Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern waren es zunächst die Überlebenden selbst, die entweder zum Zweck der Beantragung von Entschädigungen medizinische und psychiatrische Gutachten benötigten oder zu ihrer psychischen Stabilisierung in Analyse gingen. Bei ihnen wurde eine Reihe von Phänomenen erkennbar, die mit wachsender Erfahrung zu Veränderungen des psychotherapeutischen Vorgehens und der Entwicklung spezifischer Traumatherapien führten. Wilhelm Niederland stellte bei vielen der Betroffenen ein ausgeprägtes Schuldgefühl fest, das er als «Überlebensschuld» bezeichnete [17]. Hans Keilson erkannte verschiedene Phasen der Ausprägung von traumatischen Eindrücken und sprach diesbezüglich von einer «sequentiellen Traumatisierung» [18]. Masud Khan entwickelte das «Konzept des kumulativen Traumas» [19], das sich nach Auffassung von Ilse Grubrich-Simitis nicht zuletzt aus der Einfühlungsverweigerung auch auf Seiten von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern angesichts der Extremtraumatisierung der Geretteten ergab [20]. Dies habe mit zur Delegation der Störungen an die Kinder geführt. Aus späteren therapeutischen Erkenntnisprozessen – insbesondere auch durch selbst von den Folgen des Holocaust betroffenen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, wie Anna-Maria Jokl, Judith Kestenberg und anderen, – erwuchs jedoch die Erkenntnis, dass die Delegation an die Nachkommen auch durch die therapeutische Einfühlungsbereitschaft und -fähigkeit nicht verhindert, allenfalls abgemildert werden kann.
Es scheint, dass angesichts von Extremtraumatisierungen ein einzelnes Menschenleben nicht ausreicht, um die psychischen Folgen derselben zu verarbeiten.
Es scheint, dass angesichts von Extremtraumatisierungen, wie sie insbesondere im Holocaust erfolgten, ein einzelnes Menschenleben nicht ausreicht, um die psychischen Folgen derselben zu verarbeiten. Dabei spielt andererseits eine Rolle, dass die jüdischen Überlebenden möglichst bald eine neue eigene Familien zu gründen versuchten und in dieser Zeit der beruflichen, sozialen und familialen Neubegründungen ihrer Identitäten nicht genug Zeit gehabt hatten, das Erlittene schon selbst ein Stück weit aufzuarbeiten.
Aus den Interaktionen und Erwartungen der Überlebenden ergaben sich spezifische Merkmale für deren Kinder. So wurden letztere häufig als Ersatz für im Holocaust ums Leben gekommene Angehörige angesehen und mit deren Namen belegt. Für die Kinder bedeutete dies, dass sie für deren Eltern die Funktion hatten, an diese verlorenen Familienangehörigen zu erinnern. Die nach dem Krieg Geborenen wurden zu einer Art «Gedenkkerzen» [21, S. 57ff]. Zudem führten die zahlreichen, kaum betrauerten Verluste und die
Entwurzelung der Überlebenden dazu, dass sie ihre Kinder sehr eng an sich banden und häufig überbehüteten.
Die Kinder hatten das Gefühl, den Eltern wieder ein stabiles Zuhause geben und sie vor erneuten Verlusten bewahren zu müssen, was die Entwicklung von eigenen Wünschen und Unabhängigkeit sehr erschwerte [ebd., S. 33ff]. Dies ging mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Parentifizierung der Kinder einher. Andererseits kam es bei Konflikten, insbesondere in der Pubertät, schnell dazu, dass die Eltern ihre Kinder mit ihren Verfolgern gleichsetzten und auf diese Weise die eigene Identifikation mit dem Aggressor, die sie während ihrer Lagerzeit zwangsläufig vorgenommen hatten, durch diese projektive Identifikation mit den Kindern zu externalisieren versuchten. Dies hatte zur Folge, dass die Kinder Konflikte und aggressive Auseinandersetzungen mit den Eltern so weit als möglich zu vermeiden versuchten, um die Eltern zu schonen und die Beziehung zu ihnen nicht zu belasten [22, S. 203]. Es entstand bei vielen Kindern eine übermässig protektive Haltung den Eltern gegenüber, die sich in der Trennungsschuld fortsetzte, wenn die Kinder sich ablösen und ihre eigenen Wege gehen wollten [20, S. 1008]. Denn Trennungswünsche lösten bei den Eltern massive Ängste und entsprechend bei ihren Kindern Schuldgefühle aus [23, S. 278]. Zudem erfuhren die Nachkommen jüdischer Überlebender einen sehr viel stärkeren emotionalen Druck seitens der Eltern, sich Partner und Partnerinnen derselben Herkunft zu wählen [ebd., S. 279]. Durch die Unterdrückung der eigenen Aggressionen und Ablösungswünsche befanden sich die Nachkommen der Überlebenden häufig in einer «Double Bind»-Situation.
Viele dieser an Überlebenden der Shoah und ihren Kindern festgestellten Beziehungsmuster und Konflikte finden sich auch in Familien anderer Kulturen mit extremen Traumatisierungen sowie bei den Überlebenden der stalinistischen Gulags oder der bisher nur wenig historisch aufgearbeiteten Schicksale von im Nationalsozialismus verschleppter und ausgebeuteter Zwangsarbeiternnen und Zwangsarbeitern und ihrer Nachkommen. Das transgenerationale Erbe Natascha Wodins, der Tochter einer als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppten Ukrainerin verdichtete sich in dem immer wieder von der Mutter ausgesprochenen Satz: «Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe» [24].
Die systematische Grausamkeit, mit der die politische Absicht der Auslöschung der europäischen Juden verfolgt wurde, war jedoch einzigartig und hatte zur Folge, dass Extremtraumatisierungen und ihre Auswirkungen bei den Überlebenden dieses Genozids besonders sichtbar wurden. Infolgedessen sind diese in den westlichen Industriegesellschaften durch die dortige Verbreitung der Psychoanalyse besonders umfassend dokumentiert. Daher können die hier gewonnenen Erkenntnisse partiell exemplarischen Charakter für andere Kulturen haben.
Paradoxerweise sind es überwiegend die Opfer von Gewalt und Missbrauch, die Schuldgefühle entwickeln, nicht aber die Täter, die – zumindest auf der bewussten Ebene – jegliche Schuld verneinen. Dass sich unbewusst Schuldgefühle bilden, die massiv abgewehrt werden (müssen), zeigt sich nicht zuletzt daran, dass deren Kinder oder Enkel häufig Schuldgefühle entwickeln, über deren Herkunft sie sich jedoch nicht im Klaren sind. Diese können dazu führen, dass die Nachkommen intensive Bedürfnisse empfinden, «etwas» wieder gut zu machen, für andere Menschen hilfreich und sozial aktiv zu sein, oder sie verfallen in Depression und neigen zu Selbstbestrafungen, zum Beispiel in Form von Ahedonismus, verbunden mit einem nicht begründbaren Gefühl, kein Anrecht auf ein gutes Leben zu haben. Teilweise verzichten sie auf Liebesbeziehungen und/oder eigene Kinder.
Transgenerationale Mechanismen lassen sich aber ebenso in Familien finden, die nicht von grossen gesellschaftlichen Katastrophen, wie der Vernichtung in der Shoah oder Kriegsverbrechen als aktiv Beteiligte oder als Verfolgte, betroffen sind. Auch Mord oder Missbrauch in Familien sowie Betrug, Diebstahl oder Untreue können, insbesondere wenn sie verschwiegen und verleugnet werden, Spuren im Unbewussten der nachkommenden Generationen hinterlassen. Hier werden unter Umständen sehr gemischte und diffuse unbewusste Botschaften an die Nachkommen weiter-gegeben, insbesondere, wenn die Täterinnen und/oder Täter sowie das/die Opfer aus derselben Familie stammen. Traumatisierungen und Schuldverstrickungen in familialen Konstellationen unterscheiden sich je nach Schweregrad derselben mehr oder weniger stark von Extremtraumatisierungen (zum Beispiel bei Überlebenden der Shoah oder der Gulags) und extremer Schuld (bei Massenmördern und Kriegsverbrechern).