Einleitung
Dieser Artikel ist eine Überarbeitung und Erweiterung des Vortrages im Rahmen des GGSP (Gesellschaft für die Geschichte der Schweizer Psychiatrie) Symposiums zum 150. Geburtstag Eugen Bleulers 2007 (Übersetzungen in Anführungszeichen aus Besprechungen und Lehrbüchern ins Deutsche durch Thomas Dalzell. Der Verfasser anerkennt die Hilfe von Manfred Weltecke.). Er zieht Hinweise auf Bleuler in medizinischen Fachzeitschriften und Psychiatrielehrbüchern aus einem Zeitraum von
60 Jahren heran, um die zeitliche Abfolge der Stadien aufzuzeigen, in denen die Auffassungen Bleulers in Grossbritannien und Irland aufgenommen wurden. Insbesondere wird er das unterschiedliche Tempo der Aufnahme in den Zeitschriften und Lehrbüchern hervorheben und dies im Licht anderer historischer Faktoren zu verstehen versuchen, vor allem der Schwierigkeiten der Aufnahme des Dementia-praecox-Begriffs von Emil Kraepelin.
Die medizinischen Fachzeitschriften
Bleuler war bereits vor 1911 (das Jahr, in dem sein Schizophrenie-Buch erschien) auf der anderen Seite des Ärmelkanals bekannt. Die Besprechung (Janet 1893) von Daniel Hack Tukes Dictionary of Psychological Medicine in Brain, im Jahr 1893, begrüsste Bleulers Beiträge. Im darauffolgenden Jahr, 1894, wies eine Besprechung (Sully 1894) der Arbeit von Flournoy über «farbiges Hören» darauf hin, dass dieses Phänomen bereits von Bleuler behandelt worden sei. Und im Jahr 1897 wurde Bleulers kurzer Text Der geborene Verbrecher im Journal of Mental Science positiv besprochen. Der Rezensent (Anonym 1897) nannte den Text «bewundernswert», «gut durchdacht» sowie einen «kompetenten Beitrag» und seinen Urheber «anders als oberflächliche Autoren, die das Kind mit dem Bade ausschütten». Der erste Hinweis auf Bleuler im frühen 20. Jahrhundert war eine positive Besprechung seiner Arbeit Affektivität, Suggestibilität, Paranoia im British Medical Journal im Jahr 1906. Der Autor (Anonym 1906) der Besprechung vertrat die Ansicht, dass der Name Bleulers der Liste der Namen Janet, Freud und Loewenfeld, von denen er glaubte, dass sie «hervorragende Arbeiten» geleistet haben, hinzugefügt werden sollte.
1911 schrieb Havelock Ellis für das Journal of Mental Science eine zustimmende Besprechung von Bleulers Aufsatz «Zur Theorie des Schizophrenen Negativismus» (Ellis 1911). Dieser Aufsatz Bleulers wurde 1912 ins Englische übersetzt und 1913 im British Medical Journal besprochen. Der Rezensent (Anonym 1913) aber fand Bleulers Ausdruck «schizophrene Spaltung der Psyche» eine «unnötige Tautologie». Im wesentlichen jedoch richtete sich seine Kritik gegen die Übersetzung. In Brain (Anonym 1913) wurde dieser Aufsatz im selben Jahr wesentlich positiver besprochen. Diesmal wurde er als «geistvoller Essay» bezeichnet. Allen, die an den modernen Tendenzen in der Psychiatrie interessiert seien, wurde dieser «bemerkenswerte» Aufsatz zur Lektüre empfohlen. Auf Bleulers 1911 veröffentlichtes Buch wurde jedoch erstmals 1915 Bezug genommen. Dunlop Robertsons Aufsatz im Journal of Mental Science über die Katatonie stimmte Bleuler darin zu, dass Affekte auf andere Ideenbildungskomplexe übertragen werden könnten. Im Jahr 1921 tauchte Bleulers Ausdruck «Schizophrenie» erstmals im Titel eines Zeitschriftenaufsatzes (Devine 1921) auf. Seltsamerweise aber nahm dieser Aufsatz von Henry Devine im Journal of Mental Science keinen Bezug auf den Urheber der Bezeichnung. Ausserdem wurde nicht Bleulers Schizophrenie-Buch, sondern sein Lehrbuch zuerst ins Englische übersetzt. Brills Übersetzung aus dem Jahr 1924 wurde noch im selben Jahr im British Medical Journal sehr positiv rezensiert (Anonym 1924). Es wurde als «solider und beeindruckender Beitrag zur Psychiatrie» bezeichnet. Brill habe dem englischsprachigen Psychiater «einen entscheidenden Dienst» erwiesen, da nur wenige
monographische Studien «des eminenten Direktors der Zürcher psychiatrischen Klinik» übersetzt worden seien. Diese Besprechung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Sprachschwierigkeiten in der Rezeption Bleulers in Grossbritannien und Irland. Dennoch konnte er im darauffolgenden Jahr in Brain als ein «wohlbekannter Psychiater» bezeichnet werden (Anonym 1925).
Im Jahr 1927 wurde Bleuler 70 Jahre alt und aus diesem Anlass schrieb Henry Devine eine sehr positive Würdigung Bleulers. Devines Interesse an dem «eminenten Psychiater» sei durch den Aufsatz über «schizophrenen Negativismus» geweckt worden, den er eine «eindringliche Analyse» und als das «Werk eines bedeutenden Psychiaters» gefunden habe. Was Bleulers Ausdruck «Schizophrenie» betreffe, so sei dies nicht lediglich eine Namensänderung, sondern zeige eine neue Art der Betrachtung an. Christian Scharfetter hat auf die deutsche Version dieser Lobrede, die in der Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift erschien, bereits hingewiesen (Scharfetter 2006, S. 126). Darin wurde auf Bleulers Ruf unter den Psychiatern Grossbritanniens hingewiesen. In der anderen Fassung, die im Journal of Mental Science erschien (Devine 1927), bekräftigte Devine dieses Lob, indem er anführte, dass Bleuler die grösste Hochachtung «unter den Psychiatern des britischen Weltreichs» geniesse! Doch obwohl Devine sich positiv auf den Ausdruck «Schizophrenie» beziehen konnte, war Bleulers Buch von 1911 immer noch nicht übersetzt worden. Tatsächlich war es die Übersetzung der 4. Auflage von Bleulers Lehrbuch, die später in demselben Band eine äusserst positive Besprechung erhielt (Lord 1927). Hier wurde über Bleuler festgehalten, er habe als einer der ersten «den Wert der psychoanalytischen Methode erkannt» und auf diese Weise «dazu beigetragen, die klinische Psychologie und die Psychiatrie mit neuem Leben zu erfüllen» (S. 455).
Eine der positivsten Bemerkungen über Bleuler in Zeitschriften erschien 1928 in Brain. In einer Rezension (Anonym 1928) zu Bleulers Arbeit «Das Autistisch-undisziplinierte Denken» hiess es über diesen Text, er sei von grossem Interesse für den Psychiater und Allgemeinmediziner und dass er durchgängig von der «ruhigen Weisheit» erhellt sei, die von den Schriften Bleulers stets erwartet würde und darin zu finden sei. Doch sagte der Autor, Bleuler sei «vielleicht der vernünftigste aller lebenden Psychiater». Im selben Jahr wurden die Vorträge eines in New York abgehaltenen Symposions über Schizophrenie herausgegeben. Ein Bericht (Anonym 1929) über diese Publikation erschien 1929 im British Medical Journal. Indem er Freuds psychoanalytische Lehre auf die Dementia
praecox angewendet habe, so stellte der Bericht fest, habe Bleuler «eine neue Orientierung in der Psychiatrie» herbeigeführt. Critchleys Aufsatz über die Parkinsonsche Krankheit, auch aus dem Jahr 1929, enthielt positive Hinweise auf Bleulers Ansichten (Critchley 1929, S. 51–2).Auch zustimmend war Harrowes (Harrowes 1931). Noch positiver war im Jahr 1933 eine in Brain erschienene Rezension (Anonym 1933) von Bleulers Naturgeschichte der Seele und ihres Bewusstwerdens. Dieser Text, der als «gelehrter und komplizierter Abriss» von Professor Bleuler, einem «berühmten Schweizer», bezeichnet wurde, wurde als «beachtenswerter Beitrag» angesehen.
Bis spätestens 1935 hatte die Bezeichnung «Schizophrenie» die Bezeichnung «Dementia praecox» in den Zeitschriften ersetzt. Dennoch war Bleulers Schizophrenie-Buch immer noch nicht rezensiert worden. Sein Lehrbuch aber wurde 1937 erneut besprochen. In Brain galt es, nach wie vor, als eines der «nützlichsten und zuverlässigsten der Lehrbücher für Studium und Praxis» (Anonym 1937). Es wurde als «so umfassend» beschrieben, dass es «als wertvolles Nachschlagewerk» dienen könne. Eugen Bleuler starb im Jahr 1939. Im Nachruf auf Bleuler wurde in The Lancet geschrieben, die Schweiz habe «einen ihrer hervorragendsten medizinischen Lehrer und einen Psychiater» verloren, «dessen Name in aller Welt bekannt» gewesen sei (Morland 1939). Es sei «eine Kombination aus Intelligenz, Charakter, Selbstdisziplin, Fleiss und einer unbeirrbaren Wahrheitssuche» gewesen, die es Bleuler ermöglicht habe, seine Lebensleistung zu erbringen.
In den Jahren des Zweiten Weltkrieges gab es keine Bezugnahmen auf Bleuler in den Zeitschriften, und in den Jahren nach dem Krieg waren die Hinweise nur spärlich. Während in Brain im Jahr 1950 darauf hingewiesen wurde, dass Adolf Meyer in der Schweiz nicht die Bedeutung habe, die Bleuler immer noch zukomme (Anonym 1950), war das Jahr bedeutsamer aufgrund der Tatsache, dass endlich Bleulers Schizophrenie-Buch (Bleuler 1950) ins Englische übersetzt wurde. Im Januar 1952 wurde es von Fleming, im Journal of Mental Science, sehr positiv aufgenommen (Fleming 1952a). Es sei nach Flemings Ansicht sehr bedauerlich, dass die Übersetzung so lange auf sich habe warten lassen. Der Band «lohne die Mühe, ihn durchzuarbeiten, auch noch 40 Jahre nach seinem ersten Erscheinen», und er sei einer der Klassiker der Psychiatrie. Schliesslich begrüsste Fleming im Oktober 1952 die Neuauflage von Bleulers Lehrbuch auf Englisch (Fleming 1952b). Nach Fleming habe dieses Buch «seit 1923 nichts von seinem Wert verloren», und es verspreche «ein äusserst willkommenes
Stärkungsmittel» zu werden. Bleulers klinische Beschreibungen seien «unübertroffen», und er halte sie für so gut, wie er sie vor 30 Jahren gehalten habe.
Die Psychiatrielehrbücher
Wir sind bereits einigen frühen Hinweisen auf Bleulers Einfluss in den Textbüchern begegnet, in seinen Beiträgen zu Hack Tukes Dictionary zum Beispiel (Bleuler 1892). Jedoch erfolgte die Aufnahme Bleulers in die Psychiatrielehrbücher im allgemeinen wesentlich langsamer als seine Rezeption in den Fachzeitschriften. Vor 1911 enthielten weder Maudsleys Pathology of the Mind (Maudsley 1895) noch Cloustons Clinical Lectures (Clouston 1898), noch Lewis’ Textbook (Lewis 1899), noch Merciers Textbook of Insanity (Mercier 1902) irgendwelche Hinweise auf Bleuler. 1904 bezog sich Clouston jedoch auf Kraepelin (Clouston 1904, S. 277). Doch erhob Clouston, der den Begriff «adolescent insanity» geprägt hatte, verständlicherweise Einwände gegen Kraepelins Begriff «Dementia precox» (sic). Dieser Widerstand gegen Kraepelin würde später die Aufnahme von Bleuler beeinflussen, den Clouston nicht erwähnte. Auch die 1905 erschienene erste Auflage von Craigs Psychological Medicine nahm auf Kraepelin Bezug (Craig 1905, S. 148–54).Abermals findet sich kein Hinweis auf Bleuler. Weder die letzte Auflage von Clouston (Clouston 1906) noch George Savage, der Leiter von Bedlam, der Kraepelin bei seinem Besuch in England nicht beeindruckt hatte, erwähnten ihn (Savage 1907). Im darauffolgenden Jahr erwähnte Tredgolds Mental Deficiency (Amentia) sogar nicht einmal den Ausdruck Dementia praecox (Tredgold 1908), während die erste Auflage von Stoddarts Mind and its Disorders Kraepelins Begriff zur Kenntnis nahm (Stoddart 1908, S. 230). Auf Bleuler wurde jedoch noch nicht Bezug genommen.
Die 1912 erschienene Auflage von Stoddart war nicht nur positiv der Freudschen Schule gegenüber, es war das erste Lehrbuch, das das Wort «Schizophrenie» erwähnte (Stoddart 1912, S. 162–70, 351). Seltsamerweise aber führte Stoddart Bleuler nicht namentlich an. Er erwähnte die Assoziationsexperimente Jungs; doch wurde Jungs «Chef», wie Freud ihn nannte (McGuire und Sauerländer 1974, S. 191–2), immer noch nicht erwähnt. Der erste Durchbruch in den Lehrbüchern erfolgte 1926. Während Stoddart sich weiterhin nur auf Freud und Jung bezog (Stoddart 1926, S. 320), erwähnte Craig nicht nur Bleulers Namen, sondern er rückte von Kraepelins Typen der Dementia praecox
ab und wendete Bleulers Auffassungen auf seine eigene Krankheitslehre an. Seltsamerweise bezeichnete Craig jedoch «Hebephrenie» usw. als Typen der «Dementia praecox» statt der «Schizophrenie». Andererseits schrieb er die Bezeichnung «Schizophrenie» Kraepelin zu und behauptete, dass Bleuler seine Typen gemäss Kraepelins Unterscheidung der Schizophrenen und Manisch-Depressiven klassifiziert habe (Craig 1926, S. 117). Dies zeigt, wie die Begriffe «Schizophrenie» und «Dementia praecox» zunehmend austauschbar wurden, selbst für Psychiater, denen die neue Konzeption Bleulers vertraut war.
1927 erschien ein neues und einflussreiches Psychiatrielehrbuch, das den Ausdruck Schizophrenie der Bezeichung Dementia praecox eindeutig vorzog. Henderson und Gillespie begrüssten Bleulers «umfassendere Theorie» und seine Behauptungen, dass die Krankheit zum Stillstand kommen könne oder die Symptome sich zurückbilden könnten (Henderson und Gillespie 1927, S. 182). Ihre Bevorzugung der Bezeichnung Schizophenie und ihre positiven Ansichten bezüglich Bleulers umfassender und weniger düsterer Konzeption zirkulierten in Grossbritannien und Irland in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren (ib., 1930,
S. 184; 1932, S. 184; 1936, S. 191; 1940, S. 200; 1944, S. 288–9; 1950, S. 295; 1956, S. 300). Erst im Jahr 1947 begann Tredgold, Bleuler zu würdigen und den Ausdruck Dementia praecox eindeutig Kraepelin, und nicht Clouston, zuzuschreiben (Tredgold 1947, S. 278). Denn er wies jetzt darauf hin, dass Bleuler ihn als eine Spaltung des intrapsychischen Lebens erkläre und ihn als Schizophrenie bezeichnet habe. Doch erkannte er an, dass der Ausdruck Schizophrenie die Bezeichnung Dementia praecox weitgehend ersetzt habe und dass die beiden Ausdrücke jetzt als Synonyme verwendet würden. Schliesslich erschien das erste moderne britische Psychiatrielehrbuch 1954 (Mayer-Gross, Slater und Roth 1954). Dieses Standardwerk, das von Mayer-Gross, einem deutschen Emigranten, et al. herausgegeben wurde, widmete der «Schizophrenie» ein längeres Kapitel. Im dargelegten Verständnis der Krankheit zeigte sich deutlich der Einfluss von Bleulers Zugangsweise. Während das «Krankheitsbild» auf einen «genialen Einfall» von Kraepelin zurückgehe, sei es Bleulers Verdienst, die Theorie konsolidiert zu haben. Es seien Bleulers «Gabe einer genauen Beobachtung», seine «Unabhängigkeit von vorgefassten Meinungen» sowie seine «Geringschätzung der traditionellen Trägheit», die ihn immer noch gültige Behandlungsmethoden haben entwickeln lassen (ib., S. 218, 229–31, 282).
Das unterschiedliche Tempo der Rezeption in den Lehrbüchern und Fachzeitschriften
Die Rezeption Bleulers in den Lehrbüchern erfolgte wesentlich langsamer als in den Fachzeitschriften. Während Bleulers Name in den Zeitschriften häufig genannt wurde, blieb er in den Lehrbüchern bis zum Jahr 1926 unerwähnt. Eine Reihe von Gründen, ausser den sprachlichen Schwierigkeiten, kommt dafür nicht in Frage. Erstens darf man dies nicht damit zu erklären versuchen, dass es sich hierbei um einen Streit zwischen der Universitäts- und der Anstaltspsychiatrie handelt. Im betreffenden Zeitraum steckte die Psychiatrie in Grossbritannien und Irland noch in ihren Anfängen, und es gab keine Universitäten angeschlossenen psychiatrischen Kliniken. Während Eric Engstrom (2003) schreiben konnte, dass es, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, in nahezu jeder deutschen Universitätsstadt eine Universitätsklinik und einen akademischen Lehrstuhl für Psychiatrie gab, das heisst 18 im Jahr 1914, existierte in Grossbritannien zu dieser Zeit noch kein einziger Lehrstuhl für Psychiatrie. Der erste Lehrstuhl für Psychiatrie wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, und zwar nicht in England, sondern in Schottland. Es war in Edinburgh, wo George Robertson, im Jahr 1919, zum ersten britischen Professor für Psychiatrie ernannt wurde. Und, während es an der Universität Leeds in den 1920er Jahren eine Honorarprofessur gab, wurde der erste ordentliche Professor für Psychiatrie in England, Edward Mapother, erst im Jahr 1936 ernannt, obwohl das Maudsley Hospital, an dem er arbeitete, 1924 Teil der University of London geworden war. Erst sehr viel später sollte das Maudsley Hospital die erste ordentliche psychiatrische Universitätsklinik in England werden. Obwohl Henry Maudsley 1914 die Mittel für ihre Gründung bereitstellte, wurde sie erst 1923 offiziell eröffnet (Jones 2003). Eine «Shell-Shock»- Epidemie hatte 1914 dazu geführt, dass es von den Streitkräften übernommen wurde, obwohl dort von Frederick Mott in begrenztem Umfang auch Forschungen bezüglich der Kriegsneurosen durchgeführt wurden. 1923 übernahm Mapother die Leitung des Maudsley Hospitals in der Absicht, es zu einem Zentrum der akademischen Psychiatrie zu machen. Doch der Ruf des Maudsleys, ein mit den deutschsprachigen Universitätskliniken vergleichbares Zentrum der akademischen Psychiatrie zu sein, konnte sich erst in den späten 1930er Jahren etablieren. Unter Aubrey Lewis nahm der internationale Ruf des Maudsleys zu, doch Mapothers Traum eines Instituts für Psychiatrie ging dort formal erst 1948 in Erfüllung. Der erste Lehrstuhl
für Psychiatrie in Irland wurde erst 1950 eingerichtet. Folglich entwickelte sich die akademische Psychiatrie in Grossbritannien und Irland nur langsam, und es bestand daher kein Streit zwischen Alienisten und Akademikern.
Ein zweiter Grund, der als Erklärung für die späte Aufnahme Bleulers in die Lehrbücher ausscheidet, ist seine Verbindung mit Freud. Bleuler war der erste Universitätsprofessor der Psychiatrie, der sich positiv mit Freud auseinandersetzte. In seinem Schizophrenie-Buch stellte er Kraepelin und Freud auf dieselbe Stufe. Und obwohl er sich später von der psychoanalytischen Bewegung distanzierte, blieb er, wie Bernhard Küchenhoff gezeigt hat, Freud treu (Küchenhoff 2001; 2006). In Grossbritannien war Stoddart ein herausragender Botschafter für Freuds Theorie, und sein Lehrbuch trug entscheidend dazu bei, dass die Psychoanalyse in die Hauptströmungen der britischen Psychiatrie Eingang fand. Er hatte George Robertson zu Freud bekehrt, und auch Craig, ein weiterer schottischer Psychiater, der als erster Bleuler in einem Lehrbuch erwähnte, stimmte Freud zu. Freud selbst hielt Bernard Harts Beschreibung des Unbewussten (Hart 1910) für den ersten klugen Beitrag zu dem Thema (Freud 1995). Harts Buch, The Psychology of Insanity (Hart 1912), vertrat die neue psychodynamische Psychiatrie in Grossbritannien über seine fünfte Auflage hinaus bis ins Jahr 1956. Selbst Mapother, der der Tavistock Klinik kritisch gegenüber stand, und Lewis, der in bezug auf Freud skeptisch blieb, waren darauf bedacht, dass die Psychoanalyse unter den Mitarbeitern des Maudsleys vertreten war. Der Erste Weltkrieg hatte zahlreiche Änderungen gebracht. Die winzigen Verletzungen in bezug auf «Shell-Shock», die Mott am Maudsley, als Ergebnis von Gehirnerschütterung und Gasexplosionen, postuliert hatte (Mott 1916), waren nicht zu finden, und die hohe Zahl der Offiziere, die an Kriegsneurose litten, wie jene, die von Rivers in Craiglockhart in Schottland behandelt wurden (Shephard 2000, S. 73–5, 85–90, 120), hatte die Degenerations-Theorie in Frage gestellt und den Weg für eine grössere Anerkennung in Grossbritannien unbewusster Prozesse bei Geisteskrankheiten überhaupt frei gemacht. Also gab es eine beträchtliche Offenheit zu Freud.
Die schwierige Rezeption von Kraepelins Dementia-praecox-Begriff
Der Hauptgrund für die späte Aufnahme Bleulers in die Psychiatrielehrbücher war die Verbindung, die man zwischen Bleulers Theorie der Schizophrenien und Kraepelins Dementia praecox sah. Die Aufnahme von Kraepelins Konzept gestaltete sich in Grossbritannien und Irland als schwierig (Ion und Beer 2002). In seinem Vorwort zur Übersetzung eines Teils der achten Auflage von Kraepelins Lehrbuch (1913) stellte George Robertson fest, dass es «in keinem anderen Land eine geringere Neigung gibt», Kraepelins Lehren «bedingungslos anzunehmen, als in diesem» (Robertson 1919). Die erste und einflussreiche Kritik Kraepelins in einer Fachzeitschrift, vom Iren Conolly Norman, stand Kraepelins Dementia-praecox-Konzeption fast ausschliesslich negativ gegenüber (Norman 1904). Norman ging so weit, die Existenz dieser Krankheit gänzlich in Frage zu stellen. Die Zusammenfassung solch unterschiedlicher Formen zu einer einzigen Gruppe ergebe «solch ein riesiges Durcheinander», dass es unmöglich sei, irgendwelche Verbindungslinien zwischen den Formen zu entdecken. Für Norman war Dementia praecox dem alten Vorwurf vieler Klassifikationen ausgesetzt, dass sie, wie es im Anstalt-Slang heisse, eine
«refraktäre Abteilung» enthalte, in die alles aufgenommen wurde, das nirgendwo sonst untergebracht werden könne. Es war eine sehr kritische Würdigung und eine frühe, die sehr einflussreich sein sollte. Von den acht Teilnehmern an der anschliessenden Diskussion, äusserte nur einer keine Bedenken gegen Kraepelins Konzept.
Im selben Jahr stand Cloustons Lehrbuch der Dementia praecox ganz kritisch gegenüber. Clouston widersprach der Verwendung der Bezeichnung «Demenz» für kürzlich aufgetretene und heilbare Erkrankungen. Er hielt dies für «verwirrend und unwissenschaftlich». Er fand es schwierig festzustellen, was genau Kraepelin damit bezeichnen wolle, und Clouston hielt seine Beschreibung der Symptome für «alles andere als eindeutig» sowie «auf zahlreiche andere geistige Störungen anwendbar» (Clouston 1904, S. 363–4). Und während, im Jahr 1907, George Savage die Dementiapraecox-Klassifikation «auf dem Kontinent» darstellte, hielt er dies eigentlich für eine «unnötige Bezeichnung» (Savage 1907, S. 223–8). Auch Mercier wendete sich gegen Dementia praecox, weil er die Klassifikation einer Krankheit auf der Grundlage ihres Ausgangs nicht akzeptierte (Mercier 1914, S. 207). Er führte an, dass Kraepelin zugab, dass einige Fälle der Krankheit geheilt werden könnten. Nach seiner Auffassung entziehe dies der Klassifikation die Grundlage und stürze sie in ein begriffliches Chaos. Doch, nach Mercier, bereitete dies denjenigen, die glaubten, etwas Neuem auf der Spur zu sein, kein Kopfzerbrechen. Sie genossen die Freude, «mit einem neuen Spielzeug zu spielen».
Fazit
Während Bleuler in der englischsprachigen Welt noch immer für seine Theorie der Schizophrenie bekannt ist, war er in Grossbritannien und Irland bereits eine bekannte und geachtete Persönlichkeit, bevor diese Bezeichnung in Umlauf kam. Erst 1926 aber wurde sein Name in den Lehrbüchern erwähnt. Dies stellt seine Wichtigkeit in Grossbritannien und Irland nicht in Frage. Sein Name wurde häufig in den Fachzeitschriften genannt. Aber die meisten Hinweise auf Bleuler in den Zeitschriften bezogen sich nicht auf seine Arbeiten über die Schizophrenie. Was die Lehrbücher betrifft, so war der Grund dafür, dass Bleuler erst 1926 zum ersten Mal darin erwähnt wurde, die Verbindung, in die die Schizophrenie mit Kraepelins Dementia praecox gebracht wurde. Es muss zwar berücksichtigt werden, dass Bleulers Lehrbuch und sein Buch über die Schizophrenie erst spät übersetzt wurden. Doch der Widerstand gegen Kraepelin in Grossbritannien wirkte sich auf die Aufnahme Bleulers aus. Während Kraepelins Konzept von Psychiatern wie Craig, Stoddart und Cole akzeptiert wurde, konnte es in Grossbritannien nur schwer Anerkennung finden, und dies spiegelte sich in der Aufnahme Bleulers in den Lehrbüchern wider. Seit dem ersten Durchbruch jedoch mit Craig 1926 wurden Bleulers Theorien von Henderson und Gillespie seit 1927 und Mayer- Gross et al. seit den 1950er Jahren befürwortet, mit dem Ergebnis, dass Bleuler in Grossbritannien und Irland bis heute ein hohes Ansehen geniesst.
Literatur
Anonym. Publications recently received. Brain. 1913;35:254–7.
Anonym. Notices of recent publications. Brain. 1925;48:149–51.
Anonym. Notices of recent publications. Brain. 1928;51:138.
Anonym. Notices of recent publications. Brain. 1933;56:229.
Anonym. Notices of recent publications. Brain. 1937;60:374–5.
Anonym. Notices of recent publications. Brain. 1950;73:545.
Anonym. Report of societies. Br Med J. 1906;1:1531–2.
Anonym. Reviews. Br Med J. 1913;1:26–7.
Anonym. Reviews. Br Med J. 1924;1:1006–8.
Anonym. Dementia praecox. Br Med J. 1929;1:258.
Anonym. Reviews. J Ment Sci. 1897;43:170–2.
Bleuler E. Dementia Praecox or the Group of Schizophrenias. Übersetzer Zinkin J. New York: International Universities Press; 1950.
- –
Secondary sensations: synalgia. In: Tuke DH. A Dictionary of Psychological Medicine II. London: Churchill; 1892. p. 1125–8, 1252.
Clouston TS. Clinical Lectures on Mental Diseases. London: Churchill; 1898; 1904; 1906.
Craig M. Psychological Medicine. A Manual of Mental Diseases for Practitioners and Students. London: Churchill; 1905; 1926.
Critchley M. Arteriosclerotic Parkinsonism. Brain 1929;52:23–83.
Devine H. A study of hallucinations in a case of schizophrenia. J Ment Sci. 1921;67:172–86.
- –
Professor Eugen Bleuler. J Ment Sci. 1927;73:439–41.
Ellis H. Reviews. J Ment Sci. 1911;57:381–3.
Engstrom EJ. Clinical Psychiatry in Imperial Germany. A History of Psychiatric Practice. Ithaca: Cornell University Press; 2003.
Fleming GWTH. Reviews. J Ment Sci. 1952;98a:187–8;98b:719.
Harrowes WM. The significance of a neurotic reaction as a pre-cursor of schizophrenias. J Ment Sci. 1931;77:375–407.
Hart B. The conception of the subconscious. In: Münsterberg H. Subconscious Phenomena. London: Rebman; 1910. p. 102–41.
- –
The Psychology of Insanity. Cambridge: The University Press; 1912.
Henderson DK, Gillespie RD. A Text-Book of Psychiatry for Students and Practitioners. London: Oxford University Press; 1927; 1930; 1932; 1936; 1940; 1944; 1950; 1956.
Ion RM, Beer MD. The British reaction to dementia praecox 1893–1913.
History of Psychiatry. 2002;13.3:285–304;13.4:419–31.
Janet P. Reviews and notices of books. Brain. 1893;16:295–6.
Jones E. Aubrey Lewis, Edward Mapother and the Maudsley. In: Angel K, Jones E, Neve M. European Psychiatry on the Eve of War: Aubrey Lewis, the Maudsley Hospital, and the Rockefeller Foundation in the 1930s. London: Wellcome Trust; 2003. p. 3–38.
Kraepelin E. Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte. VIII.3 Klinische Psychiatrie. Leipzig: Barth; 1913.
Küchenhoff B. Die Auseinandersetzung Eugen Bleulers mit Sigmund Freud. In: Hell D, Scharfetter C, Möller A. Eugen Bleuler. Leben und Werk. Bern: Hans Huber; 2001. S. 57–71.
- –
Zur Geschichte der Beziehung zwischen Sigmund Freud und Eugen Bleuler. In: Böker H. Psychoanalyse und Psychiatrie. Geschichte, Krankheitsmodelle und Therapiepraxis. Heidelberg: Springer; 2006. S. 41–52.
Lewis WB. Textbook of Mental Diseases. London: Griffin; 1899.
Lord JR. Reviews. J Ment Sci. 1927;73:455–60.
Maudsley H. Pathology of the Mind. A Study of its Distempers, Deformities and Disorders. London: Macmillan; 1895.
Mayer-Gross W, Slater E, Roth M. Clinical Psychiatry. London: Cassell; 1954.
McGuire W, Sauerländer W. Sigmund Freud, C. G. Jung. Briefwechsel. Frankfurt: Fischer; 1974.
Mercier CA. A Text-Book of Insanity. London: Swan Sonnenschein; 1902; 1914.
Morland E. Annotations. Lancet. 1939;237.2:264–8.
Mott F. The effects of high explosives upon the central nervous system. Lancet. 1916:331–8, 441–9.
Norman C. Dementia Praecox. Br Med J. 1904;2:972–6.
Paskauskas RA. The Complete Correspondence of Sigmund Freud and Ernest Jones 1908–1939. Cambridge, MA: Belknap, Harvard University Press; 1995.
Robertson G. Editor’s Preface. In: Kraepelin E. Dementia Praecox and Paraphrenia. Übersetzerin Barclay RM. Edinburgh: Livingstone; 1919. p. i–ii.
- –
The catatonic type of dementia praecox. J Ment Sci. 1915;37:392–412.
Savage G, Goodall E. Insanity and Allied Neuroses. A Practical and Clinical Manual. London: Cassell; 1907.
Scharfetter C. Eugen Bleuler 1857–1939. Polyphrenie und Schizophrenie. Zürich: vdf Hochschulverlag; 2006.
Shephard B. A War of Nerves. London: Jonathan Cape; 2000.
Stoddart WHB. Mind and its Disorders. A Textbook for Students and Practitioners. London: Lewis; 1908; 1912; 1926.
Sully J. Reviews and notices of Books. Brain. 1894;17:115–6.
Tredgold AF. Mental Deficiency (Amentia). London: Bailliere, Tindall, Cox; 1908; 1947.