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Book Review

Gerhardt Nissen: Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Alters- und entwicklungsabhängige Symptomatik und ihre Behandlung

by
Th. von Salis
Zürich, Switzerland
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2003, 154(3), 145-146; https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01364
Published: 1 January 2003
Mit Nissens Lehrbuch liegt endlich eine Einführung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie auf deutsch vor, die gut lesbar und kompetent den Stand des Wissens und Könnens wiedergibt. Die Adressaten, Fachärzte, Psychotherapeuten, Pädagogen, Schwestern und Pfleger, werden es dem Autor danken. Die Früherfassung von behandlungsbedürftigen Störungen wird durch dieses Buch mit seinen Hinweisen auf Ursachen, Komplikationen, Differentialdiagnosen, Komorbidität und therapeutische Möglichkeiten sicher wesentlich gefördert.
Auch ganz allgemein trägt Nissen mit seiner reichen Erfahrung und seinem gut organisierten Wissen dazu bei, dass der Leser sich bilden kann. Er wird neben der Klinik auch eingehend auf die Forschung hingewiesen, und dabei kommt auch die psychoanalytische Grundlage nicht zu kurz, die der Forschung so viele Impulse gegeben hat – Spitz, Bowlby, Winnicott, auch Mahler und viele andere Psychoanalytiker werden neben den sie weiterführenden Forschern (wie zum Beispiel das Ehepaar Papousek) wiederholt zitiert.
Was man über die Kinderentwicklung weiss, wird in extenso und wo nötig mit Wiederholungen aufgeführt – der Leser kann das Buch irgendwo aufschlagen und bekommt jeweils den Kontext zum behandelten Thema mitgeliefert.
Dem Rezensenten fehlt allerdings ein Eingehen auf die Separation-Individuation mit der für die Psychopathologie besonders wichtigen Subphase der Wiederannäherungs-Krise. Kürzlich hat der gleiche Klett-Cotta-Verlag, der das hier besprochene Buch herausgibt, einen Aufsatzband von Anni Bergman (Anni Bergman: ICH und DU. Die Individuations- und Separationstheorie in psychoanalytischer Forschung und Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta; 2001. ISBN 3-608-94258-0) publiziert, wo in einer einigermassen genügenden deutschen Übersetzung differenzierte Abhandlungen über das hochkomplexe Gebiet der Mutter–Baby-Interaktion zu finden sind. Darin wird ersichtlich, dass die heute so modischen Bindungsforschungen und die daraus abgeleiteten Theorien, auf die Nissen hinweist, noch nicht auf dem Niveau angelangt sind, wo sie zur Erklärung entwicklungsbedingter Psychopathologie wirklich taugen. Der Praktiker kann mit den frühen Forschungen der Mahler-Gruppe heute noch mehr anfangen als mit den Resultaten der Bindungsforschung.
Auch geschichtliche Perspektiven werden, wo es sinnvoll ist, eröffnet, zum Beispiel im Kapitel über den Autismus, wo Emminghaus 1887 zitiert wird, der Säuglinge beschrieb, die «‹matt und leer› blickten, nicht lächelten, beim Anblick der Mutter ‹kein Zeichen der Zuneigung, der Freude› zeigten, ihre Stimme nicht erkannten, Gehörreize nicht wahrnahmen und keine ‹phonetischen und mimischen Äusserungen› von sich gaben».
Das Buch ist sorgfältig und graphisch sinnvoll gestaltet, sinnentstellende Fehler selten – ein amüsantes Beispiel findet sich auf S. 264: «In den letzten 40 Jahren wurde eine kaum noch unüberschaubare Anzahl [...].»
Einen besonderen Hinweis verdient neben all den übrigen gründlich dargestellten Gebieten der Kinderpsychiatrie das Kapitel über die Angststörungen. Darin werden auch Familiensitzungen (zur Behandlung des Schulschwänzens) erwähnt: «die oft passiven Väter (sollten) regelmässig teilnehmen».Wenn statt der bekannten wirksamen psychodynamischen Therapien Verhaltensmodifikations-Techniken empfohlen werden, die bekanntermassen oft zu wenig kompetent durchgeführt werden, ist das zu bedauern. Zu viele vorerst schiefgegangene Therapieversuche landen beim Psychoanalytiker, wenn schon viel Kredit für die «Helfer» aufgebraucht ist.
Es wird daran liegen, dass in Deutschland, wie überhaupt in eher nördlichen Ländern, die Gruppe als soziale «Zelle» nicht recht bekannt oder allenfalls unbeliebt ist. Das mag für das nur in geringem Masse genutzte Potential der Gruppentherapie mit Familien mitverantwortlich sein.
Einem Kandidaten für die Kinder- und Jugendpsychiatrie-Facharztprüfung kann das Buch, wie den oben genannten Adressaten, durchaus zur empfohlenen Bibliographie hinzugefügt werden.
Th. von Salis, Zürich

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von Salis, T. Gerhardt Nissen: Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Alters- und entwicklungsabhängige Symptomatik und ihre Behandlung. Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 2003, 154, 145-146. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01364

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von Salis T. Gerhardt Nissen: Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Alters- und entwicklungsabhängige Symptomatik und ihre Behandlung. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 2003; 154(3):145-146. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01364

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von Salis, Th. 2003. "Gerhardt Nissen: Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Alters- und entwicklungsabhängige Symptomatik und ihre Behandlung" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 154, no. 3: 145-146. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01364

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von Salis, T. (2003). Gerhardt Nissen: Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Alters- und entwicklungsabhängige Symptomatik und ihre Behandlung. Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 154(3), 145-146. https://doi.org/10.4414/sanp.2003.01364

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