Im vorliegenden Heft finden sich thematisch sehr verschiedene Artikel. Neben den für die tägliche Praxis wichtigen Arbeiten zur stationären Alkoholentwöhnung und zur Neurotoxizität von Psychopharmaka beschäftigt sich die Arbeit von Wiesendanger mit einem interessanten Kapitel der schweizerischen Psychiatriegeschichte: «Neurowissenschaften und Neuropsychiatrie» (Mahaim, Steck und Ladame Vater und Sohn). Der Autor hält in der Einleitung fest, dass der betreffende Zeitraum die zwei Weltkriege umfasst und mit der Einführung der Neuroleptika endet, «gewissen wirksamen Medikamenten, die aber praktisch nie ohne Nebenwirkungen» sind. Die Weltkriege und die Fortschritte der Neuropsychiatrie hängen wohl nur sehr wenig zusammen, und die Einführung der Medikamente ist erst dann von bedeutendem therapeutischen Wert, wenn sie mit den sozialpsychiatrischen und psychotherapeutischen Massnahmen kombiniert werden, die in diesem Zeitraum grosse Fortschritte gemacht haben. Wenn also der Eindruck entsteht, diese Entwicklung der Neuropsychiatrie habe nicht allzuviel gebracht, belehrt uns näheres Hinsehen doch eines Besseren. Auf die Einzelheiten der Geschichte der Neurowissenschaften und der körperlichen Therapien in der Psychiatrie soll hier nicht eingegangen, aber einige Schlaglichter auf die Epoche sollen doch erwähnt werden.
Forel – der Vorgänger von Eugen Bleuler am Burghölzli – wird oft im Zusammenhang mit der Eugenik genannt, aber seine pazifistische Ader wird vielleicht weniger gewürdigt. Sein Schüler Mahaim war vom ersten Weltkrieg, in dem sein Sohn zugrunde ging, in typisch nationalistischfanatischer Art ideologisiert. Er konnte Forel nicht folgen, vielmehr schrieb er ihm: «Sie möchten, dass man Frieden schliesst und dass das millionenfach für die heilige Sache vergossene Blut vergebens war?! Ich war auch einmal antimilitaristisch eingestellt und ich habe auch den Idioten wie Jaurès und den Feiglingen wie den deutschen Sozialisten geglaubt …». Forel liess sich davon anscheinend nicht entmutigen. Er fuhr fort, gleichermassen mit Deutschen wie mit Franzosen zu kommunizieren. Mahaim dagegen war – wie viele seiner Zeitgenossen – anfällig auf das, was René Lourau als «le lapsus des intellectuels» beschrieben hat: eine Fanatisierung im Zuge der Kriegsmentalität, die mit einem teils irrationalen und oft widersprüchlichen Denken einherging.
Eine interessante Information über Forel ist auch der Hinweis auf seine schon vier Jahre nach seiner Pensionierung mit 50 Jahren aufgetretenen apoplektischen Insulte, über die Forel Selbstbeobachtungen angestellt und in einem 24-seitigen Artikel publiziert hat. Das erinnert an die damals häufigen Experimente, die Wissenschaftler mit ihren eigenen Kindern oder anderen sehr nahestehenden Personen durchgeführt haben: Jean Piaget, Sigmund Freud (mit Anna), Melanie Klein oder Hermine Hug-Hellmuth (mit ihrem Neffen, der sie als Jugendlicher umgebracht hat). Die Selbstexperimente und Selbstbeobachtungen erscheinen uns heute ethisch vertretbarer als das Ausnützen der Angehörigen, aber der wissenschaftliche Nutzen beider Verfahren mag für die objektivierende Wissenschaft eher angezweifelt werden. Immerhin ist so eine Selbstbeobachtung oft Ausgangspunkt einer neuen wissenschaftlichen Entwicklung geworden – auch hier sei auf Freud verwiesen, der in der «Traumdeutung» vor allem auf seine Selbstbeobachtung gebaut hat.
Neben Hans Steck und Charles Ladame ist Paul Ladame für unsere Zeitschrift von besonderem Interesse, weil er zu den Gründern des «Schweizer Archivs für Neurologie und Psychiatrie» gehörte.
Die vier Neuropsychiater mit akademischen Stellungen in der Westschweiz waren Schüler oder/und Freunde der «Zürcher» Forel und von Monakow. Unter ihrem Regime waren die Kliniken von Lausanne und Genf rein somatisch ausgerichtet, während im Zürcher Burghölzli zur gleichen Zeit die Psychoanalyse rezipiert und mehr oder weniger «wild» angewandt wurde. Danach hat sich dieses Verhältnis bekanntlich umgekehrt, um heute einem gemeinsamen Trend zur Neurowissenschaft zu weichen.
Ich wollte mit diesen Zeilen den deutschsprachigen Kollegen etwas vom französich geschriebenen Artikel vermitteln – als Reaktion auf die Klage, die Zeitschrift sei wegen der Mehrsprachigkeit schwer zu lesen.