Dr. Jekyll und Mr. Hyde: die gibt es nicht, die sind Mythos; aber multiple Persönlichkeiten im Sinne von selbständigen Teilidentitäten («Kinder», «Rasselbande», «innere Feinde», «Protagonistenschar»), die nichts anderes als abgespaltene Identitätsteile infolge von schwersten Traumata sind: das gibt es. Schwerste Traumatisierung des Kindes: erst jetzt, lange von der offiziellen Psychiatrie negligiert, in ihrer Bedeutung für psychische Störungen allgemein und in ihrer hohen (geschätzt: 0,3%) Prävalenz unterschätzt: erst seit einigen Dezennien wird sie erforscht, behandelt, ernstgenommen. Der geschundene und der geschändete Mensch: Warum wollte man ihn psychiatrischerseits so lange nicht sehen? Und will ihn heute vor lauter «Brain-Euphorie» wieder nicht mehr sehen?
Der Autor ist 1937 geboren; er wird genug Traumatisches im Krieg und in der Nachkriegszeit erlebt haben: diese «auctoritas» und diese Authentizität hat er!
Man könnte viele schöne Worte machen: sprechen von «schulenübergreifend», «integrativ», «nachsozialisierender SelbstBildung», «komplementären Behandlungskonzepten», «Vermeidung von Re-Traumatisierung», «existentiellem Aspekt» u.v.a.m., was oft in Rezensionen steht.
Ich will einfach sagen, wodurch mich das Buch restlos überzeugt und für sich eingenommen hat:
Es ist einmal die Sprache des Autors: Man muss wohl 70 Jahre alt sein, einen sehr guten Deutschlehrer gehabt haben und einfach ein schriftstellerisches Talent mitbringen, um noch so schöne Sätze schreiben zu können wie Schneider. Danke für diesen Lesegenuss! Dann: Wer von den heutigen Psychologieoffiziellen greift noch auf die Gestaltpsychologie zwischen den beiden Weltkriegen zurück, die das Ziel der «guten Gestalt» der Traumapatienten schon formulierte und viele gute Übungen bereithält, um dissoziierten Bewusstseinen zu helfen!
Ausserdem: Ich finde es grossartig, wie der Autor Testmaterial aus der Leistungs- und projektiven Diagnostik als therapeutisches Trainingsinstrumentarium verwendet – ich mache das auch! Und: Man sagt es oft, aber hier stimmt es: Jeder Satz belegt, dass ein Praktiker mit einer immensen Erfahrung spricht, der sich aber auch nicht scheut, seine Erkenntnisse mit denen anderer zu vergleichen.
Auch gefällt mir (in jedem Fachbuch), wenn Kapitel mit Mottos eingeleitet werden, welche die Sache auf den Punkt bringen.
Sehr gefällt mir, dass der Autor auch über die Grenzen der Traumatherapie spricht: Der Therapeut, auch der beste, kann nicht dort Sinn schaffen, wo nie Sinn war und später auch keiner reinkam. Und Leiden alleine schafft auch keinen Sinn; das zu glauben, wäre zynisch.
Das Einzige, was mir nicht gefällt, ist die Reanimation der reaktiven Schizophrenie.
Doch das ist unerheblich. Das Schönste am Buch ist zugleich seine Grundbotschaft: die der Behutsamkeit im Vorgehen. Die Konfrontation mit dem Trauma nimmt nur die letzten Seiten des Buches ein; alles vorher widmet sich in vorbildlicher Konkretion und Ausfächerung vorbereitenden Übungen zum Ziel der (Teil-)Integration. Wie man die Patientin auf allerlei Wegen und Umwegen so stark machen kann, dass sie als wieder (einigermassen) einheitliche Person, als «Unikat», sich dem Leben bestimmt und dem Trauma vielleicht stellen kann: das ist der Inhalt des Buches. Und sein Tröstliches …
Ich habe das Glück, keine Traumen erlitten zu haben, nicht einmal Minitraumen. Ich habe das Glück der 10 Jahre späteren Geburt als Schneider. Hätte ich aber Traumen erleiden müssen, würde ich nicht zögern, zum Autor dieses Buches zu gehen, nachdem ich es gelesen habe, und ihn zu bitten, mir zu helfen.
H.-M. Zöllner, Zürich