Es herrscht zur Zeit kein Mangel an Neuerscheinungen von Neuroradiologielehrbüchern. Nachschlagewerke, in denen komprimiert die «wichtigsten» Krankheitsbilder besprochen werden—wie beispielsweise der «PocketRadiologist: Brain Top 100 Diagnoses», das von Anne Osborn herausgegeben wurde –, erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit. Dies ist auch dem Georg Thieme Verlag nicht entgangen, der eine «Pareto-Reihe Radiologie» aufgelegt hat. Vilfredo Pareto (1848–1923), ein italienischer Ökonom, bemerkte, dass 80% des Volksvermögens in 20% der Familien konzentriert war. Er folgerte daraus, dass sich die Banken vornehmlich um diese 20% der Menschen kümmern sollten, um ihre Auftragslage zu sichern. Daraus leitet sich das Pareto-Prinzip ab, auch «80-zu-20-Regel» genannt, nachdem sich viele Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von 20% erledigen lassen.
Für die Pareto-Reihe von Thieme soll nach Eigenaussage gelten, dass sie dem Leser durch Darstellung der wichtigsten Diagnosen bei der Routinearbeit die nötige Sicherheit gibt, damit man sich «entspannt» den ungewöhnlichen Fällen widmen kann.
Erfüllt das Buch «Gehirn» dieser Reihe, verfasst von den renommierten Heidelberger Neuroradiologen Sartor, Hähnel und Kress, diese Anforderung? Das Buch ist in 13 Kapitel gegliedert (Trauma,Tumoren,Schlaganfall usw.), innerhalb derer die einzelnen Krankheitsentitäten erörtert werden. Für diese werden in formal durchgehender Form stichwortartig epidemiologische und ätiologische Fakten angegeben, die Zeichen der Bildgebung inklusive der Differentialdiagnosen aufgeführt und mögliche Fehler bei der Bildinterpretation erläutert. Wert wurde auch auf die Angabe von klinischen Informationen gelegt, «Was will der Klinker von mir wissen?» lautet dabei einer der Unterpunkte.
Ein Standardlehrbuch kann—und will—dieses Nachschlagewerk nicht ersetzen. Hierfür ist der kurze, stichwortartige Stil sicher nicht geeignet. Zweckdienlich erscheint es jedoch für Radiologen mit Grundkenntnissen in der Neuroradiologie. Hier erlaubt es die formal übersichtliche Gliederung, schnell an relevante Informationen zu kommen, im Sinne eines «Ach-Ja-so-war-das»-Effektes, wobei insbesondere die relativ ausführlich angegebenen klinischen Informationen verstaubtes Wissen auffrischen. Umgekehrt kann das Buch auch für Neurologen und Neurochirurgen für die Indikationsstellung von radiologischen Untersuchungen von Interesse sein.
Die häufigsten Krankheitsbilder werden im Buch besprochen. Allerdings: Das Soll wird übererfüllt—so wird auch vielen selteneren Erkrankungen viel Platz eingeräumt. Für einzelne Krankheitsbilder werden komprimiert exzellente Informationen gegeben, bei anderen kann die Kürze des Textes zu Missverständnissen führen. Mit einer Reduktion der Zahl der dargestellten Krankheitsbilder bei gleichzeitig etwas ausführlicherer Darstellung der Haupterkrankungen wäre man dem Anspruch der Reihe näher gekommen. Die Abbildungen und Illustrationen sind für ein derartiges Nachschlagewerk ausreichend, die weiterführenden Literaturangaben sind recht solide. Hier wurde grosser Wert darauf gelegt, lokale deutschsprachige Publikationen einzubeziehen.
Fazit:
Das Buch ist insbesondere für Anfänger in der Neuroradiologie, die aber bereits über gewisse Grundkenntnisse im Fach verfügen, zu empfehlen—es bleibt aber zu hoffen, dass weiterhin alle Bankkunden betreut werden.
S. Wetzel, Basel