Emanuel Hurwitz hat in einem früheren Editorial einen ethischen Gesichtspunkt aufgegriffen, als er den Ausstellungsbetrieb der Pharmafirmen an einem Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie kritisierte.
Die Ethik hat in unseren Fächern für mein Gefühl einen viel mehr impliziten als expliziten Charakter. Die Aufopferung des Arztes für seine Patienten ist uns seit Freud nicht mehr ein ungebrochenes oberstes Gebot, da wir gelernt haben,dass in der latenten Gegenübertragung Aggressionen lauern können, die sich eben gerade in besonderer Aufopferung äussern können.
Die Liebe zum Patienten ist auch nicht mehr hoch im Kurs, seit es so weit gekommen ist, dass zum Beispiel amerikanische – und europäische! – Kinderpsychiater nur noch in Gegenwart einer Drittperson mit einem Kind spielen, aus Angst vor einer Klage auf sexuellen Missbrauch.
Die Video-Aufnahmen von diagnostischen und therapeutischen Gesprächen oder Spielsitzungen werden nicht mehr nur zu didaktischen oder Forschungszwecken gemacht, sondern eben auch zum Schutz vor potentiellen Angriffen wegen «unethischen Verhaltens».
Da die Ethik in der Therapie im wesentlichen darauf beruht, dass man die Patienten nach dem besten verfügbaren Standard behandelt, und dies zu möglichst ökonomischen Konditionen, kann unter den Verhältnissen des Misstrauens ein Konflikt in der Wahl der Behandlungsmethode entstehen. War es bisher eine Selbstverständlichkeit, dass man psychotherapeutische Gespräche und Spielsitzungen in einer intimen Zweiersituation, sei es im Einzel-, Paar- oder Gruppen-Setting, durchführt, damit eine Tiefendimension erreicht werden kann, die keine aussenstehenden Beobachter toleriert, gilt gerade eine solche Situation heutzutage für viele als zumindest gefährlich im Hinblick auf Grenzverletzungen.
Es gehört zu den impliziten ethischen Fragen, inwiefern eine Behandlung dem höchsten Standard entspricht oder nicht und ob sie ökonomisch noch im vertretbaren Rahmen liegt.
In diesem Zusammenhang ist die Qualitätssicherung in unseren Fächern an die Stelle der höchsten Prioritäten gerückt; und zwar muss die Qualität nicht nur beim Verschreiben von Medikamenten gewährleistet sein, sondern auch in bezug auf die menschliche Kommunikation.
Wir finden in dem vorliegenden Heft Arbeiten, die sich mit dieser Problematik beschäftigen, zum Beispiel diejenige über den Zürcher Fragebogen zur Patientenzufriedenheit (Modestin et al.). Auch die Artikel von Dörner über Chronischkranke und von Frick et al.über die Zwangsbehandlung nehmen direkt auf ethische Fragen Bezug.
Riecher-Rössler und Hofecker Fallahpour rufen zu mehr Aufklärung und Prophylaxe in Sachen postpartaler Depression auf.
Auch im Artikel über die Anpassungsstörung (Lott et al.) wird die ethisch relevante Frage nach der Stigmatisierung v.a. jugendlicher Patienten erhoben, die durch psychiatrische Diagnosen erfolgen könnte, die aber durch einen möglichen oder eben unmöglichen Ausweg durch die Abschwächung in Form einer «Nicht-Diagnose» wie z.B. «Anpassungsstörung» eventuell vermieden werden könnte. Das ist ein weites Feld!
Thomas von Salis