – was besonders in den optischen Sinnestäuschungen zum Ausdruck kam – im ersten Zeitabschnitt von 1891 bis 1919 zu beobachten. In dieser Zeit hatten auch Halluzinationsinhalte, die keinen Bezug zur Umwelt des Deliranten zeigen, wie z. B. metaphysische Halluzinationen, ihre höchste Auftretensquote. Ein deutlicher Rückgang war bei den Halluzinationsmotiven festzustellen, die man dem Oberbegriff Natur oder Landschaft zuordnen kann. Hier liess sich unschwer eine Verbindung zu den im Laufe der Jahre geänderten Umweltund Lebensbedingungen herleiten.
Die Zuordnung der akustischen Halluzinationen fällt schwerer, ihre Inhalte sind uncharakteristischer als die der optischen.
Halluzinationen im Delir, die sexuellen Inhalt hatten, traten sehr selten auf im Unterschied zu Halluzinationen bei anderen Krankheitsbildern [
7].
Wenig geändert hat sich an den Inhalten, in denen bekannte Personen aus der Umgebung des Deliranten auftreten. Interessant war dabei vor allem die Beobachtung, dass sich auf dem optischen Gebiet im szenischen Verhalten der halluzinierten Person der Verteilung der Kategorien «neutral handelnd», «Schaden anrichtend» und «drohend» über die Jahre hinweg ebenso wenig geändert hat wie die entsprechende Verteilung auf dem akustischen Sektor.
Ansonsten werden die optischen Halluzinationen nicht nur weniger häufig, sondern auch in der Qualität eintöniger. Dieses Phänomen wird nicht nur in der Verarmung der geänderten Umweltbedingungen zu suchen sein, sondern hauptsächlich in der verbesserten Medikation, durch die diese Erscheinungen schnell zum Verschwinden gebracht werden.
Regelrechte «Neuerungen» in den Halluzinationsinhalten waren selten. Sie betrafen dann mehr technische Geräte. Die Arbeitsstelle spielte für den Deliranten offenbar immer eine wichtige Rolle, d. h. zu allen Zeiten glaubten mehr Patienten, sich an ihrer Arbeitsstelle zu befinden als im Krankenhaus oder in ihrer häuslichen Umgebung oder im Wirtshaus. Dieses Ergebnis stimmt überein mit der Untersuchung von Benos [
1], der eine Häufung der Themen aus der Berufswelt feststellen konnte. Auch bei anderen Autoren [
2,
6] heben sich diese Halluzinationsinhalte offenbar von den «zufälligen» [
2,
6] heraus. Dennoch liessen sich innerhalb der vier Zeiträume Unterschiede feststellen, die allerdings in ihrer Interpretation schwierig sind (z. B. Halluzinationsinhalte «Fabelwesen»), wobei ein Rückgang nach dem Ersten Weltkrieg und in der Jetztzeit zu beobachten ist. Insgesamt kann man aber sagen, dass die von Schulte [
8] vertretene Meinung, das Delir verlaufe weitgehend umweltunabhängig, sich nach den hier vorliegenden Beobachtungen nicht bestätigt hat. Die geänderten Umweltund Lebensbedingungen zeigten sich auch in den Halluzinationsinhalten der Deliranten, wie dies auch bei den schizophrenen Halluzinationen und Wahnthemen beobachtet wird [
7].