Ich wachse bei meiner Tante auf. Als ich sechs bin, nehme ich die 100 Lire, die ich von meinem geliebten Onkel bekommen habe und mache mich auf den Weg zum Lebensmittelladen im Dorf. Es ist ein süditalienisches Dorf in den 80er-Jahren, jeder kennt jeden.
Ich nehme die Münze aus der Hosentasche, während ich die Strasse entlanglaufe, und betrachte die römische Figur auf dem Geldstück in meiner Hand. Ich träume von den Dingen, die ich kaufen werde, als mir die Münze entgleitet und auf die Strasse rollt. Ohne zu zögern hechte ich hinterdrein, Bremsen quietschen, ein Schuh und eine Brille fliegen durch die Luft, ich liege am Boden, jemand beugt sich über mich. Die Besitzerin des Lebensmittelladens rennt hinzu, erkennt mich, hilft mir auf. Meine Tante wird gerufen, meine Tante kommt, nimmt mich in den Arm, begleitet mich nach Hause, setzt mich an den Tisch, kocht mir einen Tee und eine Bouillon. Als ich fertig gegessen habe, nimmt sie mich und meine Puppe und steckt uns in den Schrank, wo ich bis zum Abend ausharren muss. Hier wird meine Angst vor der Dunkelheit geboren. Und die Angst, zu vertrauen. Und das Gefühl, in der Not allein zu sein.
Es ist der geliebte Onkel, der in diesen Zeiten die Sonne in meinem Leben ist. Ich weiss, diese Sonne scheint auch nach den Schlägen und Beschimpfungen irgendwann wieder. Dann, wenn der Onkel nach Hause kommt, mich umarmt, mich vorne auf seine rote Vespa stellt und mit mir fortfährt. Zusammen besuchen wir seine Schwester oder manchmal auch meine Lehrerin, die mich als gute Schülerin lobt.
Mein Onkel ist auch das erste wichtige männliche Vorbild, an dem ich mich orientiere. Wir kleiden uns gleich: mit Kragenpullover und Herren-Strickpullover darüber. Ich beobachte, wie er sein Outfit sorgfältig von Kopf bis Fuss farblich abstimmt. Diese Liebe zum Detail wird auch mich ein Leben lang begleiten.
Ich kehre als Achtjährige zu meinen Eltern in die Schweiz zurück. Meine Eltern heirateten, als meine Mutter früh mit mir schwanger wurde und sich sonst hätten trennen müssen. Die streng katholischen Elternhäuser schrieben dies vor. Doch meine Eltern arbeiteten beide und hatten keine Zeit für das Kind, das zu Onkel und Tante in den Süden geschickt wurde.