Bericht über Krankheit und Tod von Christian Scharfetter zur Einleitung des Gedächtnissymposions für ihn am 26. September 2013 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Zugleich ein ärztliches Credo und ein Plädoyer für den Freitod in extremis. Der Text ist für eine Vorlesung, nicht für einen freien Vortrag geschrieben. Um diesen Charakter zu wahren, erscheint der Text unverändert im Druck
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich begrüsse Sie und danke allen, die zum Gedächtnis an meinen Bruder Christian gekommen sind.
Besonderen Dank an die Psychiatrische Klinik unter der Direktion von Prof. Seifritz und die Herren Hoff und Küchenhoff, dass Sie mit einem Symposium die Erinnerung an Christian wachhalten. Ich danke Ihnen sehr für Idee und Ini tiative, für Planung und Realisation eines solchen Gedächtnistages. – Das heisst doch, dass Sie sein Wirken als Psychiater und Hochschullehrer und sein Werk als Gelehrter der Psychiatrie hochschätzen. Das wieder mag ausdrücken, dass das, was er in seiner Zeit dachte, sprach, lehrte und vorlebte, über seinen Tod hinaus weiter wirkt: In den vielen Jahrgängen von Studenten der Medizin und Psychologie, denen er die Grundbegriffe des Faches und zugleich Grundsätzliches zum ärztlichen Verhalten vermittelt hatte.
Woran erinnern sich wohl die Kollegen, die mit ihm gearbeitet oder ihn zur Supervision konsultiert haben? An sein Wissen, seine Erfahrung, seine Begabung im Umgang mit psychiatrischen Patienten, seine Wachheit, im Moment die richtige Frage zu stellen und das rechte Wort zu sagen, seine intuitive Interpretation des Verhaltens und der Sprache psychotischer Kranker und die Fähigkeit, das kritische Detail, das Aufschluss gibt, aufzuzeigen. – Das war die Tradition nach Manfred Bleuler, dem Meister der Zürcher Schule der Psychiatrie, dessen Fähigkeit, mit kranken Menschen zu sprechen, gerühmt wurde. Bleuler war Christians Leitstern in seinem Berufsleben; er war ein treuer Bleuler-Jünger und konnte sich der Freundschaft des alten Bleuler erfreuen. Wenn ich sage «Jünger», meine ich das lebendig-persönliche Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler.
Wie Christian auf psychotische Patienten zuging, wie er hörte, was die Mitarbeiter in Pflege, Physiotherapie oder Ergotherapie an Beobachtungen berichteten, wie er Haltung, Gestik, Mimik, sprachliche Äusserungen deuten konnte im Gesamtbild eines Kranken – an das werden sich manche von Ihnen, die heute zu seinem Gedächtnis gekommen sind, erinnern. Gerade diesen Mitarbeitern hatte Christian sich stets aufmerksam zugewandt.
Und manches wirkt weiter und wird dankbar erinnert von Angehörigen, die sich zu Gruppen zusammengefunden hatten, um den Schicksalsschlag einer psychiatrischen Erkrankung in der Familie zu bewältigen.
An dem Sonntagvormittag des 25. November 2012, an dem Christian starb, kaum eine Stunde nach seinem Tod, meldete sich eine Bäuerin aus Graubünden, die von seiner Erkrankung wusste, um sich zu erkundigen, wie es ihm gehe. Ich gab ihr Auskunft: Er habe es gut, er habe den letzten Schritt hinter sich. Sein Leben sei zu Ende. – «Heute ist Totensonntag», sagte sie; ich wurde erst dadurch auf den besonderen Tag aufmerksam. Dann erzählte sie, wie mein Bruder Christian sie und die von ihr besuchte Selbsthilfegruppe jahrzehntelang begleitet hatte in der Betreuung ihres schizophrenen Mannes.
Das gibt es in anderen Fächern der Medizin auch, aber es ist schon etwas Besonderes und auch besonders Anspruchsvolles in der Psychiatrie: die lange, jahrelange, zuweilen jahrzehntelange ärztliche Begleitung von Patienten und ihren Angehörigen: ihnen immer in der gleichen Grundhaltung aufmerksamer Zuwendung zu begegnen, in wacher Bereitschaft zu hören, zu fragen und das förderliche Wort zu sagen.
Zwillingsschaft
Meine Damen und Herren, vor Ihnen steht und spricht jetzt keine Reinkarnation Christians, sondern der Zweitgeborene von eineiigen Zwillingen. Kein Gleicher, wie man nach dem englischen Ausdruck «identical» meinen könnte, sondern ein Ähnlicher.
Freilich gab es in vielen Jahren der Kindheit und Jugend von uns Zwillingen nur ein Wir. Danach jedoch forderte der Weg der Individuation die Trennung in zwei Ich – ein Prozess, der in den Jahren der Lehranalyse meines Bruders seinen Höhepunkt erreichte. Spätestens damals wurde uns der eigene Lebensweg bewusst, die Unterschiede wurden deutlicher und damit auch der Verlust an Nähe. In den Lebenslinien blieben viele Parallelen, im Psychischen, im Physischen, in Krankheitsschlägen.
Die verschiedenen Berufswege akzentuierten die individuelle Eigenart: Christian wurde Psychiater, ich Hirnchirurg, beides sehr prägende Berufe. Dazu kam die Formung der Persönlichkeit durch das Junggesellendasein des einen, Ehe und Familie des anderen.
Als Einzelgänger zu leben, war ein Wesenszug Christians; das ist die Lebensart mancher Gelehrter und Künstler. Leonardo da Vinci zum Beispiel formulierte sein Credo mit den Worten: «Se tu sarai solo, tu sarai tutto il tuo.» Das heisst: Wenn du allein bist, wirst du ganz du selbst sein. Nur wenige kamen meinem Bruder wirklich nahe, nur wenige konnten mit den Worten des Schweizer Dichters Max Bolliger sagen: «Ich habe die Sprache gelernt, die eine, die mir Einlass gewährt in deine Behausung.»
Zu den Unterschieden: Bei aller zwillingshaften Ähnlichkeit – wer uns gut kannte, konnte sehr wohl den einen vom anderen unterscheiden. Wer bisher nur Christian kannte, wird es schon an meiner Rede gemerkt haben: Der Psychiater muss sein Werkzeug, die Sprache, aufs feinste differenzieren; ich aber als Chirurg musste die Handfertigkeit pflegen. Beides in gleicher Weise zu entfalten, ist nur wenigen gegeben. Darum stehe ich mit einem Manuskript in der Hand vor Ihnen und nicht wie Christian ohne ein Zettelchen.
Trotz der Unterschiede: Wir blieben einander verbunden, näher als andere Geschwister. Doch blieb mir deutlich und wurde mir nach seinem Tod, als er manches unausgesprochen mit sich genommen hatte, noch deutlicher: Auch für den Zwillingsbruder gibt es eine Grenze des Verstehens. Der andere ist nie ganz erfassbar. Manches bleibt unverständlich, manches «das oft nur indirekt zu erahnende Privatissimum des Menschen», wie es Christian selbst formuliert hat.
Erst in den Monaten der Krankheit und auf dem Weg zum Tode sahen wir uns oft: Ich hatte Christian meine Begleitung auf dem letzten Lebensweg angeboten; er nahm es an, ich konnte ihn begleiten und seine Überlegungen und Entscheidungen mittragen. Damit wurde es ein gemeinsamer Weg des Abschieds.
So eigenständig einer seinen Weg gehen mag, er bedarf doch der Begleitung durch einen vertrauten Menschen. So war ich als Bruder und als Arzt präsent. Was ich dabei erfuhr, hat mich vorbereitet auf das, was auf mich als Zwillingsschicksal zukommen könnte, nämlich die gleiche seltene Krankheit, von der ich berichten werde. Und wenn ich Ihnen heute diese Erfahrung mitteile, ist es auch für Sie eine Gelegenheit, erneut über das Thema Freitod in extremis und die Begleitung bis zum Ende nachzudenken.
Auf dem Weg zum Ende
Sie werden sich also heute mit meines Bruders Wirken als Psychiater und Hochschullehrer und mit seinem schriftlichen Werk als Wissenschaftler befassen. Ich aber darf Ihnen von seiner letzten Krankheit und seinem Tod berichten.
Voraus ein schlichter Grundsatz in der Formulierung der Dichterin Mascha Kaléko: «Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.» – Das heisst: Diese Erfahrung muss man auch erst bestehen und ins eigene Leben integrieren.
Wie sich jemand in dem Schicksalsschlag einer tödlichen Erkrankung und beim Sterben verhält, ist für seine Persönlichkeit bezeichnend; das sind doch wesentliche Aspekte eines Lebens. Nach dem ersten Schock über die Mitteilung der fatalen Diagnose erstarkt noch einmal im Sinne dessen, was man heute Resilience nennt, die Bereitschaft, das Schicksal anzunehmen, weiterzugehen und das Mögliche und Sinnvolle zu tun. Wenn alle Möglichkeiten der modernen Medizin erschöpft sind und das Unheil seinen Lauf nimmt, gibt es keinen Ausweg mehr als den einen. «Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb» (Friedrich von Schiller, in: «Die Braut von Messina»). – Die Alternative wäre: dumpfduldend das Ende geschehen zu lassen. Wer aber bemüht war, sein Leben zu gestalten, wird auch sein Ende gestalten wollen.
Christian plante mit klarem Bewusstsein aufgrund der histologisch gesicherten Diagnose seine engbegrenzte Zukunft, gestaltete also die letzte Phase seines Lebens nach dem Grundsatz, seine Autonomie bis zuletzt zu wahren und auch das Ende selbst zu bestimmen.
Zu der Vorbereitung des Abschieds gehört auch das Bemühen um eine letzte Ordnung: also sichten, was da ist, weggeben, was entbehrlich ist, anordnen, was mit dem zu geschehen hat, was zurückbleibt. «Ruhe wirkt Ordnung», heisst es bei Lao-tse, und es gilt auch vice versa: Ordnung wirkt Ruhe. Christian pflegte Lao-tse wie eine Bibel zu lesen, und er hielt asketische Beschränkung. «Aufgeräumt- Sein» – das war ein Ideal für Christian. – Das Ideal ist nach den Worten Goethes wie eine Zielscheibe vor uns aufgestellt, nach der wir uns ausrichten. Wir werden nicht immer ins Schwarze treffen. – Auch Christian hat es nicht immer erreicht.
Er hielt sich ruhig und gefasst. Er versuchte, die Zeit, die ihm gegeben war, gut zu nützen, und erlebte den Sommer noch intensiv im Wissen: nur noch einmal. Aber seine Kräfte schwanden, und ständige, in der Intensität schwankende Beschwerden mahnten an das Unheil im Leibe: Schmerzen, Übelkeit, Fieberschübe, Müdigkeit.
Auf diesem Weg bergab verengen sich die Lebenskreise, und zuletzt konzentriert sich das Denken auf die Frage, wann der rechte Zeitpunkt ist, Abschied zu nehmen, bevor die fortschreitende Krankheit die Kraft der Entscheidung schwächt, das klare Bewusstsein trübt und die letzten Handlungen lähmt.
Christian hatte keine Angst vor dem Tod, aber vor dem, was vorher noch kommen könnte: Schwäche, Hilflosigkeit, Abhängigkeit. Das war auch die Haltung unseres Vaters, selbst Neurologe und Psychiater, der in hohem Alter bemerkte: «Ich habe keine Angst, das Tor zu durchschreiten, aber ich möchte nicht lange davor stehen.»
Wer den rechten Zeitpunkt versäumt, kann nicht mehr bestimmen, was mit ihm geschieht. Für ihn entscheiden Angehörige, Ärzte und Pfleger.
Christian und ich, wir kannten schreckliche Beispiele von Kranken, die den rechten Zeitpunkt, sich selbst zu helfen, versäumt haben.
Dafür gibt es verschiedene Gründe: Manchen ist der Gedanke an eine solche Freiheit, die allein dem Menschen gegeben ist, fremd oder scheint ihnen verboten. Aber viele, die den Tod als Ende ihres Leidens erhoffen, finden sich alleingelassen, weil niemand von den Angehörigen und auch nicht der betreuende Arzt ihren Wunsch zu sterben hören wollen.
Viele von den Sterbebereiten schrecken vor einem gewaltsamen Tod zurück und können sich die Mittel zu einem sanften Ende nicht beschaffen. Das nämlich setzte das Einverständnis der Angehörigen und des Arztes voraus. Daran fehlt es oft. Viele Ärzte verweigern diese letzte Hilfe mit der Begründung, dem todkranken Sterbewilligen zu einem guten Tod zu verhelfen, liege nicht in der ärztlichen Kompetenz. Dann ist der Kranke in seiner Not alleingelassen. Ihm bleibt nur eine gewaltsame Todesart, wenn die Kräfte reichen, sich vor den Zug zu werfen oder sich aus dem Fenster zu stürzen. Wir Ärzte sollten dafür sorgen, dass das nicht notwendig wird.
Andere Gründe, den rechtzeitigen selbstbestimmten Abschied zu versäumen: Manche klammern sich an das verlöschende Leben und können nicht loslassen. «The long habit of living indisposeth us for dying», notierte Sir Thomas Browne im 17. Jahrhundert, d.h. wörtlich: Die lange Gewohnheit zu leben, macht uns abgeneigt zu sterben.
Sie gleiten, manchmal ihnen selbst nicht mehr bewusst, in einen Zustand ab, in dem Entschluss und Tatkraft entschwunden sind, in dem sie geschehen lassen müssen, was andere bestimmen. Sie verlöschen in Pflegeheimen, Hospizen, Palliativstationen, zuweilen unter der wohltuenden Wirkung von Medikamenten in einer Art Dämmerzustand.
Andere aber trifft der Schicksalsschlag so plötzlich, dass sie von einem Moment auf den anderen entscheidungs- und handlungsunfähig werden – und damit ausgeliefert sind.
Wer ist schon jederzeit vorbereitet, gedanklich und praktisch? Die Entscheidung zum Freitod muss vorbereitet werden; man muss sich mit dem Gedanken vertraut machen. Christian hatte schon Jahre vor der Erkrankung entschieden, selbst ein Ende zu setzen, falls ihn eine unheilbare Erkrankung treffen würde. Unser beider Haltung in dieser Frage ist ausgedrückt in dem Wort des alten chinesischen Denkers Dschuang-tse: «Die Natur gibt uns Ruhe durch den Tod.» und Hölderlins beschwörendes Wort aus dem «Empedokles »: «O gebt euch der Natur, eh’ sie euch nimmt.»
Die Bereitschaft zum Freitod macht frei: Das Wissen, dass man sich selbst helfen kann, gibt Ruhe und nimmt die Angst vor dem, was noch kommen könnte. «Ein mut’ger Tod ist unser letztes Glück», ruft Kassandra in Aischylos’ «Agamemnon».
Karl Jaspers bemerkt zum Freitod: Er «bezeugt die Würde des Menschen; es ist ein Zeichen seiner Freiheit, dass er in Klarheit nein sagen und ruhig danach handeln kann».
Die Vorbereitung zum Freitod und die Beschaffung der Mittel gibt eine relative Sicherheit: «Für den Fall, dass .…, bin ich gerüstet.» Ob wir dann rechtzeitig und richtig handeln können, ist nicht gewiss. Und auch deshalb brauchen wir jemanden, der diesen Weg mit uns geht. Wir müssen uns jemandem anvertrauen, der uns versteht und gutheisst, was wir wollen, und der bereit ist zu handeln, wenn wir selbst dazu nicht mehr imstande sind.
Wenn der begleitende Arzt dem Wunsch des Kranken zu sterben zustimmen kann, dann soll er auch einen Schritt weitergehen und die erlösenden Medikamente bereitstellen – und noch einen Schritt weiter: Er soll sie auch selbst verabreichen, wenn sie der Kranke nicht mehr nehmen könnte. Stellen Sie sich die Verzweiflung eines tetraplegischen Querschnittsgelähmten vor, der nicht mehr nach dem Glas fassen kann, das man vor ihn hinstellt.
Wir Ärzte sind von Berufs wegen vertraut mit dem Anblick des Sterbenden und deshalb berufen, wie beim Eingang ins Leben als Begleiter von Schwangerschaft und Geburt auch beim Abschied als Sterbebegleiter mit unseren beruflichen Kenntnissen da zu sein. Wir dürfen dem Sterbewilligen nicht die Möglichkeiten der Medizin versagen. – Ich bin mit diesem Gedanken nicht allein; ich bin mir mancher Zustimmung aus Ihren Reihen hier gewiss.
Christian war also seit Jahren auf die grosse Entscheidung vorbereitet. Die Krankheit war die aktuelle Situation, in der sich diese Entscheidung bewähren sollte. Christian war, wie manche von Ihnen wissen, ein Mann der einsamen Entscheidungen, und wir anderen, auch ich, wussten nicht, «wie weit er schon von allem war» (Rilke).
Aber auch für Christian galt der Vorsatz, so lange wir uns aufrecht halten können, soll uns das Wissen um den Tod lehren zu leben: «Lerne zu bedenken, dass du sterblich bist, und du wirst lernen zu leben», lehrt das tibetanische Totenbuch, oder «Bedenke, dass du sterblich bist, auf dass du weise werdest», spricht der Psalmist im Alten Testament. Denn gerade, weil das Leben endlich ist, ist die Zeit, die uns gegeben ist, kostbar. Nützen wir im Wissen um das Ende unsere Lebenszeit, so lange es nur irgend geht. Der deutsche Barockdichter Andreas Gryphius ruft in dem Gedicht «Kirchhofgedanken» eindringlich: «O lehrt mich, die ihr lieget, stehn.»
Zur Krankengeschichte meines Bruders
Die Jahre seines Ruhestandes seit 2001 waren gut gewesen; er hielt sich rüstig, las viel und schrieb einiges, er lebte zurückgezogen als Privatgelehrter. Über allen Studien blieb ihm eine Sehnsucht nach dem «Eigentlichen», wie er es nannte, etwas, das über alles Wissen hinausgeht.
Im Mai 2012 erkrankte Christian an einer rasch progredienten Gelbsucht, zunächst noch ohne Krankheitsgefühl. Er ahnte Unheil, und so war’s.
Die Situation drückt das Gedicht «Beginn des Endes» von Theodor Storm aus:
- «Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,
- nur ein Gefühl, empfunden eben;
- und dennoch spricht es stets darein,
- und dennoch stört es dich zu leben.
- Wenn du es andern klagen willst,
- so kannst du’s nicht in Worte fassen.
- Du sagst dir selber: «Es ist nichts!»
- Und dennoch will es dich nicht lassen.
- So seltsam fremd wird dir die Welt,
- und leis verlässt dich alles Hoffen,
- bis du es endlich, endlich weisst,
- dass dich des Todes Pfeil getroffen.»
Die Diagnose: ein Gallengangskarzinom, Klatskin-Tumor, Stadium 3–4, d.h. schon bis zu den grossen Leber gängen ausgebreitet; zudem Lymphknotenmetastasen neben dem Pankreas.
So ein Karzinom ist nicht auszurotten, nicht durch «heroische » Operationen, nicht durch Strahlen, nicht durch Chemotherapie.
Als palliative Massnahme wurden endoskopisch zwei Drainage-Röhrchen in den Gallengang eingelegt und bis in die Lebergänge vorgeschoben. Nach Überwindung der unmittelbaren Folgen des Eingriffs, eine Art Pankreatitis, besserte sich der Allgemeinzustand, die Gelbsucht bildete sich zurück. Noch einmal ein Aufatmen. Geht es doch noch eine Weile? Die Erleichterung erinnert mich an einen Vers des deutschen Schauspielers Ernst Ginsberg in seinem Buch «Abschied»: «Als wäre die Nacht nicht gewesen, findet der Tag mich befreit, fast als könnt’ ich genesen, fast als hätt’ ich noch Zeit.»
Mein Bruder trug die Diagnose mit Fassung, mit Ruhe, ja mit Gelassenheit. Er war nicht verzweifelt, haderte nicht mit dem Schicksal und klagte nicht. Er war bereit, jeden Tag, der ihm gegeben war, dankbar anzunehmen, aber auch bereit, sich selbst zu helfen, sobald ihm die Ärzte nicht mehr helfen konnten. Freilich ist es schwer, gelassen zu bleiben, wenn man von Schmerzen, Fieber und Übelkeit geplagt ist.
Was in den ruhigen Stunden der einzig richtige Weg scheint, das auch in Bedrängnis und Not durchzuhalten, setzt Klarheit und Folgerichtigkeit voraus, die über die Ambivalenzen eines vielleicht noch suchenden Geistes, eines zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankenden Gemütes hinausgelangt.
Der endoskopische Eingriff musste in den folgenden Monaten mehrmals wiederholt werden, denn die Drains verstopfen durch Gerinnsel, später durch Zuwachsen der Lebergänge beim Fortschreiten des Karzinoms. Beim letzten Mal konnte der linke Leberhauptgang nicht mehr drainiert werden; er war vom Karzinom durchwachsen. – Zu dieser Zeit war die Prognose abschätzbar: Christians Tage waren gezählt. – Anfang Oktober 2012 war unser 76. Geburtstag. Gewiss war, dass es sein letzter Geburtstag sein werde, es war nicht sein letzter Tag. Christian war bereit, weiterzugehen, so lange die schon sehr reduzierten Kräfte reichten.
Wir waren in seinem letzten halben Jahr oft zusammen auf kurzen Wanderungen im Zürcher Oberland, sassen am Waldrand und lauschten in die Stille. Da erinnerten wir uns an den Vers aus Goethes «Wanderers Nachtlied»: «Warte nur, balde ruhest du auch.» Alle Fragen auf dem Wege der Erkrankung und über die Gestaltung des Endes waren schon besprochen; es blieb nur noch die Frage «wann». – Wann ist der rechte Zeitpunkt? – «Dass noch unser der Abschied sei», an dieses Wort Hölderlins aus dem Gedicht «Der Abschied» erinnerten wir uns wie an einen Vorsatz.
Die Atmosphäre dieses letzten Weges bezeichnet das Gedicht «Ausgang» von Theodor Fontane:
- «Immer enger, leise, leise,
- ziehen sich die Lebenskreise,
- schwindet hin, was prahlt und prunkt,
- schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
- und ist nichts in Sicht geblieben,
- als der letzte dunkle Punkt.»
Die Folter einer letzten Krankheitsphase und eine Dauerbetäubung durch Pharmaka, durch morphinhaltige Schmerzmittel wollte Christian vermeiden; er wollte nicht mehr erleben müssen, wie Körper und Geist verfallen, und er wollte handeln, bevor ihn die drohende Schwächung übermannte.
Am Samstag, den 24. November 2012, waren wir uns einig, dass die Zeit gekommen war, und setzten den Zeitpunkt auf Sonntag, den 25. November 2012, Vormittag fest. Da war kein Zweifel mehr, vielmehr ruhige Sicherheit.
Christian schrieb noch ein Dutzend kurzer Briefe an Freunde und Bekannte, wir wanderten eine kleine Weile am Land, verbrachten eine ruhige Nacht und waren am Sonntagmorgen bereit.
Wir gingen zu einem nahen Aussichtspunkt über dem Zürcher See, sahen zu den fernen Bergen und freuten uns über das Silberlicht des Morgens. Wir zogen noch eine kleine Runde über vertraute Wege nahe dem Haus Manfred Bleulers und gedachten der Not seiner späten Jahre. «Ein Gespräch führte uns auf und ab», heisst es in Hölderlins Gedicht «Der Abschied». Christian bedankte sich bei mir für die Begleitung während der Erkrankung, für das Warten auf den rechten Zeitpunkt.
Der letzte Schritt des Weges: Frau Petra Wiersma, die in den letzten Jahren die handschriftlichen Manuskripte der Publikationen meines Bruders transkribiert hatte und die damit an seinem geistigen Leben teilnehmen konnte, und ich waren als Zeugen zugegen. Um halb 10 Uhr nahm Christian Metoclopramid (gegen Brechreiz), um 10 Uhr das Narkosemittel Thiopental, ging zu Bett, schloss die Augen, sagte kein Wort mehr und fasste fest unsere Hände. Nach ein paar Minuten liess der Händedruck nach. So entschlief er sanft, während ich ihm sein Mantra rezitierte: «Gegangen, gegangen, über das Letzte hinausgegangen.»
Frau Wiersma und ich sassen noch eine Stunde an seinem Sterbebett und sahen, wie Sonnenstrahlen über sein letztes Lager wanderten. Da stand vor uns das Endgültige, Unumkehrbare, Definitive dieses Abschieds. Der Point of no return war überschritten. Christians Leben und Leiden hatten ein Ende.
Lassen Sie uns einen Moment innehalten bei den Worten eines schlichten afrikanischen Liedes: «Als Gott in grauer Urzeit die Welt erschuf, schuf er die Sonne. Die Sonne gehet auf und unter und kommt doch wieder. Schuf er den Mond. Der Mond gehet auf und unter und kommt doch wieder. Schuf er den Menschen. Der Mensch aber gehet auf und unter und kommt nicht wieder.»
Ich meldete den Tod meines Bruders bei der Polizei, um die wohlvorbereiteten Dokumente, die Rezepte und die Medikamentenfläschchen zu zeigen. Zwei Beamte kamen bald, wenig später ein Gerichtsmediziner und ein Staatsanwalt. Die Begegnung mit dieser Kommission war sachlich und menschlich angenehm: ruhig-teilnehmend, verstehend. Einer der Herren sagte: «Wir gewinnen in solchen Situationen immer wieder Einblick in Krankengeschichten, die so entsetzlich sind, dass wir wissen: Medizinische Hilfe, um sterben zu können, ist notwendig.» Sie prüften «die Indikation zu dem Eingriff». Denn jeder ärztliche Eingriff bedarf einer klarbegründeten, nachvollziehbaren und überprüfbaren Indikation.
Die Leiche wurde freigegeben, sie wurde noch am gleichen Abend abgeholt und tags darauf kremiert. Die Asche wurde auf Christians Wunsch von unserem Neffen in dessen Garten ausgestreut.
Trauerfeier wollte mein Bruder keine. Er war allem Feiern um seine Person abhold. Doch liess er die Nachricht von seinem Tod durch Frau Wiersma mitteilen.
Christians Abschied war still wie sein Dasein, ein stiller, sanfter Tod, der ganz zu seinem Leben passte. Ein Wort von Dschuang-tse stand wie ein Motto über seinem Leben: «Stille kamen sie, stille nahmen sie das ihnen Zugewiesene an, stille gingen sie.»
Vielleicht haben Sie meinen Bruder auch so kennengelernt und können nachfühlen, dass es gut war. Meine Reaktion im unmittelbaren Erleben dieses Abschieds war die ruhige Überzeugung, dass es gut war. Muss einer wirklich viele schwere und schwerste Sterbestunden erlebt haben, um das zu verstehen?
Schlussbemerkung
Ich habe Ihnen offen von der Erkrankung und vom Tod meines Bruders erzählt. Darf man das? Ja, man darf nicht nur, man soll darüber sprechen. Warum? Weil dieses einzelne Schicksal ein Beispiel sein kann für menschliches Schicksal, für das Verhalten in extremen Situationen und für ein bewusst gestaltetes Ende. Weil wir daran lernen können, über den Tod und die Fragen um das Lebensende zu sprechen.
Können Sie Christians letzten Schritt verstehen und gutheissen? Erkennen Sie die Authentizität, die Echtheit, darf ich sagen: die Humanität eines solchen Endes? Können auch Sie den Freitod in bestimmten Situationen als Erlösung sehen? Wie es in Sophokles’ «Philoktet» heisst: «Zuletzt nämlich hilft er, der Tod.»
Die Meinungen zum Freitod sind bei den Ärzten und in der Gesellschaft kontrovers. Da gibt es noch einiges zu klären und zu erarbeiten. Gut, dass die Schweiz die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen hat, einen wohlbegründeten Sterbewunsch zu respektieren und einen «verantwortungsvollen Beistand» zu gestatten.
Nun aber lassen Sie uns den Schlusspunkt setzen. Halten Sie sich nach der Mitteilung über Krankheit und Tod meines Bruders frei für andere Erinnerungen an ihn und sein Wirken als Psychiater und Hochschullehrer und sein Werk als Wissenschaftler.