Regina Wecker, Sabine Braunschweig, Gabriela Imboden, Bernhard Küchenhoff und Hans Jakob Ritter, Hrsg.:
Internationale Debatten zur Geschichteder Eugenik im 20. Jahrhundert/InternationalDebates on the History of Eugenics in the20th Century.
Wien: Böhlau; 2009. 303 Seiten, 6 s/w-Abb.
Preis: € 35.00.
ISBN 978-3-205-78203-2.
Eugenik – was hat die Schweiz damit zu tun? Diese Frage ist heute kein Thema mehr. Seit den hitzigen Debatten um die Ehrung eines Auguste Forel auf der 1000er Note, dem Bekanntwerden zahlreicher Sterilisationen aus eugenischen Gründen oder der Aufarbeitung von Sozialprojekten wie «Kinder der Landstrasse» hat die Schweiz ihr Image eines Oppositionsmodells verloren. Nachdem längst geklärt ist, dass Eugenik auch ganz unabhängig von nationalsozialistischer Ideologie in zahlreichen Ländern Fuss fassen konnte, wendet sich die heutige Forschung der Entwicklung rassenhygienischer Ideen in spezifischen politischen, religiösen und medizinischen Kontexten zu.
Im Jahr 2006 organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich alle schon in der Eugenikforschung einen Namen gemacht haben, in Basel eine Tagung zur Frage: Wie nationalsozialistisch ist Eugenik? Mittlerweile liegt der Tagungsband vor, unterteilt in fünf Kapitel, die jeweils themenverwandte Einzelstudien aus unterschiedlichen Regionen enthalten und mit einem Kommentar zusammenführen. Die Kapitel gehen weit über die ursprüngliche Fragestellung hinaus. Sie widmen sich den Themen Sterilisation, Naturwissenschaft, Sozialhygiene, Katholizismus sowie den Entwicklungen nach 1945, wobei gewisse inhaltliche Überschneidungen unvermeidbar waren. Die Regionalstudien reichen von Skandinavien bis Italien, von Deutschland bis Österreich. Eine Klammer um diese unterschiedlichen, aber allesamt sorgfältig recherchierten Artikel bildet die Frage, wie Eugenik als sozialpräventives Konzept die biopolitischen Massnahmen bestimmen konnte.
Aus Platzgründen muss sich diese Rezension auf einzelne Befunde beschränken. In reformierten Städten fand die Eugenik eher Echo als in katholischen Regionen, wie Regina Wecker feststellt. Das Argument, Fortpflanzung sei Privatsache, wurde ebenfalls regional unterschiedlich gewichtet. Sogar innerhalb der Ärzteschaft, die über entsprechende Gesetzestexte debattierte, waren die Ansichten geteilt. So opponierte der bekannte Neurologe Minkowski gegen medizinisch motivierte Sterilisationen, weil er die Wissenschaftlichkeit der Vererbungslehre anzweifelte. Auf die zentrale Rolle von Experten im Fürsorgebereich gehen Gisela Hauss und Béatrice Ziegler ein. Im Zentrum ihrer Untersuchungen stehen die Strategien der Vormundschaftsbehörden, die unter vielen anderen Massnahmen auch Sterilisationen von jungen Frauen zur sittlichen Disziplinierung, zum Teil aber auch aufgrund finanzieller Überlegungen anstrebten. Eindrücklich arbeitete Véronique Mottier die Verquickung der Bildung einer nationalen Identität mit der Eugenikdebatte heraus, etwa indem sie ein Motiv für eugenische Regelungen im fast schon klischeehaften Hang, Ordnung zu schaffen, ausmachen konnte.
Die hier beispielhaft skizzierten Beiträge beziehen sich auf die Schweiz. Sie stehen jedoch im grösseren europäischen Kontext, was in der komparativen Ausrichtung des Sammelbands deutlich wird. Eugenisches Denken und Handeln konnte sich in vielen Ländern gleichzeitig etablieren, ohne dass sich eine einheitliche Vorstellung von Eugenik als Denkstil durchzusetzen vermochte. Das letzte Kapitel macht zudem auf das noch immer zu wenig beachtete Phänomen aufmerksam, dass eugenisch begründete Regelversuche nach 1945 wacker fortbestanden.
Iris Ritzmann