Liebe Festgemeinde,
Verzeihen Sie mir, wenn ich als alter Mann, als «EEG-Grufti» gewissermassen, noch das Wort ergreife. Ich bin aber der einzige Überlebende beider gefeierter Anlässe und der einzige Anwesende, welcher die Entwicklung der klinischen Neurophysiologie der Schweiz von Anfang an miterlebt hat, und das mit lebhaftestem Interesse und Engagement. Wohl haben wir an dieser Tagung schon einiges erfahren über die Entfaltung dieser unserer Sparte weltweit und in der Schweiz, über die Erfolge und Fortschritte, mit denen Schritt zu halten wir uns heiss bemühten. Daneben gab es aber auch zahlreiche Vorkommnisse, Episoden und Episödchen, welche heute kaum mehr erinnert werden, vielfach wohl, weil sie nachträglich erkannte Irrtümer und Sackgassen betrafen. Sie sind oft amüsant, sicher aber auch lehrreich. Darüber möchte ich ein bisschen berichten. Vieles stammt aus dem technischen Bereich, ist unser Arbeitsgebiet doch so eng mit der Technik verbunden!
Um mich in der Entwicklungsgeschichte zu positionieren, darf ich erwähnen, dass ich für meine Doktorarbeit die Atmungskurven meiner bedauernswerten Kaninchen auf einem Kymographen registriert hatte; das ist ein—notabene eigenhändig—berusstes Glanzpapier, auf einer Metalltrommel aufgezogen, worauf ein feiner Zeiger die Kurve schrieb. Die Trommel wurde durch ein Elektromotörchen gedreht (die Elektrizität war damals schon erfunden).
Es war ein gewaltiger Fortschritt, als der Kathodenstrahl-Oszillograph als Registrierinstrument aufkam. Zusammen mit einem Vorverstärker mit Elektrodenröhren erlaubte er erstmals die verzerrungsfreie Aufzeichnung eines Elektroenzephalogramms. Von den klinischen EEGisten wurde er zwar bald wieder verlassen zugunsten des Tintenschreibers, vor allem weil man, um ein bleibendes Dokument zu behalten, welches in Ruhe studiert und mit andern verglichen werden konnte, den Bildschirm photographieren musste. Das war nur stichprobenweise möglich, aufwendig und teuer. Jung in Freiburg i. Br. hielt noch am längsten am KO fest; er war auch überwiegend wissenschaftlich orientiert. Ich war einmal dabei, als er eine Myoklonus-Epilepsie untersuchte und hektisch nach den pathognomonischen Paroxysmen jagte. Der Zeitaufwand war erheblich, das Resultat mässig befriedigend: Für einen klinischen Routinebetrieb mit fest eingeplanten Patiententerminen war das Verfahren ungeeignet. Demgegenüber liefert der Tintenschreiber on-line eine kontinuierliche Kurve, die später in Ruhe ausgewertet werden kann. Man nahm damit aber gewichtige Nachteile in Kauf, insbesondere die stark eingeschränkten Frequenzeigenschaften im höheren Bereich. Da man damals mit den sogenannten Beta- und Gammawellen ohnehin nicht viel anfangen konnte, hielt man das Defizit für tragbar. Heute, ein halbes Jahrhundert später, würde der Verzicht auf die Wiedergabe der hohen Frequenzen gewiss nicht mehr so leicht fallen. In einer anderen Hinsicht konnte der KO mit dem Tintenschreiber nicht mithalten: Er erlaubte bestenfalls die gleichzeitige Aufzeichnung von 4–5 Spuren. Obwohl 1947/48, als ich am National Hospital in London hospitierte, an diesem Zentrum der englischen Neurologie ein 3-Kanal-Gerät in Gebrauch war, war der Bedarf nach mehr gleichzeitigen Ableitungen gross. Die Hauptschwierigkeit war, weitgehend identisch funktionierende Verstärkerreihen zu bauen, wozu besonders die Vorverstärkerröhren streng ausgesucht werden mussten danach, dass sie eine lineare Verstärkung über einen genügend grossen Bereich aufwiesen. Der Ausschuss war gross. Um so beachtenswerter war, dass mein Lehrer, W. A. Cobb, selbst einen 6-Kanal-Apparat konstruiert hatte, um gleichzeitig je 3 auf beiden Seiten benützen zu können. Aber schon offerierte die amerikanische Firma Grass einen kliniktüchtigen 8-Kanal-Apparat. Nachdem Grey Walter den «Delta-Fokus» erfunden, benannt und als Herdzeichen publik gemacht hatte, hoffte jedermann, mit mehr simultanen Ableitungen Hirnläsionen besser lokalisieren zu können. Auch ich gehörte zu den Gläubigen.Aus aller Welt erschienen Publikationen über erfolgreiche Tumorlokalisationen. Dabei wurden z.T. ganz abenteuerliche Ableitungsschemata empfohlen, und selbst renommierte Personen schienen vorübergehend verdrängt zu haben, dass die tatsächliche Information, nämlich die kumulierten Potentialschwankungen, welche aus einigen Quadratzentimetern Cortex unter jeder der Elektroden stammen, durch die kompliziertesten Schaltungen nicht vermehrt, nur verschleiert werden kann. Viele der mitgeteilten Trefferquoten waren auch ganz unglaubwürdig hoch. Meine persönliche Erfahrung war anders. Da ich damals hauptsächlich für die Neurochirurgie arbeitete, hatte ich viel mit Hirntumoren zu tun und konnte mir bald ein Bild machen. Mein Beitrag am Internationelen EEG-Kongress von 1953 handelte jedenfalls von den Fehllokalisationen. Fünf Jahre später versuchte ich, meine Erlebnisse mit den Hirntumoren zusammenfassend zu analysieren, und schloss, dass das EEG ein unzuverlässiges diagnostisches Instrument sei, und zwar nicht wegen inadäquater Untersuchungstechnik, sondern weil das Gehirn anders, komplexer auf die Schädigung reagiert, als man sich vorgestellt hatte. Da half auch die Vielzahl der Ableitungen nichts; sie hatte sich aber zu einer Prestigefrage entwickelt. Von der Sache her wichtig erwies sie sich dann für ganz andere Belange, etwa die SEEG oder die Potentialfeld-Untersuchungen von D. Lehmann.
Im internationalen Diskurs über die Tumorlokalisation hatte die Alternative bipolare vs. Referenz-Ableitung einen hohen Stellenwert. In den 40er Jahren tobte ein eigentlicher Glaubenskrieg über den Atlantik hinweg, wobei die Engländer, und in ihrem Kielwasser die Franzosen, die bipolare Methode als die allein selig machende betrachteten, die Amerikaner ihrerseits die mono- bzw. unipolare, wobei die Referenz gewöhnlich das Ohr war. Das Ehepaar Gibbs—erst in Boston, dann in Chicago –, welches mit seinem unvorstellbaren Krankengut ein wahrhaft monumentales Werk geschaffen hatte, benützte oft auch beide zu einer Referenz zusammengeschlossenen Ohren. Ohne Zweifel kommt ihnen das Verdienst zu, die verschiedenen Formen der Epilepsie erkannt und charakterisiert zu haben. Auch diverse, später von anderen gemachte «Entdeckungen» konnte man damals schon in ihren Atlanten nachlesen. Doch auch sie tappten in eine Falle: Sie glaubten ein hirnelektrisches Korrelat des von ihnen identifizierten psychomotorischen Anfalls (diese ihre Bezeichnung ist immer noch besser als die nachher international gebastelte) gefunden zu haben, nämlich die «square-topped waves», also oben abgeflachte Wellenformen. Da fielen die Europäer über sie her! Die technisch orientierten Kollegen vermuteten, dass es sich um blockierte, da überladene Verstärker handle—ein damals nicht unübliches Vorkommnis. Grey Walter, der aus harmonischen Frequenzen alle erdenklichen Wellenformen synthetisieren konnte, glaubte an eine derart zustande gekommene Deformation. Die einleuchtendste Erklärung kam jedoch von Jasper in Montreal: Er konnte nachweisen, dass temporale Spitzen oft in die Ohren ausstrahlen. Wenn diese als Referenz benützt werden, erscheinen die Spitzen mit umgekehrter Polarität in sämtlichen Ableitungen. Gibbs hatte kein Problem, seinen Irrtum einzugestehen. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass der dänische Konstrukteur Kayser schon früh die Sammel-Referenz gebraucht hatte und die Aktivität der differenten Elektroden auf einem photographischen Film aufzeichnete. Von diesem konnte er sie mit verschiedenen Schaltungen zurückspielen, aber auch mittels Bandfiltern auf ihren Frequenzgehalt analysieren, ein übrigens auch von Gibbs verwendetes System. Nur war das Verfahren bloss selektiv zu verwenden, und natürlich off-line, also für die klinische Routine nicht geeignet. Das veranlasste Grey Walter, seinen On-line-Analysator zu entwerfen. Er basierte auf dem Prinzip der beinahe selbsterregenden Schwingkreise, welche, von ihrer Eigenfrequenz angestossen, in Schwingungen gerieten und einen Kondensator aufluden. Nach 10 Sekunden wurde seine gesammelte Energie auf die Kurve ausgeschrieben. Es war eine geniale Konstruktion, und sie hat sicherlich viele Denkanstösse gegeben, aber für die tägliche Praxis taugte das Instrument nicht. Den grössten Mangel, dass nur ein Kanal analysiert werden konnte, also der Hemispärenvergleich nicht unmittelbar möglich war, versuchten wir zu beheben, indem unser Techniker, Herr Emil Rauch, unter Opferung der Hälfte der Frequenzen immer zwei Kanäle auf dieselbe Frequenz abstimmte. Damit konnte der Frequenzgehalt beider Hirnhälften simultan bestimmt werden, denn der Unterschied war gewöhnlich geringer als derjenige von einer 10-Sekunden-Periode zur anderen (was das wechselseitige Analysieren sinnlos machte). Die Stabilität der Schwingkreise war indessen so prekär, dass sie jeden Morgen neu justiert werden mussten, am Nachmittag waren die Resultate schon nicht mehr zuverlässig. So war es ein faszinierendes Spielzeug, mit dem wir Stunden verbracht haben, aber ich denke nicht, dass es irgendwo auf der Welt für eine praktische Diagnose ausschlaggebend war.
Gewissermassen gegenteilig verhielt es sich mit den Aktivierungsmethoden. Ich erinnere mich gut an die allgemeine Begeisterung, als es gelang, mittels kleiner Dosen von eingespritztem Metrazol nichtssagende, langweilige EEG-Kurven mit attraktiven sogenannten hypersynchronen Entladungen zu bereichern. Dass es auch bei völlig gesunden Personen möglich war, störte zwar ein wenig, aber man glaubte, einen Schwellenwert der MetrazolDosis festlegen zu können. Bis realisiert wurde, wie unzuverlässig dieser ist, sind wohl unzählige falsche Epilepsie-Diagnosen gestellt worden.
Die photische Stimulation muss differenzierter gewertet werden. Der Einfluss optischer Stimuli auf das EEG war bekannt. Es war wieder Grey Walter, welcher die besondere Wirkung rhythmischer Lichtblitze entdeckte; er produzierte sie mit einem industriell gebräuchlichen Stroboskop. An einer Sitzung der traditionsreichen «Royal Society of Medicine» verblüffte er seine würdigen Zuschauer damit, dass er Patienten mit MyoklonieEpilepsie in wilde Zuckungen versetzte. Das wurde ihm zwar auch übelgenommen, als mit der ärztlichen Ethik nicht vereinbar. Nur war er auch nicht Arzt, sondern Physiologe, und angesichts des echten Nutzens, welchen das Verfahren weltweit gebracht hat, darf man seinem Erfinder wohl nachträglich Absolution erteilen. Tatsächlich war es ja von grossem wissenschaftlichem Interesse, versprach es doch neue Einsichten in das Wesen der Epileptogenese. Den Neurophysiologen war längst bekannt, dass eine Nervenzelle nach ihrer Entladung erst un-, dann untererregbar, hierauf einen Moment lang übererregbar ist, und zwar nach etwa 100 msec oder etwas darunter. Da fiel den EEG-Spezialisten natürlich auf, dass die wirksamsten Frequenzen der photischen Stimulation irgendwo zwischen 10 und 20/sec liegen, also in der Grössenordnung des neuronalen Erregbarkeitszyklus. Ohne Verzug wurde die Erkenntnis in die Praxis umgesetzt und die Anwendung von Doppelblitzen propagiert. Keine Firma getraute sich mehr, ein Stroboskop ohne Doppelblitz anzubieten. Allerdings war es leicht zu zeigen, dass, wenn man die Blitzpaare so nahe zusammenrückt, dass sich wieder eine regelmässige Serie ergibt, die Wirkung doch noch stärker ist: Der quantitative Faktor war ebenso wichtig wie der Erregbarkeitszyklus. Die Idee war gut, aber ihre Bedeutung war überschätzt worden. Wenigstens hatte dieser Abstecher keine schädlichen Folgen. Das kann man von einem anderen—er muss als Irrweg bezeichnet werden—nicht behaupten, der sogenannten kombinierten Aktivation. Die an sich nicht erstaunliche Tatsache, dass durch Injektion von Metrazol der Effekt der photischen Stimulation gesteigert werden kann, wurde als standardisierte Methode unter dem Namen «Epi-Test» publiziert und gekonnt vermarktet. Dem trat sogleich Fischgold, der weise alte Mahner, entgegen: «La méthode est intéressante, elle nous apprend un tas de choses. Mais ne l’appelez pas Epi-Test, parce que c’est ce qu’elle n’est pas!» Damit hat er auch recht behalten. Niemand weiss, wie viele falsch positive Resultate und unnötig provozierte Anfälle auf das Konto dieses kurzen Irrganges gehen.
Die subjektiv geprägte Auswahl von Abwegen, Sackgassen und Fehlgeburten soll nur die andere Seite der Medaille aufzeigen, deren glänzende Vorderseite von Erfolgen und Fortschritten besetzt ist. Man muss die diversen Facetten miteinander verrechnen. Ohne Kreativität gibt es keinen Fortschritt. Ohne Begeisterungsfähigkeit gibt es keine Kreativität. Wer voll Enthusiasmus neue Ideen verfolgt, macht auch Fehler. Im Ansatz richtige Konzepte können über das Ziel hinausschiessen. Der dauerhafte Fortschritt besteht in den von falschen Nebenzweigen gereinigten Sprossen der Forschung.
Für die Nachwelt liest sich die Wissenschaftsgeschichte gewöhnlich nüchtern. Für den, der sie miterlebt hat, ist sie belebt von zahlreichen Akteuren, eindrücklichen, farbigen Persönlichkeiten, mit ihrem Genie, ihren Schwächen und ihren liebenswerten Seiten. Ich habe nur wenige genannt, viele andere haben mitgewirkt, extravertierte Populisten, zurückhaltende kritische Wissenschafter, stille Denker. Nicht immer war ihr äusserer Erfolg proportional zum Wert ihrer Leistung. Theorien kamen und gingen. Sensationelle Entdeckungen und geistreiche Konzepte erreichten weltweite Geltung, um später, nicht länger haltbar, still zu Grabe getragen zu werden. Andere, vielleicht weniger spektakuläre, hatten Bestand: Sie rechtfertigen die engagierte Tätigkeit der Forscher.
Für uns, das Fussvolk, hat das alles auch eine tröstliche Seite. Fast jedem ist ja in seiner Laufbahn ähnliches widerfahren: Das Auf und Ab der flüchtigen Erfolge und der demütigenden Niederlagen, mit denen man leben musste. Dies erkannt zu haben und zu akzeptieren, das eben ist die Abgeklärtheit des Alters! Ihnen aber wünsche ich, ungeachtet des soeben Ausgeführten, dass Sie weiter Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit obliegen mögen, mit Begeisterung und Erfolg!
R. M. Hess, Zollikerberg