Phänomenologisch-psychiatrische Einzelfallstudien
Abstract
«Von daher ist es verständlich, dass eine anthropologisch orientierte Psychiatrie sich zugleich als eine patientenzentrierte Psychiatrie versteht. Sie basiert auf der These, dass jede Wissenschaft vom Menschen […] auf die Dauer nicht ohne eine Vermenschlichung der Wissenschaft auskommt, die wiederum von einer Humanisierung der Praxis wichtige Anstösse bekommen kann. Die Brücke zwischen beidem ist in einer primär partizipierenden […] Erfahrung zu suchen.»Wolfgang Blankenburg [1, S. 189–190]
Einleitung
Begriff von phänomenologischer Psychiatrie in Abgrenzung zu Karl Jaspers
Fokus der phänomenologisch-psychiatrischen Betrachtung
- Eine Ablehnung des klinisch-diagnostizierenden Ansatzes findet sich schon bei den ersten Vertretern der phänomenologischen Psychiatrie. Bereits Ludwig Binswanger geht es nicht um medizinische Diagnosen, sondern um, wie er sagt, «Daseinsgestalten» [27]. Der anthropologische Psychiater Jürg Zutt soll sich teils überhaupt nicht für die klinisch-psychiatrische Diagnose interessiert haben und in der Diagnosesparte seiner Epikrisen mitunter lediglich «seltsamer Mensch» vermerkt haben [28, S. 90]. Diese möglichst vorbehaltlose Suche nach dem Menschlichen hinter der im psychiatrisch-institutionellen Blick erfassten pathologischen Symptomatik bezieht schon bei Binswanger immer wieder die Analyse des Bezugs des Menschen zur gemeinsamen, ausserinstitutionellen Lebenswelt mit ein. So meint Binswanger etwa mit «Verstiegenheit», «Verschrobenheit» und «Manieriertheit» [29] keine psychiatrischen Diagnosen, sondern Veränderungen der Alltags-Erfahrung eines Menschen, durch die seine Verständigung mit den Mitmenschen und auf eine gemeinsame Welt verunmöglicht sei. Dieser Gedanke wird von Blankenburg in prägender Weise weiterverarbeitet. Die Frage nach Bedingung und Verlust von gemeinsamer und alltäglicher Lebenswelt steht im Zentrum einer grossen Zahl seiner Schriften, allen voran seine Einzelfallstudie Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit [9]. (Siehe auch [30]. Für den Bezug zu Binswangers «Daseinsformen» siehe besonders [9, S. 77f.].) Im Anschluss an diese Monographie ist es auch Blankenburg, der wichtige Impulse aus der soziologisch orientierten Lebenswelt-Phänomenologie Alfred Schütz’ aufgreift und zu einer Beschreibung, insbesondere schizophrener Erfahrung, nutzt (vgl. [31,32,33]). Die zentrale Frage ist hier, wie sich die Erfahrung der Wirklichkeit von psychisch Erkrankten in wechselseitigen Konstitutionsprozessen zwischen ihnen, Umfeld und Betrachter/in konstituiert. Stellvertretend für die gegenwärtig prägende Generation betont Giovanni Stanghellini die damit verbundene Verschiebung des Blickwinkels im Vergleich zur klinisch-institutionellen Sicht: «The focus of the psychopathological enquiry is removed from full-blown psychotic symptoms taking place in an isolated individual, and concentrates on the vulnerable structures of her consciousness studied in the context of her life-world» [34, S. 11]. Wie genau dieses Bewusstsein im Austausch mit seiner Lebenswelt die Wirklichkeit grundsätzlich anders wahrnimmt und «typisiert», so dass diese Wirklichkeit nicht mehr mit der gesellschaftlich «normalen» Wirklichkeit vermittelbar ist, beschreibt aktuell Michael Titze in Anlehnung an die phänomenologisch orientierte Soziologie [35]. Titze macht deutlich, dass das eigentlich pathologische Moment der Schizophrenie nicht in sinnlosen oder konkretistischen Denkstörungen, sondern in einem Verlust von intersubjektiver Bezogenheit bestehe [35, S. 169ff.].
- 2.
- Die Analysen der phänomenologischen Psychiatrie über die Lebenswelt ihrer Patient(-inn)en erfolgen über das Medium der Sprache. Es stellt sich daher die wichtige Frage, inwieweit Sprache und Lebenswelt miteinander zusammenhängen. Leider nehmen sprachtheoretische Überlegungen bislang in der phänomenologischen Psychiatrie eine randständige Rolle ein. Dennoch lässt sich eine genuine sprachtheoretische Position dieser Schule formulieren, die mit anderen Ansätzen kontextualisiert werden kann.
Konsequenzen für die Beschreibungen der Einzelfallstudien
Vorschläge für eine neue Form phänomenologischer Einzelfallstudien
- Bislang vorliegende phänomenologische Einzelfallstudien erheben den Anspruch, nicht nur die Krankengeschichte, sondern auch den lebensweltlichen und biographischen Hintergrund der Patient(-inn)en zu erfassen und damit ihren pathologischen Zustand so vollständig wie möglich zu verstehen. Dieser Verstehensanspruch ist mit dem zu Beginn dargestellten Wesensbegriff verbunden. Der Ansatz kann als holistisch bezeichnet werden, insofern gezeigt werden soll, wie sich alle gegebenen, klinischen und lebensweltlichen Phänomene in eine umfassende Wesensstruktur und ihre Entwicklung einordnen lassen. Zwar ist es damit möglich, auch das von Jaspers als unverständlich bezeichnete primäre Wahnerleben in seiner Dynamik verständlich zu machen (s.o.), gleichzeitig kommt damit aber überhaupt das Verstehen in der Feststellung dieser Struktur zu einem Ende. Analog zu Klaus Dörner könnte man der phänomenologischen Psychiatrie daher ein «rücksichtsloses Verstehen» (s. [73, S. 18]. Dörner hält das von ihm betonte Unverständliche an selber Stelle jedoch durchaus für erklärbar – woran wir uns nicht anschliessen.) mit totalitärem Anspruch vorwerfen oder auch von einem wesenswissenschaftlichen Totalitarismus sprechen, der das heterogene Feld psychischer Erfahrung in einem einheitlichen Wesensbegriff aufgehen lässt. Demgegenüber muss daran erinnert werden, dass schon Karl Jaspers auf die Unabschliessbarkeit des Verstehens hingewiesen hat [17, S. 298]. Unabschliessbar aber kann das Verstehen nur sein, wenn es auch immer wieder auf Unverständliches stösst, das sich dem Verstehensprozess widersetzt und entzieht. Unverständliches sollte im Verstehensprozess positiv anerkannt werden, anstatt es in weitere Wesensstrukturen integrieren zu wollen. Nur so kann «rücksichtsloses Verstehen» vermieden werden. In Anlehnung an Waldenfels liesse sich dann von einem responsiven Verstehen sprechen, das sich von vornherein der Differenz zwischen dem Fremden, das/den es versteht und dem, als was es dieses/diesen versteht, bewusst ist. (Vgl. hierzu die Überlegungen in Waldenfels’ Aufsatz «Der Kranke als Fremder – zwischen Normalität und Responsivität» [74]. Neben Waldenfels’ Transformationen der Phänomenologie scheint es hier ebenso vielversprechend, Entwicklungen der hermeneutischen Philosophie seit Jaspers’ mit dem phänomenologisch-psychiatrischen Denken in Austausch zu bringen (zur Übersicht s. [75]).)Wenngleich Jaspers jedoch betont, dass das Verstehen unabschliessbar sei, spricht er dabei doch von einem Verstehen, das allein die Psychiaterin vom Patienten gewinnt und nicht umgekehrt. Im Sinne dieser einseitigen Sichtweise scheinen auch die bisherigen phänomenologischen Einzelfallstudien als Arbeiten über einzelne Patient(-inn)en von Professionellen für Professionelle geschrieben zu sein. Die konsequente Umsetzung phänomenologisch-psychiatrischer Konzepte müsste aber zu einer entscheidenden Wendung führen: Wenn das pathologische Geschehen aus den vielseitigen Konstitutionsprozessen innerhalb der Lebenswelt der Betroffenen hervorgeht, müssen auch alle an diesen Konstitutionsprozessen Beteiligten an der Erstellung der Studie teilhaben. Die Beteiligung betrifft nicht erst das Ergebnis, sondern schon den Prozess der Erstellung. Wenn der Mensch gemäss Heideggers Existenzialanalytik immer schon ein Selbstverständnis von seinem eigenen Sein hat [76, S. 12], muss dieses Selbstverständnis auch Teil des Forschungsprozesses und nicht nur Material für das Verständnis, das die Psychiaterin vom Patienten gewinnt, sein. Damit sind nicht nur Brücken zu den zu eingangs erwähnten Ansätzen des User-involved Research [5] geschlagen, sondern auch zur Trialog-Bewegung [77]. Der Hinweis dieser Bewegung auf die Rolle der Angehörigen im Krankheitsgeschehen unterstreicht, was auch von phänomenologisch-psychiatrischer Seite immer wieder betont wird, so etwa, wenn Blankenburg schreibt: «Mit der Frage nach Störungen der alltagsweltlichen Orientierung ist die Frage nach der Praxis des Patienten angeschnitten, d.h., wie baut der Patient – in Interaktion mit seinen nächsten Bezugspersonen, mit seiner Familie oder am Arbeitsplatz usw. – Welt auf?» [78, S. 35]. Blankenburgs Frage verweist letztlich auf die Einbeziehung der Perspektive der Angehörigen schon im Erstellungsprozess einer Einzelfallstudie. Ziel müsste demnach eine trialogische Einzelfallstudie sein.
- Wie bereits erwähnt, bedeutet der lebensweltliche Bezug der Beschreibung zum beschriebenen Gegenüber für die Psychiatrie, dass diese Beschreibung immer auch therapeutische Auswirkungen hat. Die phänomenologische Beschreibung kann sich aller Einklammerungsanstrengung zum Trotz diesen Auswirkungen in der Lebenswelt, aus der sie selbst hervorgeht, nicht entziehen. Es stellt sich daher die Frage, ob die Patient(-inn)en, über die bislang phänomenologische Einzelfallstudien erstellt wurden, mit den Beschreibungen einverstanden gewesen wären und ob dadurch die geschilderten, teils dramatischen Krankheitsverläufe hätten verhindert werden können. Im Rahmen des bislang praktizierten wesenswissenschaftlichen Totalitarismus muss dies allerdings bezweifelt werden. Mit Léon Wurmser wäre zu vermuten, dass vermeintlich abschliessende Wesensurteile über die Patient(-inn)en bei diesen eher Gefühle der Scham und Unzulänglichkeit erzeugen (vgl. [79]). (Im Bereich der phänomenologisch-philosophischen Einzelfallstudien etwa ist bekannt, dass Jean Genet nach der Lektüre von Sartres Monographie über ihn das 600 Seiten-Manuskript – wohl aus Scham – schliesslich ins Feuer warf und Sartre die Freundschaft kündigte [80, 81 {S. 355–356}].) Entsprechende Reaktionen können am ehesten dann vermieden werden, wenn wie oben erwähnt ein Übergang von abschliessenden Wesensurteilen zu einem unabschliessbaren Verstehensprozess vollzogen wird, in welchem auf die Relevanz von Unverständlichem und Unzugänglichen am Gegenüber Rücksicht genommen wird. Dieser Grundgedanke muss mit weiteren therapeutischen Überlegungen verbunden werden. Wenngleich therapeutische Reflexionen in der phänomenologischen Psychiatrie, wie angedeutet, eher eine Randstellung einnehmen, können hierzu doch einige Ansätze erwähnt werden: Während Alice Holzhey-Kunz ähnlich wie Alfred Storch den Umgang mit der Widersprüchlichkeit und Begrenztheit der eigenen Existenz als Ziel der daseinsanalytischen Therapie angibt [82,83], betonen Wolfgang Blankenburg wie auch Thomas Fuchs die Wiederherstellung von autonomer und zukunftsbezogener Handlungsfähigkeit der Betroffenen im Rahmen ihrer jeweiligen Situation (vgl. [25,84]). In einem trialogischen Vorgehen von Einzelfallstudien könnten diese Aspekte schon in die Erstellung der Studien Eingang finden. In den dabei stattfindenden Verständigungs- und Austauschprozessen mit den Angehörigen und Professionellen könnte beispielsweise eine Öffnung der in psychischer Krankheit oftmals verschlossenen Erfahrungsräume der Betroffenen ermöglicht werden (vgl. [84]). Ferner könnte hierbei die Endlichkeit und Widersprüchlichkeit der eigenen Existenz, mit der die Erkrankten nach Storch und Holzhey-Kunz in der psychischen Erkrankung oftmals hadern, im Austausch mit Mitmenschen zwar nicht behoben, aber zumindest mit anderen – im doppelten Sinne des Wortes – geteilt werden. Zu guter Letzt würde durch ein solches Vorgehen den Betroffenen das Recht auf eine Autorenschaft, auf ein zugleich findendes wie erfindendes Narrativ über ihre eigene Geschichte zugestanden, das Grundlage eines Freiheit ermöglichenden Subjektivierungsprozesses ist. (Vgl. dazu Ricoeurs Reflexionen über die Narration, die sich treffend mit Blankenburgs Überlegungen zur Futur-II-Perspektive verbinden liessen [85], [86].)
- Zuletzt muss die Frage des Mediums phänomenologisch-psychiatrischer Einzelfallstudien thematisiert werden. Es wurde darauf hingewiesen, dass Sprache in einem phänomenologisch-psychiatrischen Verständnis ihren Ursprung in der lebensweltlichen Interaktion der Subjekte miteinander nimmt. Sprache erschien in einem ersten Schritt als eine Art Speicher sedimentierter, intentionaler Typisierungsleistungen durch das Bewusstsein, der je nach Situation von diesem Bewusstsein aktiv neu ins Werk gesetzt wird. Hätte Sprache nur diese symbolisierende Funktion, so wäre das adäquate Medium für das, was zuletzt als trialogischer und therapeutischer Forschungsprozess anvisiert wurde, die schriftlich niedergelegte Einzelfallstudie. Sie wäre der repräsentative Behälter dessen, was in diesem Forschungsprozess beschrieben wird. Was aber, wenn das, was über dieses Medium der Sprache dargestellt werden soll, gar nicht über sie vermittelt werden kann? Wie erwähnt, gehen zahlreiche Begriffe in der aktuellen phänomenologischen Psychiatrie – wie etwa der Rhythmus, das leibliche Spüren oder die Selbstaffektion – über die symbolisch-repräsentative Vermittlungsfunktion der Sprache hinaus und können jenem Bereich zugerechnet werden, den Christian Kupke als das «Unaussprechliche» bezeichnet [59, S. 29f.]. Das Unaussprechliche ist Kupke zufolge das, was im «sprachlichen Bezug nicht aufgeht, nicht mehr sprachlich vermittelt werden kann» [ebd.]. Wie wäre aber dann der Anspruch der Einzelfallstudie einzulösen, über das Unaussprechliche der Erfahrung der Patient(-inn)en zu sprechen? Das bisher übliche Medium des in der symbolischen Sprache geschrieben Wortes scheint hier konsequenterweise ungeeignet. Aber sollte das Unaussprechliche dann schlicht nicht mitteilbar sein? Kupke merkt dazu an, «dass das Unaussprechliche gegebenenfalls auch in einer anderen als in einer sprachlichen Form, also in einem anderen Medium kommuniziert oder performiert werden kann, z.B. in einem bildlichen Medium, dessen Bedeutungen nicht symbolisch, sondern semiotisch kodiert und konnotiert sind». ([ebd., S. 30–31]. Kupke entlehnt den Begriff des Semiotischen besonders Kristeva. Zu diesem Begriff finden sich u.E. durchaus Analogien in der phänomenologisch-psychiatrischen Theorie (vgl. Fussnote 12).) Was Kupke hier benennt, sind künstlerische und performative Formen der Mitteilung. Diese scheinen für die Kommunikation jener unaussprechlichen Erfahrungsbereiche, wie sie in phänomenologisch-psychiatrischen Einzelfallstudien beschrieben werden, in letzter Instanz geeigneter. Zu dem von Kupke erwähnten, bildlichen Medium wäre auch die Filmkunst zu zählen, im Bereich schriftlicher Medien wäre an die Poesie zu denken, zuletzt kämen auch musikalische Medien in Frage. Diese sollten somit in den obig beschriebenen, trialogischen und therapeutischen Forschungsprozess integriert werden. Die therapeutische Dimension dieses Prozesses könnte dabei gewinnbringend an kunsttherapeutische Konzepte Anschluss finden.Diese Überlegungen mögen abschliessend verwirrend erscheinen, da man gewohnt ist, wissenschaftliche Analysen als repräsentatives Schriftmedium zu rezipieren. Darüber hinaus ist noch vollkommen unklar, wie etwa eine musikalische oder filmische Einzelfallstudie konkret ausgestaltet werden könnte. Das eigentlich Verwunderliche ist aber, dass die Möglichkeit eines alternativen Beschreibungsmediums in der phänomenologischen Psychiatrie bislang trotz der wiederholten Thematisierung des symbolisch nicht repräsentierbaren Moments unserer Erfahrung nicht für die eigenen Analysen in Betracht gezogen wurde.
Fazit
Danksagung
Conflicts of Interest
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