Das vorliegende Buch beschreibt die meisten der heute üblichen Therapieformen; in vier Abschnitten legen 13 namhafte Autoren gemeinsam mit dem Herausgeber,Professor H. Remschmidt, ihre Erfahrungen und Forschungen in Psychotherapie der Kinder- und Jugendpsychiatrie in 4 grossen Kapiteln vor: es handelt sich um (1.) Grundlagen der Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapie; (2.) Psychotherapeutische Methoden und ihre Indikationen; (3.) Anwendung psychotherapeutischer Methoden bei verschiedenen kinder- und jugendpsychiatrischen Krankheitsbildern und (4.) Anwendung psychotherapeutischer Verfahren in verschiedenen Praxisfeldern. Trotz der zahlreichen Mitarbeiter weist das gediegen gestaltete Lehrbuch eine innere Einheit auf. Es geht den Autoren darum, klare Begriffe, klare Indikationsstellungen und klare Beschreibungen des Therapieverlaufes darzulegen. Zahlreiche Illustrationen und Tabellen, Ausdruck einer globalen Erforschung psychotherapeutischer Tätigkeit,weisen darauf hin,dass Psychotherapie weder Geheimniskrämerei noch eine «private», wissenschaftlich nicht erfassbare Tätigkeit ist, sondern dass sie sachlich untersucht werden kann.
Es kann sich nicht darum handeln, dieses reichhaltige Buch zusammenfassend zu beschreiben oder gar zu beurteilen; ich beschränke mich auf einige Überlegungen: Es liegt den Autoren daran,Psychotherapie objektiv anzugehen durch genaue Definition der Therapieziele und der psychotherapeutischen Methoden, die auf der «Basis bisheriger Erkenntnisse als rationell durchschaubar und überprüfbar» erscheinen. Wir können diesen Forderungen als Hypothese eines Forschungsprogramms nur zustimmen.Indessen ist Therapie weder in der Psychiatrie noch in der somatischen Medizin ausschliesslich auf intellektueller Basis möglich. Die Entwicklung von Forschungsmethoden, die auch Intuition, affektive-subjektive Patient-ArztBeziehung, irrationales Verhalten einbeziehen, ist vom klinischen und wissenschaftlichen Standpunkt her unumgänglich,da diese Faktoren den Therapieverlauf weitgehend mitbestimmen.Die tägliche Praxis zeigt,dass das Irrationelle in unserer Arbeit einen grossen Platz einnimmt. Man denke nur an die schwierigen Probleme, die zum Beispiel die Somatisierung innerpsychischer Konflikte oder die Compliance aufwerfen und die allgemeine Feststellung, dass Unbewusstes beim Patienten und Therapeuten stets im Spiel. Psychotherapien beruhen auf Methoden,die rational konzipiert wurden,ihre Anwendung (Indikation, Durchführung) hängt indessen in vielen (den meisten) Fällen auch von irrationalen Faktoren ab.Es ist dies eine Feststellung,die auch eine Herausforderung für Forschung und Praxis darstellt. Wie das irrationale Denken und Handeln (das weder aus unserem persönlichen noch professionellen Leben auszuschliessen ist) methodologisch erfasst werden kann,bildet einen zentralen Punkt der heutigen und zukünftigen Therapieforschung im psychiatrischen (und somatischen) Bereich. Dies gilt ebenso für die Krisen- und Panikintervention wie für die Therapie in der relativ geschützten Atmosphäre der Konsultation. Es stellen sich hier die Fragen der Angst und Angstgefühle sowie des psychischen Leidens und des Leidensdruckes. Die Antwort des Therapeuten auf die oft kaum ertragbaren psychischen Schmerzen des Patienten kann nicht nur auf Effizienz beruhen. Vielfach braucht es, besonders beim Kind und Jugendlichen, eine lange Zeit zur Schaffung des notwendigen Vertrauens,die die Einleitung einer Therapie erst ermöglicht.
Wir lesen,dass Psychotherapie «lern- und lehrbar» ist. Das Kapitel über «Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung», das auf Erfahrungen der Marburger Weiterbildungsseminare, das 1981 gegründet wurde, Bezug nimmt, gibt in diesem Sinne interessante Hinweise. Es ist offensichtlich, dass die Erlernung von Psychotherapie auf intellektueller und vertiefter Aneignung von psychotherapeutischen Methoden und theoretischen Kenntnissen beruht. Die Ausübung der Psychotherapie und die Entwicklung eines therapeutischen Prozesses verlangen aber zusätzlich zu den theoretischen Kenntnissen Integration persönlicher Therapieerfahrungen, Selbsterfahrung, Supervision sowie Erkennen und Verarbeiten der Patient-Therapeut-Beziehung.
In einer zweiten Ausgabe,die ohne Zweifel rasch herauskommen wird, ist es wünschenswert, das Kapitel der nicht-interpretativen Spieltherapie durch eine Arbeit über die klassische, interpretative, psychoanalytische Behandlung zu ergänzen, die in keinem wissenschaftlichen Buch fehlen kann. Ebenso scheint es sinnvoll, ein Kapitel über Psychotherapie «Kleinkind –Eltern» einzufügen.
Das Buch von Professor H. Remschmidt wird wie seine anderen grundlegenden Veröffentlichungen in jeder Bibliothek einen wichtigen Platz einnehmen: Es stellt im Sinne der Autoren nicht nur den heutigen Stand der Forschung und Praxis der Psychotherapie dar; es skizziert, öffnet das grosse Feld der weiteren Psychotherapieforschungen und regt in dynamischer Art und Weise die komplexen Fragen der Praxis der Psychotherapie und der Weiterbildung von Psychotherapeuten an.
W. Bettschart, Crissier