Bilder psychoanalytischer Erfahrung
Silvia
Wir, Hedwig Jünger, Anita Roller und ich, setzten eine in der Kinderund Jugendpsychiatrie in Tübingen begonnene Behandlung in dem von uns gegründeten ersten Heim der Psychoanalytischen Sozialarbeit in Rottenburg mit einem 10jährigen autistischpsychotischen Mädchen fort. Wir hatten in Rottenburg ein schönes mütterlichväterliches Gehäuse vorbereitet, ehe unsere Gründerin, die ich hier Silvia nenne, kam und in ihrem Zimmer ein Loch in die Wand machte, etwas grösser als ein Teller. Als wir dies reparieren wollten, machte sie wieder die Wand kaputt und das Loch etwas grösser; als wir dieses wieder reparieren wollten, warf sie dann ihre Möbel und die Vorhänge aus dem Zimmer und schlief auf dem harten Boden – pathologisch unempfindlich. Ausserdem versuchte sie mit Urin und Kot, den sie in die Ritzen des Holzbodens schmierte, das Haus aufzulösen. Erst als wir verstanden, dass sie das Loch in der Wand behalten müsste als ihren Beitrag zur Gestaltung des mütterlichväterlichen Gehäuses, konnte sie die Möbel und Vorhänge wieder in ihr Zimmer holen und da dulden und sich dort auch wohlfühlen.
Wohlfühlen bedeutete, dass sie sich erstmalig, nachdem sie bis dahin gegen Kälte und Schmerzen unempfindlich schien, sich erkältete, Fieber bekam und zunächst tränenlos weinte und allmählich mit richtigen Bächen von Tränen und tiefem Kummer. Diese Einübung ins glückliche UnglücklichSein war für uns ein therapeutisches Freudenfest.
Frankenstein
Ein kräftig, gewissermassen wuchtig auftretender Forscher in den Naturwissenschaften, Ende 50, der in meiner Phantasie aussah wie Frankenstein und sich zackig bewegte, kam zu mir und klagte über Alpträume, in denen Würmer an ihm hochkrabbelten und ihn zu fressen drohten, weshalb er schweissgebadet aufwachte; kaum dass er dies schilderte, irritierte er sich mit heftiger Spannung in der Rede, ich solle doch diese Würmer verschwinden lassen, er hielte die nicht aus – und was er meinte, waren meine multipel geringelten zwei Telefonschnüre. Ihm zu erwidern mit «Glauben Sie wirklich ...?» schien aussichtslos; er wiederholte seine Forderung und fiel mir so heftig ins Wort, dass ich visualisierte, er könnte mich gleich schlagen.
Dennoch sammelte ich mich und sagte:
«Wenn das zwei Würmer sind, dann könnten Sie und ich zwei grössere Würmer sein als diese Würmer da am Boden. Zu zweit könnten wir die wohl in Schach halten.» Ich notierte zu der eintretenden relativen Entspannung:
«Von Wurm zu Wurm sassen wir einander gegenüber. » ([
1], S. 129). Ungefähr zwei Monate später, als der Pa tient bei mir vier bis fünf Mal in der Woche zur Behandlung kam, führte er aus, er fühle sich in seinem Inneren wie ein Sack Schnipsel, die er mühsam dabei sei zu ordnen, und immer, wenn ich (St. B.) meinen Mund aufmachte, brächte ich die Schnipsel durcheinander. Mir schoss das Bild durch den Kopf, ob die Schnipsel Ähnlichkeit mit den Würmern hätten, möglicherweise identisch mit ihnen seien, und so fragte ich nach ihrer Beschaffenheit, und sofort redete er von den Würmern und er bräuchte Entlastung: weg sollten sie sein, aber nicht totgemacht! Darauf einigten wir uns in mühsamen kleinen Schritten, und so platzierte ich über mehrere Stunden diesen Sack mit Schnipseln bzw. Würmern in einem von ihm und mir «Verlies» genannten Schrank, den ich abschloss und versprach, ihn erst wieder zu öffnen, wenn die Zeit reif sei.
Das war dann knapp zwei Jahre später, wobei in der Phantasie des Patienten aus den Würmern grosse Tiere geworden waren, aber nicht nur Tiere, sondern Dämonen, seine Geschwister und seine «blutsaugenden» acht Kinder, die sich allemal wegen einer mindestens mutmasslich akuten Psychose in der Psychiatrie aufgehalten hatten. Als wir den Schrank nach ungefähr einem Jahr öffneten, blieben die herangereiften ursprünglich mörderisch verzehrenden Würmer massvolle Wesen, die zunächst wie symbolische Gleichungen wirkten und allmählich zugänglich für symbolisierte Erinnerungen wurden.
Franz
Im Jugendknast wurde mir ein sogenannter Teufelskerl, nennen wir ihn Franz, angekündigt, der mit 16 Jahren seinen besten Freund im Streit um Geld zunächst verprügelt und dann fast totgetrampelt hatte. Mit diesem jungen Mann bestünde das Problem, dass er anwachsend alle Aggres sionen auf sich zöge, einschliesslich von prinzipiell jugend lichen Strafgefangenen gegenüber wohlwollenden Vollzugsbeamten. Noch bevor ich den jungen Mann kennenlernte, hörte ich bei halbgeöffneter Tür ungehemmtes Brüllen mehrerer Erwachsener, durchmischt mit fäkal aggressiven Verwünschungen. Dann kam nun ein kleiner rothaariger Wicht und versuchte mein Mitleid zu ergattern, weil es im Knast so unmenschlich sei. «Was ist menschlich?», griff ich seine Rede auf und sagte, menschlich sei, was mir über ihn erzählt worden sei, dass er nämlich seinen besten Freund fast tot geschlagen habe. Menschlich sei, dass Menschen brüllen, wie da draussen, als er hergebracht wurde. Lässig und ein bisschen aggressiv antwortete er mir: «Was die sagen und brüllen, geht mir hinten rein und vorne raus.» Ich wiederholte das Gesagte, liess es mir auf der Zunge zergehen und fragte dann mit viel Ruhe und Besorgnis: «Wer ist Ihnen im Leben wirklich hinten rein und wieder raus?» Hier entwickelte sich ein reicher Ertrag, insofern Franz mir erzählte, dass der Vater des besten Freundes, bester Freund seines Vaters und Nachbar unseres jungen Mannes, Franz im Alter zwischen 9 und 12 Jahren mehrfach sexuell missbraucht hatte. Bei der letzten analen Penetration habe er einen ihn besonders ekelnden Samenerguss gehabt.
Und das Geschrei? Der junge Mann hatte alle potentiellen Eltern ähnlicher Autoritäten im Knast dazu gebracht, dass sie ihm aggressiv nachstellten. Die Vollzugsbeamten schämten sich, als sie im von Franz erlaubten Diskurs mit mir entdeckten, dass sie im übertragenen Sinne alle mit gezückten Penissen hinter dem jungen Mann her waren und den Missbraucher kollektiv vervielfachten; aber endlich konnte über den Missbrauch gesprochen werden, und folglich änderten die neuen Missbraucher ihre Einstellung.
Der junge Mann wurde darauf sehr depressiv, lehnte sich an seine pädagogischen Zieheltern an und musste zwischenzeitlich auch am Selbstmordversuch gehindert werden. Er wuchs in der Folgezeit zu einem wirklichen Menschen und Mann heran, der zu echter Wiedergutmachung an sich selbst und seinem besten Freund fähig wurde.
Isabelle
Isabelle, so nenne ich die bemerkenswerte junge Frau, die, im Alter von 24 Jahren neurodegenerativ erkrankt, gelähmt und seit einem halben Jahr blind und künstlich ernährt, die ganze Welt, insbesondere ihre Eltern und Helfer und so auch mich wiederholt etwas ganz Wichtiges fragen wollte. Die hübsche junge Frau erschien mir in ihrer Aura so eingeschränkt, dass ich sie zum Zeitpunkt unseres hier zu berichtenden Gesprächs als sterbend einschätzte. Mit heller, beinahe singender Stimme fragte sie mich, ob ich das weisse Licht Gottes kenne. Ich antwortete ihr, mit meinem Dritten Auge könnte ich es sehen. Ich bin bereit für dieses Licht, antwortete sie wie selbstverständlich, denn sie fühle sich jetzt schon teilweise wie ein Engel, halb Mensch – halb Falter, ob ich mir das denn überhaupt vorstellen könnte. Sie wolle wissen, wie ich dazu käme, mir so etwas vorzustellen. Ich erzählte, wissend, dass ihre Eltern sehr katholisch und religiös seien, dass es nach den Propheten der heiligen Schrift noch einen ganz besonderen Propheten gegeben habe, nämlich einen Dante in Italien, der die Engel farfallae angelicae, engelische Falter, genannt hätte, ein Bild, das mir immer ausnehmend gut gefallen hätte.
Freudig antwortete sie, sie gehöre zu diesen Engeln, aber vielleicht auch nicht, denn eine Sünde stünde dem im Wege; da ihre beiden älteren Geschwister, zwei Schwestern, an derselben Krankheit wie sie gestorben seien, freue sie sich jetzt, ihre geliebten Eltern für sich allein zu haben, aber diese Freude sei den beiden Schwestern gegenüber nicht in Ordnung.
Ich versicherte ihr, dass ihre Schwestern tot und bestens versorgt seien und ihre Freude, die Eltern für sich allein zu haben, deshalb frei von Sünde sei. Übergangslos und fast drängend, fragte Isabelle dann: «Wenn ich in das weisse Licht Gottes komme, dann verbrenne ich doch, oder?» Ohne ihr im Habitus zu widersprechen, sagte ich ganz ruhig: «Im weissen Licht Gottes gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Sterben.» Noch drängender fragte sie dann: «Und wie komme ich dahin und was muss ich tun?» Ich antwortete: «Müssen tust du gar nichts; mache dich dort auf, wo du schon bist, du bist schon viel näher dran, als du ahnen kannst, solange du daran denkst, du müsstest was tun.»
Ob Isabelle verstand, was ich sagte, wusste ich nicht. Sie wiederholte einiges von dem, was sie und ich gesprochen hatten, und wir verabschiedeten uns voneinander. Ich fragte mich in diesem Moment, was mache ich denn da? Rede ich jetzt wie ein Buddhist? Isabelle wiederholte immer wieder vor sich hin lächelnd das Gesagte bis zu ihrem baldigen Tode. Und sie starb klaglos.
Am Tage ihres Todes sah ich eine fette Raupe, aus der bald ein Falter ausbrechen würde, sich über die Strasse bewegen; ich lachte, die Tränen liefen mir über das Gesicht, und ich staunte über die Wunder der Schöpfung.
Strukturaufbauende Behandlung
Viele Menschen, die schwer leiden, brauchen keine Psychoanalyse, und wenn sie diese nicht benötigen, dann kann unter Umständen etwas anderes ihnen guttun, was auf Psychoanalyse als strukturaufbauende Behandlung angewiesen ist. Von psychotischen Menschen habe ich sehr viel gelernt. Dieses Lernen durch Erfahrung hat bei mir nicht dazu geführt, expressive und supportive Psychotherapie, klassische und nachklassische Technik gegeneinander abzugrenzen oder sogar feindselig zu dichotomisieren; im Gegenteil, beide Orientierungen haben sich in mir immer mehr auf einander zubewegt und folglich auch die Behandlung neurotischer bis fast normaler Patienten verwandelt.
Fragmentierte psychotische Erwachsene, Jugendliche und Kinder zeigten mir ihr Ich als Ensemble von aufund abtauchenden vulkanischen Inseln, bei denen sich bisweilen lange nicht abzeichnete, wann denn ein Festland entstünde. Um diese Menschen an mir selbst wahrnehmen und in übertragungspsychotischen Prozessen erforschen zu können, wurde es erforderlich, dass ich mich ihnen mit meinem durch schnell wechselnde IchZustände charakterisierten AdoleszenzIch näherte und versuchte, mich an ihre Bedürfnisse anzupassen. Unter dieser Voraussetzung war und ist es möglich, unterschiedliche IchZustände entlang unterschiedlich auseinanderfallender Entwicklungslinien wahrzunehmen und sich dann zu entscheiden, nicht die primi tiveren IchZustände hinter den höher organisierten herzuschleifen, sondern die primitiveren den höher organisierten taktvoll und unaufdringlich anzunähern.
Längst ist die sogenannte klassische Hysterie nicht tot oder, wie manche glauben möchten, nicht mehr auffindbar. Heute lässt sich die hysterische Struktur oft als mehr oder weniger gelingende Abwehr einer sonst drohenden psychotischen Erkrankung begreifen. All diese Einsichten haben viele Therapeuten, auch mich, anfangs in so viel Angst und Schrecken versetzt, dass wir unbewusst und bewusst klammernd und kontrollierend mit unseren Patienten umgingen, bis die Einsicht sich einstellen konnte, dass dieser Umgang den Patienten und uns selbst nicht guttat.
Hier mussten wir einen Respekt vor den Patienten neu lernen, der unsere Fähigkeit schulte, sich vor Unvorhersehbarem nicht in eine gesundheitspolitische Flucht zu begeben, sondern an neuen Erfahrungen in gemeinsamen Perioden der Forschung zu lernen und zunächst unser NichtWissen zu ertragen und vorübergehend alles Behandlungswissen aus uns hinauszuwerfen, um alles, was wir je wussten, mit jedem Patienten für ihn und für uns neu zu erfinden [1 passim].
Winnicott
Donald Woods Winnicott war und ist wohl der wichtigste Lehrmeister der hier beschriebenen Sichtweisen, weil Winnicott gerade vermochte, nie belehrend mit Patienten, Kolleginnen und Kollegen oder auch Kandidaten in der Ausbildung umzugehen und mit grosser Bescheidenheit, manchmal auch Schalkhaftigkeit die Psychoanalyse als Klinik und in eins mit Kulturarbeit neu zu erschliessen:
«Der Ort, wo die kulturelle Erfahrung lokalisiert ist, liegt in dem potentiellen Raum zwischen dem Individuum und der Umwelt (ursprünglich dem Objekt). Das Selbe kann vom Spielen gesagt werden. Die kulturelle Erfahrung beginnt mit kreativem Leben, das sich zuerst im Spiel manifestiert [...] Von Anfang an hat der Säugling maximal intensive Erfahrungen in dem potentiellen Raum zwischen dem subjektiven Objekt und dem als objektiv erkannten Objekt, zwischen Ich-Erweiterungen und dem Nicht-Ich. Dieser potentielle Raum existiert in der Wechselwirkung zwischen dem Es-gibt-nichts-anderes-als-mich und den Objekten und Phänomenen ausserhalb der omnipotenten Kontrolle. Jedes Kind hat hier seine günstigen und oder ungünstigen Erfahrungen: Die Abhängigkeit ist maximal. Der potentielle Raum ereignet sich nur in Beziehung auf ein Gefühl des Vertrauens seitens des Babys, das heisst auf die Verlässlichkeit der Mutterfigur oder der Umweltelemente, wobei Vertrauen der Beweis für Verlässlichkeit ist, die introjiziert wird.» ([2], S. 100ff.) Das Geschick oder Missgeschick des potentiellen Raumes ist entlang der potentiell fehlbaren Umwelt zu studieren, ausgehend davon, dass die Mutter grundsätzlich aus Liebe anpassungsfähig an die Bedürfnisse des Säuglings ist.
«Wenn man dieses Gebiet als einen Teil der Ich-Organisation betrachtet, wird man gleich erkennen, dass es sich hier um einen Teil des Ich handelt, der nicht Körper-Ich ist, das heisst, er gründet sich nicht auf die Muster der Körperfunktionen, sondern auf die Körpererfahrungen. Diese Erfahrungen gehören zur Objektbeziehung nicht-orgiastischer Art oder zu dem, was man als Ich-Bezogenheit bezeichnen könnte, an den Ort, von dem man sagen kann, dass hier Kontinuität der Kontiguität Raum gibt.» Es geht hier um die psychische Sedimentierung des Grossziehens von Kindern. Im potentiellen Raum spielen dabei Übergangsphänomene und ihre Verwendung eine wichtige Rolle beim reifenden Säugling, aber auch beim jugendlichen und erwachsenen Menschen im Hinblick auf sein Gedeihen oder sein Erkranken in einer je gegebenen Kultur.
Winnicott unterscheidet prägnant zwischen Objektbeziehung und Objektverwendung:
«Objektbezogenheit lässt sich mit den Erfahrungsbegriffen des Subjekts erfassen, die Beschreibung des Objektgebrauchs bedingt eine Betrachtung der Natur des Objekts. Ich stelle hiermit die Gründe zur Diskussion, warum meiner Meinung nach die Fähigkeit zum Objektgebrauch geistig differenzierter ist als die Fähigkeit der Objektbezogenheit: Die Bezogenheit kann auf ein subjektives Objekt gerichtet sein, aber der Gebrauch impliziert, dass das Objekt ein Teil der äusseren Realität ist. Der folgende Ablauf lässt sich feststellen: (1.) Das Subjekt bezieht sich auf das Objekt. (2.) Das Objekt durchläuft einen Prozess, der bewirkt, vom Subjekt in der Welt gefunden anstatt in sie hineinversetzt zu werden. (3.) Das Subjekt zerstört das Objekt. (4.) Das Objekt übersteht die Zerstörung. (5.) Das Subjekt kann das Objekt verwenden ([2], S. 110) bzw. gebrauchen.» Das Objekt wird immer zerstört. Diese Destruktion wird zum unbewussten Hintergrund für die Liebe zu einem realen Objekt, das heisst zu einem Objekt ausserhalb der omnipotenten Kontrolle des Subjekts. Das Studium dieses Problems schliesst daher auch eine Betrachtung der positiven Werte der Destruktion ein. Die Destruktion und das Überleben des Objekts versetzen dieses aus dem Gebiet heraus, das durch die von den projektiven mentalen Mechanismen geschaffenen Objekte eingenommen wird. Auf diese Weise wird eine Welt gemeinsamer Wirklichkeit erschaffen, die das Subjekt gebrauchen und den AndersalsichselbstBesitz in das Subjekt zurückleiten kann.
1 Das Ich, der Andere und die Spaltung
Oft sind mir vielerorts, häufig besonders in der Psychiatrie, in ambulanten und stationären Settings Menschen begegnet, die dabei waren, in Stücke zu gehen, ohne Ende zu fallen, und kein Mittel besassen, sich so kommunikativ auf einen anderen Menschen zu beziehen, dass sie ihre unerträgliche Angst aus eigenem Vermögen lindern oder hätten schmälern können. Je länger sie in einem solchen Zustand leben, desto mehr leben sie nicht und sterben sie nicht richtig. So diese Menschen dann auch noch halluzinieren, imponieren sie als Personen, die nicht bei sich, sondern ausser sich sind, gewissermassen wie fremdgesteuert, und sie lösen im durchschnittlich erwartbaren sozialen Umfeld aus, dass sie geborgen werden müssen, damit anstelle des Zerfalls ihrer Person ein Zusammenhalt, eine Integration der auseinanderfallenden Teile wirksam wird. Wenn die Integration der Teile sehr schnell, beispielsweise psychotherapeutisch oder mittels Psychopharmaka, der Elektrokrampfmethode oder instrumentell gewalttätiger Pädagogik erzwungen wird, kann es im schlimmsten Fall passieren, dass das solcher Art behandelte Subjekt sich ausgelöscht erlebt, später die Diagnose postpsychotisches Residualsyndrom bzw. versandete Persönlichkeit erhält und merkwürdig abwesend, nicht mal mehr seines Namens sicher, in Erscheinung tritt.
Ich habe von Menschen in solchen bzw. ähnlichen Zuständen gelernt, dass sie die Konstellation der Spaltung, insbesondere der multiplen Spaltung, als Fragmentierung brauchen, weil sie ein häufig traumatisch zustande gekommenes IchGefühl so schmerzlich irgendwann zu erleben anfingen, dass sie über die Zersplitterung ihres Ich weniger Schmerz erlebten, als wenn die zersplitterten Anteile bzw. Elemente des Ich weiter einen durchgängigen Zusammenhang des Schmerzes gebildet hätten [8 passim].
Deswegen brauchen sie das Nebeneinander der Teile zu ihrem Schutze, und um ein authentisches IchGefühl erhalten zu können. Den einzigen Zusammenhalt, den sie gefahrenlos, also ohne sich selbst zu verlieren, dann ertragen können, ist, dass ihnen Menschen begegnen, bei denen sie die Splitter ihrer selbst in unterschiedlichster Weise unterbringen können, und zwar so lange, bis sie sie bei sich neu aushalten. Dazwischen können mehrere Menschen in einer psychotherapeutisch arbeitenden Klinik, die Teile bei sich haben unterbringen lassen und dafür dem Patienten eigene IchAnteile geborgt haben, die Teile in eine behutsame Interaktion untereinander bringen und genau hinschauen, hinfühlen und hinhören, was da für eine Atmosphäre entsteht bzw. welcher Bildraum im Sinne eines potentiellen, eines Möglichkeitsraumes sich spätestens innerhalb einer engmaschigen Supervision entfaltet.
Die Gefühle, die da in einer Supervision entstehen, gehören dem entsprechenden Team nie allein, sondern sind immer Ausdruck der Befindlichkeit des Patienten und der sich behutsam abzeichnenden neuen Möglichkeitsräume. In diesem Stadium erträgt der Patient sich über uns als Team nach dem Modus «Was mir gut ist, ist euch recht» im Sinne des «Es gibt nichts anderes als mich», nicht zuletzt, weil er uns wie Marionetten an Fäden ziehen kann und uns noch nicht als wirkliches Gegenüber wahrzunehmen vermag.
Unsere Kunst in diesem Marionettenstatus, die die Kleinianer projektive Identifikation bzw. Overflow nennen, ist es, dass wir dosiert etwas, was anders ist, der Marionette dazufüttern bzw. beimischen; was ist hier die richtige Dosierung? Der Patient darf nicht durch zu viel Anderssein seines Therapeuten bzw. seines therapeutischen Teams überfordert werden und diese merkwürdige Beziehung aufgeben müssen, weil er einem zu grossen Normalisierungsdruck ausgesetzt ist und aus der hier beschriebenen primitiven Beziehung herausgeschmissen wird bzw. diese emotionale Fütterung als mörderisch erlebt. Hält der Patient auf Dauer aus, dass sein Gegenüber wirklich ein signifikant Anderer ist, dann erst wird er selber im engeren Sinn psychisch wirklich und kann die Teile seiner selbst neu bei sich aushalten, angereichert mit zu ihm passenden Elementen der Anderen; er kann verinnerlichen, was er zunächst nur über die geborgten IchAnteile seiner therapeutischen Gegenüber hat ertragen können
Management und Möglichkeitsraum
Bis hierher beschreibe ich, was Winnicott Management nennt, was nichts anderes bedeutet als die Bereitstellung jener Umweltanpassung innerhalb und ausserhalb der klinischen, d.h. durch ein analytisches Setting bestimmten Situation, die dem Patienten in seinem Entwicklungsprozess gefehlt haben. Er kann ohne das Management nur seine Abwehrmechanismen reaktiv nutzen und über das Potential seiner ungezähmten Triebe pur, d.h. sein EsPotential existieren. Mit Hilfe des Managements und seiner Essenz, dem Halten (holding, handling und containing), entfaltet sich dieses über die absolute Abhängigkeit, dann die relative Abhängigkeit in Richtung zur Unabhängigkeit, bei der die ganze Person mittels der Akkumulation von Erinnerung und Fürsorge Vertrauen in die Umwelt entfaltet und reifere Objekte zu identifizieren anfängt, ohne sich selbst verloren zu gehen bzw. ihre Identität zu löschen.
Dem Säugling ähnlich, nicht mit ihm identisch, verarbeitet der Patient Übergriffe, auf die er gut vorbereitet ist und die er braucht, um in die Wahrnehmung von innen und aussen, letztlich in das Leben mit der Differenz hineinzuwachsen und nicht hantierend, sondern spielend fortzuschreiten. Dabei sind die Reaktionen auf Übergriffe massgeblich zu berücksichtigen, nicht die Übergriffe als solche, was wohl den wichtigsten Unterschied von Management als holding und handling gegenüber stützender Psychotherapie unabhängig von solcher Entwicklungskonzeption ausmacht. Ich handle und spreche hier von einer Sorte der Psycho therapie, die die Voraussetzungen des klassischen Settings der Psychoanalyse erst herstellt und doch mindestens über die Supervision zunächst ein Nebeneinander von Management und klassischer Deutung verwirklicht und beides allmählich erst durchmischt: Das Schwierigste dabei ist, den Aufwand nicht zu scheuen, dass der Patient seinen Analy tiker bzw. sein therapeutisches Team finden, erfinden und erschaffen muss und umgekehrt: Wenn es dazu nicht kommt, existiert der Patient als Subjekt der Behandlung nur über das NichtgefundenWerden und kann aus seinem sogenannten primären – ohne introjizierte Objekte quali fizierten – Narzissmus höchstens eine Art Schale ohne Frucht seiner authentischen Identität ausbilden bzw. das, was Winnicott das falsche Selbst nennt, das das wahre, mickrige nicht lebensfähige Selbst verbirgt und schützt.
Nun mag das falsche Selbst scheinbar bequemerweise sozial angepasst wirken, verrät sich aber, je mehr die Gesellschaft auf das falsche Selbst reinfällt; es verrät sich durch eine Instabilität, bei der der Patient über seine anwachsende Sinnlosigkeit klagt.
Die therapeutisch wiederkehrenden Reaktionen auf Übergriffe im Leben führen mit wachsender Aneignung von verlässlichen Umweltbezügen, insbesondere über genügend gute und böse Mütter und Väter, zur Entwicklung von Illusionen und zum mehr oder weniger gelingenden Gebrauch von Übergangsobjekten, beginnend beim Säugling und entlang der zentralen Bedeutung von Getrenntheit über das ganze Leben mit den periodisch sich wiederauflegenden pubertären Triebschüben zu Übergangswelten, die wesentlich Trennung und reife Wiederannäherung ermöglichen, wofür sie aber in den unterschiedlichen Stadien der Entwicklung immer wieder mit neuem Leben erfüllt werden müssen.
Alleinsein
Dieses neue Leben finden unsere Patienten, speziell die sogenannten schwerer gestörten Menschen, nur mit psychoanalytischpsychotherapeutischer Hilfe, wenn überhaupt. Und diese Hilfe besteht grundlegend darin, dass sie lernen, allein zu sein, ohne einsam zu sein. Allein sein, ohne einsam zu sein, heisst allein sein in Gegenwart eines signifikanten Anderen, sei es, er ist real abwesend oder real anwesend. Das Alleinsein in Gegenwart eines real präsenten Anderen ist so wichtig wie das Alleinsein, ohne einsam zu sein, nach dem Geschlechtsverkehr.
Von sehr kleinen Kindern wissen wir, dass sie über Objekte wie Nuckeltuch oder Teddybär, die sich mit konstruk tiven Illusionen aufladen lassen, die Abwesenheit der Mutter ertragen können, und je besser die rigorose Anpassung an ihre Bedürfnisse – nicht Wünsche – möglich wurde und verinnerlicht werden konnte, spielen sie wie selbstvergessen, was immer einschliesst, dass die Mutter, später auch der Vater, rechtzeitig zurückkehrt.
Übergangsobjekte und Fähigkeit zur Besorgnis und nicht falsche Wiedergutmachung
Übergangsobjekte [2 passim] setzen eine sicher verinnerlichte Getrenntheit von Ich und Umwelt und insbesondere die Wahrnehmung und den Gebrauch von NichtIchBesitz (not- me possession) voraus; insofern sind Nuckeltuch und Teddybär als Funktion eine Symbolisierung. Wenn diese Symbolisierung, die primär an die Fähigkeit, Nein zu sagen, geknüpft ist, nur eingeschränkt wirksam sein kann, können Teddybär und Nuckeltuch auch im Fall einer plötzlich oder sukzessiv, jedenfalls zu sehr abwesenden Mutter extrem auch als dann wirksamer Fetisch etwas Verbindendes bzw. mehr Haltgebendes haben, weshalb wir es hier nicht mehr mit Übergangsobjekten, sondern Verbindungsobjekten zu tun haben, die nicht mit Illusionen bzw. Phantasien aufgeladen werden können.
Der Übergriff, immer wieder mit Trennung und Wiederannäherung umgehen zu müssen, hilft dem Kind zu begreifen, dass die Mutter und der Vater nicht ideal und daher gleichermassen geliebt und gehasst werden können. Mit Letzterem wächst die Sorge bzw. die Fähigkeit zur Besorgnis um Gut und Böse, Neid, Schuld und Wiedergutmachung. Für die alltägliche Situation des Therapeuten bzw. ganzer therapeutischer Teams heisst das: Jemand muss genügend das Böse auf seine Umwelt projizieren dürfen, ehe er es womöglich mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz überwiegend an sich selbst festmacht, um so nicht nur als Sünder mit den Zähnen zu knirschen, sondern um Macht über seine Lebensverhältnisse zu gewinnen. In diesem Kontext beschäftigt uns in alten wie laufenden Behandlungen das Dilemma falscher Wiedergutmachung zunehmend.
Auf erweiterter Stufenleiter kehren diese Patterns der Beziehungen und ihre Störungen wieder, zumal Nuckeltuch und Teddybär in Verbindung mit über das Leben verteilten pubertären Triebschüben verschoben auf Wissenschaft, Kunst, Handwerk und Religion wirksam bleiben bzw. immer wieder werden, wenn die ausreichenden Bedingungen einer fördernden Umwelt zustande kommen, oder gefährdet sind bzw. werden.
Was da an potentiellem Raum zustande kommt oder nicht, muss jeder Forschungsund Behandlungsprozess neu aufklären und den entsprechenden Raum für Neuentwicklungen erschliessen. Der älter und immer weiser werdende Hans Keilson unterstrich mehrfach, dass das GutZuhören den Analysanden, insbesondere den extrem traumatisierten Analysanden, seinen Möglichkeitsraum besser hätte entdecken lassen, als wenn er mehr statt weniger «geschwätzt» hätte, weshalb er sich das PfeifeRauchen während seiner psychotherapeutischen Arbeit zum Zweck, weniger zu schwätzen, angewöhnt hätte.
Potentieller Raum und allein sein: das Leben in mehreren Welten [7 passim]
Verschmelzende Liebesbeziehungen auf der Welt, oft missverständlich Symbiosen genannt, können das Leid von Alleinsein als Einsamkeit ähnlich vergrössern wie die Gewalt schwerster Vernachlässigung, Vergewaltigung, Folter, Vertreibung und Krieg.
Wenn ich verliebt bin, schaue ich dem oder der Anderen ins Gesicht und sehe nur mein eigenes. Dauernd verliebt zu sein macht unerträglich einsam. Den Anderen als Anderen wahrnehmen, befreit das VerliebtSein hin zum Lieben, aber nicht nur zum Lieben, sondern auch zum Leiden. Die Fähigkeit von Liebenden, je individuell in Gegenwart des Anderen allein zu sein, lässt ihre Phantasietätigkeit genügend wachsen und erleichtert die Übergänge zwischen verschiedenen Welten, in denen sie getrennt und/oder zusammen leben, und fördert die Nachdenklichkeit, die sie in ihrer Scham vor roher Gewalt und im Zärtlichkeitssinn, inklusive kreativer Fähigkeiten, zur Eroberung (im Sinne Balints work of conquest) motiviert.
Die Fähigkeit zum Alleinsein ([
5], S. 36ff.) in Gegenwart des Anderen, wenn er anwesend ist und wenn er nicht anwesend ist, kann das Menschenkind so reich machen, dass es auch, wie Dante in der Verbannung, die Gegenwart seiner signifikanten Anderen, einschliesslich seiner besten Freunde und auch seiner besten Feinde, vergewissert und darüber in vielen und mehr Welten lebt, als wenn er ständig mit einem Jet möglichst viele Länder facettenhaft in sich sammeln könnte, ohne weder ihre Verschiedenheit noch die Übergänge zwischen den Welten goutieren zu können. Die Essenz der Freiheit, in vielen Welten zu leben [
5], ist fassbar über die Fähigkeit zum Alleinsein und für Psychoanalytiker zugänglich, die über den therapeutischen Umgang mit Kummer und Not sich generell dafür interessieren, wie die Menschen global in ihren Konsensusbildungen wachsen, gedeihen oder sich in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit festkrallen bzw. sie aufklären.
Weiterführende Literatur beim Verfasser.