Einleitung: Zum Begriff Psychomotorik
Zunächst scheint es klar zu sein, was in der Psychiatrie Psychomotorik bedeutet. Wir folgen der Definition von Peters (2007), nach der damit «das durch psychische Vorgänge geprägte Gesamt der Bewegungen» beschrieben wird. «Psychomotorik ist das jeweilige Resultat einer Integration von psychischen und motorischen Funktionen. Psychische Gegebenheiten spiegeln sich somit weitgehend im Bewegungsspiel wider» ([
1], 435). Diese Definition trifft die psychiatrisch übliche Verwendung des Begriffs; Psychomotorik ist in der psychiatrischen Diagnostik genau so verstanden und umgesetzt worden. In dieser Definition ist eine Richtungsangabe enthalten: Seelisches widerspiegelt sich im Bewegungsspiel, wobei an eine Umkehrung der Wirkrichtung nicht gedacht wird. Schon am Ursprung der Psychiatrie als Wissenschaft, bei Griesinger [
2], wird dies als «allgemeinste Grundtatsache» angesehen: «Dass aber dem psychischen Geschehen in uns überhaupt die Tendenz innewohnt, sich zu äussern, sich in Bewegung und Handlung darzustellen, dies beruht auf jener allgemeinsten Grundtatsache, der wir überall im Nervensystem begegnen, dass nämlich die centripetalen Erregungszustände in den Centralorganen in motorische Impulse umschlagen» ([
2], S. 39). Das ist das Modell des Reflexbogens, das auf die seelisch-motorischen Zusammenhänge übertragen wird. Karl Jaspers greift es in der «Allgemeinen Psychopathologie» auf; der Willensakt wird gefolgt von einem ausserbewussten motorischen Mechanismus, der diesem Willensakt die Wirkfähigkeit gibt ([
3], S. 150f). Das Bewegungsspiel wird demnach beobachtet, um aus ihm Schlüsse auf die psychische Befindlichkeit zu ziehen. Jaspers betont, dass die Untersuchung von zwei Seiten her erfolgen könne. Entweder wird der Bewegungsmechanismus selbst untersucht, das ist Aufgabe der Neurologie, die in diesem Sinne Motilitätsstörungen betrachtet. Oder es wird nach «abnormem Seelenleben und Willensbewusstsein» gefahndet, das in den auffallenden Bewegungsmustern zutage trete; das ist die psychiatrische Untersuchung der Motorik. In wissenschaftlicher Skepsis stellt Jaspers die psychotischen Bewegungserscheinungen zwischen beide, die er weder den psychologischen noch den neurologischen Störungen zuordnen will. Darin ist er vorsichtiger als Kleist [
4], dessen Untersuchungen er schätzt, dessen neurologische Interpretation psychomotorischer Erscheinungen er aber für ungesichert hält. Kleist hatte sich kurze Zeit vorher ausführlich mit den psychomotorischen Bewegungsstörungen bei Geisteskranken befasst.
Aus dieser Konzeption der Psychomotorik hat die deskriptive Psychopathologie eine im Kern bis heute wenig veränderte Beschreibung psychomotorischer Symptome entwickelt. Scharfetter [
5] gibt in seiner «Allgemeinen Psychopathologie» unter dem Stichwort «Pathologie der Motorik» eine Übersicht (vgl.
Table 1). In einer aktuellen Arbeit fasst Müller [
6] psychomotorische Phänomene in weitgehend identischer Form zusammen. Die genaue Deskription, zunächst auch die genaue Beobachtung des Bewegungsverhaltens eines Patienten, kann von diesen deskriptiven Differenzierungen sehr profitieren; sie erlaubt auch differentialdiagnostische Schlüsse zwischen verschiedenen psychiatrischen Störungen, z.B. depressiven und schizophrenen Störungen [
7], oder natürlich zwischen neurologischen und psychiatrischen Leiden.
Gleichwohl ist es notwendig, den Zusammenhang zwischen Psyche und Motorik kritisch zu hinterfragen, der in der Begriffsgebung «Psychomotorik» bereits enthalten ist, und zwar in vier Richtungen.
Das Verständnis körperlichen Ausdrucks kommt nicht ohne eine dritte Dimension aus, die sich als
kulturelles Schema bezeichnen lässt: In Kultur und Gesellschaft gibt es «ein Vokabular zum Ausdruck bestimmter Gefühle», ein «intersubjektiv bekanntes Muster» ([
8], S. 46), das auch eine Folie für körperlich verständliches, evidentes oder auch ausgefallenes und bizarres Verhalten bereithält [
9]. Die kulturelle Dimension ist diejenige Dimension, die die herkömmliche Psychopathologie von der transkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie übernehmen sollte. Die transkulturelle Psychiatrie braucht diese kulturrelativierende Selbstreflexion, um nicht ethnozentrischen Vorurteilen in der Diagnostik z.B. von Bewegungsstörungen bei Migrantinnen zu erliegen. Sie kann diesen selbstreflexiven Standpunkt der herkömmlichen Psychopathologie zur Verfügung stellen, der jener vielleicht nicht selbstverständlich ist, von dem sie aber gleichwohl profitiert. Psychomotorik ist also immer
Psychosoziomotorik.
Psychomotorik ist keine Einbahnstrasse vom Psychischen zum Motorischen. Das Reflexbogen-Modell, das die deskriptive Zergliederung der Psychomotorik immer noch anleitet, ist insofern falsch, als es auch eine Umkehrung dieses Zusammenhangs gibt, wenn überhaupt der im Begriff Psychomotorik enthaltene Dualismus zwischen Seele und Körper(bewegung) mit vollzogen werden soll. Körpertherapien bei depressiven Menschen können auch deshalb wirksam sein, weil die körperlichen Ausdrucksformen der Depression, die eingefrorene Mimik oder die körperliche Antriebslosigkeit, verändert werden, mit der Folge, dass die Rückkopplung von der Motorik zur Stimmung die depressive Befindlichkeit erleichtert.
Die Konzeption der Psychomotorik entspringt einer Elementenpsychologie, die die Motorik von anderen seelischen Fähigkeiten und Qualitäten, z.B. der Wahrnehmung oder des Handelns, abtrennt und isoliert. Gerade depressiv gestimmte Menschen führen einem immer neu vor Augen, dass Motorik, Wahrnehmung, Empfinden und Willen eng zusammengehören. Die Analyse des Zusammenhangs von Wahrnehmen und Bewegen kann als eine überdauernde Erkenntnis der sog. Anthropologischen Psychiatrie angesehen werden [
10,
11]: Die Bewegungen, die ich in Auseinandersetzung mit einem Gegenstand durchführe, prägen meine Wahrnehmung von ihm. Ein Marathonläufer nimmt die Stadt, in der er seinen Lauf unternimmt, anders wahr als der die gleiche Stadt erwandernde Tourist.
Schliesslich ist die Konzeption der Psychomotorik in Gefahr, individualpsychologisch vorzugehen und ausschliesslich körperliche und seelische Dimensionen unter Abblendung von intersubjektiven Bestimmungen zu betrachten. Dieser Aspekt wird in den folgenden Ausführungen vertieft werden. Auch in dieser Hinsicht–so sei schon jetzt als Resümee festgehalten–ist es berechtigt und sinnvoll, von Psychosoziomotorik zu sprechen.
Die interaktionelle Basis des Körpererlebens
Unter der Perspektive einer Psychosoziomotorik oder einer interaktionellen Psychomotorik ist zunächst die Frage wichtig, inwieweit überhaupt die Wahrnehmung und das Erleben des eigenen Körpers sich autonom und im Rahmen eines Reifungsvorgangs entwickeln und inwieweit Interaktionen an der Entwicklung des Körpererlebens beteiligt sind. Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie gibt hierauf eine klare Antwort: Am Anfang der seelischen Entwicklung, also der Ausbildung von Kognition und Emotion, steht nicht die Erfahrung des eigenen Leibs oder des eigenen Körpers, sondern vielmehr die leibliche Verschmolzenheit; an Stelle der Erfahrung des eigenen Körpers steht der «Körper in Verbindung mit anderen» [
12]. Psychische Körperrepräsentationen sind Niederschläge von Interaktionserfahrungen. Diese vorsymbolischen Interaktionen bzw. ihre Repräsentanz im Körperlichen haben unterschiedliche Namen erhalten; Kestenberg [
13] z.B. spricht von
Organ-Objekt-Einheiten: Die Art und Weise, wie z.B. der Mund vom Säugling in der Interaktion mit der Brust erlebt wird, prägt die Selbstrepräsentanz des Mundes, repräsentiert wird also ein «Mund in Verbindung mit der Brust». Die spätere Besetzung, die affektive Selbstvergegenwärtigung des Mundes, bewahrt Spuren dieser Interaktionserfahrungen auf. «There is no such thing as a baby», so lautet der berühmte Satz von D. W. Winnicott [
14]. Das Kind ist zunächst nicht als Individuum vorhanden, sondern als Beziehungswesen, und die Beziehungserfahrungen prägen die Qualität der Selbstwahrnehmung. Die Erfahrung des eigenen Körpers enthält Spuren intersubjektiver Einschreibungen.
Die frühen Interaktionserfahrungen des Kindes im Umgang mit motorischer Entwicklung, Expansion und Ausdruck prägen auch das Vertrautwerden mit der eigenen Motorik. Welchen negativen Einfluss die Beschränkung der Motorik auf das kindliche Erleben hat, ist, aufgrund der überraschend starken Zunahme der Diagnose ADHS, ein sehr aktuelles Thema. In der Entwicklungspsychologie wird dieser Zusammenhang mittlerweile offen thematisiert: «Aus meiner Sicht ist die kindliche Hyperaktivität, welche zu oft mit Ritalin behandelt, schlicht eine Folge von ungenügenden Bewegungsmöglichkeiten, gerade bei Buben im frühen Schulalter … Ein Prozent aller Kinder in der Schweiz mag tatsächlich an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden und von Ritalin profitieren. Die meisten bewegungsaktiven Kinder allerdings haben dieses Medikament aus meiner Sicht wirklich nicht nötig», sagt R. Largo [
15].
Die interaktionelle Basis des motorischen Ausdrucks lässt sich besonders gut an einem Segment der Psychosoziomotorik, der Entwicklung mimischer Interaktion, zeigen. Säuglinge, die an der Mutterbrust saugen und das Befriedigungserlebnis der Sättigung und Geborgenheit haben, schauen das Gesicht der Mutter an. Schon diese Tatsache erhellt die Koppelung Affekt-Gesichtswahrnehmung. Das mimische Aufeinanderabgestimmtsein bestimmt in den ersten Lebensmonaten, experimentell besonders deutlich zwischen dem 3. und 6. Lebensmonat des Infans, die Interaktion von Mutter und Kind oder Vater und Kind. Wechselseitige Blicke sind in dieser Zeit ein wesentliches Regulans der Interaktion [
16]. Ebenfalls experimentell gesichert ist, wie ratlos und schliesslich mit ohnmächtigem Rückzug das Infans reagiert, wenn dieses Attunement [
17] im Gesichtsausdruck nicht stattfindet. Um die Effekte mütterlicher Depressionen zu studieren, haben Forschergruppen (Cohn und Tronick; zit. n. [
16]) Müttern im Umgang mit ihrem Säugling die Laboranweisung gegeben, ausdruckslos zu bleiben auf alles, was das Kind an Äusserungen zeigt. Der Effekt ist eindrucksvoll: das Kind erträgt diese Starre schlecht, bemüht sich um Reaktionen, zieht sich irgendwann, selbst starr werdend, in sich zurück. Nicht nur die Dichter, sondern auch die Menschen, die sich mit Dichtung befassen, können solche Sachverhalte besonders schön ausdrücken; so Peter von Matt, wenn er in seinem Buch «… und fertig ist das Angesicht» schreibt: «Die älteste Hermeneutik entspringt aus dem Schrecken über die Veränderlichkeit des Muttergesichts» ([
18], S. 154); die erste Lektüre ist die von existentiellen Nöten getriebene Exploration des mütterlichen Gesichtes, ob es oder warum es nicht auf das eigene, auf den Appell der eigenen Mimik reagiert.
Das Selbstbild hat seinen Ursprung im Körpererleben. Das Selbstbild ist zunächst vom Körperbild nicht zu trennen, und im Körperbild schlagen sich Beziehungserfahrungen nieder. Auch an der Ausarbeitung der Grenzen des Selbst gegenüber anderen ist der Körper beteiligt. Der Aufbau der Eigenheitssphäre kann nur erfolgen, wenn die Grenzen des Körpers besonders besetzt werden. Diese Grenzerfahrungen sind vielfältiger Natur; am prononciertesten und deutlichsten werden sie über das Grenzorgan par excellence, die
Haut, möglich [
19]. Aber auch die Motorik spielt für Abgrenzung eine eminente Rolle: Daniel Stern beschreibt sehr schön, wie die Erkenntnis des Kindes, dass die Bewegung der eigenen Körperteile mit Hilfe der Muskulatur repetitiv möglich ist, nicht aber die Manipulation von fremden Objekten, die
Selbstkohärenz, also die Sicherheit im Gefühl der eigenen Identität, fördert. Auch die Selbstwirksamkeit, das Vertrauen auf die eigene Handlungsfähigkeit oder Initiative, ist auf körperlichen Grunderfahrungen leicht zurückführbar. Das Erleben des Kindes, mit der Entwicklung seines neuromotorischen Systems motorisch Gegenstände seiner Umgebung bewegen und manipulieren zu können, lässt ein erstes Gefühl von Selbstwirksamkeit entstehen.
Die Intersubjektivität des Körpererlebens im Erwachsenenalter
Die leibliche Abstimmung aufeinander, die leibliche intersubjektive Bezogenheit ist der Ursprung, aus dem sich das Bewusstsein des eigenen Leibes und des eigenen Selbst allmählich bildet. Phänomenologische Studien legen nahe, dass im spontanen Erleben des Erwachsenen eine solche intersubjektive leibliche Bezogenheit weiterhin primär bleibt, dass leibliche Interaktion also, anders gesagt, dem Bewusstsein zuvorkommt. Die phänomenologischen Studien zum Körpererleben des Erwachsenen konvergieren mit den Ergebnissen der Entwicklungspsychologie und zeigen, dass Körpererfahrung nie, in keiner Lebensaltersstufe, auf individuelle und solipsistische Selbsterfahrung reduziert werden kann. Durch meinen Leib, vor allem Nachdenken, bin ich immer schon sozialisiert; leiblich bin ich auf andere bezogen. Bevor ich noch meinen Willen zum Ausdruck bringen kann, habe ich mich schon leiblich auf die anderen eingestellt. Der Leib ist Leib-in-Beziehung.
Sehr anschaulich ist der Begriff der Zwischenleiblichkeit, der vom französischen Philosophen M. Merleau-Ponty stammt, er fasst den gemeinten Sachverhalt begrifflich gut zusammen [
20]. Merleau-Ponty spricht von der
«Zwischenleiblichkeit» (intercorporéité), um die Verschränkung, das–wie er sagt–«Chiasma von Leib und Welt», zu betonen, die Verschränkung zwischen meinem leiblichen Erleben und dem leiblichen Erleben der anderen. Leibliche Interaktion hat die Funktion der Verständigung, sie ist ein leibliches Gespräch. «Der Gebrauch», so Merleau-Ponty, «den der Mensch von seinem Leib macht, transzendiert den Körper als bloss biologisch Seiendes. Die Sprache ist bloss ein Sonderfall des leiblichen Vermögens» ([
21], S. 224), und an anderer Stelle: «Durch die Sprache und meinen Leib bin ich an andere gewöhnt» ([
20], S. 41).
Zwischenleiblichkeit und mimische Reziprozität
Phänomene der Zwischenleiblichkeit lassen sich gut an dem Phänomen der Berührung aufzeigen [
22]. Aber sie sind auch dort bedeutsam, wo wir über die Spontaneität der mimischen wechselseitigen Abstimmung oder, abgekürzt gesprochen, über mimische Reziprozität als einer Dimension der Psychomotorik nachdenken. Auch hier bewegen wir uns im Bereich präreflexiver, vorbewusster Erfahrung; wir können auf sie reflektieren, immer aber mit einer Verspätung. Wenn wir einander anschauen, stellen wir uns spontan mimisch aufeinander ein. Die Gesichter halten Zwiesprache miteinander. G. H. Mead [
23], der die Formen unmittelbarer präreflexiver leiblicher Interaktion besonders gut beschrieben hat, hat von einer «conversation of gestures» gesprochen ([
24], S. 212). Für die mimische Konversation heisst das: wenn ich ein Gesicht sehe, reagiere ich auch mimisch auf dieses Gesicht, und meine Reaktion, die die andere Person wahrnimmt, wird sie reagieren lassen, und wiederum ihren Niederschlag in einem Gesichtsausdruck finden. Die unmittelbare, d.h. nicht vom Bewusstsein vermittelte Einstellung aufeinander ist ein affektiv hochbesetzter Prozess. Dies liegt an den psychologischen Herausforderungen, die für leibliche Interaktion generell gelten, im Folgenden aber nur anhand der mimischen Interaktion formuliert werden.
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Mimische Interaktion ist unausweichlich; in jeder alltagsweltlichen, nicht konstruierten Begegnung zwischen Menschen stellt sie sich ein, ob wir dies wollen oder nicht.
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Mimische Interaktion stellt sich spontan her, mit der präreflexiven Spontaneität ist die Bewusstseinskontrolle erst nachträglich wirksam. Der andere, dessen Gesicht ich sehe, verrät etwas von sich, dessen er nicht Herr werden kann, und ebenso verrate ich etwas von mir.
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Mimische Interaktion gelingt nicht ohne weiteres, sie führt nicht automatisch zu Abstimmung und Übereinstimmung. Mimische Interaktion ist störbar, nicht harmonisch. Das Gesicht des anderen bezieht sich nicht nur auf das eigene Gesicht, sondern entzieht sich ihm ebenso sehr.
Diese drei Herausforderungen habe ich andernorts die Herausforderungen der Bezogenheit, der Entzogenheit und der Exponiertheit genannt [
25]. Es gibt klinische Phänomene, die verstanden werden können als Versagen vor diesen Herausforderungen und zugleich als Versuche, mit ihnen fertig zu werden. Dabei wird zu zeigen sein, dass die drei Herausforderungen zusammenhängen, dass Bezogenheit, Entzogenheit und Exponiertheit in einem störanfälligen und oszillierenden Gleichgewicht gehalten werden müssen, das in den nun zu schildernden Krankheitsformen aus dem Gleichgewicht gerät.
Therapeutische Perspektiven
Die drei genannten Herausforderungen mimischer Interaktion, der Herausforderung der Bezogenheit, der Entzogenheit und der Exponiertheit, spielen für die psychiatrische, nicht zuletzt für die psychotherapeutische Praxis eine Rolle. Freud hat in seinem eigentümlichen Setting, der Psychoanalyse auf der Couch, mit der Begründung, er hasse es, den ganzen Tag lang angestarrt zu werden, die mimische Interaktion gezielt reduziert. Dieser Grund ist freilich nicht ausschlaggebend. Durch das analytische Setting wird–das ist wichtiger–das Gleichgewicht der drei Faktoren verschoben. Es schiebt–erstens–einer allzu raschen mimischen Bezogenheit und verfrühten Affektabstimmung den Riegel vor. Die neueste Therapieforschung bestätigt, wie recht Freud gehabt hat. In den aufwendigen Studien, die sich der empirischen Messung des mimischen Affektausdrucks anhand von Videoprotokollen von Therapiegesprächen in den letzten Jahren gewidmet haben, ist ein Ergebnis mehrfach reproduziert worden: Eine mimische Gleichförmigkeit zwischen Patient und Therapeut im Affektausdruck ist, anders als vielleicht naiv zu vermuten, kein günstiger Prädiktor für den Ausgang einer Psychotherapie ([
31], S. 51). Sie ist in der Psychotherapie oft genug ein Zeichen dafür, dass der Therapeut–bewusst, vielleicht auch unbewusst–die ihm zugedachten Beziehungsangebote übernimmt, ohne sich von ihnen zu distanzieren. Wenn der Therapeut sich nicht in die sich rasch einstellenden Interaktionsmuster einklinkt, kann er sich dem Übertragungsangebot entziehen und es zusammen mit dem Patienten erkennen und bearbeiten.–Das psychoanalytische Setting reduziert zweitens die Exponiertheit. Für Menschen, die sehr empfindlich auf die Abgrenzung von anderen achten müssen, die schnell das Gefühl haben, in ihrer Integrität verletzt zu werden, kann die Exponiertheit im Gegenübersitzen als Auslieferung an den Blick des anderen erlebt und solcherart bedrohlich werden. Sich nicht anschauen zu müssen, erlaubt dann, über die Stimme oder andere Zeichen leiblicher Präsenz mit dem anderen unaufdringlich vertraut zu werden.–Andererseits kennt sicher jeder Analytiker das Risiko, dass das Setting selbst zum Widerstand wird, dass der Entzug mimischer Interaktion genutzt wird, um affektive Bezogenheit zu vermeiden oder der Angst, sich zu sehr zu exponieren, entgegenwirkt, ohne dass sie bearbeitbar wäre. Dann kann es gerade wichtig sein, das analytische Setting zu verändern und einander gegenübersitzend weiter zu arbeiten, jedenfalls eine Zeitlang.
Forschungsperspektiven
Die Körperbild-Liste
Psychosoziomotorische Phänomene sind nicht leicht messund objektivierbar. Empirische Verfahren, die sich auf die Selbsteinschätzung mit Hilfe etwa von Fragebögen stützen, versagen, weil die psychomotorischen Besonderheiten dem Bewusstsein u.U. entgehen und nicht reflektiert werden können. Eine nur beobachtend-beschreibende Objektivierung des Verhaltens kann die Erlebnisseite nicht erfassen. Ausserdem sollte–darauf wurde ja in dieser Arbeit besonderer Wert gelegt–der interaktionelle Aspekt berücksichtigt werden. Ein Ausweg könnte ein Ratingverfahren bieten, das es erlaubt, Dimensionen des Körpererlebens im Fremdurteil aufgrund operationalisierter Kriterien durch ein Interview zu erfassen [
32]. Ein solches Instrument wurde von mir entworfen, es befindet sich gegenwärtig in der Phase einer Reliabilitätsüberprüfung. Die Analyse des Körperbildes mit Hilfe der sog. Körperbild-Liste KB-L [
33] lehnt sich an die Dimensionen an, die die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik [
34] für die Beschreibung der psychischen Struktur entwickelt hat, und bezieht sie auf das Körperbild. Ein Vorteil der KB-L für die Beschreibung psychosoziomotorischer Phänomene ist es, dass der Körper im Verhältnis zum Selbst ebenso wie im Verhältnis zum Objekt, also in der Begegnung mit anderen, erfasst wird.
Ich nenne stellvertretend einige wenige Dimensionen. So wird z.B. das körperbezogene Selbstbild nach operationalen Kriterien beschrieben; es meint die Fähigkeit, ein dynamisches Körperselbst aufzubauen und zu spüren. Hinzu kommt die Frage, als wie eigen oder wie fremd der Körper erlebt wird. Affektdifferenzierung umfasst beim Körpererleben zwei Aspekte. Zunächst ist die affektgetönte Entschlüsselung eigener Körperzustände gemeint. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Fähigkeit, sich selbst in seiner Körperlichkeit zu erleben; man könnte auch von affektvoller Körperlichkeit sprechen. Für die Psychosoziomotorik könnte die Dimension Selbststeuerung besonders wertvoll sein. Sie kann in ebenfalls vier Kriterien subdifferenziert werden. Die Affekttoleranz beschreibt den Umgang mit körperbezogenen Affekten, also die Frage, wie körperbezogene Affekte verarbeitet, verdaut oder integriert werden können. Dabei müssen zwei Perspektiven unterschieden werden; v.a. durch Krankheit können körperliche Veränderungen ohne den Willen des Subjekts ausgelöst werden, die dann heftige Affekte provozieren können. Aber es gilt auch die Umkehrung, nämlich dass Affekte von Körperreaktionen begleitet sind, die ihrerseits wiederum in unterschiedlicher Form toleriert werden können. Die Teufelskreise der Angstentwicklung sind dafür ein Beispiel. Die Impulssteuerung ist eine Dimension, die nahe am Körper, an der Ichaktivität, am Antrieb ansetzt. Impulssteuerung ist von daher immer körpernah. Unterschieden werden können zwei Bereiche, nämlich das Aktivitätsbewusstsein in bezug auf den eigenen Körper, das v.a. bei psychotischen Krankheitsbildern grundlegend beeinträchtigt werden kann, wenn Beeinflussungserlebnisse überwiegen oder die eigene Ichaktivität nicht mehr empfunden werden kann. Als zweite Dimension tritt die Selbstakzeptanz in Bezug auf die eigene Triebhaftigkeit hinzu, also die Frage, inwieweit das eigene körperliche Begehren in die eigenen Handlungsvollzüge integriert werden kann.
Das Forschungsprojekt «Identität und Selbstbild in der imaginierten und realen Veränderung des Gesichts»
Weiter oben waren psychopathologische Phänomene als Folge der Störung des Gleichgewichts zwischen mimischer Bezogenheit, Entzogenheit und Exponiertheit beschrieben worden. Als Beispiel war der M. Parkinson beschrieben worden. Das Gleichgewicht kann auch durch traumatische oder krankheitsbedingte Veränderungen des Gesichts erschüttert werden. Patienten, deren Gesicht und deren mimische Möglichkeiten durch Trauma oder Tumor verletzt sind, erleben u.U. eine Verunsicherung ihrer Identität. Auch sie sind als komplementär zu den dysmorphophoben Patienten anzusehen, die die Verunsicherung ihrer psychischen Identität durch Manipulation u.a. ihres Gesichts ausgleichen wollen. Bislang gibt es für die angemessene und daher notwendig komplexe empirische Erforschung psychosoziomotorischer Phänomene kaum Forschungsansätze. In einem gerade angelaufenen interdisziplinären Forschungsprojekt soll dies versucht werden. Im Rahmen des Projektes werden Patienten der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie des Universitätsspitals Basel untersucht, die zum einen aus seelischen Motiven, zum anderen aus körperlichen Gründen Gesichtsoperationen durchführen lassen (Projektteam: Prof. Dr. J. Küchenhoff, Chefarzt Kantonale Psychiatrische Klinik Liestal; Dr. med. Dr. phil. Daniel Sollberger, Leitender Arzt Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel; PD Dr. med. Martin Haug, Stv. Chefarzt Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie des Universitätsspitals Basel; Prof. Dr. med. Gabriele Lucius-Hoene, Abt. für Rehabilitationspsychologie, Institut für Psychologie der Universität Freiburg i.Br.). Das Projekt ist eine qualitative Studie, in der Patienten mit narrativen Interviews vor und nach der Operation befragt werden. Eine Folgestudie soll dann mit Hilfe sowohl von qualitativen als auch von quantitativen Verfahren eine grosse Klientel prä- und postoperativ untersuchen.