Bern: Hans Huber; 2013. Kartoniert, 132 Seiten, 12 Abb.
Preis Fr. 49,90.
ISBN: 978-3-45685238-6.
In der Schweiz starben 2011 – ohne die Fälle mit Sterbehilfe – über 1000 Personen an Suizid. Damit steht unser Land bezüglich Suizidrate im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Zehnbis zwanzigmal höher liegt die Rate an Suizidversuchen, was bedeutet, dass etwa 10% der in der Schweiz lebenden Personen im Lauf ihres Lebens mindestens einen Suizidversuch durchführen.
Suizidales Verhalten bei Menschen ist nicht restlos verstanden. Verschiedene Ansätze existieren und erklären bzw. plausibilisieren Teilaspekte der Suizidalität. Diese können in «medizinische»,
«biologische», «soziokulturelle» und «psychologische» Perspektiven eingeteilt werden, wobei bei jeder betroffenen Person wohl alle Aspekte in individueller gewichteter – personenzentrierter – Form eine Rolle spielen.
Da ein Suizidversuch in der Anamnese der stärkste Prädiktor für einen späteren Suizid ist und das entsprechende Risiko 60bis 100fach erhöht, stellt die Nachbetreuung und -behandlung von Menschen nach suizidalen Krisen und Handlungen eine potentiell besonders wirksame (tertiäre) Präventionsmassnahme dar.
In ihrem kürzlich erschienenen Buch «Kurztherapie nach Suizidversuch. ASSIP – Attempted Sui cide Short Intervention Program» stellen die beiden Psychotherapeuten und Suizidforscher Gysin-Maillart und Michel ein Interventionsprogramm vor, welches sie aufgrund jahrelanger Erfahrung als klinisch tätige Psychologin bzw. Psychiater erarbeitet haben. Das Programm ist spezifisch für Personen nach einem Suizidversuch entwickelt worden und bietet einen Leitfaden für das therapeutische Vorgehen. Dieses ist unabhängig davon, welche ursächlichen Faktoren hauptsächlich zur Suizidalität beigetragen haben und basiert auf Aspekten der Handlungstheorie, der Bindungstheorie sowie den Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie. Wesentlich ist dabei, dass ein initiales narratives Interview mit nachfolgendem Video-Playback eine therapeutische Beziehung etabliert, welche die Basis für die weiteren therapeutischen Interventionen darstellt. Der Ansatz ASSIP gibt dem Therapeuten Instrumente in die Hand, welche es erlauben, gemeinsam mit dem Patienten die ganz persönliche «Geschichte» und die individuellen Faktoren der Suizidalität systematisch aufzuarbeiten: Suizid wird dabei in erster Linie als Handlung und weniger als Symptom einer Krankheit verstanden. Eine wesentliche Rolle spielt die Aktivierung des «suizidalen Modus» – dieser wird im Buch anschaulich erklärt – zur Klärung der suizidspezifischen Emotionen und Kognitionen. Daraus abgeleitet werden die schriftliche Formulierung von individuellen Warnzeichen und die verhaltensorientierten Massnahmen, welche bei zukünftigen suizidalen Krisen zum Einsatz kommen sollten. In der letzten Sitzung erfolgt eine Exposition mittels Video-Playback zum Einüben der erarbeiteten individuellen Strategien. Patienten erhalten zum Schluss eine auf Kreditkartengrösse reduzierte Liste der präventiven Massnahmen in Form eines Falt-Leporellos. Anschliessend an die vier Sitzungen erhalten sie über einen Zeitraum von zwei Jahren regelmässig Briefe zur Erinnerung an die erarbeiteten präventiven Strategien und zur Fortsetzung des Kontaktes zwischen Betroffenen und Therapeuten.
Das Programm ASSIP und das vorliegende Manual für das Erlernen dieser spezifischen Therapie bzw. Präventionsmassnahme ist ein willkommener Ansatz für Therapeuten, welche mit suizidalen Menschen zu tun haben. Darüberhinaus vermittelt das Buch in einem ersten theoretischen Teil relevantes Wissen zu Suizidalität und Suizid und schafft so die Basis, um umsichtiger und nachhaltiger diese oft schwierige therapeutische Herausforderung anzugehen. Damit richtet es sich nicht nur an psychiatrische und psychologische Therapeuten und Therapeutinnen, sondern z.B. auch an Hausärzte und Hausärztinnen. Die rein «medizinische Perspektive», welche die Psychiatrie und Psychotherapie gerne einnimmt, greift gerade bei der Suizidalität in den allermeisten Fällen zu kurz: Selbstverständlich tritt Suizidalität oft im Zusammenhang mit behandelbaren primären psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, Emotionsregulationsstörungen oder auch psychotischen Krankheiten auf, aber ebenfalls selbstverständlich ist es, dass es notwendig ist, die individuelle Dynamik bei jeder betroffenen Person zu berücksichtigen. Nur dies kann dazu beitragen, die Betroffenen in einem therapeutisch wirksamen Setting zu halten. Genau dies ist, was dieses Manual vermittelt und weswegen es mich als klinisch tätigen Psychiater und Psychotherapeuten angesprochen hat und ich es wärmstens empfehlen kann.
Erich Seifritz, Zürich