Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie – Eine Einführung. Stuttgart: Georg-Thieme-Verlag; 2010. 6., überarbeitete Auflage. Kartoniert, 376 Seiten, 16 Abb., 26 Tab. Preis Fr. 67.90, Euro [D] 39,95, Euro [A] 41,10. ISBN 978-3-13-531506-5.
Christian Scharfetter veröffentlichte 1976 die erste Auflage seiner Allgemeinen Psychopathologie, die nun nach 34 Jahren als 6. überarbeitete Auflage erscheint. Der Untertitel «Eine Einführung» verweist auf die Komplexität des Gebietes der Psychopathologie, entspricht jedoch nicht der Weite und Tiefe, mit der der Autor das Thema bearbeitet. Drei Grundanliegen der Allgemeinen Psychopathologie werden von ihm genannt: a) menschenmögliche Erlebnis- und Verhaltensweisen intersubjektiv und interkulturell kom-munikabel zu erfassen, zu beschreiben und zu benennen; b) ihre Topographie als Phänomen der Abweichung von Funktionen des mittleren Tag-Wach-Bewusstseins und als Reaktion darauf aufzuzeigen; und c) eine Symptom- und Syndromlehre für die Ätiologieforschung und Therapie bereitzustellen. Der deutschsprachigen psychopathologischen Tradition verbunden, ist dieses Buch der Beschreibung sowie dem weitgefassten und zugleich persönlich fundierten Verstehen des Abnormen gewidmet. Dabei warnt der Autor wiederholt vor einem vorschnellen Deuten und öffnet den Blick sowohl für einen individuellen als auch transkulturellen Zugang.
Das Werk ist in 21 Kapitel aufgeteilt, von denen nur einige, das Spezifische der Psychopathologie Scharfetters darstellend, erwähnt werden können. Schon das erste Kapitel verweist auf dieses speziell geforderte Beschreiben und Verstehen. Es ist die Person des Psychopathologen, die hier herausgefordert wird und von der zusätzlich zu einer Reflexion über sich selbst eine vertiefte Bildung in den verschiedensten Gebieten des Humanen verlangt wird. Die folgenden drei Kapitel befassen sich mit dem Bewusstsein, dem Ich-Bewusstsein sowie dem Erfahrungs- und Realitätsbewusstsein. Hier ist sicherlich die Stärke dieses Ansatzes, der veränderte Bewusstseinszustände beschreiben hilft und wesentliche basale Dimensionen mit pathologischen und nichtpathologischen Erfahrungen in Zusammenhang bringt. Ein weiteres wichtiges und umfangreiches Kapitel behandelt den Wahn, der als private und privative lebensbestimmende Überzeugung eines Menschen von sich selbst und seiner Welt definiert wird. Besonders interessant sind im Rahmen des verstehenden Ansatzes die Abschnitte über Entstehungsbedingungen, Vorkommen, Verlauf, Wirkung auf die Umwelt und Hypothesen zum Wahn sowie derjenige über Wahn in transkultureller Sicht.
Insgesamt ist das Werk für alle Kollegen/Kolleginnen, die Menschen in psychischen Schwierigkeiten verstehen und helfen wollen, ein wichtiges Hilfsmittel. Es sollte auch in der neuen Auflage in verschiedenen Sprachen zugänglich gemacht werden, damit es als Basisliteratur für die Weiterbildung genutzt werden kann und ein internationaler Austausch angeregt wird.
Dr. Marco Merlo, Genf