Einleitung
Durch die Einführung der atypischen Antipsychotika wurden für die Therapie schizophrener Störungen völlig neue Perspektiven eröffnet. Bei mindestens ebenbürtiger Wirksamkeit in bezug auf die Positivsymptomatik [
1] haben die Antipsychotika der 2. Generation im Vergleich zu den klassischen Neuroleptika vor allem bei der Behandlung von Negativsymptomen, wie Antriebs- und Motivationsdefiziten, sozialem Rückzug oder Affektverflachung, ihre Vorteile [
2]. Gleichzeitig zeigen sie auch in Hinblick auf kognitive Defizite und depressive Symptome eine besondere Wirksamkeit [
3]. Gemeinsames Charakteristikum aller Atypika gegenüber den traditionellen Neuroleptika ist zudem das geringere Risiko, extrapyramidal-motorische Nebenwirkungen zu entwickeln [
4]. Auf der anderen Seite jedoch existieren auch innerhalb der Gruppe der modernen Neuroleptika erhebliche Divergenzen in bezug auf ihre antipsychotische Wirksamkeit und – in noch stärkerem Masse – ihre Verträglichkeit. Dies kann zu individuell unterschiedlich ausgeprägten Nebenwirkungen führen. Beispiele hierfür sind Sedation, Akathisie, Prolaktinerhöhung, Gewichtsveränderungen und metabolische Probleme, oder – mit letzterem zusammenhängend – eine Insulinresistenz [
3,
5].
Als partieller D
2-Agonist, partieller 5-HT
1AAgonist und 5-HT
2A-Antagonist gilt Aripiprazol als Dopamin-Serotonin-Systemstabilisator mit einem sich von anderen Atypika unterscheidenden Wirkmechanismus mit gleichzeitig guter Verträglichkeit [
6,
7,
8]. Dies hat zur Folge, dass Aripiprazol mit geringerer Wahrscheinlichkeit extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen, Gewichtszunahmen, Sedierungen, Hyperprolaktinämien oder QTc-Verlängerungen verursacht [
8,
9].
Dennoch müssen sich solche überwiegend positiven Studienergebnisse erst in der realen Praxis unter spezifischen und oft schwierigen Verhältnissen bestätigen. Obwohl erst kürzlich den Schweizer Psychiatern der Privatpraxen ein verantwortungsvolles Handeln im Umgang mit Neuroleptika nach den Richtlinien der internationalen Guidelines attestiert wurde [
10], sieht der Praxisalltag oft ernüchternd aus: Die mangelnde Compliance vieler Schizophreniebetroffener und die hohen Behandlungsabbruch-Raten, oft verursacht durch starke Nebenwirkungen bestimmter Substanzen, lassen Ärzte und Patienten immer wieder nach anderen wirksamen antipsychotischen Medikationen suchen. Es besteht jedoch nicht nur Bedarf an verbesserten Behandlungsstrategien, sondern auch an mehr praktischen Informationen: Was ist wirklich relevant für die Patienten und ihre Ärzte? Welche Erwartungen haben Schizophrenie-Patienten an ihre Medikation? Wurden diese Hoffnungen nach einem Wechsel überhaupt erfüllt?
Das Ziel der vorliegenden Untersuchung war es, eine Therapieumstellung hin zu Aripiprazol wissenschaftlich zu begleiten und mehr Informationen zum schweizerischen Versorgungsalltag in der niedergelassenen Praxis zu erhalten. Dabei sollten Arzt und Patient gemeinsam ihre Erwartungen dokumentieren, die richtige Medikation finden und schliesslich die Ergebnisse bewerten.
Material und Methoden
Untersuchungsdesign
Im vorliegenden Praxiserfahrungsbericht TRACE wollte man im schweizerischen Praxisalltag in einem 12wöchigen Zeitraum von Juni 2004 bis Februar 2005 ausführliche Daten bei Umstellung von verschiedenen Antipsychotika auf Aripiprazol erhalten. Hierzu dokumentierten 112 Schweizer Psychiater und Psychiaterinnen insgesamt 303 Patienten in ihren Praxen, die sie auf Aripiprazol einstellten. Die Wahl der Therapie lag beim jeweils behandelnden Arzt und erfolgte unabhängig von der Teilnahme an diesem Praxiserfahrungsbericht. Die Daten wurden zu verschiedenen Zeitpunkten mit verschiedenen Fragebogen erfasst und dabei die Angaben nicht wie in klinischen Studien validiert und kontrolliert, sondern wie vom Arzt erhoben ausgewertet.
Während einer ersten Visite (V1) füllten die Ärzte gemeinsam mit den Patienten einen ausführlichen Fragebogen zur Diagnose (ICD-10), den Vorbehandlungen inklusive der Dosierung, dem Body Mass Index (BMI) und dem Therapieziel aus (
Tab. 1). Die Lebensqualität wurde separat mit einem ShortForm-SF-12-Score-Fragebogen (Erfassung der körperlichen und psychischen Summenskala) gemessen [
11,
12]. Auch die BPRSExtended (Brief Psychiatric Rating Scale) zur gesamten Psychopathologie-Beurteilung wurde dokumentiert [
13]. Während einer zweiten, allerdings nichtobligaten Visite (V2) nach 4 bis 8 Wochen und während einer Abschlussvisite (V3) nach 12 Wochen wurden erneut Daten mittels eines Fragebogens erhoben. Hierbei wurde wieder die aktuelle Medikation mit den Dosierungen, die Wirksamkeit (auf positive, negative, affektive und kognitive Symptomatik), die Verträglichkeit, der BMI, die Gründe für einen möglichen Therapieabbruch und die Lebensqualität mittels SF-12 und der BPRS-Extended erfasst.
Tabelle 1.
Untersuchungsverlauf.
Tabelle 1.
Untersuchungsverlauf.
Zur Bestimmung des BMI wurden die Patienten bei der Anfangs- und Abschluss-Visite in die vier Kategorien «untergewichtig» (BMI ≤18,5), «normalgewichtig» (BMI 18,5 bis 24,9), «präadipös» (BMI 25 bis 29,9) und «adipöser Grad 1–3» (BMI ≥30) eingeteilt. Aufgrund der, in diesem Praxiserfahrungsbericht, angewandten Untersuchungsart wurde kein formaler Genehmigungsprozess der schweizerischen Ethikkommissionen bzw. der Swissmedic benötigt. Alle Patienten wurden ambulant behandelt.
Folgende statistische Test wurden durchgeführt: gepaarter t-Test, gepaarter Wilcoxon-Signed-Rank-Test und der Chiquadrat-Test. Sämtliche statistischen Tests wurden mit der Statistiksoftware SPSS 13 erstellt.
Patienten und Ärzte
An der Untersuchung beteiligten sich 112 Psychiater und Psychiaterinnen aus der gesamten Schweiz. Sie hatten zuvor ein spezifisches Training zur Nutzung der Skalen/Fragebogen erhalten.
Die 303 teilnehmenden Patienten, rekrutiert aus allen Teilen der Schweiz, waren zu 53% weiblich und zu 47% männlich. In 89% (n = 270) der Fälle wurde vom Facharzt die Diagnose einer schizophrenen oder schizo-affektiven Störung gestellt, die restlichen Patienten litten unter anderen psychischen Störungen. In der Untersuchung wurden sowohl Patienten in der Erhaltungsphase als auch Patienten mit akutem Rezidiv berücksichtigt.
Von den Patienten waren 47,5% (n = 144) zwischen 20 und 39 Jahre und 44,2% (n = 134) zwischen 40 und 59 Jahre alt. Die restlichen 8,2% (n = 25) waren entweder unter 20 oder ≥60 Jahre alt. Zu Beginn der Beobachtung zeigten 37,3% der Patienten (n = 113) keine psychiatrischen Komorbiditäten. Hingegen waren 33,3% (n = 101) depressiv, 18,8% (n = 57) hatten Abhängigkeitsstörungen (Alkohol, Cannabis und andere) und 18,8% (n = 57) hatten verschiedene andere psychiatrische Komorbiditäten. Bei der ersten Visite (V1) hatten 31% der Patienten (n = 94) keine internistische Komorbidität, 27,1% (n = 82) waren aktive Raucher, 23,4% (n = 71) waren adipös (BMI ≥30), 10,2% (n = 31) litten unter Bluthochdruck, 7,3% (n = 22) hatten eine Galaktorrhoe, 6,6% (n = 20) Lipidstoffwechselstörungen, 5,6% (n = 17) einen Diabetes Mellitus, 1,3% (n = 4) Herzrhythmusstörungen und 21,1% (n = 64) hatten verschiedene andere Komorbiditäten. Die Dauer und das Alter bei Beginn der Schizophrenie-Erkrankung sowie sozioökonomische Daten wurden nicht erfasst.
Ergebnisse
Antipsychotische Vorbehandlung und Umstellung
Zu Beginn von TRACE (V1) hatten 96% (n = 291) der 303 Patienten mindestens eine antipsychotische Vorbehandlung hinter sich, bei 73% (n = 220) waren zuvor zwei oder mehr unterschiedliche Antipsychotika eingesetzt worden. Zum Zeitpunkt der Anfangsbefragung waren 4% der Patienten (n = 12) unbehandelt, davon hatten sechs eine erste psychotische Episode. Die Umstellung auf Aripiprazol erfolgte bei 33,6% der Patienten (n = 94) von Olanzapin, bei 17,5% (n = 49) von Quetiapin, bei 16,1% (n = 45) von Amisulprid, bei 14,3% (n = 40) von Risperidon, bei 11,4% (n = 32) von Clozapin und bei 3,2% (n = 9) von Haloperidol. Bei 29,4% (n = 89) der Patienten wurde zum Zeitpunkt der ersten Untersuchung (V1) noch ein Benzodiazepin zusätzlich verabreicht, 2,6% (n = 8) erhielten zwei unterschiedliche Benzodiazepine zusätzlich. Zur Therapie mit Aripiprazol bekamen 68% der Patienten (n = 206) kein Benzodiazepin.
Während der 12wöchigen Behandlungszeit mit Aripiprazol wurde, mit Ausnahme von Clozapin, eine Austitrierung aller anderen zusätzlichen Antipsychotika angestrebt. Nach der Umstellung auf Aripiprazol erhielten 83,8% der Patienten (n = 254) die empfohlene Dosierung von 15 mg/Tag, die übrigen 6,6% Teilnehmer (n = 20) 10 mg/Tag, 5,9% (n = 18) 30 mg/Tag oder 3,6% (n = 11) andere Dosierungen. Zum Zeitpunkt der Abschlussbeobachtung (V3) erhielten 72,6% (n = 220) der Patienten Aripiprazol in Monotherapie, 23,8% (n = 72) wurden mit einem und 3,6% (n = 11) mit zwei weiteren Antipsychotika behandelt. Von den Patienten erhielten 0,3% (n = 1) dazu ein Antidepressivum und 0,7% (n = 2) ein Antiepileptikum.
Erwartungen an die neue Medikation
Ärzte und Patienten versprachen sich von einem Wechsel der Medikation auf Aripiprazol verschiedene Vorteile. Mit 80,5% (n = 244) war die am meisten genannte Erwartung eine allgemein bessere Verträglichkeit, gefolgt von 45,5% der Patienten (n = 138), die weniger Negativsymptome und 40,3% (n = 122), die weniger Positivsymptome erhofften (
Abb. 1). Die hohen Erwartungen an eine günstigere Verträglichkeit konzentrierten sich bei 59,7% der Teilnehmer (n = 181) auf das Körpergewicht. Den Bedarf nach einem Wechsel aus Gewichtsgründen äusserten insbesondere Patienten, die zuvor mit Olanzapin (87,1%), Clozapin (84%), Amisulprid (66,7%), Quetiapin (65,9%) oder Risperidon (59,5%) behandelt worden waren.
Abbildung 1.
Therapieziele zu Beginn der Untersuchung – Erwartungen an die neue Medikation (n = 303, Mehrfachantworten möglich).
Abbildung 1.
Therapieziele zu Beginn der Untersuchung – Erwartungen an die neue Medikation (n = 303, Mehrfachantworten möglich).
Eine Reduktion von Nebenwirkungen wie Sedierung und Benommenheit wünschten sich 34% der Patienten (n = 104). Auch die Verringerung von sexuellen Funktionsstörungen war für 12% der Teilnehmer (n = 35) ein wichtiger Grund, die Medikation zu ändern. Für 8,2% der Patienten (n = 25) wurde als Ziel die Normalisierung des teilweise stark erhöhten Prolaktinspiegels angegeben, 6,3% (n = 19) wünschten sich eine Verbesserung des Fettstoffwechsels. Jeweils 5,9% der Teilnehmer (n = 18) erwarteten eine Verringerung der extrapyramidalen Störungen und einen Rückgang der Schlafprobleme.
Verbesserung der Symptomatik
Gut 12 Wochen nach der Umstellung auf Aripiprazol wurde die Wirksamkeit der neuen Medikation bei allen teilnehmenden Patienten (n = 303) erfasst. Was die Positivsymptomatik betraf, waren 45,9% der Patienten (n = 139) in einem besseren Zustand als zuvor, für 39,3% (n = 119) wurde der Zustand als stabil angesehen, 10,6% (n = 32) bewerteten die Wirksamkeit als schlechter (
Abb. 2). Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch in Hinblick auf die Negativsymptomatik. Bei 54,1% der Patienten (n = 164) wurde nach Ablauf der 12wöchigen Behandlungszeit die Wirksamkeit vom Arzt als «viel besser» oder «besser» bewertet.Weitere 37,3% (n = 113) wurden als «stabil» angesehen; 4,6% (n = 14) waren mit dem Ergebnis nicht zufrieden.
Abbildung 2.
Wirksamkeit nach 12wöchiger Aripiprazol-Therapie.
Abbildung 2.
Wirksamkeit nach 12wöchiger Aripiprazol-Therapie.
Die affektive Symptomatik wurde bei 54,4% der Patienten (n = 165) nach der Behandlung mit Aripiprazol in der Abschlussbeurteilung als «viel besser» oder als «besser» betrachtet, für 29% (n = 88) blieb die Symptomatik unverändert. Auch die kognitiven Symptome verbesserten sich: 53,1% der Patienten (n = 161) wurden als «viel besser» oder «besser» beurteilt.
Zu Beobachtungsbeginn (V1) wurden 301 Patienten mit einem durchschnittlichen Gesamt-BPRS-Extended-Score von 61,5 (± 18,6) erfasst. Er hatte sich zum Zeitpunkt der Abschlussbeobachtung (V3) bei den dort registrierten 276 Patienten mit einem durchschnittlichen Wert von 47,6 (± 17,8) signifikant verbessert (p <0,001; gepaarter t-Test [
Tab. 2]).
Tabelle 2.
BPRS-E-Score (Mittelwert: p <0,001 für alle Untergruppen, Standardabweichung).
Tabelle 2.
BPRS-E-Score (Mittelwert: p <0,001 für alle Untergruppen, Standardabweichung).
Gewicht und BMI
Zur Bestimmung des BMI wurden die Daten von 290 Patienten aufgenommen. Zum Zeitpunkt V1 waren 36,9% der Patienten (n = 107) leicht adipös (BMI 25 bis 29,9), 12 Wochen später war dieser Wert mit 36,6% (n = 106) fast konstant. Dagegen hatte sich der Prozentsatz an deutlich fettsüchtigen Patienten (BMI ≥30) von 26,9% (n = 78) zu Beginn der Untersuchung auf 24,1% (n = 70) (V3) vermindert. Entsprechend vergrösserte sich der Anteil an Normalgewichtigen: von 35,9% (n = 104) bei Visite 1 auf 38,6% (n = 112) bei der Abschlussuntersuchung (Chiquadrat-Test). Das Durchschnittsgewicht der Patienten reduzierte sich signifikant von anfangs 80,4 ± 16,9 kg (n = 302) bis zur Abschlussvisite auf 79,1 ± 16,3 kg (n = 290; p <0,001; gepaarter Wilcoxon-Signed-Rank-Test). Auch der durchschnittliche BMI wurde von 27,6 ± 5,45 (n = 302, Visite 1) auf 27,1 ± 5,19 (n = 289, Visite 3) gesenkt (p <0,001; gepaarter Wilcoxon-Signed-Rank-Test).
Verträglichkeit und Nebenwirkungen
Für 77,9% aller Patienten (n = 236) wurde die allgemeine Verträglichkeit von Aripiprazol bei der Abschlussvisite (V3) als «sehr gut» bis «gut» bewertet (49,8% [n = 151] «sehr gut» und 28,1% [n = 27] «gut»). Für 6,9% der Patienten (n = 21) war die Verträglichkeit «akzeptabel» und für 8,9% (n = 27) «unbefriedigend», bei 6,3% (n = 19) konnten zum Zeitpunkt V3 keine Daten erhoben werden. Bei 79,9% aller Patienten (n = 242) traten im Gegensatz zu 20,1% (n = 61) durch die Behandlung mit Aripiprazol keine unerwünschten Nebenwirkungen auf (
Abb. 3). Die durchschnittliche Aripiprazol-Dosierung betrug 14,0 ± 1,6 mg/Tag zu Beginn der Beobachtung und 14,9 ± 2,7 mg/Tag am Ende des Beobachtungszeitraumes.
Abbildung 3.
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach 12wöchiger Aripiprazol-Therapie (n = 61, Mehrfachantworten möglich).
Abbildung 3.
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach 12wöchiger Aripiprazol-Therapie (n = 61, Mehrfachantworten möglich).
Von den 303 Patienten zu Beginn der Untersuchung führten 78,2% (n = 237) die Therapie zu Ende, 21,8% (n = 66) brachen die Behandlung ab. Als Gründe für diese Abbrüche wurden (bei Mehrfachantworten) angegeben: ungenügende Wirksamkeit (36,4%; n = 24); schlechte Verträglichkeit (36,4%; n = 24), Erwartungen an die Therapie nicht erfüllt (16,7%; n = 11), mangelnde Compliance (16,7%; n = 11), Fernbleiben des Patienten (6,1%; n = 4) und andere Gründe (28,8%; n = 19).
Lebensqualität
Zu Untersuchungsbeginn (V1) und -ende (V3) wurde bei 300 (V1) bzw. 275 Patienten (V3) eine Beurteilung der Lebensqualität und des Gesundheitszustandes mittels der standardisierten SF12-Skala durchgeführt. Für die körperliche Summenskala lag der durchschnittliche SF12-Wert zum Zeitpunkt V1 (n = 300) bei 43,8 ± 10,1; 12 Wochen später (V3, n = 275) bei 47,1 ± 9,1 (p <0,001, gepaarter t-Test). Bezüglich der psychischen Summenskala verbesserte sich der durchschnittliche SF12-Wert im Laufe der Beobachtungszeit ebenfalls signifikant von 33,9 ± 10,96 (V1) auf 41,8 ± 11,28 (V3) (p <0,001, gepaarter t-Test).
Diskussion
Im vorliegenden Praxiserfahrungsbericht TRACE wurde nach 12wöchiger Beobachtungszeit anhand einer Stichprobe von Schweizer Patienten gezeigt, dass nach einer Umstellung von unterschiedlichen Antipsychotika auf Aripiprazol die Wirksamkeit und Verträglichkeit der antipsychotischen Behandlung bei Patienten mit schizophrenen Störungen in vielen Fällen nicht nur erhalten blieb, sondern sich sogar verbesserte. Für viele Patienten war, neben der Erwartung einer besseren Verträglichkeit, die Erwartung einer Steigerung der antipsychotischen Wirksamkeit ein wichtiger Grund, die medikamentöse Therapie zu wechseln. Knapp die Hälfte der Patienten wünschte sich eine Verbesserung der Positiv- und Negativsymptomatik, was für die Mehrheit dieser Patienten auch eintrat. Ähnliche Ergebnisse nach Umstellung von Olanzapin, Risperidon oder Haloperidol auf Aripiprazol sind aus der Umstellungsstudie von Casey et al. bekannt [
14].
Seit einiger Zeit rückt das Thema «Kognition» zunehmend ins Interesse der Schizophreniebehandlung, zumal bekannt ist, dass ein Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit der Patienten und dem langfristigen Erfolg der Behandlung besteht [
15,
16]. Könnte eine Therapie zum Beispiel das verbale Langzeitgedächtnis unterstützen, wie es in einer offenen Vergleichsstudie für Aripiprazol vermutet wurde, wäre ein höheres Niveau sozialer und beruflicher Kompetenz erreichbar [
17]. Man glaubt nämlich, dass Aripiprazol zusätzlich durch seine Wirkung als Dopamin-Agonist im mesokortikalen System in der Lage ist, die dortige dopaminerge Aktivität zu steigern. Dadurch – so die Vermutung – wird der niedrige Dopaminspiegel in dieser Hirnregion angehoben, was wiederum die kognitiven Leistungen fördert [
18]. Während der 12wöchigen Aripiprazol-Behandlung im vorliegenden Praxiserfahrungsbericht hatten sich die kognitiven Leistungen bei über der Hälfte der Patienten verbessert. Die Analyse, ob diese Patienten von einem sedierenden Neuroleptikum auf Aripiprazol umgestellt wurden und damit der Faktor Sedation eine wesentliche Rolle spielen könnte, wurde nicht durchgeführt, da 28,7% aller Patienten (n = 87) am Ende der Untersuchung (V3) zusätzlich zu Aripiprazol ein Benzodiazepin erhielten, was die Interpretation des Resultats beeinflusst hätte.
Übergewicht
Durch starkes Übergewicht droht nicht nur soziale Stigmatisierung und dadurch die Beeinträchtigung des Lebensgefühls [
19,
20], sondern zuviel Gewicht ist auch mit mehr Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfall verbunden [
9,
21,
22,
23]. Jüngste Arbeiten deuten darauf hin, dass neben dem gewichtsbedingten Risiko für Typ-2-Diabetes einige Antipsychotika auch direkt zur Erhöhung des Blutzuckerspiegels beitragen könnten. Dies würde das Diabetes-Problem bei Schizophrenie-Patienten weiter verschärfen [
24,
25].
Verständlicherweise stand daher auch in der vorliegenden Untersuchung häufig der Wunsch nach einer Normalisierung oder zumindest einer Stabilisierung des Körpergewichts im Zentrum der Erwartungen. Rund drei von vier Ärzten erhofften sich für ihre Patienten eine Reduktion bzw. Stabilisierung der durch andere Antipsychotika bedingten Gewichtszunahme. Für solche Atypika (z.B. Olanzapin) wurden schon in früheren Analysen klinisch relevante Gewichtszunahmen nachgewiesen [
9,
26,
27], während sich das Gewicht dagegen unter Aripiprazol stabilisiert oder sogar vermindert hatte. In einer neueren 26wöchigen Studie hatten Patienten unter Olanzapin eine durchschnittliche Zunahme von 4,2 kg zu verzeichnen (p <0,001), unter Aripiprazol hingegen wurde eine durchschnittliche Gewichtsabnahme um 1,4 kg beobachtet [
9]. Auch in der Umstellungsstudie von Casey et al. zeigten Patienten, die zuvor mit Olanzapin behandelt worden waren, nach der Umstellung auf Aripiprazol eine Reduktion des Körpergewichts [
14]. Der vorliegende Praxiserfahrungsbericht bestätigt diese Ergebnisse, denn leicht adipöse bzw. adipöse Patienten hatten mit Aripiprazol ihr Gewicht gehalten bzw. leicht reduziert. Infolgedessen vergrösserte sich der Anteil an Normalgewichtigen im nur 12wöchigen Untersuchungszeitraum.
Allgemeine Verträglichkeit
Allgemein wurde die Verträglichkeit von Aripiprazol von der überwiegenden Mehrheit der Befragten bei der Abschlussvisite als «sehr gut» bis «gut» bewertet. Diese Beurteilung ist hauptsächlich auf das Auftreten von relativ wenigen Nebenwirkungen zurückzuführen. Rund 80% der Patienten hatten am Ende der Untersuchung keine unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu verzeichnen. Diese Ergebnisse werden durch eine Umstellungsstudie bestätigt, in der sich z.B. die extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen nach dem Wechsel von Olanzapin, Risperidon oder Haloperidol auf Aripiprazol vermindert hatten [
14,
28].
Dennoch klagte in der TRACE-Untersuchung etwa jeder fünfte Patient über unerwünschte Nebenwirkungen, vor allem über innere Unruhe, verbunden mit Nervosität, Zittern, Exzitation und Schlafstörungen. Obwohl aus einer ganzen Reihe weiterer Studien bekannt ist, dass eine Aripiprazol-Behandlung bei Patienten mit Schizophrenie oder schizoaffektiven Störungen in der Regel gut vertragen wird und solche Beschwerden häufig nur vorübergehend auftreten, sollte versucht werden, sie zu minimieren [
6,
7,
8,
19,
29,
30,
31].
Diese naturalistische Beobachtung wurde an das Schweizer Versorgersystem angepasst. Dabei wurden erstmals auch die Erwartungen von Schweizer Patienten und Ärzten an eine solche Therapieumstellung erfasst. Da es sich um einen Praxiserfahrungsbericht handelt, wurden keine Intent-to-Treat-Analyse und keine Randomisierung durchgeführt, was die Gefahr von Selektionseffekten birgt.
Fazit
Bei vielen der in der TRACE-Untersuchung dokumentierten Patienten mit Schizophrenie hat die Umstellung auf Aripiprazol in punkto Wirksamkeit und Verträglichkeit einen klaren Fortschritt gezeigt. Die Erwartungen und Hoffnungen, die von den Schweizer Patienten und deren Ärzten in einen Therapiewechsel gesetzt wurden, hatten sich in den meisten Fällen nach Ende der Beobachtungszeit erfüllt. Durch die deutlich bessere physische als auch mentale Gesundheit der Patienten konnte die allgemeine Lebensqualität deutlich verbessert werden.