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Book Review

Book review: ...der Wirklichkeit abgewandt - Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus

by
EMH Swiss Medical Publishers Ltd.
Münchensteinerstrasse 117, 4053 Basel, Switzerland
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2011, 162(2), 86; https://doi.org/10.4414/sanp.2011.02246
Published: 1 January 2011
Klaus-Jürgen Neumärker: «... der Wirklichkeit abgewandt».
Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus.
Berlin: Weidler; 2010. 300 Seiten, 41 Abb. Preis Fr. 56.–/Euro 32.–.
ISBN 978-3-89693-280-8.
Der Autor, Neuropsychiater, speziell Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin, seit 2006 im «Ruhestand», legt mit diesem Buch eine interessante, für einen breiten Leserkreis gut zugängliche Übersicht über den problematischen Begriff Autismus im Kindesalter vor. Die «rote Linie» der Darstellung ist ihm dabei die Geschichte, die er mit Kahlbaums Katatonie und Negativismus beginnt und zu Eugen Bleulers Namensschöpfung «Autismus» (1910/11) führt.
Bleuler verstand unter Autismus primär 1. die Abwendung von der Wirklichkeit (z.B. im Wahn), 2. die verminderte Beziehung zur Aussenwelt und 3. die Entkoppelung von Logik und Realitätssinn, von Widerspruch und Zeitstruktur. Bleuler wollte damit ein Charakteristikum von Schizophrenen benennen, weitete diesen Begriff des autistischen = dereistischen Denkens aber immer weiter aus. Damit ging die klinische Brauchbarkeit verloren. Neumärker zieht die Denkbahn zu Lutz (1937, Schizophrenie von Kindern), zu Asperger (1938, 1944, autistische Psychopathie) und Kanner (1943, childhood autism). Das ist die grosse Zeitachse. Die wird angereichert mit der an diese Autoren anschliessenden und bis heute nicht abgeschlossenen Diskussion um 1. Deskription, Syndrome, Diagnostik, Differentialdiagnostik, Nosologie, Komorbidität, 2. Längsschnitt (Katamnesen) und 3. ätio-pathogenetische Vorstellungen. Die oft recht verzweifelten Therapieversuche (sogar Festhalten, Elektroschock) werden nicht behandelt. Dabei wird die Abhängigkeit der jeweiligen Forschungsansätze von dominierenden Modellen deutlich, z.B. Pathogenitätszuschreibung an die Eltern, Neuropathologie, Molekulargenetik.
Diese Übersicht konnte nur ein Autor erstellen, der Jahrzehnte hindurch an dem Ringen um Klärung des Autismus-Syndroms (L. Wing: autistic spectrum disorders) teilgenommen hat und der fleissig Geschichtsdaten über die zitierten Autoren (bes. über Kanner) gesammelt hat. Die Fülle des Sammelgutes schuf dem Autor Bewältigungsprobleme; manchmal wird es für den Leser mühsam, wenn die Geschichtsdarstellung sich mit den oben genannten 1 bis 3 Themenkreisen vermischt, und der Autor Einzelabhandlungen referiert resp. zitiert (die Zitate sind ohne genaue Referenz). Kahlbaums Katatonie (mit motorischen Störungen und Negativismus), subsumiert der Kraepelinschen Dementia praecox, und von da übernommen in die Bleulersche Schizophrenie mit dem Charakteristikum Autismus – diese bestimmt stark die Diskussion, ob die Kinder mit autistischen Zügen diagnostisch zur Schizophrenie gehören oder nicht. Autismus im Bleulerschen Sinn ist ein transnosologisches Psychosekriterium!
Dabei fehlt eine grundsätzliche kritische Untersuchung der Termini Schizophrenie und Autismus. Sie werden (nicht nur von Neumärker!) behandelt, als ob sie «objektive» Gegebenheiten wären, während sie doch Konstrukte von recht begrenztem empirischem Wert (Validität) und zweifelhafter epistemischer Valenz (Autismus als Abwendung von der «Wirklichkeit») sind. Das Verhältnis von Diagnose als Typenkonstellation und als nosologische Kategorie wird nicht bedacht. Die epistemische Gewissheit, was Wirklichkeit sei und funktionstüchtiger Bezug zu dieser, trug Bleulers «dereierendes Denken» bis in seine inflationäre overinclusiveness hinein, dass das Denken von Frauen, Wilden, Religiösen, Philosophen, Heilern, Träumern, Künstlern autistisch sei! Mit der Verschiebung ins Dereelle verliert eine ursprüngliche Komponente des Autismus, nämlich die interpersonelle Abkapselung, die Unerreichbarkeit, Isolierung, Einsamkeit des autistischen Menschen an Gewicht. Diese ist aber gerade für Autismus bei Kindern so wichtig. Bleuler war ein eifriger Produzent von Neologismen. Seine Namensvorschläge benennen keineswegs völlig «neue» Beobachtungen, sondern bekannte Beschreibungen. So waren z.B. die Ambivalenz und die Zerfallspsychosen durchaus bekannt. Und die Bezeichnung «alienus mente» für Psychosekranke, Alienierte, der sozialen Umwelt und sich selbst entfremdete Menschen, war im 19. Jahrhundert gängig. Und genau das benennt Bleulers Begriff des Autismus.
Ideler wird gar nicht genannt, dabei hatte er schon klargestellt: 1. Psychische Krankheit erlaubt einen Einblick in den Menschen überhaupt «wie mit dem Mikroskop», 2. die notgeborene Bildung einer selbstgeschaffenen Eigen- Welt und die Abschliessung darin. Griesinger hat eine differenzierte Pathologie des Ich/Selbst vorgelegt. Gewiss ist das Ich/Selbst der «Autisten» schwer zu erforschen, aber die Frageperspektive darauf und die Suche nach geeigneten Methoden muss offen gehalten werden (auch in der Epoche der Neurowissenschaften).
Leider ist das Buch mit sehr vielen Fehlern belastet, Druckfehler sind zeitweise auf jeder Seite, Zitate falsch oder lückenhaft; Irrtümer von Zeitangaben verunsichern und evozieren die Frage, wie viel Unrichtiges der Leser nicht bemerkt hat.
So regt das Buch auch und gerade in der kritischen Bearbeitung zum weiteren Nachdenken über Psychopathologie und damit über den Menschen überhaupt an.
Christian Scharfetter, Zürich

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EMH Swiss Medical Publishers Ltd. Book review: ...der Wirklichkeit abgewandt - Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus. Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2011, 162, 86. https://doi.org/10.4414/sanp.2011.02246

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EMH Swiss Medical Publishers Ltd. Book review: ...der Wirklichkeit abgewandt - Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 2011; 162(2):86. https://doi.org/10.4414/sanp.2011.02246

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EMH Swiss Medical Publishers Ltd. 2011. "Book review: ...der Wirklichkeit abgewandt - Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 162, no. 2: 86. https://doi.org/10.4414/sanp.2011.02246

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EMH Swiss Medical Publishers Ltd. (2011). Book review: ...der Wirklichkeit abgewandt - Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte des Autismus. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 162(2), 86. https://doi.org/10.4414/sanp.2011.02246

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