Die IV-Renten aus psychischen Gründen haben sich zwischen 1992 und 2002 in der Schweiz mehr als verdoppelt. Im Jahre 2003 sind sie nochmals drastisch angestiegen. Psychische Erkrankungen stellen im Jahre 2003 (in der Altersgruppe der unter 55jährigen) die am meisten festgestellte Ursache für Neuberentungen dar.
Der Anstieg der IV-Renten aus psychischen Gründen ist ein Alarmsignal. Er verweist zunächst darauf, dass immer mehr Menschen in der Schweiz nicht im Wohlstand leben. Ein Fünftel der IV-Rentner lebt nach einer neuen Studie der Fachhochschule Aargau sogar in desolaten Verhältnissen, nämlich nahe oder unter der Armutsgrenze. Wenn die Zahl der IV-Rentner aus psychischen Gründen in die Höhe schnellt, ist dies auch ein Hinweis darauf, dass das Wohlbefinden vieler Menschen in der Schweiz auf Dauer erheblich gestört ist.
Psychische Krankheit geht nicht nur nach der Krankheitsdefinition der WHO mit einer Störung der Befindlichkeit einher. Psychische Störungen manifestieren sich auch im Alltag – zum Beispiel in Angst, (wahnhaften) Befürchtungen, Depressivität, Anspannung, gestörtem Schlaf und leiblichen Missempfindungen.
Wenn immer mehr Menschen auf Grund exogener und endogener Faktoren mit ihrer Lebenssituation nicht fertig werden und im Zusammenhang mit ihren psychosozialen Nöten erkranken und eine IV-Rente erhalten, so darf dies nicht bagatellisiert werden. Nicht nur wegen der anfallenden Kosten, die Behandlungen und Renten verursachen, sondern vor allem wegen des sich darin offenbarenden Leidensausmasses und der sich dahinter versteckenden Hilflosigkeit, wie mit dieser Not umgegangen wird.
Es ist zwar legitim zu fragen, inwieweit die Zunahme der IV-Renten mit der Medikalisierung unserer Gesellschaft zu tun hat. Es ist aber nichtangebracht, die IV-Rentner aus psychischen Gründen in die Schamecke zu stellen und ihre Problematik als Scheinproblem herunterzuspielen. Ein solches Vorgehen weckt den Verdacht, mit der Schaffung von Sündenböcken von eigenen Versäumnissen und Handlungen abzulenken. In der Tat spricht vieles dafür, dass der drastische Anstieg der IVRentner mit der Deregulierung der Wirtschaft zu tun hat, insbesondere mit dem enormen Abbau von Arbeitsplätzen und den in immer kürzeren Abständen erfolgenden Umstrukturierungen. Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und erhöhtem Risiko, psychisch zu erkranken, wurde in vielen Studien stichhaltig belegt. Der Verlust von Arbeit führt nicht nur zu finanziellen Schwierigkeiten, sondern geht auch oft mit einem Rollen- und Prestigeverlust einher und kann persönliche und familiäre Schwierigkeiten verstärken.
Der Problemkreis der Langzeit-Arbeitslosigkeit wird kurzfristig mindestens ein Stück weit durch die IV entschärft. Dazu tragen Arbeitgeber, Versicherer, Fürsorgeämter, Anwälte und Ärzte gleichermassen bei. Längerfristig krankt diese «Gesundheitspolitik» aber an den Folgen, die eine Invalidisierung den betroffenen Menschen einbrockt. Es ist dringend an der Zeit, von Invalidität gefährdete Menschen frühzeitig zu unterstützen und auch für Unternehmen Anreize zu schaffen, damit die Ausgliederung dieser Menschen möglichst vermieden wird. Gleichzeitig sind neue Formen von Arbeit, wie gemeinnützige Tätigkeiten, anzuerkennen und Renten soweit möglich durch Soziallöhne zu ersetzen, um das durch Stellenknappheit erzeugte Problem zu entschärfen.
Es wäre keine schlechte Sache, wenn die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie die Verhinderung der Invalidisierung in diesem angefangenen Jahr immer wieder zum Thema machen würde.