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Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy is published by MDPI from Volume 176 Issue 1 (2026). Previous articles were published by another publisher in Open Access under a CC-BY (or CC-BY-NC-ND) licence, and they are hosted by MDPI on mdpi.com as a courtesy and upon agreement with the previous journal publisher.
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Kann man über Ressentiments diskutieren?

by
Yigal Blumenberg
Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 1997, 148(6), 255-257; https://doi.org/10.4414/sanp.1997.01008
Published: 1 January 1997
Die Antwort C. Ernsts auf den Kommentar von U. Kreuzer-Haustein und G. Schmidt macht erneut in aller Deutlichkeit klar, dass der nationalsozialistische Völkermord an den Juden und die darin zum Ausdruck kommende Identifizierung des deutschen Kollektivs mit dem Antisemitismus tatsächlich einen Zivilisationsbruch markiert, der die Vergangenheit gegenwärtig andauern lässt: Mit der Zerstörung jeglicher Ethik sind auch alle kulturellen und wissenschaftlichen «Sicherheiten» in Frage gestellt. Was also tun? Resignation und Aufgeben sind die ersten Schritte des Vergessens, und dies ist, so Elie Wiesel, schlimmer als der Tod: eine Wiederholung des Zivilisationsbruches.
Bisher sind zahlreiche Rezensionen erschienen, die sehr detailliert A. Dührssens Buch analysieren (vgl. Bibliographie des Kommentars von U. Kreuzer-Haustein und G. Schmidt). Es fällt auf, dass die Kritik, die viele Rezensenten gegen Dührssens Darstellung formulieren und die im Kommentar von Kreuzer-Haustein und Schmidt beleuchtet wird, von C. Ernst nicht vollständig und differenziert aufgenommen, vielmehr verkürzt nur aufgegriffen und banalisiert wird. Es macht den Eindruck, dass C. Ernst die Darstellung Dührssens ritualisierend wiederholt,was oft die Funktion hat,eine «heimliche» Identifizierung zu verbergen und die bewusste Wahrnehmung und Auseinandersetzung zu vermeiden.
Von welchen Psychoanalytikern ist die Rede, wenn gesagt wird, dass sie «aus finanziellen Gründen zur Emigration gezwungen wurden»? Natürlich meint C. Ernst die jüdischen Psychoanalytiker. Damit verharmlost sie nicht nur die durch die Nationalsozialisten erzwungene Emigration durch mögliche «finanzielle Gründe» der ins Exil vertriebenen. Sie schliesst sich vielmehr der Vorstellung A. Dührssens an, wonach jene «konservativere Richtung»,die «sich auf die Position Freuds zurück(zog)», kein Interesse zeigte, sich «den praktischen Erfordernissen einer armen und wenig gebildeten Klientel» anzupassen. Damit wird ein Gegensatz zwischen den Psychoanalytikern, die zur «Emigration gezwungen waren», und jenen, die sich «unter dem Druck der schweren Jahre»… den praktischen Erfordernissen einer armen und wenig gebildeten Klientel an(passten), konstruiert.
Abgesehen davon, dass das Bild vom «Druck der schweren Jahre» erstens suggeriert, die deutschen Psychoanalytiker hätten in den Jahren 1933–45 als «Opfer» unter einer schweren Last gelitten, und zweitens vergessen machen soll, dass sie vielmehr eine schnelle und reibungslose «Selbstgleichschaltung» vollzogen, abgesehen davon wird der feindliche Gegensatz zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland bzw. den antisemitisch identifizierten deutschen Psychoanalytikern und den jüdischen Psychoanalytikern, die an «einer armen und wenig gebildeten Klientel» interessiert waren,und jenen,die aus «finanziellen oder politischen Gründen» emigrierten,verwandelt. Damit scheint de Institutionalisierung des Antisemitismus in den Jahren 1933–45 – als gesellschaftlich sanktionierte Totalisierung (Dogmatismus) – in einem Nebel zu verschwinden. Die Not der Emigration der jüdischen Psychoanalytiker, deren Diskriminierung, Verfolgung (und Ermordung) wird auf deren eigennützige finanzielle oder unbestimmte politische Interessen zurückgeführt, die sich keinen Deut um die «praktischen Erfordernisse einer armen und wenig gebildeten Klientel» scheren.Letztlich sei es jenen jüdischen Psychoanalytikern in keiner Weise um eine psychotherapeutische Fürsorge gegangen. Freud habe ja auch «ausdrücklich nicht (gewünscht), dass seine Analyse sich zu einer psychotherapeutischen Methode unter andern entwickle», sondern habe dogmatisch an «fundamentalen Annahmen» festhalten wollen, über die nicht diskutiert werden durfte. So verkehren sich die mehr oder minder freiwillig gewollten Konzessionen der deutschen Psychoanalytiker an die nationalsozialistische Bürokratie und erscheinen als «Eigennutz» und «Politikum» im Verhalten und Denken der jüdischen Psychoanalytiker.
Diese Verkehrung ins Gegenteil und projektive Abwehr ist nicht neu. 1991 ist das Buch von G. Wunderlich «Die Öffnung der Psychoanalyse – Von der elitären Privatwissenschaft zur anerkannten Behandlungsmethode» erschienen,das sich – bezogen auf die deutsche Szene der Psychoanalyse – wie ein Vorgeschmack auf das Buch von A. Dührssen liest. Schon die Polarisierung im Titel weist auf sein Programm hin, Freud und die in seiner Tradition stehenden Psychoanalytiker zu diffamieren: Jene «elitäre Wissenschaft» sei nämlich voller «abwertender Einstellungen» Freuds gegenüber nicht wohlhabenden Patienten (ib., S. 14), die er diskriminiere und verachte (ib., S. 17), ja die Psychoanalyse sei überhaupt durch ein «elitäres Privatinteresse einer kleinen Gemeinde» (ib., S. 143) gekennzeichnet, Dies kann auch so gelesen werden: Der auserlesenen, auserwählten, kleinen Gemeinde der Juden sei es letztlich nur um das Geld der Patienten bzw. der breiten Bevölkerungsschichten zu tun, und dieses Privatinteresse stehe in einem feindlichen Gegensatz zum öffentlichen, nationalen Interesse und Gemeinwohl. Wir haben es hier mit einer Anknüpfung an eine ältere antijudaistische Tradition und deren Reaktivierung in der nationalsozialistischen Propaganda (wie auch in G.Wunderlichs Denken) zu tun (vgl. Blumenberg 1996).
Einem ähnlichen antijüdischen Stereotyp begegnen wir auch in A.Dührssens Buch.Sie zitiert O. Rank und S. Ferenczi in bezug auf den vor ihr betonten Gegensatz zwischen «affektiven Erlebnismomenten» und durch «Einsicht» erzielten «intellektuellen Prozessen» im Verlaufe einer Psychoanalyse und meint dann: «Diese gleichen Formulierungen enthielten aber auch eine verborgene Kritik an der grundsätzlichen Einstellung Freuds,die er schon sehr früh (1909) in einem Brief an Jung dahingehend formuliert hatte, dass «Geld erwerben und Lernen» die günstigste bewusste Motivation für die Ausübung der Psychoanalyse sei» (S. 167). Abgesehen davon,dass das Zitat von Rank und Ferenczi in keiner Weise der von A. Dührssen – ohne Quellenangabe – zitierten Formulierung Freuds widerspricht, ist es auch noch falsch zitiert,wohl mit Bedacht,denn in dem Brief an Jung vom 25.1.1909 heisst es zu Beginn: «Ich weiss, für jeden kommt, nachdem er die ersten Erfolge überwunden hat, eine bitterböse Zeit in der (Psychoanalyse), in der [er] sie und ihren Urheber verflucht. (...) Zum Lehrer sind Sie ohnedies bestimmt, werden früher oder später genug davon bekommen, während man in die [psychoanalytische] Erfahrung getrieben werden muss.Es ist gut, nicht anders zu können. ‹Sein Bestes tut nur, wer nicht anders kann›, so ungefähr lässt C.F. Meyer den Mann auf der Ufenau sagen. Ich sage mir oft zur Beschwichtigung des Bewussten: Nur nicht heilen wollen, lernen und Geld erwerben! Das sind die brauchbarsten bewussten Zielvorstellungen» (Briefwechsel, 1984, S. 96f). Jung antwortet am 4.6.1909 Freud diesbezüglich: «… Übrigens habe ich mir Ihr klassisches Wort ‹nur nicht heilen wollen› faustdick hinter die Ohren geschrieben…» (ib., 5. 111). A.Dührssen zitiert also nicht nur falsch,sondern zugleich bewusst verfälschend: Während es Freud also gerade um eine therapeutische Redlichkeit, vielleicht sogar um Demut geht,weil das Unbewusste eben nicht zu meistern ist, und er dabei mahnt, neugierig und aufmerksam zu bleiben und nicht die materielle und soziale Notwendigkeit zu vergessen, sich beruflich zu betätigen – macht A.Dührssen Freud zum typischen Juden,der in erster Linie an das Geld und sodann an das Lernen denkt.
Es geht hier nicht um die hochfrequente Analyse; dies scheint mir eher ein Scheingefecht zu sein. In allen internationalen und deutschen Gruppierungen und Fraktionen der Psychoanalytiker wird seit langem eine intensive Debatte um die hochfrequente Analyse geführt. Aber den Leser würde es sicherlich interessieren, zu erfahren, wo Freud in seinem Werk – nach C. Ernsts Auffassung – es «ausdrücklich nicht wünschte, dass seine Analyse sich zu einer psychotherapeutischen Methode unter andern entwickle». Vielleicht bezieht sich C. Ernst auf folgende Aussage Freuds: «Ich sage Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge,die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt.» Dann aber erhalten wir eine völlig entgegengesetzte Aussage, insbesondere dann,wenn wir weiterlesen:«Als Therapie ist sie eine unter vielen,freilich eine prima inter pares. Wenn sie nicht ihren therapeutischen Wert hätte, wäre sie nicht an Kranken und durch mehr als dreissig Jahre entwickelt worden.»
Entscheidender – und darauf habe ich schon hingewiesen – ist letztlich die Frage nach dem Antisemitismus.Sie stellt den Kern dieser Debatte dar. In den Ausführungen C. Ernsts begegnet uns das Bild einer Psychoanalyse, die als jüdische Wissenschaft aufscheint und es mit Macht («erlaubt darüber keine Diskussion»),Geld («finanzielle Gründe») und geheimem Wissen («Komitee», «leichtere Zugänglichkeit der Psychoanalyse für Juden als für Nicht-Juden») operiert – womit alle klassischen antisemitischen Ressentiments vereint sind.
In der Abwehr des Antisemitismus-Vorwurfes weist C.Ernst – wie bereits A.Dührssen – darauf hin,dass Freud und seine «frühesten Schüler» es selbst gewesen seien, die «sich als unansehnlich schilderten»: «Sie selber (d.h. Freud und seine Schüler; Y. B.) sprachen ganz unbefangen von «jüdischer Rasse», von «talmudischem Denken», von leichterer Zugänglichkeit der Psychoanalyse für Juden als für Nicht-Juden.» C. Ernst hat tatsächlich Recht: Freud und seine Schüler (z.B. K. Abraham und S. Ferenczi) haben in diesem Sinne gedacht und sich brieflich auch so geäussert – nur nirgends und niemals im diffamierenden und entwertenden Sinn. Ich habe keine einzige Stelle in den Schriften Freuds oder im Briefwechsel mit K. Abraham oder S. Ferenczi gefunden, in der das «talmudische Denken» oder die Rede von einer «jüdischen Rasse» im Kontext eines Selbstbildes der «Unansehnlichkeit» aufgetaucht ist. Oder sind für C. Ernst diese Ausdrücke an sich schon gleichbedeutend mit «Unansehnlichkeit»?
Welche Bedeutung hat im Zusammenhang mit diesen Überlegungen C. Ernsts Verweis auf W. Rathenaus «vielbeachtete und skandalisierende Schrift»? Will sie auf das von Antisemiten stets mit viel Liebe aufgegriffene Bild des jüdischen Selbsthasses W. Rathenaus hinaus, der als deutscher Aussenminister 1924 von Rechtsradikalen ermordet wurde? U. Kreuzer-Haustein und G. Schmidt haben in unmissverständlicher Weise klargemacht, welche Funktion dieses Konstrukt vom jüdischen Selbsthass (nicht nur bei A. Dührssen) besitzt: «Wenn also beide – Juden und Deutsche – solche Bereitschaften in sich tragen, können die Juden auch Nazis und die Nazis auch Juden sein. Damit ist diskursiv die Grenze zwischen Nazitätern und jüdischen Opfern aufgehoben» (S. 210). Kein Zweifel, es läuft darauf hinaus, den Juden mit jenem obrigkeitshörigen Deutschen gleichzusetzen, der sich für Führer, Volk und Vaterland und im Namen eines tausendjährigen Reiches einem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden anheimgibt. So stattet A. Dührssen Freud mit den gleichen Mord-, Vertilgungs- und Ausrottungsimpulsen aus, die den Nationalsozialisten eigentümlich waren; aber da es ihm nicht möglich gewesen sei, «das Vertilgen und Ausrotten einer Feindgruppe nach alttestamentarischem Muster seinem Gott zu überlassen, waren es schliesslich die Behörden, die die ‹Vertilgung› vornehmen sollten. Die Psychoanalyse hat gewiss mit Recht gelehrt, dass auch den Opfern jene Impulse nicht fremd sind, die bei den Tätern zu grausamer Wirklichkeit werden.Und die Psychoanalyse hat auch gelehrt,dass nicht nur Täter und Opfer in ihrer unbewussten Dynamik miteinander verknüpft sind. Sie hat ebenso überzeugend aufgewiesen,wie der Ankläger nicht selten vor allem deshalb zum Ankläger wird,weil er die gleichartigen Impulse in der eigenen Brust auf diesem Weg bekämpfen muss» (A. Dührssen, S. 217). So werden die Opfer mit ihren Mördern identifiziert, die Unterschiede und Gegensätze eingeebnet und damit Verfolgung und Antisemitismus perpetuiert.
Oder bestreitet C. Ernst wirklich, dass folgende Stelle in A. Dührssens Buch nicht als Ausdruck der (heimlichen) Freude über den «Austritt» bzw. die erzwungene Emigration der jüdischen Analytiker verstanden werden kann? «Der patriarchalische Zug, der die Psychoanalytische Gruppe so lange beherrscht hatte, ging zurück. Der Kampf zwischen Söhnen und Vätern oder der Streit der Söhne um die Gunst des Vaters gehörte nicht mehr zu den weithin erkennbaren Konflikten unter den Mitgliedern (A. Dührssen, S. 177). Ängstigungen vor Freuds oder Anna Freuds Missfallen waren nun in der Gruppe unbekannt. Das Gefühl verblasste, dass man sich die Zugehörigkeit zur psychoanalytischen Familie nur mit einer gewissen Unterwerfungsbereitschaft erkaufen konnte und durch die ungefragte Akzeptanz von Theorien, deren Richtigkeit nicht belegt werden musste (ib., S. 179). … Freud (oder andere Mitglieder aus seinem engeren Kreis) hatte seine Stellung als die drohende oder anerkennende Vaterfigur der Psychoanalytiker verloren (ib., S. 181). … Man fürchtete sich auch nicht mehr vor der Missbilligung der andern Väter. Dafür war ein gewisser Pioniergeist übriggeblieben, der Geist der Aufklärung (ib., S. 183).» Welcher Leser wird wohl diese Zeilen nicht so interpretieren, dass durch den «Austritt» der jüdischen Analytiker ein «Gefühl der Freiheit» sich in der «Gemeinschaft» der deutschen Analytiker ausbreitete? «Pioniergeist» und «Geist der Aufklärung» sollten eben dadurch Einzug halten, dass der geistige Vater und die geistigen Geschwister «beseitigt» bzw. zum Austritt aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft gezwungen wurden. In einem Brief an R. Lockot beschreibt A. Freud ein Gespräch mit F. Boehm im Januar 1938:«Es stimmt auch,dass ich ein Gespräch mit Dr. Boehm bei seinem Aufenthalt in Wien gehabt habe, in dem er mir auseinandergesetzt hat, dass man die jüdischen Mitglieder zum Austritt aus der Vereinigung auffordern muss,was ich schlecht aufgenommen habe. Ich habe ihn gefragt, ob er denn bereit wäre, auch meinen Vater zum Austritt zu veranlassen, was er bejahend beantwortet hat. Ich könnte noch hinzusetzen, dass mein Vater nichts tun wollte, um es den Berlinern schwerer zu machen,aber einverstanden waren wir mit deren Handlungsweise natürlich nicht» (R. Lockot, 1985, S. 117).
Dieses bemerkenswerte persönliche Dokument bezeugt jene Schwierigkeit der deutschen Psychoanalytiker, zu trauern, indem verweigert wird, mit den ausgeschlossenen Juden in eine (innere) Beziehung zu treten. Die jüdischen Psychoanalytiker werden vielmehr als das externalisierte Fremde abgewertet. Boehm – wir können seine Antwort als die Stimme des deutschen psychoanalytischen Kollektivs nach dem Ausschluss der jüdischen Kollegen, also sozusagen in Folge eines Geschwistermordes, verstehen – hat nicht mehr und nicht weniger als den Vatermord bewusst befürwortend ausgesprochen: die feindselige Besetzung und Zerstörung der väterlichen Repräsentanz als einen Kern antisemitischen Denkens. Boehms Antwort meint, den Vater aus der Gemeinschaft auszuschliessen,die er begründet hat:Es bedeutet, die Tradition des väterlichen Gesetzes abzuschneiden und die eigene persönliche Geschichte zu verleugnen. Damit aber ist die Zerstörung des Über-Ich und einer universellen Ethik eingeleitet, die von Schuldfähigkeit und Verantwortung spricht. Der Vatermord erscheint gewissermassen als eine Vorwegnahme des realen Bruches der Zivilisation.
Boehms Antwort – die Antwort eines (auch) von der Tradition Freuds geprägten Psychoanalytikers, der «in einer Sitzung der psychoanalytischen Gruppe vom 7.8.1945 (äusserte), dass er unter dem Übergewicht der Juden am alten Institut immer gelitten habe» (Lockot ib., S. 114) – ist nur noch von Jung übertroffen worden, der in seiner Schrift «Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie» (1934a) alle christlich-mittelalterlichen und modernen antisemitischen Ressentiments verdichtend wiederholt («Abgesehen von gewissen schöpferischen Individuen ist der Durchschnittsjude schon viel zu bewusst und differenziert, um noch mit den Spannungen einer ungeborenen Zukunft schwanger zu gehen. Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische; das ist der Vorteil und der Nachteil einer dem Barbarischen noch nicht völlig entfremdeten Jugendlichkeit.» Hier schimmert A. Dührssens beschworener neuer «Pioniergeist» und «Geist der Aufklärung» durch.
Man versteht nicht, warum C. Ernst bestreitet, dass die Psychoanalyse durch den Nationalsozialismus gewaltsam unterbunden und schliesslich zerstört wurde. A. Dührssen selbst führt doch aus,dass,was immer bis 1933 als Psychoanalyse in Deutschland firmierte, danach und erst recht nach 1945 (bis in die 60er und 70er Jahre) nicht mehr als Psychoanalyse in Sinne Freuds angesehen werden könne;bezeichnenderweise heisst auch der Untertitel in ihrem Buch: «Die Psychotherapie unter dem Einfluss Freuds». Nachdem nun dieser «Einfluss» während der Jahre 1933–45 beseitigt wurde, habe nun jener neue «Pioniergeist» und ein «Geist der Aufklärung» Einzug halten und die deutsche Psychotherapie beseelen können.
C. Ernst hat zweifellos in einem recht: «Ob eine Person eine deutsche Kollektivschuld und eine Sippenhaftung des deutschen Volkes für die Greuel des letzten Krieges annimmt oder ablehnt, ist letztlich eine weltanschauliche Entscheidung.Ganz sicher lässt sich nicht behaupten, die Annahme einer solchen Kollektivschuld sei ethisch notwendig.» Aber weder haben U. KreuzerHaustein noch G. Schmidt behauptet, dass eine «Kollektivschuld … ethisch notwendig» anzunehmen sei, noch haben sie von einer «Sippenhaftung» gesprochen. Sie unterscheiden vielmehr gerade zwischen «Kollektivschuld» und «historischer Verantwortung für den Holocaust».Diesen Unterschied,den C. Ernst übersieht, auszusprechen, scheint mir wichtig; ihn nicht zu sehen, lässt gerade die Differenzierung und das begriffliche Urteilen idiosynkratisch regredieren. Verantwortung übernehmen bedeutet gerade, die Geschichte, die uns hervorgebracht hat, erinnernd und durcharbeitend anzunehmen und sie auch als eine Tradition zu begreifen, die unser Denken, unsere Werturteile und Ideale geprägt hat.
Hier geht es auch nicht oder nicht in erster Linie um «historische Fakten» und schon gar nicht, ob deren Erwähnung – so C. Ernst – «unfair» d.h. unehrenhaft, unanständig, schmutzig oder unehrlich sei – Adjektive, deren Zeitgeist eine deutliche Sprache spricht. Aus der Debatte wird deutlich, dass es hier um die Interpretation oder Bewertung von Fakten geht und nicht um eine vorausgesetzte Moral.Es handelt sich hier darum – und dies scheint mir von grosser Wichtigkeit –,dass wir uns im eminenten Sinne erinnern. Sich der Geschichte des psychoanalytischen Kollektivs in Deutschland zu erinnern,heisst auch, sie durchzuarbeiten und ihr so die Bedeutung zu geben, die sie für jeden einzelnen von uns hat. Hierzu gehört, sich die Beziehung zu den jüdischen Analytikern, d.h. die Besetzung des und die Beziehung zum «Juden» zu vergegenwärtigen. Dies könnte dann tatsächlich ein Stück Trauerarbeit einleiten, indem der Antisemitismus als Teil der europäischen Kulturgeschichte und integraler Kern des Nationalsozialismus erinnert und durchgearbeitet würde.Erst dann kann Vergangenheit werden.
  • Yigal Blumenberg, Berlin

Literatur

  1. Blumenberg Y. Psychoanalyse – eine jüdische Wissenschaft? Forum Psychoanal 1996;12:156–78.
  2. Brecht K, Friedrich U, Hermanns LM, Juelich D, Kaminer IJ, Lockot R. «Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter…» – Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg: Verlag Michael Kellner;1985.
  3. Dührssen A. Ein Jahrhundert Psychoanalytische Bewegung in Deutschland. Göttingen/Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht; 1994.
  4. McGuire W,Sauerländer W, Hrsg. S. Freud – C.G. Jung: Briefwechsel. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag; 1984.
  5. Jung SG. Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie (GWX). 1934a.
  6. Lockot R. Erinnern und Durcharbeiten –Zur Geschichte der Psychoanalyse und Psychotherapie im Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag; 1985.
  7. Poliakov L. Geschichte des Antisemitismus (in 8 Bänden). Worms: Verlag G. Aeintz; 1978.
  8. Wunderlich G. Die Öffnung der Psychoanalyse: Von der elitären Privatwissenschaft zur anerkannten Behandlungsmethode. Stuttgart/New York: G.Thieme; 1991.

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MDPI and ACS Style

Blumenberg, Y. Kann man über Ressentiments diskutieren? Swiss Arch. Neurol. Psychiatry Psychother. 1997, 148, 255-257. https://doi.org/10.4414/sanp.1997.01008

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Blumenberg Y. Kann man über Ressentiments diskutieren? Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy. 1997; 148(6):255-257. https://doi.org/10.4414/sanp.1997.01008

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Blumenberg, Yigal. 1997. "Kann man über Ressentiments diskutieren?" Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy 148, no. 6: 255-257. https://doi.org/10.4414/sanp.1997.01008

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Blumenberg, Y. (1997). Kann man über Ressentiments diskutieren? Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy, 148(6), 255-257. https://doi.org/10.4414/sanp.1997.01008

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